Ein­äsche­rung – und das Zahn­gold in der Asche

Zur "Asche" im Sin­ne des § 168 Abs. 1 StGB gehö­ren sämt­li­che nach der Ein­äsche­rung ver­blei­ben­de Rück­stän­de, d.h. auch die vor­mals mit einem Kör­per fest ver­bun­de­nen, nicht ver­brenn­ba­ren Bestand­tei­le.

Ein­äsche­rung – und das Zahn­gold in der Asche

Das Ent­wen­den von Zahn­gold nach der Ein­äsche­rung erfüllt den Tat­be­stand der Stö­rung der Toten­ru­he (§ 168 StGB). Ins­be­son­de­re han­delt es sich bei Zahn­gold um "Asche" im Sin­ne des § 168 Abs. 1 StGB. Denn zu die­ser gehö­ren nach zutref­fen­der Ansicht sämt­li­che nach der Ein­äsche­rung ver­blei­ben­den Rück­stän­de, d.h. auch die vor­mals mit einem Kör­per fest ver­bun­de­nen frem­den Bestand­tei­le, die nicht ver­brenn­bar sind 1.

Die­se Aus­le­gung ist mit dem all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch zu ver­ein­ba­ren und über­schrei­tet nicht die äußers­te Wort­laut­gren­ze (Art. 103 Abs. 2 GG; vgl. BVerfGE 71, 108, 115; 87, 209, 224; 126, 170, 197). Soweit dem­entge­gen ver­tre­ten wird, nach einem seit Jahr­hun­der­ten bestehen­den, unver­än­dert geblie­be­nen Wort­ver­ständ­nis sei mit dem Begriff Asche allein ein pul­ve­ri­ger staub­ar­ti­ger Ver­bren­nungs­rück­stand gemeint, der vom Feu­er unver­sehr­te Gegen­stän­de nicht erfas­se, trifft dies nicht zu 2. Viel­mehr ist der Begriff im all­ge­mei­nen Sprach­ge­brauch nicht ein­deu­tig defi­niert. Über die Bedeu­tung eines stau­big­pul­ve­ri­gen Rück­stands ver­brann­ter Mate­rie 3 hin­aus wird Asche näm­lich auch all­ge­mein als "Ver­bren­nungs­rück­stand" beschrie­ben und etwa als "die bei der Ver­bren­nung pflanz­li­cher oder tie­ri­scher Sub­stan­zen zurück­blei­ben­den unver­brenn­li­chen anor­ga­ni­schen Bestand­tei­le" 4 oder als "die von einem durch Ver­bren­nung zer­stör­ten orga­ni­schen Kör­per übrig­blei­ben­den anor­ga­ni­schen unver­brenn­li­chen Bestand­tei­le" 5 defi­niert 6. Nach die­sem Begriffs­ver­ständ­nis ist kre­mier­tes Zahn­gold durch das Tat­be­stands­merk­mal umfasst 7.

Für die­se auf sämt­li­che Ver­bren­nungs­rück­stän­de des mensch­li­chen Kör­pers abstel­len­de Aus­le­gung des Asche­be­griffs spricht zudem der Wil­le des his­to­ri­schen Gesetz­ge­bers.

Das Reichs­straf­ge­setz­buch vom 15.05.1871 schütz­te in § 168 zunächst nur den "Leich­nam" und in § 367 Abs. 1 Nr. 1 "Tei­le des Leich­nams" 8. Die Feu­er­be­stat­tung wur­de durch das Gesetz über die Feu­er­be­stat­tung vom 15.05.1934 9 – nach­fol­gend Feu­er­be­stat­tungs­ge­setz 1934 – ein­heit­lich gere­gelt und ist mitt­ler­wei­le in die in den ver­schie­de­nen Bun­des­län­dern erfolg­ten Neu­re­ge­lun­gen des Fried­hofs- und Bestat­tungs­rechts ein­be­zo­gen wor­den 10. Der straf­recht­li­che Schutz der "Asche eines Ver­stor­be­nen" war Gegen­stand unter­schied­li­cher Ent­wür­fe zum Deut­schen Straf­ge­setz­buch (vgl. etwa § 158 Vor­ent­wurf eines Deut­schen Straf­ge­setz­buchs 1909; § 225 des Ent­wurfs der Straf­rechts­kom­mis­si­on 1913; § 218 des Ent­wurfs von 1919; vgl. dazu Denk­schrift zu dem Ent­wurf von 1919, S. 167; § 170 des Amt­li­chen Ent­wurfs eines All­ge­mei­nen Deut­schen Straf­ge­setz­buchs 1925), hat aber erst mit dem Drit­ten Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz vom 04.08.1953 11 Ein­gang in die Vor­schrift des § 168 StGB gefun­den, dies aller­dings unter aus­drück­li­cher Anleh­nung an die frü­he­ren Ent­wür­fe 12 und damit an die die­sen zugrun­de­lie­gen­den Erwä­gun­gen.

