Kin­der­geld nur für den im EU-Aus­land leben­den Eltern­teil

Lebt ein Kind im EU-Aus­land bei der geschie­de­nen Ehe­frau, ist sie, nicht aber der in Deutsch­land leben­de Vater kin­der­geld­be­rech­tigt.

Kin­der­geld nur für den im EU-Aus­land leben­den Eltern­teil

Die Fik­ti­on des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009, wonach bei der Anwen­dung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883/​2004 die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se zu berück­sich­ti­gen ist, als wür­den alle Betei­lig­ten ‑ins­be­son­de­re was das Recht zur Erhe­bung eines Leis­tungs­an­spruchs anbe­langt- unter die Rechts­vor­schrif­ten des betref­fen­den Mit­glied­staats (hier: Deutsch­land) fal­len und dort woh­nen, kann dazu füh­ren, dass der Anspruch auf Kin­der­geld nach §§ 62 ff. EStG nicht dem in Deutsch­land, son­dern dem im EU-Aus­land leben­den Eltern­teil zusteht [1]. Kann wegen der ‑nicht nur räum­li­chen- Tren­nung der Eltern nicht fin­giert wer­den, dass die­se in Deutsch­land in einem gemein­sa­men Haus­halt leben, ist nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG der Eltern­teil kin­der­geld­be­rech­tigt, der das Kind in sei­nem Haus­halt auf­ge­nom­men hat. In einem der­ar­ti­gen Fall steht der Kin­der­geld­an­spruch auch dann nicht dem in Deutsch­land leben­den Eltern­teil zu, wenn der im EU-Aus­land leben­de Eltern­teil kei­nen Antrag auf Kin­der­geld gestellt hat.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall bean­trag­te ein in Deutsch­land woh­nen­der deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger Kin­der­geld für sei­nen Sohn. Der Sohn leb­te in Polen im Haus­halt sei­ner Mut­ter, der geschie­de­nen pol­ni­schen Ehe­frau des hier kla­gen­den Vaters. Die Fami­li­en­kas­se lehn­te den Antrag ab, weil sie der Ansicht war, der Anspruch auf Kin­der­geld ste­he nicht dem Vater zu. Kin­der­geld­be­rech­tigt sei die geschie­de­ne Ehe­frau. Dem ste­he nicht ent­ge­gen, dass sie in Deutsch­land über kei­nen Wohn­sitz oder gewöhn­li­chen Auf­ent­halt ver­fügt habe. Vor dem Finanz­ge­richt Düs­sel­dorf hat­te der Vater zunächst Erfolg [2]. Dem­ge­gen­über hob der Bun­des­fi­nanz­hof nun in Umset­zung eines Urteils des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on [3] das finanz­ge­richt­li­che Urteil auf und wies die Kla­ge ab:

Ent­schei­dend ist hier­für die uni­ons­recht­li­che Ver­ein­heit­li­chung der natio­na­len Rege­lun­gen zur sozia­len Sicher­heit (Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der ab dem 1.05.2010 gel­ten­den VO Nr. 987/​2009). Danach ist bei Ansprü­chen auf Fami­li­en­leis­tun­gen in grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­hal­ten die gesam­te Fami­lie so zu behan­deln, als wür­de sie in dem Mit­glied­staat woh­nen, des­sen Fami­li­en­leis­tun­gen bean­sprucht wer­den (Wohn­sitz­fik­ti­on).

Da das deut­sche Kin­der­geld­recht nicht danach unter­schei­det, ob die Eltern eines Kin­des ver­hei­ra­tet sind oder nicht, ist auch die geschie­de­ne Ehe­frau Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge. Somit gilt sie als mit dem Kind in Deutsch­land lebend. Damit steht ihr der Anspruch auf Kin­der­geld zu, da nach deut­schem Recht das Kin­der­geld bei getrennt leben­den Eltern vor­ran­gig an den Eltern­teil aus­ge­zahlt wird, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat.

