Kom­bi­nier­te Ana­ly­se von Kern-DNA und mito­chon­dria­ler DNA

Zum Beweis­wert einer kom­bi­nier­ten Ana­ly­se von Kern-DNA und mito­chon­dria­ler DNA hat jetzt der Bun­des­ge­richts­hof Stel­lung genom­men:

Kom­bi­nier­te Ana­ly­se von Kern-DNA und mito­chon­dria­ler DNA

Dem zugrund lag ein Urteil des Land­ge­richts Lands­hut, mit dem der Ange­klag­te wegen Ver­ge­wal­ti­gung zu einer Gesamt­frei­heits­stra­fe von 13 Jah­ren und sechs Mona­ten ver­ur­teilt wor­den war. Die­ses Urteil stütz­te sich auf die DNA-Unter­su­chun­gen von zwei an der Unter­ho­se bzw. an den Strümp­fen des Opfers sicher­ge­stell­ten Fremd­scham­haa­ren. Nach der Ana­ly­se stamm­te die aus der Wur­zel eines Haa­res gewon­ne­ne Kern-DNA, d.h. die im Kern der mensch­li­chen Zel­le vor­han­de­ne Erb­sub­stanz, 1.000 Mal wahr­schein­li­cher vom Ange­klag­ten als von einer ande­ren Per­son.

Da das zwei­te Haar kei­ne Wur­zel mehr auf­wies, konn­te inso­fern nur die außer­halb des Kerns in den Mito­chon­dri­en ent­hal­ten­de DNA (sog. mito­chon­dria­le DNA [mtD­NA] [1] ) unter­sucht wer­den. Inso­weit ergab sich, dass die­se – sowie eben­so die aus dem ande­ren Haar gewon­ne­ne – mtD­NA 4.591 Mal wahr­schein­li­cher vom Ange­klag­ten stamm­te als von einer ande­ren nicht über die müt­ter­li­che Linie mit ihm ver­wand­ten Per­son mit zufäl­lig der­sel­ben Sequenz. Zur Bestim­mung die­ser Wahr­schein­lich­keit durf­te, so der Bun­des­ge­richts­hof, auf die nach wis­sen­schaft­li­chen Maß­stä­ben geführ­te Inns­bru­cker Daten­bank EMPOP zurück­ge­grif­fen wer­den. Denn in die­se fin­den für die foren­si­sche Ver­wen­dung nur ran­do­mi­sier­te Ein­zel­pro­ben Ein­gang, d.h. sol­che, die bereits auf der Basis von Popu­la­ti­ons­stu­di­en erho­ben wor­den sind, so dass die Daten­bank einen reprä­sen­ta­ti­ven Quer­schnitt der in Euro­pa vor­kom­men­den mtD­NA-Sequen­zen ent­hält.

Inso­fern eben­falls sach­ver­stän­dig bera­ten durf­te nach Ein­schät­zung des Bun­des­ge­richts­hofs das Land­ge­richt zudem zu der Ein­schät­zung gelan­gen, dass die genann­ten Unter­su­chungs­er­geb­nis­se der bei­den unter­schied­li­chen Arten von Erb­sub­stan­zen im Sin­ne der Pro­dukt­re­gel der­ge­stalt von­ein­an­der unab­hän­gig sind [2], dass sie als Fak­to­ren mit­ein­an­der kom­bi­niert wer­den kön­nen. Es konn­te daher im Rah­men sei­ner Beweis­wür­di­gung als gewich­ti­ges Indiz für die Täter­schaft des Ange­klag­ten anse­hen, dass die sicher­ge­stell­ten Scham­haa­re im Ergeb­nis 4.591.000 Mal wahr­schein­li­cher von die­sem stam­men als von einer ande­ren, nicht über die müt­ter­li­che Linie mit ihm ver­wand­ten Per­son.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 3. Novem­ber 2010 – 1 StR 520/​10

  1. vgl. BGH, Urteil vom 26.05.2009 – 1 StR 597/​08, BGHSt 54, 15[]
  2. vgl. hier­zu BGH, Urteil vom 12.08.1992 – 5 StR 239/​92, BGHSt 38, 320, 323; Beschluss vom 05.02.1992 – 5 StR 677/​91, NStZ 1992, 601, 602[]