Die straf­schär­fen­de Berück­sich­ti­gung nicht ange­klag­ter Taten

Die durch § 46 Abs. 2 StGB gezo­ge­ne Gren­ze zuläs­si­ger straf­schär­fen­der Berück­sich­ti­gung nicht ange­klag­ter, aber pro­zess­ord­nungs­ge­mäß fest­ge­stell­ter Taten ist jeden­falls dann über­schrit­ten, wenn die­se man­gels enger Bezie­hung zur ange­klag­ten Tat kei­ne Rück­schlüs­se auf Schuld oder Gefähr­lich­keit des Täters zulas­sen, son­dern als sons­ti­ges straf­recht­lich rele­van­tes Ver­hal­ten ohne geson­der­te Ankla­ge und damit außer­halb der Anfor­de­run­gen eines geord­ne­ten Straf­ver­fah­rens einer geson­der­ten Bewer­tung zuge­führt wer­den sol­len.

Die straf­schär­fen­de Berück­sich­ti­gung nicht ange­klag­ter Taten

Gemäß § 46 Abs. 2 StGB hat der Tatrich­ter bei der Straf­zu­mes­sung die für und gegen den Täter spre­chen­den Umstän­de gegen­ein­an­der abzu­wä­gen und dabei nament­lich auch sein Vor­le­ben zu berück­sich­ti­gen. Dies umfasst die im Urteil fest­ge­stell­ten Vor­stra­fen. Es ist in der stän­di­gen Recht­spre­chung des Bun­des­ge­richts­hofs aber auch aner­kannt, dass der Tatrich­ter bei der Fest­stel­lung und Bewer­tung von Straf­zu­mes­sungs­tat­sa­chen durch den Ankla­ge­grund­satz (§§ 155, 264 StPO) nicht beschränkt ist und daher auch straf­ba­re Hand­lun­gen ermit­teln und wür­di­gen kann, die nicht Gegen­stand der Ankla­ge sind, soweit die­se für die Beur­tei­lung der Per­sön­lich­keit des Ange­klag­ten bedeut­sam sein kön­nen und Rück­schlüs­se auf die Tat­schuld des Ange­klag­ten gestat­ten, sofern sie pro­zess­ord­nungs­ge­mäß und damit hin­rei­chend bestimmt fest­ge­stellt wer­den 1.

Aller­dings bedarf es für die geson­der­te Bewer­tung sons­ti­ger straf­recht­lich rele­van­ter Ver­hal­tens­wei­sen ohne geson­der­te Ankla­ge und damit außer­halb der Anfor­de­run­gen eines geord­ne­ten Straf­ver­fah­rens nicht nur der Beach­tung des Gewähr­leis­tungs­ge­halts der Unschulds­ver­mu­tung gemäß Art. 6 Abs. 2 EMRK 2 und – man­gels Ver­brauchs der Straf­kla­ge – der Ver­mei­dung einer Dop­pel­be­stra­fung 3. Ein sach­lich­recht­li­cher Gesichts­punkt kommt hin­zu: Es kann in aller Regel nur dar­um gehen, Umstän­de fest­zu­stel­len, die wegen ihrer engen Bezie­hung zur Tat als Anzei­chen für Schuld oder Gefähr­lich­keit des Täters ver­wert­bar sind. Die­se durch Sinn und Zweck von § 46 Abs. 2 StGB gezo­ge­ne Gren­ze ist jeden­falls dann über­schrit­ten, wenn es an dem not­wen­di­gen inne­ren Zusam­men­hang mit dem ange­klag­ten Tat­vor­wurf fehlt 4.

