Ärzt­lich assis­tier­te Sui­zi­de

Der Bun­des­ge­richts­hof hat zwei Frei­sprü­che der Land­ge­rich­te Ham­burg und Ber­lin in Fäl­len ärzt­lich assi­si­ter­ter Selbst­tö­tun­gen bestä­tigt.

Ärzt­lich assis­tier­te Sui­zi­de

Das Land­ge­richt Ham­burg und das Land­ge­richt Ber­lin haben jeweils einen ange­klag­ten Arzt von dem Vor­wurf frei­ge­spro­chen, sich in den Jah­ren 2012 bzw. 2013 durch die Unter­stüt­zung von Selbst­tö­tun­gen sowie das Unter­las­sen von Maß­nah­men zur Ret­tung der bewusst­lo­sen Sui­zi­d­en­tin­nen wegen Tötungs­de­lik­ten und unter­las­se­ner Hil­fe­leis­tung straf­bar gemacht zu haben. Der Bun­des­ge­richts­hof bestä­tig­te bei­de Frei­sprü­che.

Das Ham­bur­ger Ver­fah­ren[↑]

Nach den Fest­stel­lun­gen im Urteil des Land­ge­richts Ham­burg lit­ten die bei­den mit­ein­an­der befreun­de­ten, 85 und 81 Jah­re alten sui­zid­wil­li­gen Frau­en an meh­re­ren nicht lebens­be­droh­li­chen, aber ihre Lebens­qua­li­tät und per­sön­li­chen Hand­lungs­mög­lich­kei­ten zuneh­mend ein­schrän­ken­den Krank­hei­ten. Sie wand­ten sich an einen Ster­be­hil­fe­ver­ein, der sei­ne Unter­stüt­zung bei ihrer Selbst­tö­tung von der Erstat­tung eines neu­ro­lo­gisch-psych­ia­tri­schen Gut­ach­tens zu ihrer Ein­sichts- und Urteils­fä­hig­keit abhän­gig mach­te. Die­ses erstell­te der Ange­klag­te, ein Fach­arzt für Neu­ro­lo­gie und Psych­ia­trie. Er hat­te an der Fes­tig­keit und Wohl­erwo­gen­heit der Sui­zid­wün­sche kei­ne Zwei­fel. Auf Ver­lan­gen der bei­den Frau­en wohn­te der Ange­klag­te der Ein­nah­me der töd­lich wir­ken­den Medi­ka­men­te bei und unter­ließ es auf ihren aus­drück­li­chen Wunsch, nach Ein­tritt ihrer Bewusst­lo­sig­keit Ret­tungs­maß­nah­men ein­zu­lei­ten.

Das Land­ge­richt Ham­burg hat den Ange­klag­ten aus recht­li­chen und tat­säch­li­chen Grün­den frei­ge­spro­chen1. Bei­de Frau­en hät­ten die allei­ni­ge Tat­herr­schaft über die Her­bei­füh­rung ihres Todes gehabt. Der Ange­klag­te sei auf­grund der ihm bekann­ten Frei­ver­ant­wort­lich­keit der Sui­zi­de auch nicht zu ihrer Ret­tung ver­pflich­tet gewe­sen. Anhalts­punk­te für eine nach Ein­nah­me der Medi­ka­men­te ein­ge­tre­te­ne Ände­rung des Wil­lens der bei­den Frau­en konn­te das Land­ge­richt nicht fest­stel­len.

Das Ber­li­ner Ver­fah­ren[↑]

Gemäß den Fest­stel­lun­gen im Urteil des Land­ge­richts Ber­lin hat­te der Ange­klag­te als Haus­arzt einer Pati­en­tin Zugang zu einem in hoher Dosie­rung töd­lich wir­ken­den Medi­ka­ment ver­schafft. Die 44-jäh­ri­ge Frau litt seit ihrer Jugend an einer nicht lebens­be­droh­li­chen, aber star­ke krampf­ar­ti­ge Schmer­zen ver­ur­sa­chen­den Erkran­kung und hat­te den Ange­klag­ten – nach­dem sie bereits meh­re­re Selbst­tö­tungs­ver­su­che unter­nom­men hat­te – um Hil­fe beim Ster­ben gebe­ten. Der Ange­klag­te betreu­te die nach Ein­nah­me des Medi­ka­ments Bewusst­lo­se – wie von ihr zuvor gewünscht – wäh­rend ihres zwei­ein­halb Tage dau­ern­den Ster­bens. Hil­fe zur Ret­tung ihres Lebens leis­te­te er nicht.

