Ne bis in idem – und das Schen­ge­ner Durch­füh­rungs­über­ein­kom­men

Mit dem Begriff "der­sel­ben Tat" im Sin­ne des Art. 54 SDÜ hat­te sich jetzt der Bun­des­ge­richts­hof zu befas­sen. Anlass hier­für war ein Straf­ver­fah­ren wegen einer Gei­sel­nah­me, bei dem der Ange­klag­te zuvor bereits wegen uner­laub­ten Besit­zes der bei der Gei­sel­nah­me benutz­ten Waf­fe von Gerich­ten in Kroa­ti­en zu einer Frei­heits­stra­fe von drei Mona­ten und wegen Kin­des­ent­zie­hung zu einer Geld­stra­fe ver­ur­teilt wor­den war:

Ne bis in idem – und das Schen­ge­ner Durch­füh­rungs­über­ein­kom­men

Der Abur­tei­lung des Ange­klag­ten wegen der Gei­sel­nah­me stand nach Ansicht des Bun­des­ge­richts­hofs nicht mit Blick auf die Ver­ur­tei­lung wegen uner­laub­ten Besit­zes von Waf­fen und Explo­siv­sub­stan­zen durch das Amts­ge­richt in Hrvat­ska Kost­a­j­ni­ca (Kroa­ti­en) das Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung ("ne bis in idem") nach Art. 54 SDÜ ent­ge­gen 1. Die­se Norm bestimmt, dass der­je­ni­ge, der durch eine Ver­trags­par­tei rechts­kräf­tig abge­ur­teilt wor­den ist, nicht durch eine ande­re Ver­trags­par­tei wegen der­sel­ben Tat ver­folgt wer­den darf, wenn im Fall einer Ver­ur­tei­lung die Sank­ti­on bereits voll­streckt wor­den ist, gera­de voll­streckt wird oder nach dem Recht des Urteils­staats nicht mehr voll­streckt wer­den kann. Sie sta­tu­iert somit das Ver­bot, einen Beschul­dig­ten wegen einer bestimm­ten Tat im pro­zes­sua­len Sin­ne mehr­fach in ver­schie­de­nen Ver­trags­staa­ten mit einem Straf­ver­fah­ren zu über­zie­hen 2. Im vor­lie­gen­den Fall betrifft die kroa­ti­sche Ent­schei­dung aller­dings nicht die­sel­be Tat im Sin­ne des Art. 54 SDÜ, wie sie dem hie­si­gen Straf­ver­fah­ren zugrun­de liegt. Die vom Gene­ral­bun­des­an­walt auf­ge­wor­fe­nen wei­te­ren Fra­gen, etwa ob das in Deutsch­land ent­schei­den­de Tat­ge­richt bei der Bewer­tung der Ein­heit­lich­keit der Tat an die Beur­tei­lung, die der vor­an­ge­gan­ge­nen kroa­ti­schen Aus­lie­fe­rungs­be­wil­li­gung zugrun­de liegt, vor allem mit Blick auf den euro­pa­recht­li­chen Grund­satz des "effet uti­le" zur Ver­mei­dung unter­schied­li­cher Betrach­tungs­wei­sen gebun­den ist, sind danach nicht ent­schei­dungs­er­heb­lich. Im Ein­zel­nen:

