Der hoch­be­tag­te Ange­klag­te – und sei­ne Ver­hand­lungs­fä­hig­keit

Für die straf­recht­li­che Ver­hand­lungs­fä­hig­keit genügt es grund­sätz­lich, dass der Ange­klag­te die Fähig­keit hat, in und außer­halb der Ver­hand­lung sei­ne Inter­es­sen ver­nünf­tig wahr­zu­neh­men, die Ver­tei­di­gung in ver­stän­di­ger und ver­ständ­li­cher Wei­se zu füh­ren, Pro­zess­erklä­run­gen abzu­ge­ben oder ent­ge­gen­zu­neh­men 1.

Der hoch­be­tag­te Ange­klag­te – und sei­ne Ver­hand­lungs­fä­hig­keit

Je nach den Anfor­de­run­gen für die anste­hen­den Pro­zess­hand­lun­gen kann eine unter­schied­li­che Beur­tei­lung erfor­der­lich sein; bei Voll­jäh­ri­gen ent­fällt die Ver­hand­lungs­fä­hig­keit in der Regel aber nur durch schwe­re kör­per­li­che oder see­li­sche Män­gel oder Krank­hei­ten 2.

Soweit sich aus den kogni­ti­ven Beein­träch­ti­gun­gen – wie auch auf­grund der gerin­gen kör­per­li­chen Belast­bar­keit des hoch­be­tag­ten (hier: 95 Jah­re alten) Ange­schul­dig­ten – Ein­schrän­kun­gen der Ver­hand­lungs­fä­hig­keit erge­ben, kann dem durch ange­pass­te Ver­hand­lungs­füh­rung (etwa Pau­sen, Unter­bre­chun­gen, ärzt­li­che Betreu­ung) und wei­te­re Maß­nah­men der Ver­hand­lungs­lei­tung, wie zum Bei­spiel durch Wie­der­ho­lung von Fra­gen und Pro­zess­erklä­run­gen sowie durch deren schrift­li­che Fixie­rung zum Nach­le­sen, hin­rei­chend begeg­net wer­den. Zudem hat der Ange­schul­dig­te drei Straf­ver­tei­di­ger (zwei Ver­tei­di­ger sei­ner Wahl sowie einen Pflicht­ver­tei­di­ger) an sei­ner Sei­te, die zu einer sach­ge­rech­ten Wahr­neh­mung sei­ner Belan­ge bei­tra­gen wer­den.

Die Fra­ge, ob der Ange­schul­dig­te in Per­son über­haupt in der Lage ist, den gesam­ten Streit- und Pro­zess­stoff in allen Ein­zel­hei­ten über die gesam­te Ver­hand­lungs­dau­er zu reflek­tie­ren, ver­fängt dabei für das Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock nicht. Denn in bedeut­sa­men Ver­fah­ren, denen sich ein ggf. nur ein­ge­schränkt zur eige­nen Ver­tei­di­gung fähi­ger Beschul­dig­ter gegen­über­sieht, gehört es gera­de zum ele­men­ta­ren Wesen der (Pflicht)Verteidigung, dem Rechts­staats­prin­zip fol­gend einem Beschul­dig­ten die not­wen­di­ge Unter­stüt­zung zuteil wer­den zu las­sen (vgl. § 140 Abs. 1, Abs. 2 StPO), ohne dass die­ser Beschul­dig­te auf­grund der Schwie­rig­keit der Sach- und Rechts­la­ge ver­hand­lungs­un­fä­hig wäre.

Die Annah­me der Ver­hand­lungs­fä­hig­keit ver­letzt vor­lie­gend nach Ansicht des Ober­lan­des­ge­richts Ros­tock auch nicht die durch die Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts gezo­ge­nen ver­fas­sungs­recht­li­chen Gren­zen 3.

Aus­gangs­punkt der ver­fas­sungs­recht­li­chen Prü­fung ist die Abwä­gung zwi­schen der Pflicht des Staa­tes zur Gewähr­leis­tung einer funk­ti­ons­tüch­ti­gen Straf­rechts­pfle­ge mit dem durch Art. 2 Abs. 2 GG geschütz­ten Inter­es­se des Ange­schul­dig­ten an sei­ner kör­per­li­chen Unver­sehrt­heit.

