Kin­der­geld­be­rech­ti­gung bei mehr­fa­cher Haus­halts­auf­nah­me eines Kin­des

Eine ein­heit­li­che Gren­ze der zeit­li­chen Auf­ent­halts­dau­er, bei deren Unter­schrei­ten eine –annä­hernd gleich­wer­ti­ge– Haus­halts­auf­nah­me gene­rell zu ver­nei­nen wäre, besteht nicht. Es ist eine Fra­ge der tat­säch­li­chen Wür­di­gung, ob die jewei­li­ge Auf­ent­halts­dau­er unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Umstän­de des Ein­zel­fal­les die Annah­me recht­fer­tigt, dass das Kind sei­nen Lebens­mit­tel­punkt bei bei­den Eltern hat.

Kin­der­geld­be­rech­ti­gung bei mehr­fa­cher Haus­halts­auf­nah­me eines Kin­des

Erfül­len sowohl der Vater als auch die Mut­ter die Vor­aus­set­zun­gen der §§ 62 Abs. 1 Nr. 1, 63 Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 i.V.m. § 32 Abs. 1 Nr. 1 EStG für einen Anspruch auf Kin­der­geld für ihr Kind, wird gleich­wohl jedoch gemäß § 64 Abs. 1 EStG für jedes Kind nur einem Berech­tig­ten Kin­der­geld gezahlt. Bei meh­re­ren Berech­tig­ten ist dies gemäß § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG der­je­ni­ge, der das Kind in sei­nen Haus­halt auf­ge­nom­men hat. Liegt eine annä­hernd gleich­wer­ti­ge Auf­nah­me des Kin­des in die Haus­hal­te der getrennt leben­den Eltern vor, bestim­men die Eltern unter­ein­an­der ana­log § 64 Abs. 2 Satz 2 EStG den Berech­tig­ten [1].

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH ist eine Haus­halts­auf­nah­me i.S. des § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG dann gege­ben, wenn das Kind in die Fami­li­en­ge­mein­schaft mit einem dort begrün­de­ten Betreu­ungs- und Erzie­hungs­ver­hält­nis auf­ge­nom­men wor­den ist; neben dem ört­lich gebun­de­nen Zusam­men­le­ben müs­sen Vor­aus­set­zun­gen mate­ri­el­ler Art (Ver­sor­gung, Unter­halts­ge­wäh­rung) und imma­te­ri­el­ler Art (Für­sor­ge, Betreu­ung) erfüllt sein [2]. Dabei muss die Betreu­ung des Kin­des im Haus­halt eines Berech­tig­ten einen zeit­lich bedeut­sa­men Umfang haben und die Auf­ent­hal­te des Kin­des dür­fen nicht nur Besuchs- oder Feri­en­cha­rak­ter haben. Eine den Besuchs­cha­rak­ter über­schrei­ten­de Dau­er liegt auf jeden Fall bei einem Auf­ent­halt des Kin­des im Haus­halt des Berech­tig­ten von mehr als drei Mona­ten im Jahr vor [3].

Der Begriff der Haus­halts­auf­nah­me i.S. des § 64 Abs. 2 Satz 1 EStG ist dabei nicht für alle Sach­ver­hal­te glei­cher­ma­ßen, son­dern fall­grup­pen­spe­zi­fisch zu kon­kre­ti­sie­ren. Er ist für die Fall­grup­pe, dass die Dau­er der Auf­ent­hal­te des Kin­des in den Haus­hal­ten bei­der Eltern­tei­le über einen Besuchs- oder Feri­en­cha­rak­ter hin­aus­geht, ein­schrän­kend aus­zu­le­gen. Bei die­sem Sach­ver­halt ist für die Annah­me einer Haus­halts­auf­nah­me zusätz­lich erfor­der­lich, dass sich das Kind dort über­wie­gend auf­hal­ten und sei­nen Lebens­mit­tel­punkt haben muss [4]. Nur wenn kei­nem der Auf­ent­hal­te ein ein­deu­ti­ges Über­ge­wicht zukommt, liegt eine –annä­hernd gleich­wer­ti­ge– Haus­halts­auf­nah­me bei bei­den Eltern vor.