Die Anwend­bar­keit von Art. 54 SDÜ ist nicht des­halb aus­ge­schlos­sen, weil das Schen­ge­ner Durch­füh­rungs­über­ein­kom­men in Kroa­ti­en noch nicht galt, als das dor­ti­ge Urteil erging, son­dern erst anläss­lich des am 1.07.2013 wirk­sam gewor­de­nen Bei­tritts von Kroa­ti­en zur Euro­päi­schen Uni­on in Kraft gesetzt wur­de (s. Anhang – II Nr. 2 zum Bei­tritts­ver­trag). Die Fra­ge der Anwen­dung des Grund­sat­zes "ne bis in idem" stellt sich erst zu dem Zeit­punkt, zu dem in einem ande­ren Ver­trags­staat – hier: Deutsch­land – ein zwei­tes Straf­ver­fah­ren gegen die­sel­be Per­son durch­ge­führt wird. Nach der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs 3 ist es daher nicht ent­schei­dend, ob das Schen­ge­ner Durch­füh­rungs­über­ein­kom­men für den ers­ten Ver­trags­staat zu dem Zeit­punkt, zu dem der Betrof­fe­ne dort rechts­kräf­tig abge­ur­teilt wur­de, noch nicht ver­bind­lich war. Viel­mehr ist das in Art. 54 SDÜ nie­der­ge­leg­te Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung auch auf ein Straf­ver­fah­ren anzu­wen­den, das in einem Ver­trags­staat wegen einer Tat ein­ge­lei­tet wor­den ist, die in einem ande­ren Ver­trags­staat bereits zur Ver­ur­tei­lung des Betrof­fe­nen geführt hat, selbst wenn das Schen­ge­ner Durch­füh­rungs­über­ein­kom­men in die­sem letzt­ge­nann­ten Staat zum Zeit­punkt der Ver­kün­dung die­ser Ver­ur­tei­lung noch nicht in Kraft war, sofern es in den betref­fen­den Ver­trags­staa­ten zu dem Zeit­punkt gilt, zu dem das mit dem zwei­ten Ver­fah­ren befass­te Gericht die Vor­aus­set­zun­gen für die Anwen­dung des Grund­sat­zes "ne bis in idem" zu prü­fen hat.

Da es sich bei dem Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung gemäß Art. 54 SDÜ um ein Ver­fah­rens­hin­der­nis han­delt 4, des­sen Vor­lie­gen in jeder Lage des Ver­fah­rens, mit­hin auch noch in der Revi­si­ons­in­stanz, von Amts wegen zu berück­sich­ti­gen ist 5, kommt es wei­ter nicht dar­auf an, dass das tat­ge­richt­li­che Urteil im hie­si­gen Ver­fah­ren eben­falls vor dem Bei­tritt Kroa­ti­ens zur Euro­päi­schen Gemein­schaft ergan­gen ist.

Bei der Ent­schei­dung des Amts­ge­richts in Hrvat­ska Kost­a­j­ni­ca vom 23.02.2007 han­delt es sich um eine rechts­kräf­ti­ge Abur­tei­lung im Sin­ne des Art. 54 SDÜ, ver­stan­den als eine Ent­schei­dung, die nach kroa­ti­schem Recht als end­gül­tig und bin­dend anzu­se­hen ist mit der Fol­ge, dass sie in Kroa­ti­en den sich aus dem Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung erge­ben­den Schutz bewirkt 6. Gemäß der sach­ver­stän­di­gen Stel­lung­nah­me des Max­Planck­In­sti­tuts für aus­län­di­sches und inter­na­tio­na­les Straf­recht in Frei­burg, wel­cher der Bun­des­ge­richts­hof folgt, erging das genann­te Urteil in einem spe­zi­el­len Ver­fah­ren für den Erlass eines Straf­be­fehls. Es ent­spricht in sei­ner Wir­kung einer "nor­ma­len" Ver­ur­tei­lung im Anschluss an eine Haupt­ver­hand­lung und bewirkt nach kroa­ti­schem Recht mit dem Ein­tritt der Rechts­kraft, an dem hier nach den kon­kre­ten Umstän­den des Fal­les kei­ne Zwei­fel bestehen, den sich aus dem Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung erge­ben­den Schutz.

