Kein Kin­der­geld für das inhaf­tier­te Kind

Es besteht kein Anspruch auf Kin­der­geld für ein –spä­ter rechts­kräf­tig ver­ur­teil­tes– inhaf­tier­tes und vom Stu­di­um beur­laub­tes Kind. Die Durch­füh­rung einer Berufs­aus­bil­dung i.S. von § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG setzt vor­aus, dass auf die Aus­bil­dung gerich­te­te Maß­nah­men tat­säch­lich durch­ge­führt wer­den. Eine kin­der­geld­schäd­li­che Unter­bre­chung der Berufs­aus­bil­dung ist gege­ben, wenn ein spä­ter rechts­kräf­tig ver­ur­teil­tes Kind sich in Haft befin­det und sich wäh­rend die­ser Zeit von sei­nem Stu­di­um hat beur­lau­ben las­sen.

Kein Kin­der­geld für das inhaf­tier­te Kind

Nach § 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG wird ein Kind, das das 18., aber noch nicht das 27. Lebens­jahr voll­endet hat, bei Vor­lie­gen der wei­te­ren Vor­aus­set­zun­gen beim Kin­der­geld­be­rech­tig­ten berück­sich­tigt, wenn es für einen Beruf aus­ge­bil­det wird.

Der Wort­laut des § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 2 Buchst. a EStG ("aus­ge­bil­det wird") stellt nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs nicht auf das for­ma­le Wei­ter­be­stehen eines Aus­bil­dungs­ver­hält­nis­ses ab, son­dern dar­auf, dass auf die Aus­bil­dung gerich­te­te Maß­nah­men tat­säch­lich durch­ge­führt wer­den 1. Dabei kommt es nicht ent­schei­dend dar­auf an, ob das Aus­bil­dungs­ver­hält­nis vor­läu­fig been­det ist oder ob es zwar bestehen bleibt, aber infol­ge Beur­lau­bung die Rech­te und Pflich­ten ruhen 2. Denn es tritt grund­sätz­lich eine Unter­bre­chung der Aus­bil­dung ein, sobald es an Maß­nah­men fehlt, die geeig­net sind, dem Erwerb von Kennt­nis­sen, Fähig­kei­ten und Erfah­run­gen im Hin­blick auf die Aus­übung des ange­streb­ten Berufs zu die­nen 3.

Im Streit­fall bejah­te der Bun­des­fi­nanz­hof, dass die Berufs­aus­bil­dung des Kin­des durch die Unter­su­chungs­haft mit anschlie­ßen­der Straf­haft für den streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum unter­bro­chen war. Denn der Sohn der Klä­ge­rin hat wäh­rend die­ser Zeit sein begon­ne­nes Stu­di­um der Rechts­wis­sen­schaf­ten, von dem er sich hat­te beur­lau­ben las­sen, nicht fort­ge­setzt.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass eine Unter­bre­chung der Aus­bil­dung infol­ge Erkran­kung oder Mut­ter­schaft für den Anspruch auf Kin­der­geld als unschäd­lich ange­se­hen wird 4. Denn im Streit­fall ist kei­ner die­ser Aus­nah­me­fäl­le gege­ben.

Auch die von der Klä­ge­rin zitier­te Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs, wonach ein in Unter­su­chungs­haft genom­me­nes Kind aus­nahms­wei­se wei­ter­hin als in Aus­bil­dung befind­lich zu behan­deln ist, wenn es die begon­ne­ne Aus­bil­dung in der Haft nicht fort­setzt 5, ist im Streit­fall nicht ein­schlä­gig.

Denn der Bun­des­fi­nanz­hof hat­te in sei­nem in BFH/​NV 2006, 2067 zu ent­schei­den­den Fall maß­geb­lich dar­auf abge­stellt, dass das sei­ner­zeit in Polen inhaf­tier­te Kind die Unter­bre­chung sei­ner Aus­bil­dung nicht zu ver­tre­ten hat­te, weil es letzt­lich vom Tat­vor­wurf frei­ge­spro­chen wor­den war 6.