Danach kann eine der Durch­füh­rung des Straf­ver­fah­rens ent­ge­gen­ste­hen­de Ver­hand­lungs­un­fä­hig­keit nur ange­nom­men wer­den, wenn die Fort­füh­rung des Ver­fah­rens, nament­lich die Durch­füh­rung der Haupt­ver­hand­lung mit einer an allen maß­geb­li­chen Umstän­den des Fal­les zu prü­fen­den kon­kre­ten Lebens- oder schwer­wie­gen­den Gesund­heits­ge­fähr­dung ver­bun­den ist.

Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts ver­mag nur eine hin­rei­chend siche­re Pro­gno­se über den "Scha­dens­ein­tritt" die Ein­stel­lung des Ver­fah­rens (bzw. hier: die Ableh­nung der Eröff­nung des Ver­fah­rens) vor der Ver­fas­sung zu recht­fer­ti­gen. Einer­seits darf bei unter­halb der Wahr­schein­lich­keits­gren­ze lie­gen­der blo­ßer Mög­lich­keit des Todes von der Durch­füh­rung der Haupt­ver­hand­lung nicht Abstand genom­men wer­den; ande­rer­seits dür­fen die Anfor­de­run­gen an die Vor­her­seh­bar­keit von gesund­heit­li­chen Beein­träch­ti­gun­gen nicht über­spannt wer­den. Es ist viel­mehr ein dazwi­schen lie­gen­der spe­zi­fi­scher Wahr­schein­lich­keits­grad erfor­der­lich, der sich einer genau­en Quan­ti­fi­zie­rung ent­zieht 4.

An die­sen Vor­ga­ben gemes­sen hält das OLG Ros­tock die Durch­füh­rung der Haupt­ver­hand­lung hier für ver­ant­wort­bar. Dass es infol­ge emo­tio­na­ler Belas­tung durch die Teil­nah­me an der Haupt­ver­hand­lung und dem zu erwar­ten­den Medi­en­in­ter­es­se zu einer erneu­ten gesund­heit­li­chen Kri­se kom­men könn­te, ist zwar nicht aus­zu­schlie­ßen, erscheint jedoch bei gebo­te­ner medi­zi­ni­scher Vor­sor­ge beherrsch­bar und stellt, soweit ersicht­lich, kei­ne aku­te Gefahr für das Leben des Ange­schul­dig­ten dar.

Zu den in die Ent­schei­dung ein­zu­be­zie­hen­den maß­geb­li­chen Umstän­den des Fal­les gehört im übri­gen auch, dass sich die Beweis­auf­nah­me im wesent­li­chen in der Ver­le­sung der in der Ankla­ge­schrift auf­ge­führ­ten Urkun­den (Nie­der­schrif­ten über die Ver­neh­mung ver­stor­be­ner Zeu­gen) erschöp­fen wird, was für den Ange­schul­dig­ten natur­ge­mäß eine deut­lich gerin­ge­re Belas­tung mit sich bringt als etwa die Ver­neh­mung von noch leben­den KZ-Insas­sen als Tat­zeu­gen. Die Dau­er der Haupt­ver­hand­lung wird sich des­we­gen auch in einem zeit­lich über­schau­ba­ren Rah­men hal­ten.

Ober­lan­des­ge­richt Ros­tock, Beschluss vom 27. Novem­ber 2015 – 20 Ws 192/​15

  1. BVerfG, Beschluss vom 24.02.1995 – 2 BvR 345/​95 – juris; BGH NStZ 96, 242[]
  2. Mey­er-Goß­ner, StPO, 58. Auf­la­ge, Einl. Rn. 97 m.w.N.[]
  3. vgl. dazu grund­le­gend BVerfGE 51, 324 = NJW 79, 2349; fort­ge­führt u.a. durch BVerfG, Beschlüs­se vom 22.09.1993 – 2 BvR 1732/​93, NStZ 93, 598; vom 24.02.1995 – 2 BvR 345/​95, NJW 95, 1951(Fall Miel­ke); vom 20.09.2001 – 2 BvR 1349/​01, NJW 02, 51; vom 08.06.2004 – 2 BvR 785/​04, NJW 05, 2382; und vom 06.10.2009 – 2 BvR 1724/​09[]
  4. BVerfGE 51, 324[]