ALG II-Nach­zah­lung an ein behin­der­tes Kind – und das Kin­der­geld

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH ist ein behin­der­tes Kind dann imstan­de, sich selbst zu unter­hal­ten, wenn es über eine wirt­schaft­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit ver­fügt, die zur Bestrei­tung sei­nes gesam­ten exis­ten­zi­el­len Lebens­be­darfs aus­reicht [1]. Der gesam­te exis­ten­zi­el­le Lebens­be­darf des behin­der­ten Kin­des setzt sich typi­scher­wei­se aus dem all­ge­mei­nen Lebens­be­darf (Grund­be­darf) und dem indi­vi­du­el­len behin­de­rungs­be­ding­ten Mehr­be­darf zusam­men [2].

ALG II-Nach­zah­lung an ein behin­der­tes Kind – und das Kin­der­geld

Die Fähig­keit des Kin­des zum Selbst­un­ter­halt ist anhand eines Ver­gleichs zwei­er Bezugs­grö­ßen, näm­lich des gesam­ten exis­ten­zi­el­len Lebens­be­darfs des Kin­des einer­seits und sei­ner finan­zi­el­len Mit­tel ande­rer­seits, zu prü­fen. Erst wenn sich dar­aus eine aus­rei­chen­de Leis­tungs­fä­hig­keit des Kin­des ergibt, kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass den Eltern kein zusätz­li­cher Auf­wand erwächst, der ihre steu­er­li­che Leis­tungs­fä­hig­keit min­dert [3]. Dann ist es auch gerecht­fer­tigt, für behin­der­te Kin­der kein Kin­der­geld oder kei­nen Kin­der­frei­be­trag zu gewäh­ren [4].

Bei der Prü­fung, ob ein voll­jäh­ri­ges Kind wegen kör­per­li­cher, geis­ti­ger oder see­li­scher Behin­de­rung außer­stan­de ist, sich selbst zu unter­hal­ten, ist auf den Kalen­der­mo­nat abzu­stel­len [5].

Das ALG II nach § 19 Abs. 1 Satz 1 SGB – II gehört zu den Bezü­gen i.S. des § 32 Abs. 4 Satz 2 EStG in der im Streit­jahr gel­ten­den Fas­sung [6]. Denn Bezü­ge in die­sem Sin­ne sind alle Zuflüs­se in Geld oder Natu­ral­leis­tun­gen, die nicht im Rah­men der ein­kom­men­steu­er­recht­li­chen Ein­künf­teer­mitt­lung erfasst wer­den [7]. Das ALG II kann kin­der­geld­recht­lich nicht anders behan­delt wer­den wie die Grund­si­che­rung nach den §§ 41 ff. SGB XII, die grund­sätz­lich als Bezug des Kin­des zu erfas­sen ist [8]. Der Unter­schied zwi­schen bei­den Sozi­al­leis­tungs­for­men besteht dar­in, dass das ALG II an erwerbs­fä­hi­ge Hilfs­be­dürf­ti­ge gezahlt wird (vgl. § 7 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 SGB – II und § 19 Abs. 2 Satz 1 SGB XII). Die­ser Unter­schied ist für die Fra­ge, ob das behin­der­te Kind sich mit eige­nen Finanz­mit­teln selbst unter­hal­ten kann, irrele­vant.

Unter­schied­lich hohe Unter­kunfts­kos­ten, die ein­zel­nen Bezie­hern von ALG II erstat­tet wer­den (vgl. § 22 Abs. 1 SGB II), recht­fer­tigt kei­ne abwei­chen­de Beur­tei­lung. Denn das Steu­er­recht ori­en­tiert sich im Bereich der Unter­kunfts­kos­ten nicht am Sozi­al­recht. Wäh­rend dort die tat­säch­li­chen Kos­ten für eine ange­mes­se­ne Unter­kunft erstat­tet wer­den, wer­den im Steu­er­recht Unter­kunfts­kos­ten ‑unge­ach­tet aller regio­na­len Unter­schie­de- nur pau­schal mit einem bun­des­ein­heit­li­chen Betrag im Rah­men des steu­er­recht­li­chen Exis­tenz­mi­ni­mums berück­sich­tigt [9]. Mit die­ser Typi­sie­rung wird ein legi­ti­mer Ver­ein­fa­chungs­zweck ver­folgt [10], der im Ein­zel­fall aller­dings dazu füh­ren könn­te, dass sol­che Steu­er­pflich­ti­ge über den Kin­der­frei­be­trag oder das Kin­der­geld eine Ent­las­tung erfah­ren, deren behin­der­te Kin­der sich ange­sichts regio­nal nied­ri­ger Unter­kunfts­kos­ten mit eige­nen Ein­künf­ten und Bezü­gen eigent­lich selbst unter­hal­ten könn­ten.

