Geiselnahme – und die tätige Reue

Tätige Reue nach § 239b Abs. 2 i.V.m. § 239a Abs. 4 StGB erfordert – neben der Freilassung der Geisel – den Verzicht auf die erstrebte Leistung.

Geiselnahme - und die tätige Reue

Dafür muss der Täter – im Sinne eines tatbestandsgerechten Verständnisses dieses Merkmals – von der Weiterverfolgung seines Nötigungszieles Abstand nehmen, also auf die nach seinem ursprünglichen Tatplan abzunötigende Handlung, Duldung oder Unterlassung verzichten1.

Hat er sein Nötigungsziel bereits erreicht, scheidet ein Verzicht aus2, sofern er die Leistung nicht im unmittelbaren Zusammenhang der Freigabe zurückgewährt3.

Letzteres war in dem hier vom Bundesgerichtshof entschiedenen Fall mit Blick auf die vom Täter erstrebten und bereits vorgenommenen Anrufe der Geisel bei seiner geschiedenen Ehefrau nicht möglich.

Ein Verzicht, der eine Wahlmöglichkeit voraussetzt4, kommt aber auch dann nicht in Betracht, wenn dies aus anderen Gründen nicht möglich ist, etwa wenn der Täter erkennt, dass er sein Nötigungsziel nicht mehr erreichen kann, weil seine Bemühungen, einen bestimmten Nötigungserfolg zu erzielen, fehlgeschlagen sind5.

So verhielt es sich hier ebenfalls: Der Täter hatte bei Freilassung seiner Geisel erkannt, dass seine geschiedene Ehefrau nicht zu ihm zur Fortführung eines Gesprächs über das von ihm gewünschte Zusammenleben zu Dritt zurückkehren würde.

Bundesgerichtshof, Beschluss vom 24. Juli 2018 – 3 StR 264/18

  1. BGH, Beschluss vom 21.05.2003 – 1 StR 152/03, BGHR StGB § 239b Abs. 2 Tätige Reue 1 []
  2. BGH, Beschluss vom 08.12 1999 – 3 StR 516/99, BGHR StGB § 239a Abs. 3 Verzicht 2 []
  3. MünchKomm-StGB/Renzikowski, 3. Aufl., § 239b Rn. 44; LK/Schluckebier, StGB, 12. Aufl., § 239a Rn. 58; S/S-Eser/Eisele, StGB, 29. Aufl., § 239b Rn.19 []
  4. Lackner/Kühl/Heger, StGB, 29. Aufl., § 239a Rn. 10 mwN []
  5. so auch Fischer, StGB, 65. Aufl., § 239b Rn. 8a []