Vor­steu­er­ab­zug aus Alt­gold­lie­fe­run­gen – und das vor­ge­scho­be­ne Stroh­mann­ge­schäft

Ein Unter­neh­mer kann nach § 15 Abs. 1 Nr. 1 Satz 1 UStG die gesetz­lich geschul­de­te Steu­er für Lie­fe­run­gen und sons­ti­ge Leis­tun­gen, die von einem ande­ren Unter­neh­mer für sein Unter­neh­men aus­ge­führt wor­den sind, als Vor­steu­er abzie­hen.

Vor­steu­er­ab­zug aus Alt­gold­lie­fe­run­gen – und das vor­ge­scho­be­ne Stroh­mann­ge­schäft

Wer bei einem Umsatz als "ande­rer Unter­neh­mer" anzu­se­hen ist, ergibt sich regel­mä­ßig aus den abge­schlos­se­nen zivil­recht­li­chen Ver­ein­ba­run­gen. Leis­ten­der ist in der Regel der­je­ni­ge, der die Lie­fe­run­gen oder sons­ti­gen Leis­tun­gen im eige­nen Namen gegen­über einem ande­ren selbst oder durch einen Beauf­trag­ten aus­führt.

Tritt jemand im Rechts­ver­kehr im eige­nen Namen, aber für Rech­nung eines ande­ren auf, der aus wel­chen Grün­den auch immer nicht selbst als berech­tig­ter bzw. ver­pflich­te­ter Ver­trags­part­ner in Erschei­nung tre­ten will, ist zivil­recht­lich grund­sätz­lich nur der "Stroh­mann" aus dem Rechts­ge­schäft berech­tigt und ver­pflich­tet 1; dem­entspre­chend sind auch dem sog. Stroh­mann die Leis­tun­gen zuzu­rech­nen, die der sog. Hin­ter­mann berech­tig­ter­wei­se im Namen des Stroh­manns tat­säch­lich aus­ge­führt hat 2.

Aus wel­chen Grün­den der Hin­ter­mann im Ver­hält­nis zum Drit­ten, dem Ver­trags­part­ner des Stroh­manns und Leis­tungs­emp­fän­gers, als Leis­ten­der nicht in Erschei­nung tre­ten will, ist für die Beur­tei­lung der Rechts­be­zie­hun­gen zwi­schen den Ver­trags­part­nern regel­mä­ßig ohne Bedeu­tung. Auch dass der Stroh­mann, der das Rechts­ge­schäft für Rech­nung des Hin­ter­man­nes abschließt, wirt­schaft­lich am Erfolg des zwi­schen ihm und dem Drit­ten wirk­sa­men Rechts­ge­schäf­tes nicht oder ggf. nur in Form einer "Pro­vi­si­on" für sei­ne Stroh­mann-Diens­te teil­ha­ben soll, berührt nicht die Beur­tei­lung der Leis­tungs­be­zie­hun­gen zwi­schen Stroh­mann und Drit­tem, son­dern nur die Fra­ge, ob auch zwi­schen dem Hin­ter­mann und dem Stroh­mann eine ent­gelt­li­che Leis­tung ‑in der Regel ein ent­gelt­li­cher Geschäfts­be­sor­gungs­ver­trag (vgl. § 675 BGB)- vor­liegt.

Unbe­acht­lich ist das "vor­ge­scho­be­ne" Stroh­mann­ge­schäft ‑zivil­recht­lich und (umsatz-)steuerrechtlich (vgl. auch § 41 Abs. 2 AO 1977)- aller­dings dann, wenn es nur zum Schein abge­schlos­sen wor­den ist, d.h. wenn die Ver­trags­par­tei­en ‑der Stroh­mann und der Drit­te- ein­ver­ständ­lich oder still­schwei­gend davon aus­ge­hen, dass die Rechts­wir­kun­gen des Geschäf­tes gera­de nicht zwi­schen ihnen, son­dern zwi­schen dem Drit­ten und dem Hin­ter­mann ein­tre­ten sol­len 3. Dem­entspre­chend kommt umsatz­steu­er­recht­lich eine von den ver­trag­li­chen Ver­ein­ba­run­gen abwei­chen­de Bestim­mung der Per­son des leis­ten­den Unter­neh­mers in Betracht, wenn das Rechts­ge­schäft zwi­schen dem Leis­tungs­emp­fän­ger und dem Stroh­mann nur zum Schein abge­schlos­sen wor­den ist und der Leis­tungs­emp­fän­ger weiß oder davon aus­ge­hen muss, dass der Stroh­mann kei­ne eige­ne ‑ggf. auch durch Sub­un­ter­neh­mer aus­zu­füh­ren­de- Ver­pflich­tung aus dem Rechts­ge­schäft über­neh­men und dem­entspre­chend auch kei­ne eige­nen Leis­tun­gen ver­steu­ern will 4.

