Meh­re­re Adhä­si­ons­ver­fah­ren – und die Ver­gü­tung des bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts

Wenn ein bei­geord­ne­ter Rechts­an­walt den Ange­klag­ten gegen die Adhä­si­ons­kla­gen meh­re­rer Geschä­dig­ter in einem Straf­ver­fah­ren ver­tritt, sind für die Ver­gü­tung des Rechts­an­walts die Gegen­stands­wer­te der Adhä­si­ons­kla­gen zusam­men­zu­rech­nen, weil die Adhä­si­ons­ver­fah­ren eine gebüh­ren­recht­li­che Ange­le­gen­heit im Sin­ne von § 22 Abs. 1 RVG bil­den.

Meh­re­re Adhä­si­ons­ver­fah­ren – und die Ver­gü­tung des bei­geord­ne­ten Rechts­an­walts

Nach § 22 Abs. 1 RVG wer­den in der­sel­ben Ange­le­gen­heit die Wer­te meh­re­rer Gegen­stän­de zusam­men­ge­rech­net. In der Recht­spre­chung ist bei Adhä­si­ons­kla­gen mit mehr als zwei Par­tei­en umstrit­ten, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen von einer gebüh­ren­recht­li­chen Ange­le­gen­heit im Sin­ne des § 22 Abs. 1 RVG aus­zu­ge­hen ist, wenn ein Rechts­an­walt mit meh­re­ren Kla­gen befasst ist. Die Ober­lan­des­ge­rich­te Düs­sel­dorf [1] und Bran­den­burg [2] neh­men regel­mä­ßig dann eine Ange­le­gen­heit an, wenn die Kla­gen in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren ver­han­delt und ent­schie­den wer­den. Das Kam­mer­ge­richt Ber­lin [3] geht jeden­falls dann von meh­re­ren Ange­le­gen­hei­ten aus, wenn den Adhä­si­ons­kla­gen meh­re­re Taten des Ange­klag­ten im mate­ri­ell-recht­li­chen Sinn der §§ 52 ff. StGB zugrun­de lie­gen.

Das Ober­lan­des­ge­richt Stut­gart folgt der Auf­fas­sung der Ober­lan­des­ge­rich­te Düs­sel­dorf und Bran­den­burg. Nach § 403 StPO kann der Ver­letz­te oder sein Erbe im sog. Adhä­si­ons­ver­fah­ren gegen den Beschul­dig­ten einen aus der Straf­tat erwach­se­nen ver­mö­gens­recht­li­chen Anspruch, der zur Zustän­dig­keit der ordent­li­chen Gerich­te gehört, im Straf­ver­fah­ren gel­tend machen. Die Ent­schei­dung über die straf­recht­li­chen und bür­ger­lich-recht­li­chen Fol­gen einer Straf­tat in einem Ver­fah­ren dient der Durch­set­zung der berech­tig­ten Inter­es­sen des Opfers der Straf­tat und der Pro­zess­öko­no­mie [4]. Gleich­wohl ist für sol­che bür­ger­lich-recht­li­chen Ansprü­che nach §§ 23, 71 GVG regel­mä­ßig die Zustän­dig­keit der Zivil­ge­rich­te gege­ben. Zur Ver­mei­dung von Bewer­tungs­wi­der­sprü­chen stellt das Ober­lan­des­ge­richt des­halb auf die im Zivil­recht gefun­de­ne Lösung für die vor­lie­gen­de Fra­ge ab. Danach kommt es auf den straf­recht­li­chen Tat­be­griff, der im Zivil­recht kei­ne Bedeu­tung hat, nicht an.