In der Begrün­dung zum Vor­ent­wurf zu einem Deut­schen Straf­ge­setz­buch von 1909 heißt es etwa, dass die sich bei einer Feu­er­be­stat­tung "erge­ben­den Asche­res­te aber den glei­chen Schutz gegen einen pie­tät­lo­sen Zugriff ver­die­nen" und "nach dem Vor­bild aus­län­di­scher Gesetz­ge­bun­gen dem Leich­nam die Asche eines Ver­stor­be­nen gleich­ge­stellt" wer­den sol­len 13. Die Begrün­dung ver­weist auf das in der Lite­ra­tur her­an­ge­zo­ge­ne Vor­bild im ita­lie­ni­schen Recht 14. Die in die­sem Zusam­men­hang ver­wen­de­te For­mu­lie­rung "Aschen­res­te", die im Bestat­tungs­recht syn­onym für das Wort "Asche" gebraucht wird (vgl. etwa § 6 Preu­ßi­sches Feu­er­be­stat­tungs­ge­setz vom 14.09.1911; § 9 Feu­er­be­stat­tungs­ge­setz 1934; § 10 der Ver­ord­nung über die Durch­füh­rung des Feu­er­be­stat­tungs­ge­set­zes vom 26.06.1934, RGBl. – I 519; § 6 Abs. 4 der Ver­ord­nung über die Anfor­de­run­gen für den Betrieb von Feu­er­be­stat­tungs­an­la­gen im Land Bran­den­burg vom 04.09.2002; § 20 Abs. 3 Hes­si­sches Fried­hofs- und Bestat­tungs­ge­setz vom 05.07.2007; Hell­wig, Feu­er­be­stat­tung und Rechts­pfle­ge 1911, 14 f.; Gaed­ke, aaO S. 110, 238, 240 f.), macht deut­lich, dass his­to­risch mit "Asche" sämt­li­che Res­te des ver­brann­ten mensch­li­chen Kör­pers gemeint waren. Dem­entspre­chend war unter der Gel­tung des ursprüng­li­chen Straf­tat­be­stan­des bemän­gelt wor­den, dass die bei der Feu­er­be­stat­tung zurück­blei­ben­de Asche nicht geschützt sei: "Eine aus­drück­li­che Bestim­mung, kraft deren auch die Res­te der Feu­ers­be­stat­te­ten geschützt wer­den, wür­de zur Auf­nah­me bei einer Revi­si­on unse­res Straf­ge­setz­bu­ches also wohl zu emp­feh­len sein …" 15. "Auch die­je­ni­gen Orte, an wel­chem die nach Ver­bren­nung ver­blie­be­nen Res­te des mensch­li­chen Leich­nams bestim­mungs­ge­mäß auf­be­wahrt wer­den, [soll­ten] Grä­ber im recht­li­chen Sin­ne wer­den" 16. Denn in einem Urnen­grab ruh­ten die "indi­vi­du­ell geson­der­ten leib­li­chen Über­res­te des Tod­ten …, und auch in die­ser Gestalt haben sie Anspruch auf Frie­den" 17. Damit waren die Ver­bren­nungs­res­te eines mensch­li­chen Kör­pers, die nicht aus­nahms­los – wie auch der Ein­satz der Kno­chen­müh­le im Kre­ma­to­ri­um zeigt – einen pul­ve­ri­gen Zustand auf­wei­sen, his­to­risch in ihrer Gesamt­heit als schüt­zens­wert aner­kannt. Hier­an knüpf­te der Gesetz­ge­ber mit dem Drit­ten Straf­rechts­än­de­rungs­ge­setz aus­drück­lich an 12.

Es strei­ten auch sys­te­ma­ti­sche und teleo­lo­gi­sche Erwä­gun­gen für eine Ein­be­zie­hung kre­mier­ten Zahn­gol­des in den Begriff der Asche im Sin­ne des § 168 StGB.

Schutz­gü­ter des § 168 Abs. 1 StGB sind jeden­falls das Pie­täts­ge­fühl der All­ge­mein­heit sowie der post­mor­ta­le Per­sön­lich­keits­schutz des Toten 18. Die­ser Schutz gebührt der sterb­li­chen Hül­le und den Über­res­ten 19 eines Men­schen in ihrer Gesamt­heit, wie die tat­be­stand­li­che Erfas­sung von Tei­len des Kör­pers eines ver­stor­be­nen Men­schen zeigt. Er bezieht sich auf den zum Objekt gewor­de­nen, einen Rück­stand der Per­sön­lich­keit dar­stel­len­den Men­schen­rest 20.

