Das letz­te Wort – der Eltern

Wird dem Ange­klag­ten, des­sen Eltern nach sei­nem letz­ten Wort noch Wort ergrif­fen haben, danach nicht erneut das letz­te Wort gewährt, so begrün­det dies kei­ne Ver­let­zung von § 258 Abs. 2 StPO.

Das letz­te Wort – der Eltern

Aller­dings wird im Schrift­tum über­wie­gend die Auf­fas­sung vert­re- ten, dem Ange­klag­ten gebüh­re stets das "aller­letz­te" Wort 1. Es sei ihm in jedem Fall nach sei­nem Erzie­hungs­be­rech­tig­ten oder gesetz­li­chen Ver­tre­ter zu ertei­len, weil des­sen Aus­füh­run­gen mit denen eines Inter­es­sen­ver­tre­ters ver­gleich­bar sei­en 2. Des­halb bestehe kein über­zeu­gen­der Grund, die Aus­füh­run­gen des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten oder gesetz­li­chen Ver­tre­ters anders zu behan­deln, als die sei­nes Ver­tei­di­gers 3. Zum Teil wird ver­tre­ten, § 258 Abs. 3 StPO sei in die­sen Fäl­len ana­log anzu­wen­den 2.

Die Recht­spre­chung und die Gegen­mei­nung in der Lite­ra­tur gehen dem­ge­gen­über davon aus, dass die Rei­hen­fol­ge, in der dem Ange­klag­ten und sei­nem Erzie­hungs­be­rech­tig­ten bzw. gesetz­li­chen Ver­tre­ter das letz­te Wort zu ertei­len sei, im Ermes­sen des Vor­sit­zen­den ste­he 4.

Der Bun­des­ge­richts­hof folgt der letzt­ge­nann­ten Auf­fas­sung:

Nach § 67 Abs. 1 JGG steht dem Erzie­hungs­be­rech­tig­ten und dem gesetz­li­chen Ver­tre­ter das Recht zu, gehört zu wer­den, Fra­gen und Anträ­ge zu stel­len oder bei Unter­su­chungs­hand­lun­gen anwe­send zu sein, soweit dem Beschul­dig­ten ein sol­ches Recht zusteht. In Ver­bin­dung mit § 258 Abs. 2 StPO folgt dar­aus, dass die­sen Per­so­nen – wie dem jugend­li­chen Ange­klag­ten – das Recht auf das letz­te Wort zusteht. Die Vor­schrift des § 258 Abs. 3 StPO regelt auch inso­weit nur das Ver­hält­nis zwi­schen dem Plä­doy­er eines Ver­tei­di­gers und dem grund­sätz­lich danach zu gewäh­ren­den letz­ten Wort des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten und gesetz­li­chen Ver­tre­ters. Zu der Rei­hen­fol­ge, in der dem Ange­klag­ten und sei­nem Ver­tre­ter jeweils das letz­te Wort zu gewäh­ren ist, ent­hält das Gesetz kei­ne aus­drück­li­che Rege­lung 5, so dass der Wort­laut des Geset­zes für ihre Gleich­ran­gig­keit spricht, jeden­falls aber kei­nen Hin­weis auf einen Vor­rang der Rech­te des Ange­klag­ten gibt.

Für eine ande­re Aus­le­gung oder gar eine ana­lo­ge Anwen­dung von § 258 Abs. 3 StPO besteht kein Raum: Bei dem Recht aus § 258 Abs. 2 StPO in Ver­bin­dung mit § 67 Abs. 1 JGG han­delt es sich um ein dem Recht des Ange­klag­ten auf das letz­te Wort gleich­ge­stell­tes Äuße­rungs­recht, nicht aber um das Recht auf einen Schluss­vor­trag. Zu einem sol­chen ist dem Erzie­hungs­be­rech­tig­ten und gesetz­li­chen Ver­tre­ter gemäß § 258 Abs. 1 StPO in Ver­bin­dung mit § 67 Abs. 1 JGG Gele­gen­heit zu geben 6; das Recht auf das letz­te Wort ist dem­ge­gen­über nach der Sys­te­ma­tik des § 258 StPO ein ali­ud. Die gesetz­li­che Kon­zep­ti­on sieht es dem­nach gera­de nicht vor, die Aus­füh­run­gen des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten oder gesetz­li­chen Ver­tre­ters so zu behan­deln, wie die des Ver­tei­di­gers des jugend­li­chen Ange­klag­ten.

Ein Vor­rang der Inter­es­sen des Jugend­li­chen gegen­über den­je­ni­gen des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten, der es ver­bind­lich gebo­ten erschei­nen las­sen könn­te, dem Jugend­li­chen stets das "aller­letz­te" Wort zu geben, ergibt sich auch nicht aus Sinn und Zweck von § 67 Abs. 1 JGG: Die Vor­schrift begrün­det als ein­fach­ge­setz­li­che Aus­prä­gung des ver­fas­sungs­recht­lich ver­bürg­ten Eltern­rechts aus Art. 6 Abs. 2 GG eine eige­ne Rechts­po­si­ti­on der Erzie­hungs­be­rech­tig­ten und gesetz­li­chen Ver­tre­ter, die die Stel­lung des Jugend­li­chen im Ver­fah­ren zwar nicht schwächt, des­sen Posi­ti­on gegen­über auf­grund der Gleich­wer­tig­keit der Inter­es­sen­la­gen aber gleich­ran­gig ist 7.