Nach § 15 Abs. 1 Nr. 1 Satz 2 UStG setzt die Aus­übung des Vor­steu­er­ab­zugs wei­ter vor­aus, dass der Unter­neh­mer eine nach den §§ 14, 14a aus­ge­stell­te Rech­nung besitzt. Nach § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG muss die Rech­nung den voll­stän­di­gen Namen und die voll­stän­di­ge Anschrift des leis­ten­den Unter­neh­mers ent­hal­ten. Dies ent­spricht den Vor­ga­ben der Art 178 Bstb. a und 226 Nr. 5 der Richt­li­nie 2006/​112/​EG des Rates vom 28.11.2006 über das gemein­sa­me Mehr­wert­steu­er­sys­tem (Mehr­wert­steu­er-Sys­tem­richt­li­nie). Da gemäß § 14 Abs. 2 Satz 2 UStG eine Rech­nung auch von einem nach § 14 Abs. 1 Satz 1 Nr. 2 UStG zur Aus­stel­lung von Rech­nun­gen berech­tig­ten Leis­tungs­emp­fän­ger aus­ge­stellt wer­den kann, sofern dies vor­her ver­ein­bart wur­de, muss auch eine auf sol­che Wei­se ent­stan­de­ne sog. Gut­schrift die Anfor­de­run­gen des § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG erfül­len. Dies folgt auch aus Art 220 Abs. 1 Nr. 1, 224 und 226 Nr. 5 Mehr­wert­steu­er-Sys­tem­richt­li­nie.

Rech­nungs­aus­stel­ler und leis­ten­der Unter­neh­mer müs­sen grund­sätz­lich iden­tisch sein 5. Die Anga­ben im Abrech­nungs­pa­pier müs­sen des­halb eine ein­deu­ti­ge und leicht nach­prüf­ba­re Fest­stel­lung des leis­ten­den Unter­neh­mers ermög­li­chen 6.

Ist eine Anschrift bewusst falsch erklärt, ist sie nicht "voll­stän­dig" im Sin­ne des § 14 Abs. 4 Satz 1 Nr. 1 UStG. Der Abzug der in der Rech­nung aus­ge­wie­se­nen Umsatz­steu­er ist nur mög­lich, wenn die in der Gut­schrift als leis­ten­der Unter­neh­mer bezeich­ne­te Per­son die dort aus­ge­wie­se­nen Umsät­ze aus­ge­führt hat und wenn die­se Vor­aus­set­zun­gen anhand der Anga­ben in der Gut­schrift durch die Finanz­ver­wal­tung nach­ge­prüft wer­den kön­nen. Davon ist nach der vom Finanz­ge­richt geteil­ten Auf­fas­sung des BFH nicht aus­zu­ge­hen, wenn der in der Rech­nung ange­ge­be­ne Sitz des leis­ten­den Unter­neh­mers bei Aus­füh­rung der Leis­tung und bei Rech­nungs­stel­lung tat­säch­lich nicht bestan­den hat 7.

Finanz­ge­richt Baden ‑Würt­tem­berg, Urteil vom 15. Novem­ber 2013 – 1 K 1766/​12

  1. BFH, Beschluss vom 31.01.2002 – V B 108/​01, BFHE 198, 208, BSt­Bl II 2004, 622 m.w.N.[]
  2. BFH, Beschluss in BSt­Bl II 2004, 622 unter Hin­weis auf BFH, Beschlüs­se vom 18.07.2001 – V B 198/​00, BFH/​NV 2002, 78, unter 3. b; vom 25.06.1999 – V B 107/​98, BFH/​NV 1999, 1649[]
  3. BFH, Beschluss vom 31.01.2002 – V B 108/​01 unter Hin­weis auf das BGH, Urteil in NJW-RR 1997, 238 und Kra­mer in Münch­Komm, § 117 BGB Rz. 12, 15, m.w.N.[]
  4. vgl. BFH, Urteil in BFH/​NV 2000, 353; BFH, Beschluss in BFH/​NV 2000, 611[]
  5. stän­di­ge Recht­spre­chung, vgl. z.B. BFH, Urtei­le vom 05.04.2001 – V R 5/​00, BFH/​NV 2001, 1307; vom 01.02.2001 – V R 6/​00, BFH/​NV 2001, 941; vom 28.01.1999 – V R 4/​98, BFHE 188, 456, BSt­Bl II 1999, 628, m.w.N.[]
  6. BFH, Urtei­le vom 29.04.1993 – V R 118/​89, BFH/​NV 1994, 584; und vom 17.09.1992 – V R 41/​89, BFHE 169, 540, BSt­Bl II 1993, 205, jeweils m.N.; BFH, Beschluss vom 02.07.1999 – V B 171/​98, BFH/​NV 1999, 1652; vgl. BFH, Urteil vom 26.04.2001 – V R 50/​99, BFHE 194, 536 ‑zur Bezeich­nung des Leis­tungs­emp­fän­gers-[]
  7. z.B. BFH, Urteil in BFH/​NV 2001, 941; FG, Beschlüs­se vom 14.03.2000 – V B 187/​99, BFH/​NV 2000, 1252; vom 11.03.1999 – V B 135/​98, BFH/​NV 1999, 1253; FG, Urteil vom 27.06.1996 – V R 51/​93, BFHE 181, 197, BSt­Bl II 1996, 620[]