Da der Bun­des­fi­nanz­hof Zwei­fel hat­te, ob das Uni­ons­recht tat­säch­lich eine solch weit­ge­hen­de Fik­ti­on beab­sich­tig­te, rich­te­te er ein Vor­ab­ent­schei­dungs­er­su­chen an den Gerichts­hof der Euro­päi­schen Uni­on, in dem der Uni­ons­ge­richts­hof [3] ent­schied, dass die Wohn­sitz­fik­ti­on zu einem Wech­sel der per­sön­li­chen Anspruchs­be­rech­ti­gung von dem in Deutsch­land leben­den Eltern­teil zu dem im EU-Aus­land leben­den ande­ren Eltern­teil füh­ren kann. Dar­an ändert sich auch dann nichts, wenn der im EU-Aus­land leben­de Eltern­teil kei­nen Antrag auf deut­sches Kin­der­geld gestellt hat.

In sei­nem Urteil folg­te der BFH der Beur­tei­lung durch den EuGH. Damit war das Urteil des Finanz­ge­richt auf­zu­he­ben und die Kla­ge des Vaters abzu­wei­sen. Die Ent­schei­dung des BFH ist von all­ge­mei­ner Bedeu­tung für Fäl­le, in denen die Eltern eines Kin­des in unter­schied­li­chen EU-Staa­ten leben und in kei­nem EU-Staat ein gemein­sa­mer Haus­halt der Eltern und des Kin­des besteht. In Bezug auf den Sohn, für den das Kin­der­geld bean­sprucht wur­de, hat die Fami­li­en­kas­se nun­mehr über den Kin­der­geld­an­spruch der geschie­de­nen Ehe­frau zu ent­schei­den.

Der Anspruch auf Kin­der­geld nach den Vor­schrif­ten des EStG setzt gemäß § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG u.a. vor­aus, dass der Berech­tig­te einen Wohn­sitz (§ 8 der Abga­ben­ord­nung ‑AO-) oder sei­nen gewöhn­li­chen Auf­ent­halt (§ 9 AO) im Inland hat. Kin­der­geld­recht­lich zu berück­sich­ti­gen sind u.a. Kin­der, die ‑wie der Sohn des Vaters- einen Wohn­sitz oder ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt in einem Mit­glied­staat der Euro­päi­schen Uni­on haben (§ 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 3 EStG).

Im Streit­fall sind die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen nach den natio­na­len Rechts­vor­schrif­ten in der Per­son des Vaters und nicht in der sei­ner geschie­de­nen Ehe­frau erfüllt. Letz­te­re lebt in Polen und hat in Deutsch­land weder einen Wohn­sitz noch ihren gewöhn­li­chen Auf­ent­halt.

Den­noch ist die Kinds­mut­ter vor­ran­gig anspruchs­be­rech­tigt. Denn nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG wird bei meh­re­ren Berech­tig­ten das Kin­der­geld dem­je­ni­gen gezahlt, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat. Die Vor­schrift ist anzu­wen­den, da gemäß Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 zu unter­stel­len ist, dass die Kinds­mut­ter zusam­men mit dem Sohn in einem eige­nen Haus­halt in Deutsch­land lebt.

Es han­delt sich um einen grenz­über­schrei­ten­den Sach­ver­halt mit Uni­ons­be­zug, der zur Anwen­dung der Ver­ord­nung (EG) Nr. 883/​2004 des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 29.04.2004 zur Koor­di­nie­rung der Sys­te­me der sozia­len Sicher­heit sowie der dazu ergan­ge­nen Durch­füh­rungs­ver­ord­nung Nr. 987/​2009 führt. Der Vater fällt ‑wie auch aus dem EuGH, Urteil in DSt­RE 2015, 1501 her­vor­geht- als deut­scher Staats­bür­ger gemäß Art. 2 Abs. 1 der VO Nr. 883/​2004 in deren per­sön­li­chen Anwen­dungs­be­reich. Eben­so ist der sach­li­che Anwen­dungs­be­reich eröff­net; das Kin­der­geld ist eine Fami­li­en­leis­tung i.S. von Art. 1 Buchst. z, Art. 3 Abs. 1 Buchst. j der VO Nr. 883/​2004. Auch ist Deutsch­land der für die Erbrin­gung von Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­ge Mit­glied­staat (Art. 11 Abs. 3 Buchst. a und e der VO Nr. 883/​2004).

