Die in Frank­reich ver­häng­te Haft­stra­fe

Zustän­dig­keit, Ver­fah­ren und mate­ri­el­le Gestal­tung der Voll­stre­ckung einer durch ein fran­zö­si­sches Gericht ver­häng­ten Haft­stra­fe im Inland rich­ten sich nach deut­schem Recht als dem Recht des Voll­stre­ckungs­staa­tes.

Die in Frank­reich ver­häng­te Haft­stra­fe

Wird eine durch ein rechts­kräf­ti­ges Urteil ver­häng­te Frei­heits­stra­fe nach­träg­lich durch – hier noch nach­träg­lich erfolg­te- rich­ter­li­che Gestal­tungs­ak­te ermä­ßigt, ist als ver­häng­te Stra­fe im Sin­ne des § 57 Abs. 1 Nr. 1 StGB die Stra­fe in ihrem redu­zier­ten Umfang anzu­se­hen.

Voll­stre­ckung nach deut­schem Recht

Die Ent­schei­dung über die­se Fra­ge rich­tet sich, so das Ober­lan­des­ge­richt, nach § 57 des deut­schen Straf­ge­setz­bu­ches. Zwar ist die Frei­heits­ent­zie­hung auf­grund eines Über­nah­me­ersu­chens durch Voll­zug der Exe­qua­tur­ent­schei­dung nur der Form nach Straf­voll­stre­ckung, ihrem Wesen ent­spre­chend jedoch Rechts­hil­fe 1. Gleich­wohl gel­ten für die Aus­set­zung des Straf­res­tes, wenn die deut­sche Voll­stre­ckungs­be­hör­de – wie hier – nach der Bewil­li­gung der Rechts­hil­fe die Voll­stre­ckung einer frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­nah­me aus einem aus­län­di­schen Urteil durch­führt, nach Art. 9 Abs. 3 Über­st­Übk und § 57 Abs. 2 IRG die Vor­schrif­ten des deut­schen Straf­ge­setz­buchs 2. Unter Zurück­tre­ten des aus § 57 Abs. 2, 3 und 6 IRG abge­lei­te­ten Meist­be­güns­ti­gungs­prin­zips rich­ten sich dabei Zustän­dig­keit, Ver­fah­ren und mate­ri­el­le Gestal­tung der Voll­stre­ckung auf Grund des gemäß § 1 Abs. 3 IRG spe­zi­el­le­ren Art. 9 Abs. 3 Über­st­Übk allein nach deut­schem Recht als dem Recht des Voll­stre­ckungs­staa­tes 3.

Straf­re­du­zie­run­gen

Unab­hän­gig davon, ob über die Fra­ge der Anre­chen­bar­keit der nach Beginn der Voll­stre­ckung in Frank­reich erfolg­ten Straf­re­du­zie­run­gen, über die die Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer K. in ihrem Exe­qua­tur­be­schluss vom 20.02.2008 nicht befun­den hat, im Rah­men einer Ergän­zungs­ent­schei­dung gemäß § 54 Abs. 4 Satz 2 IRG zu ent­schei­den war oder dies auch erst im Rah­men einer Ent­schei­dung über die Straf­zeit­be­rech­nung gemäß § 458 Abs. 1 StPO geklärt wer­den konn­te 4, liegt dem­ge­mäß nun­mehr eine in Rechts­kraft erwach­se­ne Anrech­nungs­ent­schei­dung einer deut­schen Straf­voll­stre­ckungs­kam­mer vor, die unab­hän­gig von der Fra­ge ihrer inhalt­li­chen Rich­tig­keit für das wei­te­re Voll­stre­ckungs­ver­fah­ren zu beach­ten ist. Da die fran­zö­si­schen Straf­maß­re­du­zie­run­gen – wie sich aus der vom fran­zö­si­schen Jus­tiz­mi­nis­te­ri­um zur Ver­fü­gung gestell­ten „Straf­lis­te“ (Fiche Péna­le) ergibt – jeweils auf der Grund­la­ge rich­ter­li­cher Ent­schei­dun­gen erfolgt sind, in denen die ursprüng­lich ver­häng­te Frei­heits­stra­fe auf­grund eines rich­ter­li­chen Gestal­tungs­ak­tes nach­träg­lich unbe­dingt ver­än­dert wur­de 5, ist zum jet­zi­gen, für die Prü­fung der Vor­aus­set­zun­gen des § 57 StGB maß­geb­li­chen Zeit­punkt von der modi­fi­zier­ten Stra­fe als Anknüp­fungs­punkt für den Zwei­drit­tel­zeit­punkt im Sin­ne des Abs. 1 Satz 1 Nr. 1 StGB die­ser Vor­schrift aus­zu­ge­hen 6.

Ober­lan­des­ge­richt Karls­ru­he, Beschluss vom 24. Novem­ber 2011 – 2 Ws 224/​11

  1. vgl. OLG Köln NStZ 2008, 641, 642[]
  2. OLG Ham­burg Stra­Fo 2009, 301 f.; OLG Köln a.a.O.; OLG Saar­brü­cken Beschluss vom 16.06.2008 – 1 Ws 46/​08; OLG Düs­sel­dorf NStZ-RR 2006, 217 f.; OLG Schles­wig Beschluss vom 11.04.2003 – 1 Ws 143/​03[]
  3. vgl. OLG Ham­burg a.a.O.; OLG Saar­brü­cken a.a.O. Schomburg/​Hackner in Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 4. Aufl., Art. 9 Über­st­Übk Rdnr. 7 u. § 57 IRG Rdnr. 8 c[]
  4. im ers­te­ren Sin­ne OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 16.11.2004 – 1 Ws 180/​04[]
  5. vgl. für die réduc­tion de pei­ne gemäß Art. 721 CPP OLG Saar­brü­cken, Beschluss vom 16.06.2008 – 1 Ws 46/​08[]
  6. vgl. auch OLG Saar­brü­cken NJW 1973, 2037 f. im Zusam­men­hang mit dem abwei­chen­den und – wie Schall in SK-StGB, Stand Juni 2011 § 57 Rdnr. 3a m.w.N. dar­legt – umstrit­te­nen Fall eines voll­stre­ckungs­be­hörd­li­chen Tei­ler­las­ses im Gna­den­we­ge[]