Wird eine für einen ver­gan­ge­nen Zeit­raum geleis­te­te Nach­zah­lung, die zum Weg­fall der Bedürf­tig­keit führt, erst im Lau­fe des Monats aus­be­zahlt, wirkt sie sich erst ab dem auf den Zufluss­mo­nat fol­gen­den Monat kin­der­geld­schäd­lich aus [11]. Sie ist auf den Zufluss­mo­nat und die rest­li­chen Mona­te des Zufluss­jah­res zu ver­tei­len [12]. Der Senat folgt damit der Auf­fas­sung der Fami­li­en­kas­se, dass zwi­schen der Nach­zah­lung einer Wai­sen­ren­te, die dem BFH, Urteil in BFHE 204, 120, BStBl II 2010, 1046 zugrun­de lag, und der Nach­zah­lung von ALG II im Hin­blick auf die kin­der­geld­recht­li­che Berück­sich­ti­gung kei­ne Unter­schie­de bestehen. Eine Ver­tei­lung auf die ‑zurück­lie­gen­den- Mona­te, für die die ALG II-Nach­zah­lung gewährt wird, kommt im Kin­der­geld­recht wegen des dort grund­sätz­lich gel­ten­den Zufluss­prin­zips nicht in Betracht [13]. Auch eine Berück­sich­ti­gung der ‑gesam­ten- Nach­zah­lung aus­schließ­lich im Zufluss­mo­nat schei­det aus. Dies hat der Bun­des­fi­nanz­hof bereits ent­schie­den [14].

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 8. August 2013 – III R 30/​12

  1. vgl. z.B. BFH, Urtei­le in BFHE 204, 120, BStBl II 2010, 1046, unter II. 1.c; vom 23.02.2012 – V R 39/​11, BFH/​NV 2012, 1584[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 15.10.1999 – VI R 183/​97, BFHE 189, 442, BStBl II 2000, 72, unter 1.c[]
  3. vgl. Beschluss des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 29.05.1990 1 BvL 20/​84, 1 BvL 26/​84, 1 BvL 4/​86, BVerfGE 82, 60, 87, BStBl II 1990, 653, 658; BFH, Urteil vom 15.10.1999 – VI R 40/​98, BFHE 189, 449, BStBl II 2000, 75[]
  4. vgl. BFH, Urteil in BFHE 204, 120, BStBl II 2010, 1046, unter II. 1.c[]
  5. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Ent­schei­dun­gen in BFHE 204, 120, BStBl II 2010, 1046; vom 28.03.2011 – III B 144/​09, BFH/​NV 2011, 1144[]
  6. vgl. BFH, Urteil vom 19.11.2008 – III R 105/​07, BFHE 223, 365, BStBl II 2010, 1057[]
  7. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 28.05.2009 – III R 8/​06, BFHE 225, 141, BStBl II 2010, 346, unter II. 1.b[]
  8. BFH, Urteil vom 20.03.2013 – XI R 51/​10, BFH/​NV 2013, 1088, m.w.N.[]
  9. vgl. BFH, Urteil vom 18.11.2009 – X R 34/​07, BFHE 227, 99, BStBl II 2010, 414, unter B.III. 2.f der Grün­de[]
  10. vgl. BFH, Urteil in BFHE 227, 99, BStBl II 2010, 414, m.w.N.[]
  11. vgl. BFH, Ent­schei­dun­gen in BFHE 204, 120, BStBl II 2010, 1046, unter II. 2.; in BFH/​NV 2012, 1584; in BFH/​NV 2013, 1088; vom 11.04.2013 – III R 35/​11, BFHE 241, 499, BStBl II 2013, 1037[]
  12. vgl. BFH, Urteil in BFHE 204, 120, BStBl II 2010, 1046; zu regel­mä­ßig wie­der­keh­ren­den Zah­lun­gen i.S. des § 11 Abs. 1 Satz 2 EStG, vgl. BFH, Urteil in BFHE 241, 499, BStBl II 2013, 1037[]
  13. a.A. Pust in Littmann/​Bitz/​Pust, Das Ein­kom­men­steu­er­recht, § 32 Rz 490[]
  14. BFH, Urteil in BFH/​NV 2013, 1088[]