Die teil­wei­se feh­len­den Urteils­grün­de

Nach § 119 Nr. 6 FGO ist ein Urteil stets als auf der Ver­let­zung von Bun­des­recht beru­hend anzu­se­hen, wenn die Ent­schei­dung nicht mit Grün­den ver­se­hen ist. Es reicht hier­für aus, wenn die Grün­de nur zum Teil feh­len und das Gericht ein selb­stän­di­ges Angriffs- oder Ver­tei­di­gungs­mit­tel, das für sich allein den voll­stän­di­gen Tat­be­stand einer mit selb­stän­di­ger Wir­kung aus­ge­stat­te­ten Rechts­norm bil­det, über­gan­gen hat 1.

Die teil­wei­se feh­len­den Urteils­grün­de

Nicht aus­rei­chend ist hin­ge­gen, dass die Urteils­be­grün­dung nicht den Erwar­tun­gen eines Betei­lig­ten ent­spricht, lücken­haft, rechts­feh­ler­haft oder nicht über­zeu­gend ist 2. Die Abgren­zung zwi­schen erheb­li­chen und nicht wesent­li­chen Begrün­dungs­män­geln hat sich am Zweck der Urteils­be­grün­dung zu ori­en­tie­ren, der dar­in besteht, für den Aus­spruch der Urteils­for­mel den Nach­weis der Recht­mä­ßig­keit zu lie­fern 3. Vom Vor­lie­gen eines Ver­fah­rens­man­gels i.S. des § 115 Abs. 2 Nr. 3 FGO ist danach dann aus­zu­ge­hen, wenn den Betei­lig­ten ‑zumin­dest in Bezug auf einen der wesent­li­chen Streit­punk­te- die Mög­lich­keit ent­zo­gen ist, die getrof­fe­ne Ent­schei­dung auf ihre Recht­mä­ßig­keit hin zu über­prü­fen 4.

Der Klä­ger macht inso­weit unter Bezug­nah­me auf die Nie­der­schrift über die münd­li­che Ver­hand­lung vom 04.03.2013 zu Recht als Ver­fah­rens­feh­ler gel­tend, er habe ‑was zutrifft- in der münd­li­chen Ver­hand­lung vom 04.03.2013 gegen einen mög­li­chen Rück­zah­lungs­an­spruch der Fami­li­en­kas­se die Auf­rech­nung erklärt und die ‑zur münd­li­chen Ver­hand­lung nicht erschie­ne­ne- Fami­li­en­kas­se habe der Auf­rech­nung nicht wider­spro­chen. Das Finanz­ge­richt hat sich zu die­sem Ein­wand (§ 226 AO; s. dazu z.B. BFH, Urteil vom 31.08.1995 – VII R 58/​94, BFHE 178, 308, BSt­Bl II 1996, 55, unter 3.b) in sei­nem Urteil mit kei­nem Wort geäu­ßert und damit ein selb­stän­di­ges Ver­tei­di­gungs­mit­tel über­gan­gen, das der Klä­ger nach dem Wort­laut sei­ner Erklä­rung (nur) gegen den Rück­for­de­rungs­an­spruch der Fami­li­en­kas­se gel­tend gemacht hat.

Aller­dings kann die­ser Ver­fah­rens­feh­ler des Finanz­ge­richt allen­falls Aus­wir­kun­gen auf den Rück­for­de­rungs­be­scheid haben, weil auch im Kin­der­geld­recht zwi­schen Fest­set­zungs­ver­fah­ren und Erhe­bungs­ver­fah­ren zu unter­schei­den ist 5: Die Recht­mä­ßig­keit des Auf­he­bungs­be­scheids als Teil des Steu­er­fest­set­zungs­ver­fah­rens (§ 31 Satz 3 i.V.m. § 70 Abs. 1 EStG) kann von einer Auf­rech­nung nicht berührt wer­den 6.

Da der Streit­ge­gen­stand teil­bar ist, hält der Bun­des­fi­nanz­hof es für ange­zeigt, nur inso­weit nach § 116 Abs. 6 FGO zu ver­fah­ren, das ange­foch­te­ne Urteil teil­wei­se auf­zu­he­ben und den Rechts­streit teil­wei­se zur ander­wei­ti­gen Ver­hand­lung und Ent­schei­dung an das Finanz­ge­richt zurück­zu­ver­wei­sen, als die Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de Erfolg hat 7.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 11. Dezem­ber 2013 – XI B 33/​13

  1. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 01.04.2003 – X B 105/​02, BFH/​NV 2003, 1193, unter II. 2., m.w.N.; vom 23.09.2009 – IX B 52/​09, BFH/​NV 2010, 220, unter 1.a; Lan­ge in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler ‑HHSp‑, § 119 FGO Rz 359 ff.[]
  2. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 11.07.2012 – X B 41/​11, BFH/​NV 2012, 1634, m.w.N.[]
  3. BFH, Urteil vom 17.04.2002 – X R 8/​00, BFHE 199, 124, BSt­Bl II 2002, 527, und BFH, Beschluss vom 10.11.2011 – X B 211/​10, BFH/​NV 2012, 426[]
  4. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2012, 426, m.w.N.[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 24.10.2000 – VI B 144/​99, BFH/​NV 2001, 423; Wendl in Herrmann/​Heuer/​Raupach, § 64 EStG Rz 9[]
  6. vgl. zur Abgren­zung Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 03.06.1983 8 C 43/​81, Kom­mu­na­le Steu­er­zeit­schrift 1983, 169; s.a. Urteil des Reichs­fi­nanz­hofs vom 12.05.1923 – VI A 42/​23, RFHE 12, 182[]
  7. vgl. zu die­ser Mög­lich­keit BFH, Beschlüs­se vom 28.11.2006 – X B 160/​05, BFH/​NV 2007, 480; vom 20.07.2011 – XI B 108/​10, BFH/​NV 2011, 2134; Lan­ge in HHSp, § 116 FGO Rz 288[]