Erfolgs­de­lik­te – und die Kogni­ti­ons­pflicht des Gerichts

Gegen­stand der Urteils­fin­dung ist nach § 264 Abs. 1 StPO die in der Ankla­ge bezeich­ne­te Tat, wie sie sich nach dem Ergeb­nis der Haupt­ver­hand­lung dar­stellt.

Erfolgs­de­lik­te – und die Kogni­ti­ons­pflicht des Gerichts

Dabei han­delt es sich um den geschicht­li­chen Vor­gang, auf den die Ankla­ge und der Eröff­nungs­be­schluss hin­wei­sen und inner­halb des­sen der Ange­klag­te einen Straf­tat­be­stand ver­wirk­licht haben soll.

Das Tat­ge­richt ist ver­pflich­tet, den Unrechts­ge­halt die­ses Vor­gangs unter allen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Gesichts­punk­ten zu unter­su­chen, auf­zu­klä­ren und ohne Bin­dung an die der Ankla­ge und dem Eröff­nungs­be­schluss zugrun­de geleg­te recht­li­che Bewer­tung abzu­ur­tei­len, soweit dem kei­ne recht­li­chen Grün­de ent­ge­gen­ste­hen 1.

Zwar bil­det den Rah­men der Unter­su­chung zunächst das tat­säch­li­che Gesche­hen, wie es die Ankla­ge umschreibt. Erfolgs­de­lik­te, wie hier, sind aber regel­mä­ßig bereits durch die Art des Erfolgs und das Tat­op­fer hin­rei­chend kon­kre­ti­siert, so dass die Tati­den­ti­tät auch bei Abwei­chun­gen vom zuge­las­se­nen Ankla­ge­satz hin­sicht­lich der Tat­zeit, dem Tat­ort und der Art und Wei­se der Tat­be­ge­hung – etwa bei einem Aus­tausch von Vor­satz und Fahr­läs­sig­keit oder Tun und Unter­las­sen – gewahrt blei­ben kann 2, wobei ent­spre­chen­de Ände­run­gen in tat­säch­li­cher oder recht­li­cher Hin­sicht erfor­der­li­chen­falls im Wege eines Hin­wei­ses nach § 265 StPO deut­lich zu machen sind.

Kann das Land­ge­richt die ange­klag­ten Ver­let­zun­gen den von ihm fest­ge­stell­ten Tat­ge­scheh­nis­sen nicht zuord­nen, ist es im Rah­men der ihm oblie­gen­den umfas­sen­den Kogni­ti­ons­pflicht gehal­ten zu prü­fen, ob ande­re Hand­lun­gen des Ange­klag­ten oder ein Unter­las­sen ursäch­lich für die (hier:) schwe­ren Ver­let­zun­gen der Kin­der waren. Den Blick für die­se wei­ter­ge­hen­de Prü­fungs­pflicht hat es sich indes ver­stellt, indem es ersicht­lich mein­te, der Pro­zess­stoff sei auf die in der Ankla­ge ange­ge­be­nen Tat­zei­ten und Tat­hand­lun­gen beschränkt.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 17. August 2017 – 4 StR 127/​17

  1. st. Rspr.; vgl. BGH, Urtei­le vom 27.04.2017 – 4 StR 592/​16 Rn. 6; vom 26.01.2017 – 3 StR 479/​16, NStZ 2017, 410; vom 08.11.2016 – 1 StR 492/​15 Rn. 53; vom 29.10.2009 – 4 StR 239/​09, NStZ 2010, 222, 223; Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 60. Aufl., § 264 Rn. 10[]
  2. vgl. BGH, Urtei­le vom 11.01.1994 – 5 StR 682/​93, BGHSt 40, 44, 46; vom 17.04.1984 – 1 StR 116/​84, NStZ 1984, 469 f.; vom 16.12 1982 – 4 StR 644/​82, NStZ 1983, 174 f.; LR-StPO/S­tu­cken­berg, 26. Aufl., § 264 Rn. 97, 104[]