Voll­zie­hung unrich­ti­ger Steu­er­be­schei­de

Durch die Voll­zie­hung von (unrich­ti­gen) Steu­er­be­schei­den ent­stan­de­ne Schä­den sind nicht nach § 945 ZPO zu erset­zen 1. Dies gilt auch dann, wenn dem Erlass der Steu­er­be­schei­de ein Arrest­ver­fah­ren vor­aus­ge­gan­gen ist, das zur Pfän­dung einer For­de­rung geführt hat. Denn mit Erlass der Steu­er­be­schei­de ist das Arrest­ver­fah­ren in das nor­ma­le Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren über­ge­lei­tet und als sol­ches fort­ge­setzt wor­den mit der Fol­ge, dass das Arrest­pfand­recht sich in ein (rang­wah­ren­des) Pfän­dungs­pfand­recht umge­wan­delt hat 2.

Voll­zie­hung unrich­ti­ger Steu­er­be­schei­de

Nach der bis­he­ri­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs ist zwar § 945 ZPO auch auf Fäl­le des Steu­er­ar­res­tes anzu­wen­den. Die­se (älte­re) Recht­spre­chung bezieht sich noch auf § 378 Abs. 2 der Reichs­ab­ga­ben­ord­nung, der auf die §§ 930 ff ZPO ver­wies 3. Ob an die­ser Recht­spre­chung auch nach Inkraft­tre­ten der Abga­ben­ord­nung 1977, die in § 324 Abs. 3 Satz 4 AO ledig­lich die §§ 930 bis 932 ZPO für ent­spre­chend anwend­bar erklärt, fest­zu­hal­ten ist, hat der Bun­des­ge­richts­hof bis­her offen gelas­sen 4. Der Gesetz­ge­ber ist aller­dings mit Ein­füh­rung der Abga­ben­ord­nung ersicht­lich von einer Anwend­bar­keit aus­ge­gan­gen. Denn er hat von einer aus­drück­li­chen Bezug­nah­me (auch) auf § 945 ZPO zum einen mit der Begrün­dung Abstand genom­men, die ent­spre­chen­de Anwen­dung die­ser Bestim­mung durch die Recht­spre­chung sei gesi­chert, so dass eine Rechts­un­si­cher­heit nicht zu befürch­ten sei. Zum ande­ren hat er auf die anste­hen­de umfas­sen­de Reform des Staats­haf­tungs­rechts hin­ge­wie­sen und es für nicht ange­zeigt gehal­ten, der Arbeit der von der Bun­des­re­gie­rung Anfang 1970 ein­ge­setz­ten Staats­haf­tungs­rechts­kom­mis­si­on vor­zu­grei­fen 5.

Die Fra­ge der ana­lo­gen Anwen­dung des § 945 ZPO bedarf frei­lich auch im Streit­fall kei­ner abschlie­ßen­den Beant­wor­tung. Denn das Beru­fungs­ge­richt ist mit Recht davon aus­ge­gan­gen, dass Voll­stre­ckungs­maß­nah­men auf der Grund­la­ge der Arre­st­an­ord­nung den behaup­te­ten Scha­den nicht her­bei­ge­führt haben und schon des­halb ein Scha­dens­er­satz­an­spruch nach die­ser Vor­schrift nicht gege­ben ist.

Vor­lie­gend ergin­gen zwar auf­grund der Arre­st­an­ord­nun­gen der Finanz­ver­wal­tung vom 15.02.1999 bezie­hungs­wei­se 30.05.2000 (auch) das Wert­pa­pier­de­pot erfas­sen­de Pfän­dungs­ver­fü­gun­gen gegen die H. AG als Dritt­schuld­ne­rin. Aber noch vor der Ver­wei­ge­rung der Zustim­mung durch die Finanz­ver­wal­tung und erst recht noch vor Ent­ste­hen der vom Klä­ger als Scha­den gel­tend gemach­ten Kurs­ver­lus­te sind im Juni und August 2000 Steu­er­be­schei­de ergan­gen, die auch die durch die Arre­st­an­ord­nung und Pfän­dungs­ver­fü­gung gesi­cher­ten Steu­er­for­de­run­gen für das Jahr 1994 betra­fen.

