Kin­der­geld­an­spruch bei deut­schem Zweit­wohn­sitz

Ein deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger, der mit sei­ner Fami­lie den Lebens­mit­tel­punkt in Tsche­chi­en teilt und dort sozi­al­ver­si­che­rungs­pflich­tig beschäf­tigt ist, hat Anspruch auf deut­sches (Dif­fe­renz-)Kin­der­geld, wenn er in Deutsch­land einen Zweit­wohn­sitz bei­be­hält.

Kin­der­geld­an­spruch bei deut­schem Zweit­wohn­sitz

Die Anspruchs­be­rech­ti­gung nach § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG setzt weder vor­aus, dass sich der Anspruchs­be­rech­tig­te über­wie­gend im Inland auf­hält (z.B. mehr als 15 Tage im jewei­li­gen Monat oder mehr als 183 Tage inner­halb eines Zeit­raums von 12 Mona­ten, vgl. z.B. Art. 15 Abs. 2 Buchst. a des OECD-Mus­ter­ab­kom­mens), noch dass sich sein Lebens­mit­tel­punkt im Inland befin­det.

Die Anwend­bar­keit der §§ 62 ff. EStG wird in einem sol­chen Fall auch nicht durch euro­päi­sches Uni­ons­recht aus­ge­schlos­sen. Wenn der Antrag­stel­ler ‑was auf­grund sei­ner Beschäf­ti­gung in Prag nahe liegt- gemäß Art. 13 Abs. 2 Buchst. a der VO Nr. 1408/​71 den Rechts­vor­schrif­ten Tsche­chi­ens unter­lie­gen soll­te und Deutsch­land der für die Gewäh­rung der Fami­li­en­leis­tun­gen unzu­stän­di­ge Mit­glied­staat wäre, stün­de dies dem sich aus § 62 Abs. 1 Nr. 1 EStG erge­ben­den Kin­der­geld­an­spruch nicht ent­ge­gen. Denn die Art. 13 ff. der VO Nr. 1408/​71 ent­fal­ten kei­ne Sperr­wir­kung für die Anwen­dung des Rechts des nicht zustän­di­gen Mit­glied­staats, so dass sich die Anspruchs­be­rech­ti­gung auch bei Per­so­nen und bei Leis­tun­gen, die dem per­sön­li­chen und sach­li­chen Anwen­dungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 unter­lie­gen, allein nach den Bestim­mun­gen des deut­schen Rechts rich­tet. Die gegen­tei­li­ge Auf­fas­sung, die auch der Bun­des­fi­nanz­hof in stän­di­ger Recht­spre­chung ver­tre­ten hat, ist auf­grund des Urteils "Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak" des Gerichts­hofs der Euro­päi­schen Uni­on 1 vom Bun­des­fi­nanz­hof auf­ge­ge­ben wor­den 2.

Der Kin­der­geld­an­spruch könn­te aber wegen eines ver­gleich­ba­ren Anspruchs in Tsche­chi­en zu kür­zen sein:

Falls Tsche­chi­en sowohl als Beschäf­ti­gungs­staat wie auch wegen des gewöhn­li­chen Auf­ent­halts der Fami­lie in Prag (Art. 1 Buchst. h der VO Nr. 1408/​71) als Wohn­mit­glieds­staat zustän­dig wäre, schie­de eine Anwen­dung des Art. 10 Abs. 1 Buchst. a der Ver­ord­nung Nr. 574/​72 des Rates vom 21.03.1972 aus; eine Anspruchs­kon­kur­renz wäre viel­mehr nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG zu lösen. § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG wäre im Übri­gen auch dann ein­schlä­gig, wenn ‑was im Streit­fall kaum in Betracht kom­men dürf­te- der per­sön­li­che Gel­tungs­be­reich der VO Nr. 1408/​71 nicht eröff­net sein soll­te.

Der Bun­des­fi­nanz­hof weist dar­auf hin, dass der Klä­ger von der gemein­schafts­recht­lich ver­bürg­ten Frei­zü­gig­keit der Arbeit­neh­mer Gebrauch gemacht hat. Des­halb wäre § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG gemein­schafts­rechts­kon­form dahin aus­zu­le­gen, dass nur eine Kür­zung, nicht aber eine voll­stän­di­ge Ver­sa­gung des Kin­der­geld­an­spruchs in Betracht kommt, wenn ande­ren­falls das Frei­zü­gig­keits­recht der Wan­der­ar­beit­neh­mer beein­träch­tigt wäre 3.

Für die Kür­zung des Kin­der­gel­des genügt es nach § 65 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 EStG, dass der nach deut­schem Recht kin­der­geld­be­rech­tig­ten Per­son oder einem Drit­ten für das betref­fen­de Kind nach aus­län­di­schem Recht ein mate­ri­ell-recht­li­cher Anspruch auf die ent­spre­chen­de Leis­tung zusteht 4.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Dezem­ber 2013 – III R 44/​12

  1. EuGH, Urteil vom 12.06.2012 – C‑611/​10 und – C‑612/​10 [Hud­zin­ski und Wawr­zy­ni­ak], Zeit­schrift für euro­päi­sches Sozi­al- und Arbeits­recht 2012, 475[]
  2. BFH, Urtei­le vom 16.05.2013 – III R 8/​11, BFHE 241, 511; vom 05.09.2013 – XI R 52/​10, BFH/​NV 2014, 33[]
  3. BFH, Urteil vom 18.07.2013 – III R 71/​11, BFH/​NV 2014, 24, unter III. 3.b bb[]
  4. BFH, Urteil vom 13.06.2013 – III R 10/​11, BFHE 241, 562[]