Aus­schluss der Öffent­lich­keit – wäh­rend der Schluss­an­trä­ge

Haben Tei­le der Haupt­ver­hand­lung zuvor unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit statt­ge­fun­den, ist nach der zwin­gen­den Vor­schrift des § 171b Abs. 3 Satz 2 GVG – auch ohne ent­spre­chen­den Antrag – die Öffent­lich­keit wäh­rend der Schluss­an­trä­ge aus­zu­schlie­ßen.

Aus­schluss der Öffent­lich­keit – wäh­rend der Schluss­an­trä­ge

Anderns­falls liegt ein Ver­stoß gegen § 171b Abs. 3 Satz 2 GVG vor, der mit Wir­kung vom 01.09.2013 durch Art. 2 StORMG (Gesetz zur Stär­kung der Rech­te von Opfern sexu­el­len Miss­brauchs) vom 26.06.2013 1 ein­ge­führt wur­de.

Der Ange­klag­te ist inso­weit auch anfech­tungs­be­fugt. Die Rege­lung des § 171b Abs. 5 GVG i.V.m. § 336 Satz 2 StPO steht der erho­be­nen Rüge nicht ent­ge­gen.

Gemäß § 171b Abs. 5 GVG sind zwar Ent­schei­dun­gen nach den Absät­zen 1 bis 4 unan­fecht­bar und damit der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prü­fung ent­zo­gen. Dies betrifft aber nur die inhalt­li­che Über­prü­fung der gericht­li­chen Aus­schlie­ßungs­an­ord­nung dar­auf, ob die in § 171b Abs. 1 und 2 GVG nor­mier­ten tat­be­stand­li­chen Vor­aus­set­zun­gen für einen Aus­schluss der Öffent­lich­keit im Ein­zel­fall vor­lie­gen (vgl. zu § 171b Abs. 3 GVG a.F., BGH, Urteil vom 21.02.1989 – 1 StR 786/​88, BGHR GVG § 171b Abs. 1 Dau­er 1; Urteil vom 21.06.2012 – 4 StR 623/​11, BGHSt 57, 273, 275). Damit ist es dem Revi­si­ons­ge­richt zwar ver­wehrt, die Begrün­dung einer nach § 171b GVG ergan­ge­nen Ent­schei­dung inhalt­lich zu über­prü­fen 2, nicht gehin­dert ist es dage­gen, die gene­rel­le Befug­nis für den Aus­schluss der Öffent­lich­keit wäh­rend der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes zu prü­fen 3.

StPO, 26. Aufl., § 171b GVG, Rn. 25)), nicht gehin­dert ist es dage­gen, die gene­rel­le Befug­nis für den Aus­schluss der Öffent­lich­keit wäh­rend der Ver­le­sung des Ankla­ge­sat­zes zu prü­fen 3.

Zwar ist der abso­lu­te Revi­si­ons­grund des § 338 Nr. 6 StPO nicht gege­ben, weil die­se Vor­schrift bei einer unzu­läs­si­gen Erwei­te­rung der Öffent­lich­keit nicht anwend­bar ist 4. Durch­grei­fend ist aber der rela­ti­ve Revi­si­ons­grund (§ 337 StPO).

Auf dem dar­ge­leg­ten Ver­fah­rens­feh­ler konn­te jedoch der Schuld­spruch im vor­lie­gen­den Fall nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht beru­hen: Der Bun­des­ge­richts­hof kann ange­sichts der inso­weit gestän­di­gen Ein­las­sung des Ange­klag­ten und der ansons­ten gege­be­nen kla­ren Beweis­la­ge aus­schlie­ßen, dass der Ver­tei­di­ger oder der Ange­klag­te in nicht­öf­fent­li­chen Schluss­vor­trä­gen inso­weit noch Erheb­li­ches hät­ten bekun­den kön­nen. Soweit die Straf­kam­mer dem Ange­klag­ten unter Berück­sich­ti­gung der übri­gen Beweis­ergeb­nis­se hin­sicht­lich sei­ner sexu­el­len Ori­en­tie­rung nicht gefolgt ist, bleibt der Schuld­spruch davon unbe­rührt.

Dage­gen kann der Aus­spruch über die Ein­zel­stra­fen und die Gesamt­stra­fe sowie die Ver­sa­gung der Straf­aus­set­zung zur Bewäh­rung auf dem Ver­fah­rens­feh­ler beru­hen. Es ist nicht aus­ge­schlos­sen, dass jeden­falls der Ange­klag­te, wäre ihm das letz­te Wort unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit erteilt wor­den, Aus­füh­run­gen gemacht hät­te, die die Straf­zu­mes­sung zu sei­nen Guns­ten beein­flusst hät­ten.

Die Öffent­lich­keit wur­de in der Haupt­ver­hand­lung mehr­fach auf Antrag des Ange­klag­ten nach § 171b Abs. 1 GVG aus­ge­schlos­sen, weil im Rah­men sei­ner gestän­di­gen Ein­las­sung Umstän­de aus sei­ner Intim­sphä­re, nament­lich sei­ner Sexu­al­sphä­re zur Spra­che kamen. Bereits aus die­sem Grund besteht die begrün­de­te Annah­me, dass der Ange­klag­te über sei­ne Ein­las­sung hin­aus in sei­nem letz­ten Wort wei­te­re sich zu sei­nen Guns­ten aus­wir­ken­de Umstän­de ange­spro­chen hät­te, wenn er nicht der beson­de­ren Belas­tung der öffent­li­chen Haupt­ver­hand­lung aus­ge­setzt gewe­sen wäre.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 12. Novem­ber 2015 – 2 StR 311/​15

  1. BGBl. I S. 1805[]
  2. vgl. Wickern in: Löwe-Rosen­berg, StPO, 26. Aufl., § 171b GVG, Rn. 25[]
  3. BGH, Urteil vom 21.06.2012 – 4 StR 623/​11; BGHSt 57, 273, 275[][]
  4. vgl. BGH, Beschluss vom 17.09.2014 – 1 StR 212/​14, Beck RS 2014, 19859 mwN[]