Das Land­ge­richt Ber­lin hat den Ange­klag­ten aus recht­li­chen Grün­den frei­ge­spro­chen2. Die Bereit­stel­lung der Medi­ka­men­te stel­le sich als straf­lo­se Bei­hil­fe zur eigen­ver­ant­wort­li­chen Selbst­tö­tung dar. Zu Ret­tungs­be­mü­hun­gen nach Ein­tritt der Bewusst­lo­sig­keit sei er nicht ver­pflich­tet gewe­sen. Denn die frei­ver­ant­wort­li­che Aus­übung des Selbst­be­stim­mungs­rechts der Ver­stor­be­nen habe eine Pflicht des Ange­klag­ten zur Abwen­dung ihres Todes ent­fal­len las­sen.

Die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ge­richts­hofs[↑]

Der Bun­des­ge­richts­hof hat in bei­den Ver­fah­ren die Revi­sio­nen der Staats­an­walt­schaft ver­wor­fen und damit die bei­den frei­spre­chen­den Urtei­le bestä­tigt.

Eine straf­recht­li­che Ver­ant­wort­lich­keit der Ange­klag­ten für ihre im Vor­feld geleis­te­ten Bei­trä­ge zu den Sui­zi­den hät­te vor­aus­ge­setzt, dass die Frau­en nicht in der Lage waren, einen frei­ver­ant­wort­li­chen Selbst­tö­tungs­wil­len zu bil­den. In bei­den Fäl­len haben die Land­ge­rich­te rechts­feh­ler­frei kei­ne die Eigen­ver­an­wort­lich­keit der Sui­zi­d­en­tin­nen ein­schrän­ken­den Umstän­de fest­ge­stellt. Deren Ster­be­wün­sche beruh­ten viel­mehr auf einer im Lau­fe der Zeit ent­wi­ckel­ten, bilan­zie­ren­den „Lebens­mü­dig­keit” und waren nicht Ergeb­nis psy­chi­scher Stö­run­gen.

Bei­de Ange­klag­te waren nach Ein­tritt der Bewusst­lo­sig­keit der Sui­zi­d­en­tin­nen auch nicht zur Ret­tung ihrer Leben ver­pflich­tet. Der Ange­klag­te des Ham­bur­ger Ver­fah­rens hat­te schon nicht die ärzt­li­che Behand­lung der bei­den ster­be­wil­li­gen Frau­en über­nom­men, was ihn zu lebens­ret­ten­den Maß­nah­men hät­te ver­pflich­ten kön­nen. Auch die Erstel­lung des sei­tens des Ster­be­hil­fe­ver­eins für die Erbrin­gung der Sui­zid­hil­fe gefor­der­ten Gut­ach­tens sowie die ver­ein­bar­te Ster­be­be­glei­tung begrün­de­ten kei­ne Schutz­pflicht für deren Leben. Der Ange­klag­te im Ber­li­ner Ver­fah­ren war jeden­falls durch die Aus­übung des Selbst­be­stim­mungs­rechts der spä­ter Ver­stor­be­nen von der auf­grund sei­ner Stel­lung als behan­deln­der Haus­arzt grund­sätz­lich bestehen­den Pflicht zur Ret­tung des Lebens sei­ner Pati­en­tin ent­bun­den.

Eine in Unglücks­fäl­len jeder­mann oblie­gen­de Hilfs­pflicht nach § 323c StGB wur­de nicht in straf­ba­rer Wei­se ver­letzt. Da die Sui­zi­de, wie die Ange­klag­ten wuss­ten, sich jeweils als Ver­wirk­li­chung des Selbst­be­stim­mungs­rechts der ster­be­wil­li­gen Frau­en dar­stell­ten, waren Ret­tungs­maß­nah­men ent­ge­gen deren Wil­len nicht gebo­ten.

Am Straf­tat­be­stand der geschäfts­mä­ßi­gen För­de­rung der Selbst­tö­tung (§ 217 StGB) war das Ver­hal­ten der Ange­klag­ten wegen des straf­recht­li­chen Rück­wir­kungs­ver­bo­tes nicht zu mes­sen, da die­ser zur Zeit der Sui­zi­de noch nicht in Kraft war.

Dass die Ange­klag­ten mit der jewei­li­gen Leis­tung von Hil­fe zur Selbst­tö­tung mög­li­cher­wei­se ärzt­li­che Berufs­pflich­ten ver­letzt haben, ist für die Straf­bar­keit ihres Ver­hal­tens im Ergeb­nis nicht von Rele­vanz.

Die Urtei­le des Land­ge­richts Ham­burg und des Land­ge­richts Ber­lin sind damit rechts­kräf­tig.

Bun­des­ge­richts­hof, Urtei­le vom 3. Juli 2019 – 5 StR 132/​18 und 5 StR 393/​18

  1. LG Ham­burg, Urteil­vom 08.11.2017 – 619 KLs 7/​16
  2. LG Ber­lin, Urteil vom 08.03.2018 – (619 KLs) 234 Js 339/​13 (1÷17)
  3. vgl. BGH, NJW 2003, 2841