Ein unmiss­ver­ständ­li­che Rechts­be­helfs­be­leh­rung?

Eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung in einem Bescheid, wonach der Bescheid mit dem Ein­spruch ange­foch­ten wer­den kann, wird nicht dadurch unrich­tig i.S. von § 356 Abs. 2 Satz 1 AO, wenn es anschlie­ßend wei­ter heißt: "Ein Ein­spruch ist jedoch aus­ge­schlos­sen, soweit die­ser Bescheid einen Ver­wal­tungs­akt ändert oder ersetzt, gegen den ein zuläs­si­ger Ein­spruch oder (nach einem zuläs­si­gen Ein­spruch) eine zuläs­si­ge Kla­ge, Revi­si­on oder Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de anhän­gig ist. In die­sem Fall wird der neue Ver­wal­tungs­akt Gegen­stand des Rechts­be­helfs­ver­fah­rens."

Ein unmiss­ver­ständ­li­che Rechts­be­helfs­be­leh­rung?

Nach § 128 Abs. 3 i.V.m. § 69 Abs. 3 Satz 1, Abs. 2 Satz 2 FGO ist die Voll­zie­hung eines ange­foch­te­nen Ver­wal­tungs­ak­tes ganz oder teil­wei­se aus­zu­set­zen, wenn ernst­li­che Zwei­fel an der Recht­mä­ßig­keit die­ses Ver­wal­tungs­ak­tes bestehen. Ernst­li­che Zwei­fel i.S. von § 69 Abs. 2 Satz 2 FGO lie­gen dann vor, wenn bei sum­ma­ri­scher Prü­fung des ange­foch­te­nen Bescheids neben für sei­ne Recht­mä­ßig­keit spre­chen­den Umstän­den gewich­ti­ge Grün­de zuta­ge tre­ten, die Unent­schie­den­heit oder Unsi­cher­heit in der Beur­tei­lung von Rechts­fra­gen oder Unklar­heit in der Beur­tei­lung ent­schei­dungs­er­heb­li­cher Tat­fra­gen bewir­ken 1.

Bei der im Ver­fah­ren auf AdV gebo­te­nen sum­ma­ri­schen Prü­fung der Sach- und Rechts­la­ge war in dem hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Fall die Recht­mä­ßig­keit des streit­ge­gen­ständ­li­chen die Kin­der­geld­fest­set­zung für die Toch­ter T auf­he­ben­den Bescheids vom 26.03.2015 nicht ernst­lich zwei­fel­haft: Der Antrag­stel­ler hat die ein­mo­na­ti­ge Ein­spruchs­frist i.S. von § 355 Abs. 1 Satz 1 AO nicht gewahrt. Der Bescheid vom 26.03.2015 wur­de aus­weis­lich der Zustel­lungs­ur­kun­de dem Antrag­stel­ler am 30.03.2015 per­sön­lich über­ge­ben und damit am sel­ben Tag wirk­sam bekannt gege­ben. Der hier­ge­gen am 19.05.2015, mit­hin nach Ablauf der nach § 108 Abs. 1 AO i.V.m. §§ 187 bis 193 BGB am 30.04.2015 enden­den Ein­spruchs­frist, bei der Fami­li­en­kas­se ein­ge­gan­ge­ne Ein­spruch des Antrag­stel­lers ist danach ver­fris­tet.

Der vom Antrag­stel­ler dage­gen erho­be­ne Ein­wand, er sei ‑wie er eides­statt­lich am 5.07.2015 ver­si­chert hat- am 30.03.2015 nach sei­ner Nacht­schicht erst um 7 Uhr wie­der zu Hau­se gewe­sen, habe sich dann schla­fen gelegt und habe an die­sem Tag zu kei­ner Zeit weder per­sön­lich noch in ande­rer Form einen Brief zuge­stellt bekom­men, greift ‑jeden­falls bei sum­ma­ri­scher Prü­fung- nicht durch.