Dem­ge­gen­über hat der Sohn S im vor­lie­gend vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall mit sei­ner Betei­li­gung am Dro­gen­han­del eine Straf­tat began­gen, für die es rechts­kräf­tig zu einer mehr­jäh­ri­gen Frei­heits­stra­fe ver­ur­teilt wur­de. Ein der­ar­ti­ger Sach­ver­halt ist unab­hän­gig von der sub­jek­ti­ven Sicht des Kin­des von vorn­her­ein nicht ver­gleich­bar mit dem Fall, über den der BFH in BFH/​NV 2006, 2067 befun­den hat 7.

Die­se Wer­tung steht im Ergeb­nis im Ein­klang mit der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs, wonach für behin­der­te Kin­der, die sich in Straf­haft befin­den, gleich­falls kein Anspruch auf Kin­der­geld nach § 32 Abs. 4 Satz 1 Nr. 3 EStG besteht 8.

Die Vor­aus­set­zun­gen von § 70 Abs. 2 EStG bejaht der Bun­des­fi­nanz­hof im vor­lie­gen­den Fall eben­falls:

Nach die­ser Vor­schrift ist bei einer Ände­rung der für den Anspruch auf Kin­der­geld erheb­li­chen Ver­hält­nis­se die Kin­der­geld­fest­set­zung mit Wir­kung vom Zeit­punkt der Ände­rung der Ver­hält­nis­se auf­zu­he­ben oder zu ändern. Die Fami­li­en­kas­se hat inso­weit kei­nen Ermes­sens­spiel­raum 9.

Im Streit­fall liegt die Ände­rung der Ver­hält­nis­se in der Unter­bre­chung der Aus­bil­dung durch die Beur­lau­bung vom Stu­di­um und den Haft­an­tritt des Soh­nes der Klä­ge­rin.

Da über­dies die Vor­aus­set­zun­gen von § 37 Abs. 2 AO vor­lie­gen, war die Fami­li­en­kas­se berech­tigt, das für den streit­be­fan­ge­nen Zeit­raum aus­be­zahl­te Kin­der­geld zurück­zu­for­dern.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 23. Janu­ar 2013 – XI R 50/​10

  1. vgl. BFH, Urtei­le vom 15.07.2003 – VIII R 47/​02, BFHE 203, 106, BSt­Bl II 2003, 848, unter II.1.a; in BFH/​NV 2006, 2067, unter II.1.a; vom 24.09.2009 – III R 79/​06, BFH/​NV 2010, 614, unter II.1.a aa[]
  2. BFH, Urteil in BFHE 203, 106, BSt­Bl II 2003, 848, unter II.1.[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le vom 14.05.2002 – VIII R 61/​01, BFHE 199, 210, BSt­Bl II 2002, 807, unter II.2.a; in BFH/​NV 2006, 2067, unter II.1.a, und in BFH/​NV 2010, 614, unter II.1.a aa[]
  4. vgl. Abschn. 63.03.02.8 Abs. 1 und 3 der Dienst­an­wei­sung zur Durch­füh­rung des Fami­li­en­leis­tungs­aus­gleichs nach dem X. Abschnitt des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes –DA-FamEStG – ; eben­so BFH, Urteil in BFH/​NV 2006, 2067, unter II.1.c; FG Sach­sen-Anhalt, Urteil in EFG 2008, 1393; FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 30.03.2011 – 2 K 5243/​09, EFG 2011, 1262; FG Müns­ter, Urteil vom 08.06.2011 – 10 K 3649/​09 Kg, EFG 2012, 339[]
  5. BFH, Urteil in BFH/​NV 2006, 2067; ent­ge­gen Abschn. 63.03.02.7 Abs. 9 DA-FamEStG[]
  6. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2006, 2067, unter II.1.c[]
  7. im Ergeb­nis eben­so FG Sach­sen-Anhalt, Urteil in EFG 2008, 1393; FG Baden-Würt­tem­berg, Urteil in EFG 2011, 1262; FG Müns­ter, Urteil in EFG 2012, 339; Dürr, BFH-PR 2006, 485, 486[]
  8. vgl. BFH, Beschlüs­se vom 25.02.2009 – III B 47/​08, BFH/​NV 2009, 929; und vom 08.11.2012 – VI B 86/​12[]
  9. vgl. z.B. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 18.12.1998 – VI B 215/​98, BFHE 187, 559, BSt­Bl II 1999, 231; vom 25.07.2001 – VI R 18/​99, BFHE 196, 260, BSt­Bl II 2002, 81[]