Kei­ne Ent­schä­di­gungs­ren­te für Mar­kus Wolf

Nach § 1 Ent­schä­di­gungs­ren­ten­ge­setz wer­den die Ehren­pen­sio­nen auf­grund der DDR-„Anordnung über Ehren­pen­sio­nen für Kämp­fer gegen den Faschis­mus und für Ver­folg­te des Faschis­mus“ vom 20. Sep­tem­ber 1976 als Ent­schä­di­gungs­ren­ten wei­ter­ge­zahlt. Gemäß § 5 Abs. 1 Ent­schä­di­gungs­ren­ten­ge­setz sind Ent­schä­di­gungs­ren­ten unter ande­rem dann abzu­er­ken­nen, wenn der Berech­tig­te gegen die Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit oder der Rechts­staat­lich­keit ver­sto­ßen oder in schwer­wie­gen­dem Maße sei­ne Stel­lung zum eig­nen Vor­teil oder zum Nach­teil ande­rer miss­braucht hat.

Kei­ne Ent­schä­di­gungs­ren­te für Mar­kus Wolf

Auf der Grund­la­ge die­ser Bestim­mun­gen hat nun das Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg ent­schie­den, dass das Bun­des­ver­si­che­rungs­amt im Janu­ar 2003 Mar­kus Wolf recht­mä­ßig die Ent­schä­di­gungs­ren­te nach dem Ent­schä­di­gungs­ren­ten­ge­setz aberkannt hat.

Mar­kus Wolf lei­te­te von 1953 bis 1986 im Staats­se­kre­ta­ri­at für Staats­si­cher­heit (SfS), danach bis zur Wen­de im Minis­te­ri­um für Staats­si­cher­heit (MfS) der DDR die Haupt­ver­wal­tung Auf­klä­rung (HVA), zuletzt im Ran­ge eines Gene­ral­oberst. Die Ent­schä­di­gungs­ren­te war eine durch den Eini­gungs­ver­trag vor­ge­se­he­ne Nach­fol­ge­leis­tung für die „Ehren­pen­si­on für Kämp­fer gegen den Faschis­mus“ nach DDR-Recht, die Wolf seit 1983 neben sei­ner Alters­ren­te erhielt. Der Pro­zess betraf nur die Ent­schä­di­gungs­ren­te für Leb­zei­ten von Mar­kus Wolf. Sei­ne Wit­we hat das Ver­fah­ren nach sei­nem Tod am 9. Novem­ber 2006 wei­ter­ge­führt.

Das beklag­te Bun­des­ver­si­che­rungs­amt hat­te 1992 und 1997 erfolg­los ver­sucht, Wolf die Ent­schä­di­gungs­ren­te zu ent­zie­hen. Bei­de Ent­schei­dun­gen wur­den spä­ter wegen Rechts­feh­lern auf­ge­ho­ben und führ­ten zu Nach­zah­lun­gen an Wolf.

Im Janu­ar 2003 hat­te das Bun­des­ver­si­che­rungs­amt dann einen wei­te­ren Bescheid erlas­sen, mit dem die Ent­schä­di­gungs­ren­te voll­stän­dig ent­zo­gen wur­de. Wolf habe gegen die Grund­sät­ze der Mensch­lich­keit und Rechts­staat­lich­keit ver­sto­ßen. Abge­lei­tet wur­de dies aus sei­ner Mit­wir­kung an Sit­zun­gen des Kol­le­gi­ums des MfS im Jah­re 1966, in denen über „Vor­la­gen über Maß­nah­men zur ope­ra­ti­ven Siche­rung der Staats­gren­ze“ und „Vor­la­gen über poli­tisch-ope­ra­ti­ve Maß­nah­men zur Bekämp­fung feind­li­cher Ein­flüs­se unter Krei­sen von Jugend­li­chen“ bera­ten und ent­schie­den wur­de. Außer­dem wur­den ihm die Straf­ta­ten vor­ge­hal­ten, die 1997 zu sei­ner Ver­ur­tei­lung durch das Ober­lan­des­ge­richt Düs­sel­dorf geführt hat­ten (u.a. Ent­füh­rung von Per­so­nen nach Ost-Ber­lin und rechts­wid­ri­ge Inhaf­tie­rung eines DDR-Bür­gers, um ihn zu Aus­sa­gen gegen Wil­ly Brandt zu brin­gen).

Das erst­in­stanz­lich mit der gegen die­se neu­er­li­che Ent­zie­hung gerich­te­ten Kla­ge befass­te Sozi­al­ge­richt Ber­lin hat die Kla­ge im März 2005 abge­wie­sen 1.

Die hier­ge­gen gerich­te­te Beru­fung hat­te vor dem Ober­ver­wal­tungs­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg nun eben­falls kei­nen Erfolg:

Mar­kus Wolfs nach­ge­wie­se­ne Zustim­mung zu den Beschlüs­sen des Kol­le­gi­ums des MfS über „Vor­la­gen über poli­tisch-ope­ra­ti­ve Maß­nah­men zur Bekämp­fung feind­li­cher Ein­flüs­se unter Krei­sen von Jugend­li­chen“ hät­ten zu umfas­sen­der Beob­ach­tung und Bespit­ze­lung Jugend­li­cher geführt. Die Jugend­li­chen sei­en damit zum blo­ßen Objekt staat­li­chen Han­delns her­ab­ge­wür­digt wor­den. Das sei mit den Grund­sät­zen der Mensch­lich­keit und der Rechts­staat­lich­keit nicht zu ver­ein­ba­ren, wie das Bun­des­ver­si­che­rungs­amt zu Recht ange­nom­men habe.

Wolf kön­ne sich auch nicht auf die Ver­hält­nis­se des „Kal­ten Krie­ges“ beru­fen. Denn selbst wenn dies zu einer erhöh­ten „Emp­find­lich­keit“ der Nach­rich­ten­diens­te sowohl in der DDR als auch in der Bun­des­re­pu­blik geführt haben mag, so führt dies noch nicht dazu, dass die ein­ge­setz­ten Mit­tel recht­lich gleich­ge­setzt wer­den könn­ten. Es ent­spricht einer all­ge­mein bekann­ten zeit­ge­schicht­li­chen Tat­sa­che, dass in der DDR selbst kei­ne Mög­lich­keit bestand, sich gegen eine Maß­nah­me des MfS effek­tiv zur Wehr zu set­zen und eine ideo­lo­gisch begrün­de­te „Bespit­ze­lung“ auf­zu­de­cken oder zu been­den bzw. dann, wenn kein Ein­ver­ständ­nis mit den gesell­schaft­li­chen Ver­hält­nis­sen dort bestand, das Land legal zu ver­las­sen.

Auch die Taten, die zu sei­ner straf­recht­li­chen Ver­ur­tei­lung geführt hät­ten, ver­stie­ßen gegen die Mensch­lich­keit und Rechts­staat­lich­keit: Gegen ihn spricht vor allem, mit wel­cher Gleich­gül­tig­keit gegen­über dem Schick­sal der Opfer er als Stüt­ze und Nutz­nie­ßer eines von ihm mit­ge­schaf­fe­nen tota­li­tä­ren Appa­ra­tes für sich das Recht in Anspruch genom­men hat, Men­schen ihrer Frei­heit zu berau­ben und unter Druck zu set­zen, um die Zie­le sei­nes Diens­tes zu för­dern.

Lan­des­so­zi­al­ge­richt Ber­lin-Bran­den­burg, Urteil vom 28. Juli 2011 – L 8 R 437/​05

  1. VG Ber­lin – S 35 RA 3631/​92 W97[]