Der durch das Amts­ge­richt Hrvat­ska Kost­a­j­ni­ca abge­ur­teil­te Sach­ver­halt und der­je­ni­ge, der Grund­la­ge der hier ange­foch­te­nen Ent­schei­dung ist, betref­fen indes nicht die­sel­be Tat im Sin­ne des Art. 54 SDÜ. Hier­zu gilt:

Nach deut­schem inner­staat­li­chen Recht ist das Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung in Art. 103 Abs. 3 GG ver­an­kert. Der Begriff der Tat im Sin­ne die­ser Vor­schrift rich­tet sich nach der ver­fah­rens­recht­li­chen Bestim­mung des § 264 StPO und ist somit als der geschicht­li­che sowie damit zeit­lich und sach­ver­halt­lich begrenz­te Vor­gang zu ver­ste­hen, auf den Ankla­ge und Eröff­nungs­be­schluss hin­wei­sen und inner­halb des­sen der Ange­klag­te als Täter oder Teil­neh­mer einen Straf­tat­be­stand ver­wirk­licht haben soll. Der mate­ri­ell­recht­li­che und der pro­zes­sua­le Tat­be­griff ste­hen indes nicht völ­lig bezie­hungs­los neben­ein­an­der. Viel­mehr stellt ein durch den Rechts­be­griff der Tat­ein­heit nach § 52 StGB zusam­men­ge­fass­ter Sach­ver­halt in der Regel auch ver­fah­rens­recht­lich eine ein­heit­li­che pro­zes­sua­le Tat dar. Umge­kehrt lie­gen im Fal­le sach­lich­recht­li­cher Tat­mehr­heit nach § 53 StGB grund­sätz­lich auch meh­re­re Taten im pro­zes­sua­len Sin­ne vor 7.

Von die­sen Grund­sät­zen sind aller­dings jeweils unter Berück­sich­ti­gung der Beson­der­hei­ten der abge­ur­teil­ten Delik­te Aus­nah­men zu machen. Dabei ist auch in den Blick zu neh­men, dass bei einem wei­ten Ver­ständ­nis des pro­zes­sua­len Tat­be­griffs die Kogni­ti­ons­pflicht des zuerst ent­schei­den­den Tat­ge­richts aus­ge­dehnt und damit des­sen Leis­tungs­fä­hig­keit mög­li­cher­wei­se über­schrit­ten wird. So wer­den etwa von einer Ver­ur­tei­lung wegen mit­glied­schaft­li­cher Betei­li­gung an einer kri­mi­nel­len oder ter­ro­ris­ti­schen Ver­ei­ni­gung (§§ 129, 129a StGB) trotz mate­ri­ell­recht­li­cher Tat­ein­heit die­je­ni­gen vom Täter began­ge­nen kon­kre­ten Straf­ta­ten nicht erfasst, die in dem frü­he­ren Ver­fah­ren tat­säch­lich nicht – auch nicht als mit­glied­schaft­li­cher Betei­li­gungs­akt – Gegen­stand der Ankla­ge und Urteils­fin­dung waren und mit Blick auf ihre Straf­dro­hung schwe­rer wie­gen als die abge­ur­teil­ten Delik­te 8. Im Übri­gen spre­chen gute Grün­de dafür, dass bei sich unter Umstän­den lan­ge hin­zie­hen­den Delik­ten wie Orga­ni­sa­ti­ons- oder Dau­er­straf­ta­ten sowie Bewer­tungs­ein­hei­ten auch dann meh­re­re pro­zes­sua­le Taten anzu­neh­men sind, wenn nur ein­zel­ne Betä­ti­gun­gen Gegen­stand der frü­he­ren Ankla­ge und gericht­li­chen Unter­su­chung waren und der Ange­klag­te nicht dar­auf ver­trau­en durf­te, dass durch das frü­he­re Ver­fah­ren alle straf­ba­ren Hand­lun­gen erfasst wur­den 9.

