Die im Straf­pro­zess nicht ver­nom­me­ne Haupt­be­las­tungs­zeu­gin

Eine Ver­let­zung des Kon­fron­ta­ti­ons­rechts kann nach der Recht­spre­chung des EGMR zu einem Ver­stoß gegen Art. 6 EMRK füh­ren 1. Allein dar­aus, dass eine Belas­tungs­zeu­gin nicht im gericht­li­chen Ver­fah­ren kon­fron­tiert wer­den kann, folgt indes noch kei­ne Ver­let­zung des Art. 6 EMRK.

Die im Straf­pro­zess nicht ver­nom­me­ne Haupt­be­las­tungs­zeu­gin

Eine sol­che hängt viel­mehr von einer umfas­sen­den Betrach­tung des Straf­ver­fah­rens ins­ge­samt ab. In die­se ist etwa auch ein­zu­be­zie­hen, war­um die Zeu­gin nicht gehört wur­de und ob im Ermitt­lungs­ver­fah­ren die Mög­lich­keit zur Kon­fron­ta­ti­on der Zeu­gin bestand 2.

In Sexu­al­straf­ver­fah­ren ist es grund­sätz­lich nicht zu bean­stan­den, dass eine belas­ten­de Zeu­gen­aus­sa­ge ledig­lich durch Wür­di­gung der Video­auf­nah­me einer vor­he­ri­gen Ver­neh­mung in das Haupt­ver­fah­ren ein­ge­führt wird, solan­ge die Ver­tei­di­gung die Mög­lich­keit hat­te, Fra­gen zu stel­len 3.

Jeden­falls erwächst aus einer Ver­let­zung des Art. 6 EMRK nur in Aus­nah­me­fäl­len, näm­lich in Fäl­len einer offen­kun­di­gen Ver­wei­ge­rung eines fai­ren Ver­fah­rens ("a fla­grant deni­al of a fair tri­al"), ein Aus­lie­fe­rungs­hin­der­nis 4. Die­se Fäl­le gehen über die rei­ne Ver­let­zung von Art. 6 EMRK hin­aus und betref­fen Kon­ven­ti­ons­ver­stö­ße, die so grund­le­gend sind, dass sie einer Zer­stö­rung des Wesens­ge­halts des durch Art. 6 EMRK garan­tier­ten Rechts gleich­kom­men 5.

Der EGMR hat sol­che Ver­let­zun­gen etwa bei Straf­ver­fah­ren ange­nom­men, die ohne Ein­ver­ständ­nis des Betrof­fe­nen gänz­lich in des­sen Abwe­sen­heit geführt wur­den 6, in denen der Betrof­fe­ne in einem ledig­lich sum­ma­ri­schen Ver­fah­ren, in sei­ner Abwe­sen­heit und unter grund­le­gen­der Ver­ken­nung der Rech­te der Ver­tei­di­gung zum Tode ver­ur­teilt wur­de 7, in denen der Betrof­fe­ne einem Straf­ver­fah­ren in einem frem­den Land aus­ge­setzt war und der Zugang zu einem Rechts­an­walt absicht­lich und sys­te­ma­tisch ver­wei­gert wur­de 8 oder in denen durch Fol­ter erlang­te Zeu­gen­aus­sa­gen ver­wer­tet wur­den 9.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 26. Febru­ar 2018 – 2 BvR 107/​18

  1. dazu EGMR [GK], Al-Kha­wa­ja und Tahe­ry v. Ver­ei­nig­tes König­reich, Urteil vom 15.12 2011, Nrn. 26766/​05 und 22228/​06, §§ 119 ff.; sowie EGMR [GK], Schat­schaschwi­li v. Deutsch­land, Urteil vom 15.12 2015, Nr. 9154/​10, § 107[]
  2. zu letz­te­rem Gesichts­punkt EGMR, Lucà v. Ita­li­en, Urteil vom 27.02.2001, Nr. 33354/​96, § 40 sowie EGMR [GK], Schat­schaschwi­li v. Deutsch­land, Urteil vom 15.12 2015, Nr. 9154/​10, § 106 unter Ver­weis auf EGMR [GK], Al-Kha­wa­ja und Tahe­ry v. Ver­ei­nig­tes König­reich, Urteil vom 15.12 2011, Nrn. 26766/​05 und 22228/​06, §§ 128 und 147[]
  3. vgl. EGMR, A.L. v. Finn­land, Urteil vom 27.01.2009, Nr. 23220/​04, § 41 und D. v. Finn­land, Urteil vom 07.07.2009, Nr. 30542/​04, § 50[]
  4. erst­mals EGMR [Ple­num], Soe­ring v. Ver­ei­nig­tes König­reich, Urteil vom 07.07.1989, Nr. 14038/​88, § 113[]
  5. vgl. EGMR, Oth­man v. Ver­ei­nig­tes König­reich, Urteil vom 17.01.2012, Nr. 8139/​09, § 260[]
  6. EGMR [GK], Sej­do­vic v. Ita­li­en, Urteil vom 01.03.2006, Nr. 56581/​00, § 84[]
  7. EGMR, Bader und Kan­bor v. Schwe­den, Urteil vom 08.11.2005, Nr.13284/​04, § 47[]
  8. EGMR, Al-Moayad v. Deutsch­land, Ent­schei­dung vom 20.02.2007, Nr. 35865/​03, § 101[]
  9. EGMR, Oth­man v. Ver­ei­nig­tes König­reich, Urteil vom 17.01.2012, Nr. 8139/​09, § 267[]