Durch die­se Steu­er­be­schei­de ist das Arrest­ver­fah­ren in das nor­ma­le Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren über­ge­lei­tet und als sol­ches fort­ge­führt wor­den. Das Arrest­pfand­recht wan­del­te sich in ein – den Rang wah­ren­des – Pfän­dungs­pfand­recht um, ohne dass es einer erneu­ten Pfän­dung und einer Auf­he­bung der Arre­st­an­ord­nung bedurf­te 6.

Da mit­hin vor­lie­gend die Rechts­la­ge nicht anders zu beur­tei­len ist, als wenn die Pfän­dung des Wert­pa­pier­de­pots erst bezie­hungs­wei­se nur auf­grund der Steu­er­be­schei­de aus­ge­spro­chen wor­den wäre, es also am Zurech­nungs­zu­sam­men­hang zwi­schen der vor­aus­ge­gan­ge­nen (erle­dig­ten) Arrest­pfän­dung und dem gel­tend gemach­ten Scha­den fehlt, ist § 945 ZPO nicht ein­schlä­gig.

Auf kraft Geset­zes (vgl. §§ 251, 361 AO, § 69 FGO) sofort voll­zieh­ba­re Steu­er­be­schei­de, deren Wirk­sam­keit durch die Ein­le­gung eines Rechts­mit­tels nicht gehemmt wird, sind weder § 717 Abs. 2 ZPO noch § 945 ZPO anwend­bar 7. Die­sen Bestim­mun­gen liegt der all­ge­mei­ne Rechts­ge­dan­ke zugrun­de, dass der Gläu­bi­ger aus einem nur vor­läu­fi­gen Titel auf eige­nes Risi­ko voll­streckt und die Fol­gen zu tra­gen hat, falls der Titel letzt­lich kei­nen Bestand hat. Die Voll­zieh­bar­keit eines Steu­er­be­scheids beruht dem­ge­gen­über auf dem Vor­rang des All­ge­mein­in­ter­es­ses vor dem Ein­zel­in­ter­es­se und lässt einen Ver­gleich mit vor­läu­fig voll­streck­ba­ren Titeln aus dem Bereich des Zivil­pro­zes­ses nicht zu 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 13. Sep­tem­ber 2012 – III ZR 249/​11 -

  1. im Anschluss an BGH, Urteil vom 31.01.1963 – III ZR 138/​61, BGHZ 39, 77[]
  2. im Anschluss an BFH NV 1987, 702; 2001, 458[]
  3. sie­he BGH, Urteil vom 25.05.1959 – III ZR 39/​58, BGHZ 30, 123, 128 ff., unter Auf­ga­be der ent­ge­gen­ste­hen­den Recht­spre­chung des Reichs­ge­richts, vgl. RGZ 108, 253, sowie BGH, Urteil vom 26.11.1974 – VI ZR 124/​72, BGHZ 63, 277 f[]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 18.12.1986 – III ZR 168/​86, BGHR ZPO § 945 Steu­er­ar­rest 1; Urteil vom 03.10.1985 – III ZR 168/​86, VersR 1986, 289, 292[]
  5. BT-Drucks. VI/​1982 S. 184 zu §§ 307 bis 309 AOE[]
  6. vgl. aus­führ­lich BFH, NV 1987, 702 f, NV 2001, 458, 459; eben­so Bitt­ner, in Pump/​Fittkau, AO, Stand März 2009, § 324 Rn. 62 ff.[]
  7. vgl. BGH, Urtei­le vom 31.01.1963 – III ZR 138/​61, BGHZ 39, 77, 79 f und vom 11.03.1982 – III ZR 174/​80, BGHZ 83, 190, 196 f[]
  8. BGH, Urtei­le vom 11.03.1982, aaO; vom 31.01.1963, aaO sowie Urteil vom 16.11.2000 – III ZR 1/​00, NJW 2001, 1067, 1068[]