Zum Kör­per eines Men­schen gehö­ren auch künst­li­che Kör­per­tei­le, wie das Zahn­gold, die durch die Ein­be­zie­hung in die Kör­per­funk­ti­on ihres Trä­gers ihre Sach­qua­li­tät ver­lo­ren haben und nicht ohne Ver­let­zung der Kör­per­in­te­gri­tät ent­fernt wer­den kön­nen; sie genie­ßen damit eben­so das beson­de­re Per­sön­lich­keits­recht am Kör­per wie die natür­li­chen Kör­per­tei­le 21. Indem die­se Gegen­stän­de als dem Kör­per zuge­hö­rig emp­fun­den wer­den, erstreckt sich auch auf sie das Gefühl der Ver­bun­den­heit und Pie­tät 22.

Dem Tat­ob­jekt "Asche" kommt inner­halb des Tat­be­stands des § 168 StGB kein gerin­ge­rer Schutz zu als dem Kör­per oder Tei­len des Kör­pers des ver­stor­be­nen Men­schen. Ihm soll viel­mehr der­sel­be Schutz auf wür­di­ge und pie­tät­vol­le Behand­lung gewährt wer­den wie dem mensch­li­chen Kör­per. Schon das Reichs­ge­richt hat klar­ge­stellt, dass mit der grund­sätz­li­chen Gleich­stel­lung von Feu­er- und Erd­be­stat­tung durch § 1 Feu­er­be­stat­tungs­ge­setz 1934 einer unter­schied­li­chen Behand­lung der Asche und des Leich­nams der Boden ent­zo­gen wor­den ist und bei­de den­sel­ben Anspruch auf pie­tät­vol­le Behand­lung und Wah­rung der Toten­ru­he genie­ßen 23. Die­ser Grund­satz gilt fort 24. Wie der Kör­per des ver­stor­be­nen Men­schen sind daher auch sei­ne Ver­bren­nungs­res­te in ihrer Gesamt­heit zu schüt­zen. Die­se sind auch nicht des­halb weni­ger schutz­be­dürf­tig, weil vom ver­stor­be­nen Men­schen abge­trenn­te Tei­le, wie etwa Zahn­gold nach dem Ver­bren­nungs­vor­gang, eben­so wie abge­trenn­te Tei­le des leben­den Kör­pers mit der Abtren­nung Sach­qua­li­tät erlan­gen 25. Denn der Schutz der Toten­ru­he ist unab­hän­gig von der Sach­qua­li­tät ein­zel­ner Kör­per­tei­le zu beur­tei­len. Daher bleibt auch Asche so lan­ge geschützt, wie das ihr gel­ten­de Pie­täts­emp­fin­den noch nicht erlo­schen ist 26.

Dem Schutz der Ver­bren­nungs­res­te in ihrer Gesamt­heit ent­spricht es, dass die­se nach der Ein­äsche­rung nach den Rege­lun­gen des Fried­hofs­rechts unver­züg­lich und grund­sätz­lich voll­stän­dig in einer amt­lich zu ver­schlie­ßen­den und ent­spre­chend zu kenn­zeich­nen­den Urne zu sam­meln sind 27. Dadurch wird gewähr­leis­tet, dass die Aschen­res­te auch noch nach län­ge­rer Zeit einer behörd­li­chen Unter­su­chung unter­zo­gen wer­den kön­nen, denn es besteht ein erheb­li­ches Inter­es­se an der Fest­stel­lung ihrer Iden­ti­tät, Voll­stän­dig­keit und Aus­schließ­lich­keit 28.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 30. Juni 2015 – – 5 StR 71/​15

