Ent­schei­dung über den Kin­der­geld­an­trag durch befris­te­te Fest­set­zung

Erlässt die Fami­li­en­kas­se auf einen zeit­lich nicht kon­kre­ti­sier­ten Kin­der­geld­an­trag einen Fest­set­zungs­be­scheid, der eine Befris­tung bis zu einem in der Zukunft lie­gen­den Monat ent­hält, so hat sie damit über den Antrag in vol­lem Umfang und nicht nur zum Teil ent­schie­den.

Ent­schei­dung über den Kin­der­geld­an­trag durch befris­te­te Fest­set­zung

Bean­tragt ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter Kin­der­geld, ohne eine zeit­li­che Bestim­mung des Zeit­raums zu tref­fen, für den der Antrag gestellt wird, so ist zwar grund­sätz­lich davon aus­zu­ge­hen, dass er damit eine Prü­fung der Anspruchs­be­rech­ti­gung in weit­ge­hen­dem Umfang begehrt. Aller­dings kann nur für ver­gan­ge­ne Zeit­räu­me voll­stän­dig geprüft wer­den, ob die für den Kin­der­geld­an­spruch maß­geb­li­chen Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen erfüllt sind. Inso­weit ist es gerecht­fer­tigt, einen Kin­der­geld­an­trag, der sich auf die Ver­gan­gen­heit bezieht, in der Regel dahin­ge­hend aus­zu­le­gen, dass der Kin­der­geld­an­spruch umfas­send und ohne zeit­li­che Beschrän­kung durch die Fami­li­en­kas­sen geprüft wer­den soll1.

Dage­gen kann bei einer in die Zukunft rei­chen­den Fest­set­zung von Kin­der­geld zunächst nur unter­stellt wer­den, dass die gegen­wär­tig erfüll­ten Vor­aus­set­zun­gen wei­ter­hin vor­lie­gen wer­den. Eine abschlie­ßen­de Prü­fung ist für künf­ti­ge Zeit­räu­me nicht mög­lich. Ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter, der einen Kin­der­geld­an­trag ohne zeit­li­che Ein­schrän­kun­gen stellt, kann nicht erwar­ten, dass die Fami­li­en­kas­se die Anspruchs­be­rech­ti­gung für alle künf­tig auch nur theo­re­tisch in Betracht kom­men­den Zeit­räu­me unter­stellt. Es liegt des­halb die Annah­me nahe, dass ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter mit einem zeit­lich unbe­stimm­ten, in die Zukunft rei­chen­den Kin­der­geld­an­trag die zeit­li­che Kon­kre­ti­sie­rung der nach­fol­gen­den Kin­der­geld­fest­set­zung der Fami­li­en­kas­se über­lässt. Erhält er auf einen sol­chen Antrag hin einen Fest­set­zungs­be­scheid, der eine zeit­li­che Begren­zung bis zu einem in der Zukunft lie­gen­den Monat vor­sieht, so hat die Fami­li­en­kas­se damit in der Regel in vol­lem Umfang zu sei­nen Guns­ten ent­schie­den. Da der Anspruch auf Kin­der­geld monat­lich mit der Ver­wirk­li­chung des gesetz­li­chen Tat­be­stan­des ent­steht2, liegt eine Befris­tung der Fest­set­zung noch nicht ent­stan­de­ner Ansprü­che in künf­ti­gen Zeit­räu­men im Ermes­sen der Fami­li­en­kas­se (§ 120 Abs. 1, Abs. 2 Nr. 1, § 5 AO).

Aber auch dann, wenn ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter bewusst und erkenn­bar eine in die Zukunft rei­chen­de Fest­set­zung ohne zeit­li­che Begren­zung bean­tragt haben soll­te, wür­de eine nach­fol­gen­de befris­te­te Kin­der­geld­fest­set­zung nicht bedeu­ten, dass die Fami­li­en­kas­se damit nur eine Teil­ent­schei­dung getrof­fen hät­te und nach Ablauf der Befris­tung eine wei­te­re Ent­schei­dung über den ursprüng­li­chen Antrag tref­fen wer­de.

Viel­mehr wird in einem der­ar­ti­gen Fall der auf eine unbe­fris­te­te Fest­set­zung gerich­te­te Kin­der­geld­an­trag durch eine Fest­set­zung, die als Neben­be­stim­mung eine Befris­tung ent­hält, zum Teil abge­lehnt. Eine end­gül­ti­ge Ableh­nung der Fest­set­zung von Kin­der­geld für den nach­fol­gen­den Zeit­raum ist dar­in aller-dings nicht zu sehen, da eine Kin­der­geld­fest­set­zung nur bis zu dem Monat abge­lehnt wer­den kann, in dem die letz­te Ver­wal­tungs­ent­schei­dung bekannt gege­ben wor­den ist3.

Ist ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter mit einer in der Zukunft lie­gen­den Befris­tung nicht ein­ver­stan­den, weil er eine unbe­fris­te­te Fest­set­zung begehrt, so muss er mit Ein­spruch gel­tend machen, die Befris­tung sei ermes­sens­wid­rig. Unter­lässt er dies, so erwächst die befris­te­te Fest­set­zung in Bestands­kraft. Begehrt er Kin­der­geld für Zei­ten nach der Befris­tung, so muss er einen neu­en Antrag stel­len. Der ursprüng­li­che Kin­der­geld­an­trag ent­fal­tet für den über die Befris­tung hin­aus­rei­chen­den Zeit­raum kei­ne Wir­kung mehr, er ist viel­mehr „ver­braucht”.

