Die Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me und die Zeu­gen­ver­neh­mung

Der Grund­satz der Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me besagt, dass das Gericht den Beweis in der münd­li­chen Ver­hand­lung erhe­ben muss. Beweis­ergeb­nis­se ande­rer Gerichts­ver­fah­ren dür­fen zwar im Wege des Urkun­den­be­wei­ses in den Pro­zess ein­ge­führt wer­den. Die Bei­zie­hung von Akten eines ande­ren Gerichts oder einer Behör­de und die Ver­wer­tung der dar­in ent­hal­te­nen Beweis­erhe­bun­gen sind gegen den Wider­spruch eines Betei­lig­ten nicht zuläs­sig, solan­ge die erneu­te Beweis­auf­nah­me durch das Gericht selbst mög­lich ist 1.

Die Unmit­tel­bar­keit der Beweis­auf­nah­me und die Zeu­gen­ver­neh­mung

Der Grund­satz der mate­ri­el­len Unmit­tel­bar­keit bedeu­tet aber kei­nes­wegs, dass das Gericht gezwun­gen wäre, nur den unmit­tel­ba­ren Beweis zu erhe­ben. Er ver­bie­tet ihm ledig­lich, anstel­le des erreich­ba­ren unmit­tel­ba­ren Beweis­mit­tels ein bloß mit­tel­ba­res her­an­zu­zie­hen. Das FG darf sei­ne Tat­sa­chen­fest­stel­lun­gen nicht allein auf bei­gezo­ge­ne Akten und dar­in ent­hal­te­ne Ver­neh­mungs­pro­to­kol­le stüt­zen, wenn eine Zeu­gen­ver­neh­mung von einem Betei­lig­ten aus­drück­lich bean­tragt wird oder sich aus ande­ren Grün­den dem Gericht auf­drän­gen muss (vgl. BFH-Beschluss vom 7. Febru­ar 2007 X B 105/​06, BFH/​NV 2007, 962, m.w.N.). Der Unmit­tel­bar­keits­grund­satz ist des­halb nicht ver­letzt, wenn das FG die für die Sach­ver­halts­auf­klä­rung wich­ti­gen Zeu­gen hört und ihnen auf­grund des Inhalts bei­gezo­ge­ner Akten ande­rer Gerich­te oder Behör­den Vor­hal­tun­gen macht 2.

Im Rah­men sei­ner Beweis­wür­di­gung (§ 96 Abs. 1 Satz 1 FGO) kann das Finanz­ge­richt die frü­he­ren Aus­sa­gen des Zeu­gen ins­be­son­de­re zur Beur­tei­lung sei­ner Glaub­wür­dig­keit ein­be­zie­hen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 18. Mai 2012 – III B 203/​11

  1. vgl. BFH, Urteil vom 12.06.1991 – III R 106/​87, BFHE 164, 396, BSt­Bl II 1991, 806[]
  2. vgl. BFH, Beschluss vom 26.09.2003 – III B 112/​02, BFH/​NV 2004, 210; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 81 FGO Rz 29[]