  1. vgl. OLG Bam­berg, NJW 2008, 1543; OLG Ham­burg, NJW 2012, 1601; Dip­pel in LK-StGB, 12. Aufl., § 168 Rn. 40; Kuhli in Matt/​Renzikowski, StGB, 2013, § 168 Rn. 7; Lackner/​Kühl, StGB, 28. Aufl., § 168 Rn. 2; Lenckner/​Bosch in Schönke/​Schröder, StGB, 29. Aufl., § 168 Rn. 3[]
  2. aM OLG Nürn­berg, NJW 2010, 2071, 2073 f.; Münch­Komm-StG­B/­Hörn­le, 2. Aufl., § 168 Rn. 11; NK-StG­B/St­ü­bin­ger, 4. Aufl., § 168 Rn. 7[]
  3. so etwa Duden, Das gro­ße Wör­ter­buch der deut­schen Spra­che, Band 1, 3. Aufl., S. 300[]
  4. Der Gro­ße Brock­haus, 15. Aufl.1929, Zwei­ter Band, S. 730[]
  5. Brock­haus‘ Con­ver­sa­ti­ons Lexi­kon, Zwei­ter Band, 13. Aufl. 1882, S. 43[]
  6. vgl. auch Mey­ers Enzy­klo­pä­di­sches Lexi­kon, Band 2, 1971, S. 682[]
  7. eben­so OLG Bam­berg, aaO S. 1544 mwN; OLG Ham­burg, aaO S. 1606[]
  8. RGBl. 1871, S. 127[]
  9. RGBl. I S. 380[]
  10. vgl. Gaed­ke, Hand­buch des Fried­hofs- und Bestat­tungs­rechts, 10. Aufl.2010, S. 232[]
  11. BGBl. I 1953, S. 735[]
  12. vgl. BT-Drs. I/​3713, S. 37[][]
  13. vgl. Vor­ent­wurf zu einem Deut­schen Straf­ge­setz­buch von 1909, Begrün­dung, S. 520[]
  14. vgl. Vor­ent­wurf zu einem Deut­schen Straf­ge­setz­buch von 1909, Begrün­dung, aaO Fn. 2 mit Hin­weis auf Koh­ler, Stu­di­en aus dem Straf­recht I, 1890, S. 222 f.; Mer­kel, Der Lei­chen­raub, 1904, S. 47 f.; Kahl in Ver­glei­chen­de Dar­stel­lung des Deut­schen und Aus­län­di­schen Straf­rechts, Drit­ter Band, Reli­gi­ons­ver­ge­hen, 1906, S. 103, s. auch S. 63, 66, 71, 79[]
  15. vgl. Mer­kel, aaO S. 48[]
  16. Kahl, aaO S. 71[]
  17. Koh­ler aaO[]
  18. vgl. BGH, Urteil vom 22.04.2005 – 2 StR 310/​04, BGHSt 50, 80, 89; RGSt 39, 155, 156; Dip­pel, aaO Rn. 2; BT-Drs. IV/​650, S. 346; 13/​8587, S. 22 f.[]
  19. vgl. BT-Drs. IV/​650, aaO[]
  20. vgl. von Bub­noff, GA 1968, 70, 72; Czer­ner, ZStW 2003, 91, 97[]
  21. vgl. OLG Bam­berg, aaO S. 1544; Dip­pel, aaO Rn. 37; Hörn­le, aaO Rn. 9; Lenckner/​Bosch, aaO; Palandt/​Ellenberger, BGB, 74. Aufl., § 90 Rn. 3, Münch­Komm-BGB/St­re­se­mann, 6. Aufl., § 90 Rn. 28; Erman/​Schmidt, BGB, 14. Aufl., § 90 Rn. 5; Jickeli/​Stieper in Stau­din­ger, BGB, Neu­be­ar­bei­tung 2012, § 90 Rn. 35; aA Lackner/​Kühl aaO[]
  22. Dip­pel, aaO Rn. 37; vgl. auch Rn. 38[]
  23. RGZ 154, 269, 274[]
  24. vgl. OVG Ber­lin, DÖV 1964, 557, 558; OLG Bam­berg, aaO S. 1544; Dip­pel, aaO Rn. 40[]
  25. vgl. BGH, Urtei­le vom 03.06.1958 – 5 StR 179/​58, bei Dal­lin­ger MDR 1958, 739; vom 09.11.1993 – – VI ZR 62/​93, BGHZ 124, 52, 54; König, Straf­ba­rer Organ­han­del, 1999, S. 78; Vogel in LK-StGB, 12. Aufl., § 242 Rn. 14; Münch­Komm-StG­B/­Schmitz, 2. Aufl., § 242 Rn. 28, 30; Münch­Komm-BGB/St­re­se­mann, aaO, § 90 Rn. 32; Soergel/​Marly, BGB, 13. Aufl., § 90 Rn. 7, 10[]
  26. vgl. Dip­pel, aaO Rn. 40[]
  27. Gaed­ke, aaO S. 238[]
  28. Gaed­ke, aaO S. 238 f.; vgl. auch amt­li­che Begrün­dung zu § 9 Feu­er­be­stat­tungs­ge­setz 1934 in Reichs- und Staats­an­zei­ger Nr. 117 vom 23.05.1934, S. 2 f.[]