Aus­ge­hend von die­sen Grund­sät­zen las­sen im hier ent­schie­de­nen Fall die Aus­füh­run­gen des Land­ge­richts nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hof besor­gen, dass es den Taten des Ange­klag­ten zum Nach­teil sei­ner Stief­töch­ter bei der Zumes­sung der schuld­an­ge­mes­se­nen Stra­fe für die ange­klag­te Tat ein zu gro­ßes Gewicht bei­gemes­sen hat. Es hat im vor­lie­gen­den Fall die nicht ange­klag­ten Taten zwar unter Wah­rung der Ver­tei­di­gungs­rech­te des Ange­klag­ten pro­zess­ord­nungs­ge­mäß fest­ge­stellt. Dabei hat es aber das Erfor­der­nis des inne­ren Zusam­men­hangs jeden­falls der­je­ni­gen Taten, die vor der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Tat began­gen wur­den, mit dem (zeit­lich nach­fol­gen­den) Tat­vor­wurf aus dem Blick ver­lo­ren. Denn es han­delt sich bei die­sen Taten weder um ver­gleich­ba­re bzw. gleich­ar­ti­ge Schuld­vor­wür­fe, aus denen sich unmit­tel­ba­re Rück­schlüs­se auf die Tat­schuld des Ange­klag­ten ablei­ten lie­ßen, noch waren die Sexu­al­straf­ta­ten Anlass für die Tötung der Ehe­frau oder stan­den dazu in einem sons­ti­gen inne­ren Zusam­men­hang. Allein das ver­wandt­schaft­li­che Ver­hält­nis der Geschä­dig­ten zuein­an­der und das fami­liä­re Bezie­hungs­ge­flecht von Opfern und Täter sind dafür nicht aus­rei­chend. Gegen einen sol­chen Zusam­men­hang spre­chen fer­ner die gro­ße Zahl der fest­ge­stell­ten Ein­zel­ta­ten und der lan­ge Tat­zeit­raum.

Zudem deu­tet auch die in den Urteils­grün­den geäu­ßer­te Hoff­nung des Land­ge­richts, dass es wegen aller Sexu­al­straf­ta­ten im Hin­blick auf die für das Tötungs­de­likt ver­häng­te Stra­fe nicht zu einem wei­te­ren Straf­ver­fah­ren kom­men wer­de, dar­auf hin, dass die außer­halb der Ankla­ge fest­ge­stell­ten Taten durch das ange­foch­te­ne Urteil mit­be­straft wor­den sind, was unzu­läs­sig wäre 5. Da das Urteil kei­ne Fest­stel­lun­gen zu einem die Taten betref­fen­den Ermitt­lungs- oder Straf­ver­fah­ren ent­hält, bestün­de inso­weit die kon­kre­te Gefahr einer unzu­läs­si­gen Dop­pel­be­stra­fung.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 19. Novem­ber 2013 – 4 StR 448/​13

  1. BGH, Urteil vom 07.05.1974 – 1 StR 42/​75, MDR 1975, 195 f.; BGH, Urteil vom 06.03.1992 – 2 StR 581/​91, BGHR StGB § 46 Abs. 2 Vor­le­ben 19; Beschluss vom 22.05.2013 – 2 StR 68/​13; Beschluss vom 02.07.2009 – 3 StR 251/​09, NStZ-RR 2009, 306; Beschluss vom 05.02.1998 – 4 StR 16/​98, NStZ 1998, 404; Beschluss vom 09.10.2003 – 4 StR 359/​03, NStZ-RR 2004, 359 mwN[]
  2. vgl. dazu BVerfG, Beschluss vom 05.04.2010 – 2 BvR 366/​10, BVerfGK 17, 223, 225 mwN[]
  3. BGH, Urteil vom 07.05.1974 – 1 StR 42/​74, MDR 1975, 195 f.; vgl. auch BGH, Urteil vom 16.12 1975 – 1 StR 755/​75, NStZ 1981, 99, 100; Urteil vom 17.04.1996 – 2 StR 57/​96; BGHR StGB § 46 Abs. 2 Vor­le­ben 26; Beschluss vom 05.02.1998 – 4 StR 16/​98, NStZ 1998, 404 bezüg­lich spä­te­rer Straf­ta­ten; Beschluss vom 25.04.2006 – 4 StR 125/​06, NStZ 2006, 620[]
  4. BGH, Urteil vom 07.05.1974 aaO[]
  5. BVerfG, Beschluss vom 05.04.2010 aaO[]

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