In der zivil­recht­li­chen Recht­spre­chung und Lite­ra­tur [5] ent­spricht es herr­schen­der Mei­nung, dass im Fal­le sub­jek­ti­ver wie objek­ti­ver Kla­ge­häu­fung in einem gericht­li­chen Ver­fah­ren eine Ange­le­gen­heit vor­liegt, wenn ein Rechts­an­walt meh­re­re Kla­gen ver­tritt oder auf der Beklag­ten­sei­te abwehrt. Dabei wird die ein­heit­li­che Ange­le­gen­heit im Sin­ne von § 22 Abs. 1 i.V.m. §§ 15ff. RVG in der Wei­se umschrie­ben, dass sie gege­ben ist, wenn ein ein­heit­li­cher Auf­trag des Rechts­an­walts vor­liegt, sei­ne Tätig­keit sich im glei­chen Rah­men hält und zwi­schen den ein­zel­nen Hand­lun­gen des Rechts­an­walts ein inne­rer Zusam­men­hang besteht [6]. Die­se Vor­aus­set­zun­gen wer­den im Fall sub­jek­ti­ver und objek­ti­ver Kla­ge­häu­fung, die in §§ 15ff. RVG kei­ne aus­drück­li­che gesetz­li­che Rege­lung gefun­den hat, zu Recht als gege­ben ange­se­hen [7]. Wären die drei Adhä­si­ons­kla­gen in der vor­lie­gen­den Sache als bür­ger­lich-recht­li­che Strei­tig­kei­ten geführt wor­den, so hät­te ein Fall sub­jek­ti­ver Kla­ge­häu­fung vor­ge­le­gen, weil meh­re­re Per­so­nen als Klä­ger auf­tra­ten. Zugleich wäre ein Fall der objek­ti­ven Kla­ge­häu­fung gege­ben gewe­sen, weil meh­re­re Kla­ge­an­sprü­che (Zah­lung, Fest­stel­lungs­kla­ge und Ren­ten­an­spruch) ver­folgt wur­den. Bei­des hät­te für den Beschwer­de­füh­rer nicht zum Vor­lie­gen meh­re­rer gebüh­ren­recht­li­cher Ange­le­gen­hei­ten geführt. Für das Adhä­si­ons­ver­fah­ren gilt des­halb des Glei­che. Dafür spricht im vor­lie­gen­den Fall im Übri­gen auch der Gesichts­punkt, dass alle drei Adhä­si­ons­kla­gen in mate­ri­ell-recht­li­cher Hin­sicht von der Betei­li­gung des vom Beschwer­de­füh­rer ver­tre­te­nen Adhä­si­ons­be­klag­ten an der vor­ge­wor­fe­nen Tat abhin­gen. Wesent­li­che Tätig­kei­ten des Beschwer­de­füh­rers wie etwa die von der Ver­tei­di­gung vor­ge­tra­ge­ne Ein­las­sung des Ange­klag­ten zur Sache am 157. Ver­hand­lungs­tag wirk­ten sich damit unmit­tel­bar und zugleich in allen drei Adhä­si­ons­ver­fah­ren aus.

Die Annah­me einer Ange­le­gen­heit hat für den bei­geord­ne­ten Rechts­an­walt zur Fol­ge, dass sich nach § 49 a. F. RVG die Gebühr für Gegen­stands­wer­te über 30.000 EUR nicht mehr über den Betrag von 391 Euro hin­aus erhöht, obwohl sich der Betrag, mit dem der Rechts­an­walt im Fal­le nicht ord­nungs­ge­mä­ßer Tätig­keit haf­tet, wei­ter erhö­hen kann und auch ein Mehr­auf­wand denk­bar ist. Nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts [8] ist die getrof­fe­ne Rege­lung trotz die­ser Fol­gen jeden­falls dann ver­fas­sungs­ge­mäß, wenn der Rechts­an­walt sei­ne Bereit­schaft zur Über­nah­me des Man­dats als bei­geord­ne­ter Rechts­an­walt erklärt hat. Das war hier der Fall.

Ober­lan­des­ge­richt Stutt­gart, Beschluss vom 18. Dezem­ber 2014 – 2 Ws 74/​14

  1. OLG Düs­sel­dorf, AGS 2014, 176ff.[]
  2. OLG Bran­den­burg, AGS 2009, 325 f.[]
  3. KG, AGS 2009, 484[]
  4. Hil­ger in Löwe-Rosen­berg, StPO, 26. Auf­la­ge, vor § 403, Rn. 8[]
  5. OLG Bam­berg, Jur­Bü­ro 1978, 696; OLG Ham­burg Jur­Bü­ro 1979, 533 jeweils zum frü­he­ren, gleich­lau­ten­den § 7 Abs. 2 BRAGO; Mül­ler-Rabe in Gerold/​Schmidt, RVG, 21. Auf­la­ge, VV Nr. 3100 RVG, Rn. 33; Bischof in Bischof u.a., RVG, 6. Auf­la­ge, § 22, Rn.19; End­ers in Hartung/​Schons/​Enders, RVG, 2. Auf­la­ge, § 15, Rn. 7, 15, 26 f.; dage­gen auf den Ein­zel­fall abstel­lend Schnei­der in Anwalt­Kom­men­tar RVG, 7. Auf­la­ge, § 15, Rn. 35[]
  6. vgl. May­er in Gerold/​Schmidt, a.a.O., § 15, Rn. 6ff.[]
  7. Mül­ler-Rabe, a.a.O., VV Nr. 3100 RVG, Rn. 33; May­er, a.a.O., § 15, Rn. 5[]
  8. BVerfG, NJW 2008, 1063[]