Beding­ter Tötungs­vor­satz – und die Gesamt­schau aller Tat­um­stän­de

Vor Annah­me eines beding­ten Tötungs­vor­sat­zes müs­sen bei­de Ele­men­te der inne­ren Tat­sei­te, also sowohl das Wis­sens- als auch das Wil­lens­ele­ment, umfas­send geprüft und gege­be­nen­falls durch tat­säch­li­che Fest­stel­lun­gen belegt wer­den.

Beding­ter Tötungs­vor­satz – und die Gesamt­schau aller Tat­um­stän­de

Hier­zu bedarf es einer Gesamt­schau aller objek­ti­ven und sub­jek­ti­ven Tat­um­stän­de des Ein­zel­fal­les, in wel­che vor allem die objek­ti­ve Gefähr­lich­keit der Tat­hand­lung, die kon­kre­te Angriffs­wei­se des Täters, sei­ne psy­chi­sche Ver­fas­sung bei der Tat­be­ge­hung und sei­ne Moti­va­ti­ons­la­ge ein­zu­be­zie­hen sind.

Kann der Tatrich­ter auf der Grund­la­ge die­ser Gesamt­be­wer­tung aller Umstän­de Zwei­fel am Vor­lie­gen des beding­ten Vor­sat­zes nicht über­win­den, so hat das Revi­si­ons­ge­richt, sofern Rechts­feh­ler nicht vor­lie­gen, dies auch dann hin­zu­neh­men, wenn eine abwei­chen­de Wür­di­gung der Bewei­se mög­lich oder sogar näher­lie­gend gewe­sen wäre. Glei­cher­ma­ßen allein Sache des Tatrich­ters ist es, die Bedeu­tung und das Gewicht der ein­zel­nen Indi­zi­en in der Gesamt­wür­di­gung des Beweis­ergeb­nis­ses zu bewer­ten.

Ist die­se Bewer­tung ver­tret­bar, so kann das Revi­si­ons­ge­richt nicht auf der Grund­la­ge einer abwei­chen­den Beur­tei­lung der Bedeu­tung einer Indi­z­tat­sa­che in die Über­zeu­gungs­bil­dung des Tatrich­ters ein­grei­fen.

Dies gilt sogar dann, wenn der Tatrich­ter – anders als hier – im Rah­men der Prü­fung des beding­ten Tötungs­vor­sat­zes Gewalt­hand­lun­gen des Täters fest­ge­stellt hat, die für das Opfer objek­tiv lebens­be­droh­lich gewe­sen sind.

Zwar hat der Bun­des­ge­richts­hof die auf der Grund­la­ge der dem Täter bekann­ten Umstän­de zu bestim­men­de objek­ti­ve Gefähr­lich­keit der Tat­hand­lung als wesent­li­chen Indi­ka­tor sowohl für das Wis­sens- als auch für das Wil­lens­ele­ment des beding­ten Vor­sat­zes ange­se­hen und bei äußerst gefähr­li­chen Gewalt­hand­lun­gen das Vor­lie­gen bei­der Ele­men­te als nahe­lie­gend bezeich­net. Dies bedeu­tet jedoch nicht, dass der Tatrich­ter der objek­ti­ven Gefähr­lich­keit der Tat­hand­lung bei der Prü­fung der sub­jek­ti­ven Tat­sei­te von Rechts wegen immer die aus­schlag­ge­ben­de indi­zi­el­le Bedeu­tung bei­zu­mes­sen hät­te. Dar­in läge eine vom Ein­zel­fall gelös­te Fest­le­gung des Beweis­werts und der Beweis­rich­tung eines im Zusam­men­hang mit der­ar­ti­gen Delik­ten immer wie­der auf­tre­ten­den Umstan­des, die einer Beweis­re­gel nahe­kä­me und des­halb dem Grund­satz der frei­en rich­ter­li­chen Beweis­wür­di­gung wider­sprä­che 1. Dies gilt auch für die revi­si­ons­ge­richt­li­che Über­prü­fung im Fall der Nicht­ver­ur­tei­lung wegen eines ide­al­kon­kur­rie­ren­den Delikts aus tat­säch­li­chen Grün­den 2.

Die Gewich­tung der objek­ti­ven Tat­um­stän­de und die Bewer­tung ihrer Bedeu­tung für den sub­jek­ti­ven Tat­be­stand sind allein dem Tatrich­ter vor­be­hal­ten. Dies gilt auch bei Sti­chen in den Ober­kör­per des Opfers, die nicht stets und gleich­sam auto­ma­tisch den Schluss auf das Vor­lie­gen eines (beding­ten) Tötungs­vor­sat­zes begrün­den 3.

Auch die Ein­ord­nung und Wür­di­gung des Han­delns in affek­ti­ver Erre­gung obliegt dem Tatrich­ter 4. Zudem ist in der Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aner­kannt, dass ins­be­son­de­re bei spon­ta­nen, unüber­leg­ten, in affek­ti­ver Erre­gung aus­ge­führ­ten Hand­lun­gen aus dem Wis­sen um den mög­li­chen Ein­tritt des Todes nicht ohne Berück­sich­ti­gung der sich aus der Tat und der Per­sön­lich­keit des Täters erge­ben­den Beson­der­hei­ten dar­auf geschlos­sen wer­den kann, dass das – selb­stän­dig neben dem Wis­sens­ele­ment ste­hen­de – vol­un­ta­ti­ve Vor­satz­ele­ment gege­ben ist 5.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 3. Dezem­ber 2015 – 4 StR 387/​15

  1. vgl. zum Gan­zen BGH, Urteil vom 16.03.2013 – 3 StR 45/​13, NStZ-RR 2013, 242, 243 mwN; fer­ner auch Urteil vom 05.12 2013 – 4 StR 371/​13[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 05.11.2014 – 1 StR 327/​14, NStZ-RR 2015, 83, 85[]
  3. vgl. etwa BGH, Urtei­le vom 16.08.2012 – 3 StR 237/​12, NStZ-RR 2012, 369 f.; vom 17.12 2009 – 4 StR 424/​09, NStZ 2010, 571, 572; zu meh­re­ren Mes­ser­sti­chen auch BGH, Urteil vom 28.01.2010 – 3 StR 533/​09, NStZ-RR 2010, 144 f.[]
  4. BGH, Urteil vom 25.11.2010 – 3 StR 364/​10, NStZ 2011, 338 f. mwN[]
  5. vgl. etwa BGH, Urteil vom 14.08.2014 – 4 StR 163/​14, NStZ 2015, 266, 267 f.[]