Wider­ruf einer ver­bind­li­chen Aus­kunft – und das lau­fen­de Kla­ge­ver­fah­ren

Wider­ruft das Finanz­amt eine ver­bind­li­che Aus­kunft, ist das Kla­ge­ver­fah­ren gegen eine Steu­er­fest­set­zung, für die die ver­bind­li­che Aus­kunft ohne den Wider­ruf bin­dend wäre, bis zum Abschluss des Rechts­be­helfs­ver­fah­rens gegen den Wider­ruf gemäß § 74 FGO aus­zu­set­zen.

Wider­ruf einer ver­bind­li­chen Aus­kunft – und das lau­fen­de Kla­ge­ver­fah­ren

Unter­lässt das Finanz­ge­richt eine gebo­te­ne Aus­set­zung des Ver­fah­rens nach § 74 FGO, liegt dar­in ein Ver­fah­rens­feh­ler im Sin­ne eines Ver­sto­ßes gegen die Grund­ord­nung des Ver­fah­rens [1], der von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen ist [2].

Vor­aus­set­zung für die Aus­set­zung des Ver­fah­rens gemäß § 74 FGO ist, dass die Ent­schei­dung des Rechts­streits ganz oder zum Teil von dem Bestehen oder Nicht­be­stehen eines Rechts­ver­hält­nis­ses abhängt, das den Gegen­stand eines ande­ren anhän­gi­gen Rechts­streits bil­det oder von einer Ver­wal­tungs­be­hör­de fest­zu­stel­len ist. Eine Abhän­gig­keit zwi­schen zwei anhän­gi­gen Ver­fah­ren in die­sem Sin­ne besteht, wenn der Aus­gang des einen (mög­li­cher­wei­se aus­zu­set­zen­den) Rechts­streits (hier des Ver­fah­rens gegen die Umsatz­steu­er-Fest­set­zung für 2009) von dem ande­ren (mög­li­cher­wei­se vor­greif­li­chen) Ver­fah­ren (hier dem Ein­spruchs­ver­fah­ren gegen den Wider­ruf einer bereits erteil­ten Zusa­ge in Bezug auf die dem geän­der­ten Umsatz­steu­er­be­scheid zugrun­de lie­gen­de Streit­fra­ge, ob auf die Floa­ting-Leis­tun­gen der Klä­ge­rin der ermä­ßig­te Umsatz­steu­er­satz anzu­wen­den ist) in der Sache beein­flusst wer­den kann. Die­se Vor­aus­set­zun­gen lie­gen vor. Denn ein Ver­fah­ren, in dem über die Recht­mä­ßig­keit des Wider­rufs einer erteil­ten ver­bind­li­chen Aus­kunft gestrit­ten wird, ist wegen der Bin­dung an eine erteil­te Aus­kunft –anders als ein Ver­fah­ren über einen erfolg­lo­sen Antrag auf Ertei­lung einer ver­bind­li­chen Aus­kunft (Nega­tiv­be­scheid)– i.S. des § 74 FGO vor­greif­lich für das ent­spre­chen­de Fest­set­zungs­ver­fah­ren.

Nach § 89 Abs. 2 AO kann der Steu­er­pflich­ti­ge aus Grün­den der Pla­nungs- und Ent­schei­dungs­si­cher­heit eine ver­bind­li­che Aus­kunft (Zusa­ge) dar­über ver­lan­gen, wie ein in der Zukunft lie­gen­der Besteue­rungs­tat­be­stand steu­er­recht­lich zu beur­tei­len ist. Nach § 2 Abs. 1 der ab dem 8.12.2007 gel­ten­den Ver­ord­nung zur Durch­füh­rung von § 89 Abs. 2 AO (Steu­er-Aus­kunfts­ver­ord­nung –StAuskV–) ist die von der nach § 89 Abs. 2 Satz 2 und 3 AO zustän­di­gen Finanz­be­hör­de erteil­te ver­bind­li­che Aus­kunft für die Besteue­rung des Antrag­stel­lers bin­dend, wenn der spä­ter ver­wirk­lich­te Sach­ver­halt von dem der Aus­kunft zugrun­de geleg­ten Sach­ver­halt nicht oder nur unwe­sent­lich abweicht. Die ver­bind­li­che Aus­kunft ist nur dann nicht bin­dend, wenn sie –anders als im Streit­fall, in dem das Finanz­amt zuguns­ten der Klä­ge­rin zuge­sagt hat, dass die Floa­ting-Leis­tun­gen nach § 12 Abs. 2 Nr. 9 UStG dem ermä­ßig­ten Steu­er­satz unter­lä­gen – zuun­guns­ten des Steu­er­pflich­ti­gen dem gel­ten­den Recht wider­spricht.