Wäre die Ansicht zur Fort­wir­kung der ursprüng­li­chen Anträ­ge zutref­fend, so könn­te ein unbe­fris­te­ter, in die Zukunft rei­chen­der Kin­der­geld­an­trag nicht nur bei einer nach­fol­gen­den Befris­tung fort­wir­ken­de Rechts­wir­kun­gen ent­fal­ten, son­dern auch dann, wenn die Fami­li­en­kas­se auf einen sol­chen Antrag hin das Kin­der­geld ab einem bestimm­ten Monat zunächst ohne zeit­li­che Beschrän­kung fest­setzt und die Fest­set­zung in der Fol­ge­zeit ab einem spä­te­ren Monat wie­der auf­hebt. Auch in die­sem Fall könn­te ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter gel­tend machen, die Fami­li­en­kas­se habe auf einen unbe­fris­te­ten Antrag hin nur bis zum Monat der Bekannt­ga­be des Auf­he­bungs­be­scheids bzw. der Ein­spruchs­ent­schei­dung eine ver­bind­li­che Ent­schei­dung getrof­fen, so dass über den ursprüng­li­chen Antrag nicht voll­stän­dig ent­schie­den wor­den sei. Ein sol­ches Ver­ständ­nis wür­de zu einem „unend­li­chen” Ver­wal­tungs­ver­fah­ren füh­ren, weil die Fami­li­en­kas­se nach Ablauf der Befris­tung oder nach einer Auf­he­bung der Fest­set­zung von sich aus neu die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen prü­fen müss­te.

Soweit die Gegen­an­sicht auf die Kor­rek­tur­mög­lich­kei­ten nach § 70 EStG ver­weist, ver­mag der Bun­des­fi­nanz­hof dar­in kein Argu­ment gegen den Ver­brauch des Antrags zu sehen. Viel­mehr sol­len § 70 Abs. 2 und Abs. 3 EStG das Kor­rek­tur­sys­tem nach §§ 172 ff. AO, das nicht auf Dau­er­ver­wal­tungs­ak­te zuge­schnit­ten ist, ergän­zen. Das bedeu­tet aber nicht, dass die Fami­li­en­kas­sen nur mit die­sen Instru­men­ta­ri­en auf mög­li­che künf­ti­ge Ände­run­gen der Ver­hält­nis­se reagie­ren könn­ten. Gera­de die Begren­zung des in die Zukunft rei­chen­den Bewil­li­gungs­zeit­raums ermög­licht das Funk­tio­nie­ren der Ver­wal­tung und nimmt den Kin­der­geld­be­rech­tig­ten in die Pflicht, bei einem Fort­be­stehen der Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen durch die Stel­lung eines erneu­ten Kin­der­geld­an­trags die Fort­zah­lung des Kin­der­gelds zu errei­chen.

Das Ergeb­nis steht im Ein­klang mit der Recht­spre­chung zum zeit­li­chen Rege­lungs­um­fang eines Kin­der­geld-Ableh­nungs­be­scheids4. Die­se Recht­spre­chung geht davon aus, dass ein Bescheid, durch den die Fest­set­zung von Kin­der­geld auf einen unbe­stimm­ten, in die Zukunft gerich­te­ten Antrag hin abge­lehnt wird, den Antrag in vol­lem Umfang aus­schöpft und nicht ledig­lich eine Teil­ent­schei­dung trifft, die bis zu dem Monat reicht, in dem der ableh­nen­de Ver­wal­tungs­akt bekannt gege­ben wor­den ist. Nur aus­nahms­wei­se kann ein noch nicht beschie­de­ner, außer­halb des Kla­ge­ver­fah­rens lie­gen­der Kin­der­geld­an­trag anzu­neh­men sein, wenn ein Kin­der­geld­be­rech­tig­ter in einem finanz­ge­richt­li­chen Ver­fah­ren gegen einen noch nicht bestands­kräf­ti­gen Ableh­nungs­be­scheid zum Aus­druck bringt, dass er auch für Zeit­räu­me, die nach der Ein­spruchs­ent­schei­dung lie­gen, Kin­der­geld begehrt5. Ein sol­cher Fall liegt hier jedoch nicht vor.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 26. Juni 2014 – III R 6/​13

  1. BFH, Urtei­le vom 28.01.2004 – VIII R 12/​03, BFH/​NV 2004, 786; vom 09.02.2012 – III R 45/​10, BFHE 236, 413, BSt­Bl II 2013, 1028; und vom 20.06.2012 – V R 56/​10, BFH/​NV 2012, 1775
  2. s. Blümich/​Treiber, § 66 EStG Rz 20
  3. BFH, Urteil vom 25.07.2001 – VI R 164/​98, BFHE 196, 257, BSt­Bl II 2002, 89; BFH, Urteil vom 04.08.2011 – III R 71/​10, BFHE 235, 203, BSt­Bl II 2013, 380
  4. BFH, Urteil in BFHE 196, 257, BSt­Bl II 2002, 89; BFH, Urteil in BFHE 235, 203, BSt­Bl II 2013, 380
  5. BFH, Urteil vom 22.12 2011 – III R 41/​07, BFHE 236, 144, BSt­Bl II 2012, 681, sowie BFH, Urteil vom 05.07.2012 – V R 58/​10, BFH/​NV 2012, 1953