Ankla­ge­schrift – und die Beschrän­kung des Ver­fol­gungs­wil­lens der Staats­an­walt­schaft

Der Gegen­stand der gericht­li­chen Unter­su­chung und Ent­schei­dung reicht nur soweit wie der aus der Ankla­ge­schrift erkenn­ba­re Ver­fol­gungs­wil­le der Ankla­ge­be­hör­de 1.

Ankla­ge­schrift – und die Beschrän­kung des Ver­fol­gungs­wil­lens der Staats­an­walt­schaft

Ent­hält die Ankla­ge­schrift meh­re­re Taten, sind nur die­je­ni­gen ange­klagt, auf die sich der aus der Ankla­ge­schrift zu ent­neh­men­de Ver­fol­gungs­wil­le der Staats­an­walt­schaft bezieht 2.

Eine wei­te­re Tat darf nicht zum Gegen­stand des Sachur­teils gemacht wer­den, auch wenn sie in der Ankla­ge­schrift erwähnt ist, ohne dass sich jedoch der Ver­fol­gungs­wil­le der Staats­an­walt­schaft dar­auf bezieht.

Ver­fah­rens­ge­gen­stand sind nur Taten einer bestimm­ten Per­son. Daher bleibt die Tat im pro­zes­sua­len Sinn stets auf die in der Ankla­ge­schrift als Ange­schul­dig­ter bezeich­ne­te Per­son bezo­gen 3. Taten eines Ange­schul­dig­ten, die nicht vom Ver­fol­gungs­wil­len der Staats­an­walt­schaft umfasst sind, kön­nen daher vom Gericht nicht abge­ur­teilt wer­den, selbst wenn sie in Bezug auf einen Mit­an­ge­schul­dig­ten zum Gegen­stand der Ankla­ge gemacht wur­den.

Ob ein kon­kre­ter Lebens­sach­ver­halt in Bezug auf einen Ange­schul­dig­ten zum Ver­fah­rens­ge­gen­stand gehö­ren soll, ist durch Aus­le­gung der Ankla­ge­schrift zu ermit­teln. Die­se ist aus sich her­aus zu inter­pre­tie­ren 4. Auf die Tat­sa­che, dass die Staats­an­walt­schaft nach ihrem Schluss­vor­trag kei­nen Antrag zu dem kon­kre­ten Fall gestellt hat, kommt es daher nicht an.

Die Beschrei­bung eines straf­recht­lich rele­van­ten Gesche­hens im Ankla­ge­satz ist zwar ein Indiz dafür, dass die­ses Gesche­hen vom Ver­fol­gungs­wil­len der Staats­an­walt­schaft umfasst sein könn­te 5. Die Aus­le­gung kann aber im Ein­zel­fall etwas ande­res erge­ben, ins­be­son­de­re wenn meh­re­re Taten ver­schie­de­nen Ange­schul­dig­ten in unter­schied­li­chem Umfang vor­ge­wor­fen wer­den.

Das Lega­li­täts­prin­zip zwingt nicht stets dazu, alle Sach­ver­hal­te zum Gegen­stand einer Ankla­ge gegen alle erkann­ten Tat­be­tei­lig­ten zu machen. Dass der Ankla­ge­schrift nicht zu ent­neh­men ist, wel­che Grün­de die Staats­an­walt­schaft hat­te, von einer Ankla­ge­er­he­bung gegen den Ange­klag­ten im kon­kre­ten dem Mit­an­ge­klag­ten vor­ge­wor­fe­nen- Fall abzu­se­hen, ist ange­sichts des ein­deu­ti­gen Wort­lauts des abs­trak­ten Ankla­ge­sat­zes uner­heb­lich.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 29. Juni 2016 – 2 StR 89/​16

  1. vgl. BGH, Urteil vom 15.05.1997 – 1 StR 233/​96, BGHSt 43, 96, 99 f.[]
  2. vgl. LR/​Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 264 Rn. 35[]
  3. vgl. BGH, Urteil vom 21.12 1983 – 2 StR 578/​83, BGHSt 32, 215, 217; Urteil vom 20.12 1995 – 2 StR 113/​95, NStZ 1996, 243, 244; Beck­OK-StPO/E­schel­bach, StPO, 24. Ed.2015, § 264 Rn. 4; Münch­Komm-StPO/­No­rou­zi, StPO, 2016, § 264 Rn. 4; Rad­tke in Radtke/​Hohmann, StPO, 2012, § 264 Rn. 8[]
  4. BGH, Urteil vom 17.08.2000 – 4 StR 245/​00, BGHSt 46, 130, 134[]
  5. BGH aaO, BGHSt 43, 96, 100[]