Arbeit und Kin­der in Polen, Woh­nung und Kin­der­geld in Deutsch­land

Eine in Deutsch­land woh­nen­de und in Polen beschäf­tig­te Mut­ter, deren Kin­der eben­falls in Polen leben, unter­liegt dem Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71, da sie in das pol­ni­sche Sozi­al­ver­si­che­rungs­sys­tem inte­griert ist 1. Zustän­dig für die Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen ist damit Polen (Art. 13 Abs. 2 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71).

Arbeit und Kin­der in Polen, Woh­nung und Kin­der­geld in Deutsch­land

Hier­aus folgt jedoch nicht, dass des­halb ein Anspruch nach deut­schem Recht ent­fällt.

An der gegen­tei­li­gen Auf­fas­sung, die der Bun­des­fi­nanz­hof frü­her ver­tre­ten hat (z.B. BFH, Urteil vom 24.03.2006 – III R 41/​05, BFHE 212, 551, BSt­Bl II 2008, 369), hält er im Hin­blick auf die zwi­schen­zeit­li­chen Urtei­le des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 2 nicht mehr fest. Es besteht kei­ne uni­ons­recht­lich begrün­de­te Sperr­wir­kung des Art. 13 Abs. 1 der VO Nr. 1408/​71, wel­che einer Anwen­dung der Rechts­vor­schrif­ten des nach der VO Nr. 1408/​71 nicht zustän­di­gen Mit­glied­staats ent­ge­gen­ste­hen könn­te. Auch bedarf es kei­nes zusätz­li­chen Anwen­dungs­be­fehls, um trotz der sich aus der VO Nr. 1408/​71 erge­ben­den Zustän­dig­keit eines aus­län­di­schen Mit­glied­staats die Anwen­dung inlän­di­schen Rechts zu ermög­li­chen 3.

Da der Wohn­mit­glied­staat der Kin­der mit dem Beschäf­ti­gungs­mit­glied­staat iden­tisch ist, wäre eine Kon­kur­renz zwi­schen dem Kin­der­geld­an­spruch der Mut­ter nach §§ 62 ff. EStG und einem etwai­gen Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach pol­ni­schem Recht nicht nach Art. 10 der VO Nr. 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 über die Durch­füh­rung der VO Nr. 1408/​71 über die Anwen­dung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit auf Arbeit­neh­mer und deren Fami­li­en, die inner­halb der Gemein­schaft zu- und abwan­dern, auf­zu­lö­sen, son­dern nach natio­na­lem Recht 4.

Die natio­na­len Vor­schrif­ten sehen in § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG zwar vor, dass Kin­der­geld nicht für ein Kind gezahlt wird, für das Leis­tun­gen für Kin­der, die im Aus­land gewährt wer­den und dem Kin­der­geld oder einer der unter § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 EStG genann­ten Leis­tun­gen ver­gleich­bar sind, zu zah­len sind oder bei ent­spre­chen­der Antrag­stel­lung zu zah­len wären. Aus der EuGH-Ent­schei­dung in der Rechts­sa­che Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak 5.

Es ist daher ent­schei­dend, ob und ggf. in wel­cher Höhe die Mut­ter im strei­ti­gen Zeit­raum einen Anspruch auf Kin­der­geld nach pol­ni­schem Recht hat­te 6.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2013 – III R 61/​11

  1. s. hier­zu BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 55/​08, BFHE 234, 316, BSt­Bl II 2013, 619[]
  2. EuGH, Urtei­le vom 20.05.2008 – C‑352/​06 [Bos­mann], Slg. 2008, I‑3827; und vom 12.06.2012 – C‑611/​10, – C‑612/​10, [Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak], DSt­RE 2012, 999[]
  3. BFH, Urteil vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040[]
  4. s. EuGH, Urteil in DSt­RE 2012, 999, Rz 73 ff.; BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 51/​09, BFHE 242, 222[]
  5. EuGH, DSt­RE 2012, 999 ergibt sich jedoch, dass in einem Fall, in dem in einem ande­ren Mit­glied­staat dem Kin­der­geld ver­gleich­ba­re Leis­tun­gen gewährt wer­den, der Anspruch auf Kin­der­geld nach dem EStG nur in ent­spre­chen­der Höhe gekürzt, jedoch nicht völ­lig aus­ge­schlos­sen wer­den darf, wenn andern­falls das Frei­zü­gig­keits­recht des Wan­der­ar­beit­neh­mers beein­träch­tigt wäre ((BFH, Urteil in BFHE 241, 511, BSt­Bl II 2013, 1040[]
  6. vgl. hier­zu BFH, Urteil vom 13.06.2013 – III R 63/​11, BFHE 242, 34[]