Dabei kann es nicht allein und aus­schließ­lich auf die Anzahl der jewei­li­gen Auf­ent­halts­ta­ge ankom­men, son­dern es ist auf die Umstän­de des Ein­zel­falls abzu­stel­len. Zwar kommt dem Zeit­mo­ment eine beson­de­re Bedeu­tung zu. Eine ein­heit­li­che Gren­ze der zeit­li­chen Auf­ent­halts­dau­er, bei deren Unter­schrei­ten eine –annä­hernd gleich­wer­ti­ge– Haus­halts­auf­nah­me gene­rell zu ver­nei­nen wäre, besteht jedoch nicht [5]. Es ist eine Fra­ge der tat­säch­li­chen Wür­di­gung, ob die jewei­li­ge Auf­ent­halts­dau­er unter Berück­sich­ti­gung der beson­de­ren Umstän­de des Ein­zel­falls [6] die Annah­me recht­fer­tigt, dass das Kind sei­nen Lebens­mit­tel­punkt bei bei­den Eltern hat.

In die­sem Zusam­men­hang ist auch zu wür­di­gen, ob Ände­run­gen der Auf­ent­halts­dau­er in den ein­zel­nen Leis­tungs­zeit­räu­men (vgl. § 66 Abs. 2 EStG) zu einer Ände­rung des Lebens­mit­tel­punk­tes des Kin­des füh­ren. Dies ist in der Regel nur dann der Fall, wenn sie auf grund­le­gen­den Ver­än­de­run­gen der Ver­hält­nis­se beru­hen (z.B. Ände­rung der Umgangs­re­ge­lun­gen), nicht jedoch, wenn sie sich aus der Natur der Sache selbst erge­ben (z.B. Schul­fe­ri­en, bestimm­te Form einer Umgangs­re­ge­lung).

Die Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs zum Unter­halts­recht steht dem nicht ent­ge­gen. Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ge­richts­hofs kommt der zeit­li­chen Kom­po­nen­te der Betreu­ung für die Beant­wor­tung der Fra­ge, ob ein Eltern­teil die Haupt­ver­ant­wor­tung für ein Kind trägt, zwar indi­zi­el­le Bedeu­tung zu. Die Beur­tei­lung braucht sich hier­auf aber nicht zu beschrän­ken [7].

Die Bestim­mung des Kin­der­geld­be­rech­tig­ten nach § 64 Abs. 2 Satz 2 EStG stellt eine emp­fangs­be­dürf­ti­ge Wil­lens­er­klä­rung dar, die nach Zugang bei den zustän­di­gen Fami­li­en­kas­sen rechts­ge­stal­tend den Kin­der­geld­an­spruch einer bestimm­ten natür­li­chen Per­son begrün­det [8]. Ihr kommt daher grund­sätz­lich kei­ne Rück­wir­kung zu. Etwas ande­res gilt nur, wenn eine Rege­lung fehlt [9].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. April 2013 – V R 41/​11

  1. BFH, Urtei­le vom 23.03.2005 – III R 91/​03, BFHE 209, 338, BStBl II 2008, 752; und vom 28.04.2010 – III R 79/​08, BFHE 229, 292, BStBl II 2011, 30 zum Ent­las­tungs­be­trag für Allein­er­zie­hen­de; BFH, Beschluss vom 07.11.2011 – III B 53/​10, BFH/​NV 2012, 422[]
  2. BFH, Urtei­le vom 20.06.2001 – VI R 224/​98, BFHE 195, 564, BStBl II 2001, 713; vom 26.08.2003 – VIII R 91/​98, BFH/​NV 2004, 324; vom 16.12.2003 – VIII R 67/​00, BFH/​NV 2004, 934; BFH, Beschluss vom 14.01.2011 – III B 96/​09, BFH/​NV 2011, 788[]
  3. vgl. BFH, Urtei­le in BFHE 195, 564, BStBl II 2001, 713; in BFH/​NV 2004, 324[]
  4. BFH, Urteil in BFHE 208, 220, BStBl II 2008, 762; in BFHE 209, 338, BStBl II 2008, 752; in BFHE 229, 292, BStBl II 2011, 30; BFH, Beschluss vom 12.10.2012 – III B 212/​11, BFH/​NV 2013, 78[]
  5. vgl. BFH, Beschluss vom 03.04.2012 – V B 130/​11, BFH/​NV 2012, 1136 zur Auf­nah­me zu Urlaubs- oder Besuchs­zwe­cken[]
  6. wie z.B. ein gemein­sa­mes Sor­ge­recht, eige­nes Kin­der­zim­mer, Mög­lich­keit des Kin­des, den Auf­ent­halt frei zu wäh­len[]
  7. BGH, Urtei­le vom 28.02.2007 – XII ZR 161/​04, NJW 2007, 1882; und vom 21.12.2005 – XII ZR 126/​03, FamRZ 2006, 1015, 1016 f.[]
  8. vgl. BFH, Urteil vom 19.04.2012 – III R 42/​10, BFHE 238, 24, BStBl II 2013, 21, m.w.N.[]
  9. vgl. BFH, Urteil in BFHE 238, 24, BStBl II 2013, 21, unter II.1.[]