Auch die his­to­ri­sche Aus­le­gung erbringt kei­ne Hin­wei­se auf einen etwai­gen Vor­rang der Rechts­stel­lung des Beschul­dig­ten gegen­über der­je­ni­gen des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten. In § 30 des Jugend­ge­richts­ge­set­zes vom 27.02.1923 8 war erst­mals gere­gelt, dass die "Rech­te des Beschul­dig­ten zur Anwe­sen­heit bei Amts­hand­lun­gen, auf Gehör und zur Vor­le­gung von Fra­gen […] auch dem gesetz­li­chen Ver­tre­ter" zustan­den. In dem Ent­wurf dazu heißt es ledig­lich, dass die Rech­te des gesetz­li­chen Ver­tre­ters erwei­tert wer­den soll­ten; es erschei­ne "wün­schens­wert, dem gesetz­li­chen Ver­tre­ter […] die glei­chen Rech­te ein­zu­räu­men, die der Beschul­dig­te hat", ohne dass dadurch die Rech­te des Erzie­hungs­be­rech­tig­ten erschöpft sein soll­ten 9.

Nach alle­dem fehlt es auch an den für eine ana­lo­ge Anwen­dung von Geset­zen erfor­der­li­chen Vor­aus­set­zun­gen, nament­lich einer plan­wid­ri­gen Rege­lungs­lü­cke 10. Denn es ist nicht zu erken­nen, dass der Gesetz­ge­ber ver­se­hent­lich und plan­wid­rig davon abge­se­hen hat, einen Vor­rang der Rech­te des jugend­li­chen Beschul­dig­ten vor den­je­ni­gen sei­ner Erzie­hungs­be­rech­tig­ten und gesetz­li­chen Ver­tre­ter zu nor­mie­ren.

Wenn danach aber das letz­te Wort des Ange­klag­ten und das­je­ni­ge sei­nes Erzie­hungs­be­rech­tig­ten und Ver­tre­ters grund­sätz­lich gleich zu behan­deln sind, liegt es im pflicht­ge­mä­ßen Ermes­sen des Vor­sit­zen­den, in wel­cher Abfol­ge er die­se gleich­ran­gi­gen Äuße­rungs­rech­te gewährt (§ 238 Abs. 1 StPO), solan­ge im Übri­gen die sich aus § 258 Abs. 2, 3 StPO erge­ben­de Rei­hen­fol­ge beach­tet wird 11.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 11. Juli 2017 – 3 StR 510/​16

  1. KK-Ott, StPO, 7. Aufl., § 258 Rn.20; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., § 258 Rn. 23; LR/​Stuckenberg, StPO, 26. Aufl., § 258 Rn. 39; SK-StPO/­Vel­ten, 5. Aufl., § 258 Rn. 37; HK-JGG-Schatz, 7. Aufl., § 67 Rn. 21; NHK-JGG/­Trüg, 2. Aufl., § 67 Rn. 10; Eisen­berg, JGG, 19. Aufl., § 67 Rn. 9a; Beck­OK JGG/​Grommes, § 67 Rn. 16; aA Rad­tke/Hoh­man­n/­For­kert-Hos­ser, StPO, § 258 Rn. 30; Beck­OK StPO/​Eschelbach, § 258 Rn.19; vgl. auch Brunner/​Dölling, JGG, 12. Aufl., § 67 Rn. 6[]
  2. SK-StPO/­Vel­ten aaO[][]
  3. LR/​Stuckenberg aaO[]
  4. vgl. RG, Urteil vom 16.02.1923 – I 716/​22, RGSt 57, 265, 266; BGH, Urteil vom 10.12 1965 – 4 StR 561/​65; Beschluss vom 17.01.2003 – 2 StR 443/​02, BGHSt 48, 181, 182; Rad­tke/Hoh­man­n/­For­kert-Hos­ser aaO; Beck­OK StPO/​Eschelbach aaO; Brunner/​Dölling aaO[]
  5. vgl. inso­weit auch SK-StPO/­Vel­ten aaO[]
  6. HK-JGG-Schatz aaO[]
  7. NHK-JGG/­Trüg aaO, § 67 Rn. 1; wohl auch Brunner/​Dölling aaO, § 67 Rn. 5; aA Eisen­berg aaO, § 67 Rn. 4[]
  8. RGBl. I, S. 135[]
  9. Ver­hand­lun­gen des Reichs­tags, I. Wahl­pe­ri­ode 1920, Bd. 375, Anla­gen zu den Ste­no­gra­phi­schen Berich­ten, Akten­stück Nr. 5171, S. 21[]
  10. vgl. S/​S‑Eser/​Hecker, StGB, 29. Aufl., § 1 Rn. 35 mwN[]
  11. vgl. BGH, Beschluss vom 17.01.2003 – 2 StR 443/​02, BGHSt 48, 181, 182[]