Nach Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ist bei der Anwen­dung von Art. 67 und 68 der VO Nr. 883/​2004, ins­be­son­de­re was das Recht einer Per­son zur Erhe­bung eines Leis­tungs­an­spruchs anbe­langt, die Situa­ti­on der gesam­ten Fami­lie in einer Wei­se zu berück­sich­ti­gen, als wür­den alle betei­lig­ten Per­so­nen unter die Rechts­ord­nung des betref­fen­den Mit­glied­staats fal­len und dort woh­nen. Art. 67 Satz 1 der VO Nr. 883/​2004, der bestimmt, dass eine Per­son auch für Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, die in einem ande­ren Mit­glied­staat woh­nen, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen nach den Rechts­vor­schrif­ten des zustän­di­gen Mit­glied­staats hat, als ob die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen in die­sem Mit­glied­staat woh­nen wür­den, ist ‑wie auch aus dem EuGH, Urteil in DSt­RE 2015, 1501 her­vor­geht- im Streit­fall unge­ach­tet des­sen anzu­wen­den, dass es bereits nach natio­na­lem Recht nicht dar­auf ankommt, ob das Kind sei­nen Wohn­sitz im Inland oder in einem EU-Mit­glied­staat hat (§ 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1, Satz 3 EStG). Zu den „betei­lig­ten Per­so­nen“ i.S. des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 gehö­ren die Fami­li­en­an­ge­hö­ri­gen i.S. des Art. 1 Buchst. i Nr. 1 Buchst. i der VO Nr. 883/​2004. Dar­un­ter sind neben den Eltern und dem Kind alle Per­so­nen zu ver­ste­hen, die nach natio­na­lem Recht berech­tigt sind, Anspruch auf Fami­li­en­leis­tun­gen zu erhe­ben [4].

Auf­grund der Fik­ti­on des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 lässt sich nach dem EuGH, Urteil in DSt­RE 2015, 1501 „nicht aus­schlie­ßen“, dass ein Eltern­teil, der in einem ande­ren als dem zur Gewäh­rung von Fami­li­en­leis­tun­gen ver­pflich­te­ten Mit­glied­staat wohnt, die­je­ni­ge Per­son ist, die zum Bezug die­ser Leis­tun­gen berech­tigt ist. Dies ist der Fall, wenn ‑wie nach deut­scher Rechts­la­ge- bei kon­kur­rie­ren­den Ansprü­chen der­je­ni­ge Eltern­teil vor­ran­gig kin­der­geld­be­rech­tigt ist, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat (§ 64 Abs. 2 Satz 1 EStG).

Aus dem EuGH-Urteil [5] ist auch zu erse­hen, dass das Feh­len eines im EU-Aus­land gestell­ten Antrags auf Fami­li­en­leis­tun­gen nicht dazu führt, dass die Fik­ti­ons­wir­kung des Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 ent­fällt. Die Ver­pflich­tung des zur Erbrin­gung von Fami­li­en­leis­tun­gen zustän­di­gen Mit­glied­staats gemäß Art. 60 Abs. 1 Satz 3 der VO Nr. 987/​2009, den im Inland gestell­ten Antrag auf Kin­der­geld zu berück­sich­ti­gen, bedeu­tet nicht, dass bei feh­len­der Antrag­stel­lung im Aus­land der Anspruch auf den Eltern­teil über­geht, der im Inland das Kin­der­geld bean­tragt hat.

Somit ist gemäß Art. 60 Abs. 1 Satz 2 der VO Nr. 987/​2009 zu fin­gie­ren, dass die geschie­de­ne Ehe­frau des Vaters zusam­men mit dem gemein­sa­men Kind in einem eige­nen Haus­halt in Deutsch­land lebt. Damit ist sie nach § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG vor­ran­gig kin­der­geld­be­rech­tigt, solan­ge die Anspruchs­vor­aus­set­zun­gen dem Grun­de nach in der Per­son des Vaters erfüllt sind. Die­sem steht der Anspruch auf Kin­der­geld im strei­ti­gen Zeit­raum nicht zu.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 4. Febru­ar 2016 – III R 17/​13

  1. EuGH, Urteil vom 22.10.2015 – C‑378/​14, EU:C:2015:720, DSt­RE 2015, 1501[]
  2. FG Düs­sel­dorf, Urteil vom 13.03.2013 – 15 K 4316/​12 Kg[]
  3. EuGH, Urteil vom 22.10.2015 – C‑378/​14 [Trap­kow­ski][][]
  4. EuGH, Urteil in DSt­RE 2015, 1501[]
  5. EuGH, DSt­RE 2015, 1501[]