Den Ablauf der Frist beweist die im Streit­fall über die Zustel­lung ord­nungs­ge­mäß erstell­te Zustel­lungs­ur­kun­de als öffent­li­che Urkun­de (§ 122 Abs. 5 Satz 2 AO i.V.m. § 3 Abs. 2 Satz 1 des Ver­wal­tungs­zu­stel­lungs­ge­set­zes i.V.m. § 182 Abs. 1 Satz 2, § 418 Abs. 1 ZPO) soweit nicht auf­grund von Beweis­mit­teln der Gegen­be­weis nach § 418 Abs. 2 ZPO erbracht ist 2.

Im Streit­fall ist der Gegen­be­weis (bis­her) nicht erbracht. Der Beweis der vom Antrag­stel­ler behaup­te­ten Tat­sa­chen kann jeden­falls nicht durch Abga­be einer eides­statt­li­chen Ver­si­che­rung erbracht wer­den. Eine sol­che Ver­si­che­rung ist ‑wovon das Finanz­ge­richt zu Recht aus­ge­gan­gen ist- nur zur Glaub­haft­ma­chung geeig­net 3.

Die Ein­spruchs­frist ist vor­lie­gend nicht gemäß § 356 Abs. 2 Satz 1 AO auf ein Jahr seit Bekannt­ga­be des Bescheids ver­län­gert wor­den.

Ergeht ein Ver­wal­tungs­akt schrift­lich oder elek­tro­nisch, so beginnt nach § 356 Abs. 1 AO die Frist für die Ein­le­gung des Ein­spruchs nur, wenn der Betei­lig­te über den Ein­spruch und die Finanz­be­hör­de, bei der er ein­zu­le­gen ist, deren Sitz und die ein­zu­hal­ten­de Frist in der für den Ver­wal­tungs­akt ver­wen­de­ten Form belehrt wor­den ist. Ist die Beleh­rung unter­blie­ben oder unrich­tig erteilt, so ist die Ein­le­gung des Ein­spruchs nur bin­nen eines Jah­res seit Bekannt­ga­be des Ver­wal­tungs­ak­tes zuläs­sig, es sei denn, dass die Ein­le­gung vor Ablauf der Jah­res­frist infol­ge höhe­rer Gewalt unmög­lich war oder schrift­lich oder elek­tro­nisch dar­über belehrt wur­de, dass ein Ein­spruch nicht gege­ben sei (§ 356 Abs. 2 Satz 1 AO).

Unrich­tig i.S. von § 356 Abs. 2 Satz 1 AO ist eine Beleh­rung erst dann, wenn sie in wesent­li­chen Aus­sa­gen unzu­tref­fend oder der­art unvoll­stän­dig oder miss­ver­ständ­lich gefasst ist, dass hier­durch bei objek­ti­ver Betrach­tung die Mög­lich­keit zur Frist­wah­rung gefähr­det erscheint 4. Eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung, die den Wort­laut des § 357 Abs. 1 Satz 1 AO wie­der­gibt und ver­ständ­lich über all­ge­mei­ne Merk­ma­le des Frist­be­ginns sowie Frist­dau­er infor­miert, ist ord­nungs­ge­mäß 5.

Eine Rechts­be­helfs­be­leh­rung muss auch Anga­ben, die nicht zwin­gend vor­ge­schrie­ben sind, rich­tig, voll­stän­dig und unmiss­ver­ständ­lich dar­stel­len 6. Es besteht jedoch kei­ne Ver­an­las­sung, bei Anga­ben in der Rechts­be­helfs­be­leh­rung, die nicht Pflicht­an­ga­ben nach § 356 Abs. 1 AO sind, höhe­re Anfor­de­run­gen an die Detail­liert­heit der Rechts­be­helfs­be­leh­rung zu stel­len als bei sol­chen Anga­ben, die not­wen­di­ges Ele­ment der Rechts­be­helfs­be­leh­rung sind 7.