Nach der für die natio­na­len Gerich­te ver­bind­li­chen Aus­le­gung des Art. 54 SDÜ in meh­re­ren Ent­schei­dun­gen des Euro­päi­schen Gerichts­hofs 10 gilt im Rah­men die­ser Vor­schrift indes ein im Ver­hält­nis zu den natio­na­len Rechts­ord­nun­gen eigen­stän­di­ger, auto­nom nach uni­ons­recht­li­chen Maß­stä­ben aus­zu­le­gen­der Tat­be­griff. Danach ist maß­ge­ben­des Kri­te­ri­um für die Anwen­dung des Art. 54 SDÜ allein die Iden­ti­tät der mate­ri­el­len Tat, ver­stan­den als das Vor­han­den­sein eines Kom­ple­xes kon­kre­ter, in zeit­li­cher und räum­li­cher Hin­sicht sowie nach ihrem Zweck unlös­bar mit­ein­an­der ver­bun­de­ner Tat­sa­chen. Das Ver­bot der Dop­pel­be­stra­fung greift ein, wenn ein sol­cher Kom­plex unlös­bar mit­ein­an­der ver­bun­de­ner Tat­sa­chen besteht und die ver­schie­de­nen Ver­fah­ren jeweils Tat­sa­chen aus dem ein­heit­li­chen Kom­plex zum Gegen­stand haben 11. Auf mate­ri­ell­recht­li­che Bewer­tun­gen, ins­be­son­de­re dahin, ob die ver­schie­de­nen began­ge­nen Delik­te nach deut­schem Recht sach­lich­recht­lich im Ver­hält­nis von Tat­ein­heit oder Tat­mehr­heit ste­hen, kommt es dem­nach nicht an.

Die nähe­re Aus­le­gung die­ses Tat­be­griffs im Sin­ne des Art. 54 SDÜ hat sich in ers­ter Linie am Zweck die­ser Norm aus­zu­rich­ten, der dar­in besteht, die unge­hin­der­te Aus­übung des Rechts auf Frei­zü­gig­keit der Uni­ons­bür­ger zu sichern. Wer wegen eines Tat­sa­chen­kom­ple­xes bereits in einem Ver­trags­staat abge­ur­teilt ist, soll sich unge­ach­tet unter­schied­li­cher recht­li­cher Maß­stä­be in den ein­zel­nen Staa­ten dar­auf ver­las­sen kön­nen, dass er nicht – auch nicht unter einem ande­ren recht­li­chen Aspekt – ein zwei­tes Mal wegen der­sel­ben Tat­sa­chen straf­recht­lich ver­folgt wird. Dem­ge­gen­über ist die Ein­ord­nung der Tat­sa­chen nach den Straf­rechts­ord­nun­gen der Ver­trags­staa­ten unbe­acht­lich. Die Qua­li­fi­zie­rung eines Tat­sa­chen­kom­ple­xes als eine Tat im Sin­ne des Art. 54 SDÜ ist dar­über hin­aus von dem jeweils recht­lich geschütz­ten Inter­es­se unab­hän­gig; denn die­ses kann wegen der feh­len­den Har­mo­ni­sie­rung der natio­na­len Straf­vor­schrif­ten von einem Ver­trags­staat zum ande­ren unter­schied­lich sein. Allein aus dem Umstand, dass die Taten durch einen ein­heit­li­chen Vor­satz auf sub­jek­ti­ver Ebe­ne ver­bun­den sind, lässt sich die Iden­ti­tät der Sach­ver­hal­te nicht her­lei­ten; erfor­der­lich ist viel­mehr eine objek­ti­ve Ver­bin­dung der zu beur­tei­len­den Hand­lun­gen 12.

Ob im kon­kre­ten Fall nach die­sen Kri­te­ri­en eine ein­heit­li­che Tat anzu­neh­men ist, obliegt der Beur­tei­lung durch die natio­na­len Gerich­te 13.

