Beweis­wür­di­gung und Urteils­grün­de in Aus­sa­ge-gegen-Aus­sa­ge-Kon­stel­la­tio­nen

Die Beweis­wür­di­gung ist Sache des Tatrich­ters, dem es obliegt, das Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung fest­zu­stel­len und zu wür­di­gen. Der revi­si­ons­ge­richt­li­chen Über­prü­fung unter­liegt nur, ob ihm dabei Rechts­feh­ler unter­lau­fen sind. Dies ist in sach­lich­recht­li­cher Hin­sicht der Fall, wenn die Beweis­wür­di­gung wider­sprüch­lich, unklar oder lücken­haft ist oder gegen Denk­ge­set­ze oder gesi­cher­te Erfah­rungs­sät­ze ver­stößt [1].

Beweis­wür­di­gung und Urteils­grün­de in Aus­sa­ge-gegen-Aus­sa­ge-Kon­stel­la­tio­nen

In Aus­sa­ge­ge­gen-Aus­sa­ge-Kon­stel­la­tio­nen ist die Beweis­wür­di­gung bereits dann lücken­haft, wenn es an einer geschlos­se­nen Dar­stel­lung der Anga­ben der Neben­klä­ge­rin in der Haupt­ver­hand­lung und der frü­he­ren Aus­sa­gen fehlt, so dass die vom Land­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Inhalts- und Kon­stanz­ana­ly­se revi­si­ons­ge­richt­lich nicht über­prüft wer­den kann.

Die­sen Anfor­de­run­gen wird das ange­foch­te­ne Urteil nicht gerecht. Die Beweis­wür­di­gung ist bereits des­halb lücken­haft, weil es an einer geschlos­se­nen Dar­stel­lung der Anga­ben der Neben­klä­ge­rin in der Haupt­ver­hand­lung und der frü­he­ren Aus­sa­gen fehlt, so dass die vom Land­ge­richt vor­ge­nom­me­ne Inhalts- und Kon­stanz­ana­ly­se revi­si­ons­ge­richt­lich nicht über­prüft wer­den kann.

Dage­gen beschränk­te sich im hier ent­schie­de­nen Fall die Dar­stel­lung der Aus­sa­ge der Neben­klä­ge­rin in der Haupt­ver­hand­lung auf die Mit­tei­lung, die Zeu­gin habe „die sie betref­fen­den Sach­ver­hal­te ihrem Wahr­neh­mungs­be­reich ent­spre­chend so wie fest­ge­stellt“ geschil­dert. Die Anga­ben, die die Neben­klä­ge­rin zuvor bei der Poli­zei gemacht hat, wer­den nicht dar­ge­stellt. Auf die­ser Grund­la­ge erschöp­fen sich die Urteils­grün­de im Hin­blick auf die Inhalts­ana­ly­se – for­mel­haft – dar­in, mit­zu­tei­len, dass die Geschä­dig­te nicht nur über das jewei­li­ge Kern­ge­sche­hen, son­dern auch über Rand­de­tails und neben­säch­li­che Ein­zel­hei­ten berich­tet habe und, dass die Aus­sa­ge in ihrem Umfang sowie ihrer Detail­liert­heit, Kon­kret­heit und Dif­fe­ren­ziert­heit ein Niveau auf­wei­se, wie es bei einem Erleb­nis­be­richt über sexu­el­le Miss­brauchs­hand­lun­gen der fest­ge­stell­ten Art zu erwar­ten sei. Die Bekun­dun­gen der Neben­klä­ge­rin zu den von ihr erho­be­nen Miss­brauchs­vor­wür­fen im Ein­zel­nen, ins­be­son­de­re kon­kre­te Details zum unmit­tel­ba­ren Tat­ge­sche­hen und zum psy­chi­schen Erle­ben der Neben­klä­ge­rin, wer­den dabei aller­dings nicht mit­ge­teilt. Im Hin­blick auf die Kon­stanz­ana­ly­se beschrän­ken sich die Urteils­grün­de auf die Dar­stel­lung der Aus­sa­ge­ent­ste­hung in zeit­li­cher Hin­sicht und die Wie­der­ga­be und Bewer­tung ein­zel­ner Anga­ben in der Haupt­ver­hand­lung und gegen­über der Poli­zei, die das Land­ge­richt als inhalt­li­che Abwei­chun­gen bezeich­net, die nicht geeig­net sei­en, Zwei­fel an der Glaub­haf­tig­keit der Anga­ben der Geschä­dig­ten zu begrün­den. Den Urteils­grün­den ist hin­ge­gen nicht zu ent­neh­men, ob die Neben­klä­ge­rin die vom Land­ge­richt auf­ge­zeig­ten Wider­sprü­che im Aus­sa­ge­inhalt nach­voll­zieh­bar erklä­ren konn­te oder nicht.

Auf die­ser Grund­la­ge kann der Bun­des­ge­richts­hof ins­ge­samt nicht hin­rei­chend über­prü­fen, ob das Land­ge­richt eine fach­ge­rech­te Ana­ly­se der Aus­sa­ge der Neben­klä­ge­rin zum Kern­ge­sche­hen vor­ge­nom­men und über­dies die dabei von ihm auf­ge­zeig­ten Abwei­chun­gen zutref­fend gewich­tet hat [2].

Der Bun­des­ge­richts­hof kann nicht aus­schlie­ßen, dass das Land­ge­richt bei Ein­hal­tung der sach­lich­recht­li­chen Erör­te­rungs­pflich­ten zu einer ande­ren Beur­tei­lung der Glaub­haf­tig­keit der Geschä­dig­ten gelangt wäre. Die Sache bedarf daher der Ver­hand­lung und Ent­schei­dung durch einen neu­en Tatrich­ter.

Die Auf­he­bung des straf­recht­li­chen Teils des ange­foch­te­nen Urteils führt nicht zur Auf­he­bung der zu Guns­ten der Neben­klä­ge­rin ergan­ge­nen Adhä­si­ons­ent­schei­dung (§ 406a Abs. 3 Satz 1 StPO); des­sen Auf­he­bung bleibt gege­be­nen­falls dem neu­en Tatrich­ter vor­be­hal­ten [3].

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 20. Dezem­ber 2017 – 1 StR 408/​17

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urteil vom 30.03.2004 – 1 StR 354/​03, NStZ-RR 2004, 238 f.; BGH, Urteil vom 02.12 2005 – 5 StR 119/​05, NJW 2006, 925, 928[]
  2. zur Gewich­tung von Aus­sa­ge­kon­stanz und Wider­spruchs­frei­heit vgl. BGH, Urteil vom 23.01.1997 – 4 StR 526/​96, NStZ-RR 1997, 172[]
  3. vgl. nur BGH, Beschluss vom 07.06.2017 – 4 StR 197/​17, NStZ-RR 2017, 270 Rn. 13; Urteil vom 23.07.2015 – 3 StR 470/​14, Stra­Fo 2016, 25 Rn. 56 mwN[]