Danach ist die Rechts­be­helfs­be­leh­rung des Bescheids vom 26.03.2015 ‑wovon die Vor­ent­schei­dung gleich­falls zu Recht aus­ge­gan­gen ist- voll­stän­dig und rich­tig erteilt wor­den.

Die Rechts­be­helfs­be­leh­rung genügt den Anfor­de­run­gen i.S. von § 157 Abs. 1 Satz 3, § 356 Abs. 1 AO. Sie belehrt zutref­fend, voll­stän­dig und unmiss­ver­ständ­lich dar­über, wel­cher Rechts­be­helf gegen die Auf­he­bung der Kin­der­geld­fest­set­zung zuläs­sig ist und bin­nen wel­cher Frist und bei wel­cher Behör­de er ein­zu­le­gen ist.

Soweit die Fami­li­en­kas­se in der vor­lie­gen­den Rechts­be­helfs­be­leh­rung über das not­wen­di­ge Min­dest­maß nach § 356 Abs. 1 AO hin­aus­geht und unab­hän­gig davon, ob dies im kon­kre­ten Ein­zel­fall von Bedeu­tung ist, auch über § 365 Abs. 3 Satz 1 AO und § 68 FGO belehrt (Sät­ze 2 und 3 der Rechts­be­helfs­be­leh­rung), sind die­se Anga­ben zwar nicht zwin­gend vor­ge­schrie­ben, jedoch gleich­falls rich­tig, voll­stän­dig und unmiss­ver­ständ­lich dar­ge­stellt. Auch die Ver­wen­dung des Ter­mi­nus "aus­ge­schlos­sen" ist ent­ge­gen dem Beschwer­de­vor­brin­gen nicht zu bean­stan­den; er ent­spricht dem Wort­laut des § 68 Satz 2 FGO. Da auch die­se zusätz­li­chen Anga­ben mit­hin den gesetz­li­chen Anfor­de­run­gen genü­gen, erscheint hier­durch bei objek­ti­ver Betrach­tung die Mög­lich­keit zur Frist­wah­rung nicht als gefähr­det. Selbst bei einem juris­ti­schen Lai­en ‑der wis­sen muss, ob gegen einen geän­der­ten Bescheid, den er ange­foch­ten hat, Ein­spruch, Kla­ge, Revi­si­on oder Nicht­zu­las­sungs­be­schwer­de anhän­gig ist- führt die im Streit­fall weder inhalt­lich über­frach­te­te noch unüber­sicht­lich gestal­te­te Rechts­be­helfs­be­leh­rung auch in den Fäl­len, in denen ‑wie hier- die Vor­aus­set­zun­gen weder i.S. von § 365 Abs. 3 Satz 1 AO noch i.S. von § 68 Satz 2 FGO vor­lie­gen, nicht zu Ver­wir­rung oder Ver­un­si­che­rung 8.

Die Rechts­fra­ge, ob der bei einer Rechts­be­helfs­be­leh­rung zusätz­lich ver­wand­te Pas­sus "Hin­wei­se: Wenn Sie mit der oben auf­ge­führ­ten For­de­rung grund­sätz­lich nicht ein­ver­stan­den sind, wen­den Sie sich bit­te an Ihre zustän­di­ge Fami­li­en­kas­se" zur Unrich­tig­keit der Rechts­be­helfs­be­leh­rung und damit zur Ver­län­ge­rung der Rechts­be­helfs­frist auf ein Jahr füh­ren kann 9, stellt sich im Streit­fall nicht; denn die Fami­li­en­kas­se hat die­sen Hin­weis vor­lie­gend nicht ver­wen­det.

Die begehr­te AdV des ange­foch­te­nen Bescheids vom 26.03.2015 ist auch nicht des­halb gebo­ten, weil sei­ne Voll­zie­hung für den Antrag­stel­ler eine unbil­li­ge, nicht durch über­wie­gen­de öffent­li­che Inter­es­sen gebo­te­ne Här­te zur Fol­ge hät­te.

