Untä­tig­keits­kla­ge – und die nach­fol­gen­de Ver­pflich­tungs­kla­ge

Die Ver­pflich­tungs­kla­ge ist nicht zuläs­sig, wenn zum Zeit­punkt der Ent­schei­dung hier­über mit der Untä­tig­keits­kla­ge ein wei­te­res Kla­ge­ver­fah­ren der Klä­ge­rin anhän­gig war, das den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betraf.

Untä­tig­keits­kla­ge – und die nach­fol­gen­de Ver­pflich­tungs­kla­ge

Aller­dings wird die dop­pel­te Rechts­hän­gig­keit durch Ver­bin­dung der Ver­fah­ren besei­tigt.

Das Vor­lie­gen der Sachur­teils­vor­aus­set­zun­gen ist in jeder Lage des Ver­fah­rens von Amts wegen zu prü­fen 1.

Im hier vom Bun­des­fi­nanz­hof ent­schie­de­nen Streit­fall stand der Zuläs­sig­keit der Ver­pflich­tungs­kla­ge als "nega­ti­ve" Sachur­teils­vor­aus­set­zung 2 die Rechts­hän­gig­keit der Untä­tig­keits­kla­ge ent­ge­gen, über die das Finanz­ge­richt erst spä­ter ent­schie­den hat.

Streit­ge­gen­stand der bei­den Kla­ge­ver­fah­ren ist der von der Klä­ge­rin gel­tend gemach­te Anspruch auf Kos­ten­er­stat­tung im Vor­ver­fah­ren nach § 77 EStG. Die­sen Streit­ge­gen­stand hat­te die Klä­ge­rin bereits mit ihrer am 23.07.2013 erho­be­nen Untä­tig­keits­kla­ge i.S. von § 46 FGO rechts­hän­gig gemacht (§ 66 FGO). Die Erhe­bung einer wei­te­ren den­sel­ben Streit­ge­gen­stand betref­fen­den Kla­ge war daher nach § 155 FGO i.V.m. § 17 Abs. 1 Satz 2 GVG unzu­läs­sig. Die ander­wei­ti­ge Rechts­hän­gig­keit stellt im Finanz­pro­zess eine nega­ti­ve Sach­ent­schei­dungs­vor­aus­set­zung dar, die an sich zwin­gend zur Abwei­sung der Kla­ge als unzu­läs­sig füh­ren muss 3.

Wer­den jedoch gegen einen Steu­er­be­scheid zwei Kla­gen erho­ben, ist die dop­pel­te Rechts­hän­gig­keit jeden­falls dann durch Ver­bin­dung der Ver­fah­ren zu besei­ti­gen, wenn bei­de Kla­gen ‑wie hier- beim sel­ben Bun­des­fi­nanz­hof des Finanz­ge­richts anhän­gig sind 4. Dies hat das Finanz­ge­richt zu Unrecht unter­las­sen, was vom Bun­des­fi­nanz­hof nach­zu­ho­len war.

Dem steht nicht ent­ge­gen, dass die Klä­ge­rin und das Finanz­ge­richt im Streit­fall offen­bar davon aus­ge­gan­gen sind, dass es sich bei der Untä­tig­keits­kla­ge um eine eigen­stän­di­ge Kla­ge­art der FGO han­delt. Dies trifft jedoch nicht zu. Die sog. Untä­tig­keits­kla­ge gemäß § 46 FGO bil­det ledig­lich eine Aus­nah­me zu der Vor­schrift des § 44 Abs. 1 FGO, wonach in Fäl­len, in denen ein außer­ge­richt­li­cher Rechts­be­helf gege­ben ist, die Anru­fung des Gerichts nur nach Abschluss die­ses außer­ge­richt­li­chen Vor­ver­fah­rens zuläs­sig ist. Die Untä­tig­keit der Behör­de ist nach § 46 FGO nur die Zuläs­sig­keits­vor­aus­set­zung, nicht aber der Gegen­stand der Kla­ge. Das Rechts­schutz­be­geh­ren des Klä­gers ist daher auch in den Fäl­len des § 46 FGO auf Auf­he­bung oder Ände­rung eines Ver­wal­tungs­ak­tes oder auf Ver­ur­tei­lung zum Erlass eines abge­lehn­ten oder unter­las­se­nen Ver­wal­tungs­ak­tes gerich­tet und nicht auf ein Tätig­wer­den der Behör­de über­haupt 5.