Die posi­ti­ve ver­bind­li­che Aus­kunft ist ein Ver­wal­tungs­akt und ent­hält die für die betref­fen­de Steu­er­art ver­bind­li­che Fest­stel­lung über eine bestimm­te steu­er­recht­li­che Behand­lung des der Aus­kunft zugrun­de­lie­gen­den Sach­ver­halts [3]. Das Finanz­amt kann die Aus­kunft, ins­be­son­de­re sofern sich ihre Rechts­wid­rig­keit her­aus­stellt, im Besteue­rungs­ver­fah­ren zwar nach § 2 Abs. 3 StAuskV ex nunc auf­he­ben oder ändern [4]. Die Bin­dungs­wir­kung der ver­bind­li­chen Aus­kunft ent­fällt dann nach § 2 Abs. 2 StAuskV ab dem Zeit­punkt, in dem die Rechts­vor­schrif­ten, auf denen die Aus­kunft beruht, auf­ge­ho­ben oder geän­dert wer­den. Lie­gen die­se Vor­aus­set­zun­gen aber nicht vor, bin­det die erteil­te Aus­kunft, wenn sie wie –im Streit­fall– zuguns­ten des Steu­er­pflich­ti­gen wirkt, bei iden­ti­schem Sach­ver­halt selbst dann, wenn sie dem gel­ten­den Recht wider­spricht. Dem Finanz­amt ist daher in Bezug auf die­se posi­ti­ve Fest­stel­lung in der Aus­kunft eine Recht­mä­ßig­keits­prü­fung im Rah­men der ent­spre­chen­den Steu­er­fest­set­zung ver­wehrt. Ist aber bei einer ver­wal­tungs­akt­be­zo­ge­nen Kla­ge die Prü­fung der Recht­mä­ßig­keit aus­ge­schlos­sen, besteht inso­weit eine Abhän­gig­keit i.S. des § 74 FGO [5].

Bun­des­fi­nanz­hof, Urteil vom 16. Mai 2013 – V R 23/​12

  1. BFH, Ent­schei­dun­gen vom 17.12.2003 – I R 47/​02, BFH/​NV 2004, 771; vom 09.02.2005 – X R 52/​03, BFH/​NV 2005, 1235; vom 16.11.2006 – XI B 156/​05, BFH/​NV 2007, 401, und vom 31.05.2010 – X B 162/​09, BFH/​NV 2010, 2011, jeweils m.w.N.[]
  2. BFH, Urtei­le vom 09.09.2010 – IV R 31/​08, BFH/​NV 2011, 413; vom 14.02.2008 – IV R 44/​05, BFH/​NV 2008, 1156, m.w.N.[]
  3. vgl. BFH, Urteil vom 30.04.2009 – VI R 54/​07, BFHE 225, 50, BStBl II 2010, 996 zur Anru­fungs­aus­kunft nach § 42e EStG[]
  4. vgl. BFH, Urtei­le vom 02.09.2009 – I R 20/​09, BFH/​NV 2010, 391; vom 29.02.2012 – IX R 11/​11, BFHE 237, 9, BStBl II 2012, 651 zu den Kri­te­ri­en für die Ermes­sens­ent­schei­dung[]
  5. z.B. BFH, Urteil vom 20.09.1989 – X R 8/​86, BFHE 158, 205, BStBl II 1990, 177; BFH, Beschluss vom 11.03.2011 – II B 152/​10, BFH/​NV 2011, 1008[]