Bun­des­fi­nanz­hof, Beschluss vom 6. Juli 2016 – XI B 36/​16

  1. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 11.07.2013 – XI B 41/​13, BFH/​NV 2013, 1647, Rz 16; vom 02.07.2014 – XI S 8/​14, BFH/​NV 2014, 1601, Rz 24; vom 26.09.2014 – XI S 14/​14, BFH/​NV 2015, 158, Rz 33; vom 15.12 2015 – V B 102/​15, BFH/​NV 2016, 373, Rz 12; jeweils m.w.N.[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 28.07.2015 – VIII R 50/​13, Rz 22 ff., m.w.N.[]
  3. vgl. z.B. BFH, Beschlüs­se vom 25.11.1999 – III B 5/​99, BFH/​NV 2000, 844, unter 3.b aa, Rz 14; vom 10.11.2003 – VII B 366/​02, BFH/​NV 2004, 509, Rz 11; vom 29.03.2005 – IX B 236/​02, n.v. unter 2., Rz 7; zum Beweis der Unrich­tig­keit der in der Zustel­lungs­ur­kun­de bezeug­ten Tat­sa­chen vgl. fer­ner BFH, Beschlüs­se vom 14.08.2012 – VII B 108/​12, BFH/​NV 2012, 1939, Rz 7; vom 12.12 2013 – X B 205/​12, BFH/​NV 2014, 490, Rz 2; jeweils m.w.N.[]
  4. vgl. dazu z.B. BFH, Urtei­le vom 29.07.1998 – X R 3/​96, BFHE 186, 324, BSt­Bl II 1998, 742, unter II. 2., Rz 25; vom 20.11.2013 – X R 2/​12, BFHE 243, 158, BSt­Bl II 2014, 236, Rz 14; fer­ner BFH, Beschluss vom 09.11.2009 – IV B 54/​09, BFH/​NV 2010, 448, Rz 5; jeweils m.w.N.[]
  5. vgl. dazu z.B. BFH, Urtei­le vom 15.03.2007 – III R 51/​06, BFH/​NV 2007, 1484, unter II. 2.a, Rz 22; in BFHE 243, 158, BSt­Bl II 2014, 236, Rz 17; vom 15.07.2014 – X R 42/​12, BFH/​NV 2015, 145, Rz 15; auch BFH, Beschlüs­se vom 02.02.2010 – III B 20/​09, BFH/​NV 2010, 830, Rz 5; vom 12.10.2012 – III B 66/​12, BFH/​NV 2013, 177, Rz 22; jeweils m.w.N.[]
  6. vgl. dazu BFH, Urtei­le vom 21.06.2007 – III R 70/​06, BFH/​NV 2007, 2064, unter II. 2.a, Rz 14; in BFHE 243, 158, BSt­Bl II 2014, 236, Rz 19; jeweils m.w.N.[]
  7. vgl. BFH, Urteil in BFHE 243, 158, BSt­Bl II 2014, 236, Rz 21[]
  8. a.A. FG Köln, Urtei­le vom 24.06.2014 – 1 K 3876/​12, EFG 2014, 1759, Rz 22; vom 24.06.2014 1 K 1227/​12, EFG 2014, 1760, Rz 26; offen­las­send FG Müns­ter, Urteil vom 09.01.2014 – 3 K 742/​13 Kg, AO, EFG 2014, 622, Rz 40[]
  9. vgl. dazu FG Müns­ter, Urteil in EFG 2014, 622; Säch­si­sches FG, Urteil vom 15.01.2014 – 8 K 959/​12 (Kg); auch FG Müns­ter, Urteil vom 28.04.2014 – 6 K 1015/​13 Kg, EFG 2015, 2, Revi­si­ons­ver­fah­ren BFH – III R 27/​14 durch Haupt­sa­cheer­le­di­gung erle­digt; FG Köln, Urtei­le in EFG 2014, 1759 und in EFG 2014, 1760[]