Für den Streit­fall bedeu­tet dies, dass das Kla­ge­ver­fah­ren über die Untä­tig­keits­kla­ge nach Erge­hen der Ein­spruchs­ent­schei­dung vom 15.10.2013 hät­te fort­ge­führt wer­den müs­sen und in die­sem Kla­ge­ver­fah­ren zu ent­schei­den war, ob der Klä­ge­rin der von ihr gegen­über der Fami­li­en­kas­se gel­tend gemach­te Anspruch auf Erstat­tung ihrer Auf­wen­dun­gen nach § 77 EStG zusteht 6.

Das Finanz­ge­richt hät­te die bei­den Ver­fah­ren – Untä­tig­keits­kla­ge und nach­fol­gen­de Ver­pflich­tungs­kla­ge – ver­bin­den müs­sen 7.

Das Finanz­ge­richt ist von ande­ren Rechts­grund­sät­zen aus­ge­gan­gen. Sei­ne Ent­schei­dung über die Ver­pflich­tungs­kla­ge war daher auf­zu­he­ben.

Auf die Untä­tig­keits­kla­ge hat das Finanz­ge­richt dage­gen zu Unrecht ent­schie­den, dass der Rechts­streit durch das Erge­hen der Ein­spruchs­ent­schei­dung in der Haupt­sa­che erle­digt gewe­sen sei.

Nach stän­di­ger Recht­spre­chung des BFH erle­digt sich eine ursprüng­lich erho­be­ne Untä­tig­keits­kla­ge nach Erlass der Ein­spruchs­ent­schei­dung, mit der dem Ein­spruch ‑wie hier- ganz oder teil­wei­se nicht statt­ge­ge­ben wird, nicht; denn dadurch hat die Fami­li­en­kas­se nicht, wie § 46 Abs. 1 Satz 3 FGO dies vor­aus­setzt, den "bean­trag­ten" Ver­wal­tungs­akt erlas­sen. In einem sol­chen Fall ist viel­mehr ‑wie dar­ge­legt- das ursprüng­li­che Kla­ge­ver­fah­ren fort­zu­set­zen.

Vor die­sem Hin­ter­grund hät­te ‑wie eben­falls bereits dar­ge­legt- das Kla­ge­ver­fah­ren nach Erge­hen der Ein­spruchs­ent­schei­dung (und ver­bun­den mit der Ver­pflich­tungs­kla­ge) fort­ge­führt wer­den müs­sen.

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 18. Novem­ber 2015 – XI R 24 ‑25/​14

  1. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 19.05.2004 – III R 36/​02, BFH/​NV 2004, 1655; vom 19.04.2007 – V R 48/​04, BFHE 217, 194, BSt­Bl II 2009, 315, unter II.B., Rz 32[]
  2. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 27.06.2006 – VII R 43/​05, BFH/​NV 2007, 396, unter II. 1., Rz 10, m.w.N.[]
  3. vgl. z.B. BFH, Urteil in BFH/​NV 2007, 396, unter II. 1., Rz 10, m.w.N.[]
  4. BFH, Beschluss vom 26.05.2006 – IV B 151/​04, BFH/​NV 2006, 2086[]
  5. vgl. z.B. BFH, Urteil in BFH/​NV 2007, 396, unter II. 1.b, Rz 14, m.w.N.[]
  6. vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 19.08.2003 – VIII R 44/​01, BFH/​NV 2004, 925, unter II.A.01., Rz 17; in BFHE 217, 194, BSt­Bl II 2009, 315, unter II.B.01.d aa, Rz 38; vom 20.10.2010 – I R 54/​09, BFH/​NV 2011, 641, Rz 19; von Beckerath in Beermann/​Gosch, FGO § 46 Rz 193; Gräber/​Levedag, Finanz­ge­richts­ord­nung, 8. Aufl., § 46 Rz 28; Dum­ke in Schwarz, FGO § 46 Rz 31a; Seer in Tipke/​Kruse, Abga­ben­ord­nung, Finanz­ge­richts­ord­nung, § 46 FGO Rz 16; Stein­hauff in Hübschmann/​Hepp/​Spitaler, § 46 FGO Rz 325[]
  7. vgl. BFH, Beschluss in BFH/​NV 2006, 2086[]