Euro­päi­scher Haft­be­fehl – und das Analogieverbot

Das Ana­lo­gie­ver­bot des Art. 104 Abs. 1 Satz 1 GG [1] steht der Annah­me der Fach­ge­rich­te, § 131 Abs. 1 StPO bil­de in Ver­bin­dung mit § 162 StPO und § 77 Abs. 1 IRG in euro­pa­rechts­kon­for­mer Aus­le­gung eine aus­rei­chen­de Rechts­grund­la­ge für die Aus­stel­lung eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls, nicht entgegen. 

Euro­päi­scher Haft­be­fehl – und das Analogieverbot

§ 131 Abs. 1 StPO erlaubt den zustän­di­gen Behör­den die Aus­schrei­bung eines Beschul­dig­ten zur Fest­nah­me, wenn gegen den Beschul­dig­ten ein Haft- oder Unter­brin­gungs­be­fehl besteht. Der Euro­päi­sche Haft­be­fehl ent­spricht die­ser Ziel­rich­tung, denn aus­weis­lich Art. 1 Abs. 1 des Rah­men­be­schlus­ses 2002/​584/​JI des Rates vom 13.06.2002 über den Euro­päi­schen Haft­be­fehl und die Über­ga­be­ver­fah­ren zwi­schen den Mit­glied­staa­ten [2] (im Fol­gen­den: RbEu­Hb) han­delt es sich bei dem Euro­päi­schen Haft­be­fehl um eine jus­ti­zi­el­le Ent­schei­dung, die in einem Mit­glied­staat ergan­gen ist und die Fest­nah­me und Über­ga­be einer gesuch­ten Per­son durch einen ande­ren Mit­glied­staat zur Straf­ver­fol­gung oder zur Voll­stre­ckung einer Frei­heits­stra­fe oder einer frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­re­gel der Siche­rung bezweckt. Die Ein­ord­nung des Euro­päi­schen Haft­be­fehls als beson­de­re Art der Aus­schrei­bung zur Fest­nah­me ergibt sich über­dies aus Art. 9 Abs. 3 Satz 2 RbEu­Hb, der die Aus­schrei­bung eines Beschul­dig­ten zur Fest­nah­me im Schen­ge­ner Infor­ma­ti­ons­sys­tem unter bestimm­ten Vor­aus­set­zun­gen dem Euro­päi­schen Haft­be­fehl aus­drück­lich gleichstellt. 

Da § 131 Abs. 1 StPO auch Rechts­grund­la­ge für eine inter­na­tio­na­le Aus­schrei­bung ist [3], ist es nicht will­kür­lich, § 131 Abs. 1 StPO auch als Rechts­grund­la­ge für die inter­na­tio­na­le Aus­schrei­bung mit­tels eines Euro­päi­schen Haft­be­fehls her­an­zu­zie­hen. Dass auch eine ande­re Aus­le­gung der ein­fach­recht­li­chen Nor­men der § 77 Abs. 1 IRG, § 131 Abs. 1, § 162 StPO mög­lich ist [4], begrün­det kei­nen Verfassungsverstoß. 

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 28. Sep­tem­ber 2020 – 2 BvR 1435/​20

  1. vgl. BVerfGE 29, 183 <196> 83, 24 <31 f.> BVerfGK 11, 208 <213>[]
  2. ABl EU Nr. L 190 vom 18.07.2002, S. 1; in der durch den Rah­men­be­schluss 2009/​299/​JI des Rates vom 26.02.2009, ABl EU Nr. L 81 vom 27.03.2009, S. 24, geän­der­ten Fas­sung[]
  3. vgl. OLG Cel­le, Beschluss vom 16.04.2009 – 2 VAs 3/​09, Rn. 7 f.; OLG Zwei­brü­cken, Beschluss vom 11.07.2019 – 1 Ws 203/​19, Rn. 8; OLG Hamm, Beschluss vom 01.08.2019 – III‑2 Ws 96/​19, Rn.20 ff.; OLG Schles­wig-Hol­stein, Beschluss vom 06.02.2020 – 2 Ws 13/​20, Rn. 5 ff.; Ger­hold, in: Mün­che­ner Kom­men­tar zur StPO, 1. Aufl.2014, § 131 Rn. 1; Meyer/​Hüttemann, ZStW 2016, 394 <401 f.> Ahl­brecht, in: Gercke/​Julius/​Temming/​Zöller, StPO, 6. Aufl.2019, § 131 Rn. 2; Böhm, NZWiSt 2019, 325 <328 f.> Hack­ner, in: Schomburg/​Lagodny, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 6. Aufl.2020, Vor § 68 Rn. 25b; Satz­ger, in: Satzger/​Widmaier/​Schluckebier, StPO, 4. Aufl.2020, § 131 Rn. 5; Nies­ler, in: Beck­OK zur StPO, 37. Edi­ti­on Juli 2020, § 131 Rn. 4[]
  4. vgl. etwa Trüg/​Ulrich, NJW 2019, 2811 <2812 ff.> Oehmichen/​Schmid, Stra­Fo 2019, 397 <398 f.> Schmitt, in: Mey­er-Goß­ner/­Sch­mitt, StPO, 62. Aufl.2020, Vor § 112 Rn. 9 ff. und § 131 Rn. 1[]