Bei Anwen­dung die­ser Maß­stä­be liegt hier eine ein­heit­li­che Tat im Sin­ne des Art. 54 SDÜ nicht vor. Der Sach­ver­halt, der die Grund­la­ge der hie­si­gen Ver­ur­tei­lung bil­det, und der­je­ni­ge, den das Amts­ge­richt in Hrvat­ska Kost­a­j­ni­ca abge­ur­teilt hat, bil­den weder in zeit­li­cher noch in ört­li­cher Hin­sicht noch unter Zweck­ge­sichts­punk­ten einen Kom­plex unlös­bar mit­ein­an­der ver­bun­de­ner Tat­sa­chen. Zwar plan­te der Ange­klag­te von Beginn an, mit sei­nem Kind bis nach Bos­ni­en­Her­ze­go­wi­na zu fah­ren. Auch ver­wen­de­te er die­je­ni­gen Waf­fen, deren Besitz in Kroa­ti­en abge­ur­teilt wur­de, bereits bei sei­nen straf­ba­ren Hand­lun­gen in Deutsch­land und übte durch­gän­gig die tat­säch­li­che Gewalt über sie aus. Es kann dahin­ste­hen, ob die­se Umstän­de nach inner­deut­schem Straf­recht sach­lich­recht­lich zur Annah­me von Tat­ein­heit füh­ren wür­den 14. Sie ver­knüp­fen jeden­falls in tat­säch­li­cher Hin­sicht das jeweils abge­ur­teil­te Gesche­hen nicht so stark, dass ein ins­ge­samt ein­heit­li­cher, untrenn­ba­rer Tat­sa­chen­kom­plex anzu­neh­men ist.

Für die an den zwei Rast­stät­ten in Deutsch­land began­ge­ne voll­ende­te und die ver­such­te beson­ders schwe­re räu­be­ri­sche Erpres­sung folgt dies bereits dar­aus, dass die­se Delik­te ledig­lich das jewei­li­ge, in sich inso­weit abge­schlos­se­ne Gesche­hen in Deutsch­land betref­fen. Die­ses steht weder zeit­lich noch ört­lich noch inhalt­lich in einem engen, unlös­ba­ren Zusam­men­hang mit dem Besitz der Waf­fen am Mit­tag des nächs­ten Tages in Kroa­ti­en.

Ent­spre­chen­des gilt im Ver­hält­nis der Gei­sel­nah­me in Deutsch­land zu dem Waf­fen­be­sitz in Kroa­ti­en.

Bezüg­lich die­ses Delikts erhält das von § 239b StGB erfass­te Gesche­hen in Deutsch­land sein wesent­li­ches Geprä­ge dadurch, dass der Ange­klag­te sich sei­ner Toch­ter bemäch­tig­te bzw. die­se ent­führ­te und die Waf­fen nicht nur besaß, son­dern sie dar­über hin­aus als Mit­tel zu einer qua­li­fi­zier­ten Dro­hung mit dem Tod von sich selbst, sei­ner Toch­ter und Poli­zei­be­am­ten aktiv und bewusst ein­setz­te. Weder dem in dem hie­si­gen Ver­fah­ren ergan­ge­nen Urteil noch dem­je­ni­gen des Amts­ge­richts Hrvat­ska Kost­a­j­ni­ca lässt sich ent­neh­men, dass der Ange­klag­te die in Deutsch­land zuletzt auf einem Rast­platz in Bay­ern aus­ge­spro­che­nen Dro­hun­gen nach Ver­las­sen des Lan­des wei­ter­hin auf­recht erhielt. Die Fest­stel­lun­gen des in Kroa­ti­en ergan­ge­nen Urteils stel­len im Gegen­teil ein­deu­tig ledig­lich dar­auf ab, dass der Ange­klag­te am Mit­tag des 6.02.2012 in Hrvat­ska Kost­a­j­ni­ca im Besitz des größ­ten Teils der Waf­fen war; davon, dass der Ange­klag­te dort oder sonst wo in Kroa­ti­en noch auf irgend­je­man­den nöti­gend ein­wirk­te, ist nicht die Rede.

