Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge – und die Beweis­wür­di­gung

Die Beweis­wür­di­gung ist Sache des Tat­ge­richts. Ihm allein obliegt es, das Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung fest­zu­stel­len und zu wür­di­gen1. Sei­ne Schluss­fol­ge­run­gen brau­chen nicht zwin­gend zu sein, es genügt, dass sie mög­lich sind2.

Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge – und die Beweis­wür­di­gung

Die revi­si­ons­ge­richt­li­che Prü­fung ist dar­auf beschränkt, ob dem Tat­ge­richt Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind. Das ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist oder gegen die Denk­ge­set­ze oder gesi­cher­te Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt3.

Dar­über hin­aus hat der Bun­des­ge­richts­hof in Fäl­len, in denen „Aus­sa­ge gegen Aus­sa­ge” steht, beson­de­re Anfor­de­run­gen an die Dar­le­gung einer zur Ver­ur­tei­lung füh­ren­den Beweis­wür­di­gung for­mu­liert.

Die Urteils­grün­de müs­sen in einem sol­chen Fall erken­nen las­sen, dass das Tat­ge­richt alle Umstän­de, wel­che die Ent­schei­dung zuguns­ten oder zuun­guns­ten des Ange­klag­ten zu beein­flus­sen geeig­net sind, erkannt, in sei­ne Über­le­gun­gen ein­be­zo­gen4 und auch in einer Gesamt­schau gewür­digt hat5.

Erfor­der­lich sind ins­be­son­de­re eine sorg­fäl­ti­ge Inhalts­ana­ly­se der Anga­ben, eine mög­lichst genaue Prü­fung der Ent­ste­hungs­ge­schich­te der belas­ten­den Aus­sa­ge6, eine Bewer­tung des fest­stell­ba­ren Aus­sa­ge­mo­tivs7, sowie eine Prü­fung von Kon­stanz, Detail­liert­heit und Plau­si­bi­li­tät der Anga­ben8.

Ein sol­cher Man­gel kann zunächst in der feh­len­den Inhalts­ana­ly­se der Aus­sa­ge der Neben­klä­ge­rin lie­gen, wenn dem­entspre­chend der Aus­sa­ge der Neben­klä­ge­rin weit­ge­hend Real­kenn­zei­chen wie zum Bei­spiel die logi­sche Kon­sis­tenz der Aus­sa­ge, ein quan­ti­ta­ti­ver Detail­reich­tum, eine räum­lich­zeit­li­che Ver­knüp­fung, die Schil­de­rung aus­ge­fal­le­ner Ein­zel­hei­ten und eige­ner psy­chi­scher Vor­gän­ge feh­len9. Zudem hat­te die Zeu­gin im vor­lie­gen­den durch die mehr­fa­che Ein­schrän­kung, sie „glau­be” das Tagesche­hen habe sich wie beschrie­ben ereig­net, ihre Erin­ne­rung rela­ti­viert.

Ein wei­te­rer Man­gel der Beweis­wür­di­gung liegt im vor­lie­gen­den Fall dar­in, dass die Straf­kam­mer unzu­rei­chend erör­tert hat, war­um die über meh­re­re Jah­re vor­ge­nom­me­nen selbst­ver­letz­ten­den Hand­lun­gen der Neben­klä­ge­rin sich nicht auf deren Aus­sa­ge­ver­hal­ten aus­ge­wirkt haben kön­nen. Denn die Straf­kam­mer unter­legt ihre dahin­ge­hen­de Schluss­fol­ge­rung ledig­lich mit dem Hin­weis auf den „per­sön­li­chen Ein­druck” von der Neben­klä­ge­rin, ohne die­sen dar­zu­stel­len.

Die Erwä­gung eines mög­li­chen Falsch­be­las­tungs­mo­tivs ist ver­kürzt gera­ten. Zwar spricht, wor­auf das Land­ge­richt zutref­fend hin­ge­wie­sen hat, das vor­mals sehr gute Ver­hält­nis zwi­schen der Neben­klä­ge­rin und dem Ange­klag­ten gegen eine bewuss­te Falsch­be­las­tung. Das Land­ge­richt hat indes uner­ör­tert gelas­sen, war­um es im März 2016 zum Abbruch der Besuchs­kon­tak­te kam.

Das Urteil lässt auch die auf­grund der Beweis­la­ge gebo­te­ne Gesamt­wür­di­gung ver­mis­sen. Die Straf­kam­mer hat sich dar­auf beschränkt, ein­zel­ne für die Glaub­haf­tig­keit der Aus­sa­ge der Neben­klä­ge­rin spre­chen­de Gesichts­punk­te dar­zu­stel­len, ohne die­se jedoch gegen die beweis­min­dern­den Fak­to­ren abzu­wä­gen. Hier­bei hät­te sie ins­be­son­de­re in den Blick neh­men müs­sen, dass die Detail­ar­mut die Bedeu­tung des Beur­tei­lungs­kri­te­ri­ums der Aus­sa­ge­kon­stanz, auf den die Straf­kam­mer ihre Über­zeu­gungs­bil­dung stützt, ver­min­dern kann10.

Es war für den Bun­des­ge­richts­hof nicht aus­zu­schlie­ßen, dass das Tat­ge­richt bei rechts­feh­ler­frei­er Wür­di­gung zu einer ande­ren Beur­tei­lung der Glaub­haf­tig­keit der Anga­ben der Neben­klä­ge­rin gelangt wäre. Die Sache bedurf­te daher neu­er Ver­hand­lung und Ent­schei­dung.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 7. Febru­ar 2018 – 2 StR 447/​17

  1. BGH, Urteil vom 06.04.2016 – 2 StR 408/​15 mwN
  2. BGH, Urteil vom 06.04.2016 – 2 StR 408/​15
  3. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 06.11.1998 – 2 StR 636/​97, BGHR StPO § 261 Beweis­wür­di­gung 16; wei­te­re Nach­wei­se bei Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., § 261 Rn. 3 und 38
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 22.04.1987 – 3 StR 141/​87, BGHR StPO § 261 Beweis­wür­di­gung 1; Beschluss vom 22.04.1997 – 4 StR 140/​97, BGHR StPO § 261 Beweis­wür­di­gung 13; BGH, Urteil vom 03.02.1993 – 2 StR 531/​92, BGHR StGB § 177 Abs. 1 Beweis­wür­di­gung 15; Urteil vom 06.04.2016 – 2 StR 408/​15
  5. st. Rspr.; vgl. nur BGH, Beschluss vom 30.08.2012 – 5 StR 394/​12, NStZ-RR 2013, 19; BGH, Urteil vom 06.04.2016 – 2 StR 408/​15 mwN
  6. BGH, Beschluss vom 21.04.2005 – 4 StR 89/​05, NStZ-RR 2005, 232, 233
  7. vgl. BGH, Urteil vom 10.04.2003 – 4 StR 73/​03
  8. BGH, Urteil vom 07.03.2012 – 2 StR 565/​11 9
  9. vgl. KK-Ott, 7. Aufl. § 261 Rn. 31b
  10. BGH, Beschluss vom 04.10.2017 – 2 StR 219/​15 24, BGH, Beschluss vom 28.10.1999 – 4 StR 370/​99, NStZ 2000, 217
  11. BGH, Urteil vom 06.04.2016 – 2 StR 408/​15 mwN