Die­se jewei­li­gen Urteils­fest­stel­lun­gen ste­hen im Ein­klang mit dem vom Bun­des­ge­richts­hof dar­über hin­aus bei der Prü­fung des Bestehens eines Ver­fah­rens­hin­der­nis­ses im Frei­be­weis­ver­fah­ren zu ver­wer­ten­den Beweis­stoff. Danach ist davon aus­zu­ge­hen, dass der Ange­klag­te das in Deutsch­land auf­ge­bau­te Bedro­hungs­sze­na­rio nach Ver­las­sen des Lan­des nicht auf­recht erhielt und allen­falls noch ein­mal kurz­zei­tig erneu­er­te. Zunächst ist für die anschlie­ßen­de Fahrt durch Öster­reich eine irgend­wie gear­te­te kon­kre­te Bedro­hungs- oder sons­ti­ge Nöti­gungs­hand­lung nicht belegt. Wäh­rend der Fahrt durch Slo­we­ni­en erklär­te er ledig­lich bei der Ein­rei­se, man habe in Deutsch­land auf ihn geschos­sen; er sei bereit, sei­ne Toch­ter und sich selbst zu töten. Wäh­rend sei­nes Auf­ent­halts am Grenz­über­gang zwi­schen Slo­we­ni­en und Kroa­ti­en droh­te der Ange­klag­te dem­ge­gen­über nicht erneut damit, sei­ne Hand­gra­na­ten zur Explo­si­on zu brin­gen. In der Fol­ge­zeit über­gab er sogar frei­wil­lig die zwei Hand­gran­an­ten und eine wei­te­re Waf­fe an die ihn obser­vie­ren­den kroa­ti­schen Poli­zei­be­am­ten. Sein Ver­hal­ten in Kroa­ti­en unter­schied sich somit ganz wesent­lich von dem­je­ni­gen in Deutsch­land.

Dem­nach fehlt es auch mit Blick auf die sons­ti­gen Umstän­de an einer aus­rei­chen­den objek­ti­ven Ver­bin­dung der zu bewer­ten­den Sach­ver­halts­kom­ple­xe. Der Ange­klag­te durf­te nicht berech­tig­ter­wei­se dar­auf ver­trau­en, die Abur­tei­lung in Kroa­ti­en wegen blo­ßen Waf­fen­be­sit­zes umfas­se auch das schwe­re Straf­ta­ten ver­wirk­li­chen­de Gesche­hen in der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land. Ihm muss­te viel­mehr ohne Wei­te­res klar sein, dass die straf­recht­li­che Ahn­dung in Kroa­ti­en nicht das Gesamt­ge­sche­hen umfass­te, son­dern sich allein auf das kon­kre­te Gesche­hen in Kroa­ti­en bezog, wie es in der Ver­ur­tei­lung dar­ge­stellt ist. In die­sem Zusam­men­hang ist schließ­lich auch unter Berück­sich­ti­gung der Vor­ga­ben des Euro­päi­schen Gerichts­hofs von Bedeu­tung, dass die Kogni­ti­ons­pflicht des ers­ten Tat­ge­richts – ein­ge­denk der Unter­schied­lich­keit der natio­na­len Straf­rechts­ord­nun­gen – nicht über­dehnt wer­den darf. Nach all­dem ist der Ange­klag­te durch die Durch­füh­rung des Straf­ver­fah­rens in Deutsch­land in sei­nem Recht auf Frei­zü­gig­keit inner­halb der Euro­päi­schen Uni­on nicht in rechts­staats­wid­ri­ger Wei­se beein­träch­tigt.

Die Annah­me unter­schied­li­cher Taten steht auch im Ein­klang mit den Ergeb­nis­sen in den bis­her von der Recht­spre­chung zu Art. 54 SDÜ ent­schie­de­nen Fäl­len. Ein den dor­ti­gen Fest­stel­lun­gen ver­gleich­bar ein­heit­li­ches, durch­gän­gi­ges Gesamt­ge­sche­hen ist hier nicht gege­ben; das im vor­lie­gen­den Fall zu beur­tei­len­de tat­säch­li­che Gesche­hen unter­schei­det sich viel­mehr wesent­lich von den Sach­ver­hal­ten, in denen bis­lang eine ein­heit­li­che Tat im Sin­ne des Art. 54 SDÜ ange­nom­men wur­de. Dies war der Fall etwa bei einer Aus­fuhr von Betäu­bungs­mit­teln aus einem Ver­trags­staat (Bel­gi­en) und anschlie­ßen­der Ein­fuhr in einen ande­ren Ver­trags­staat (Nor­we­gen) 3 sowie bei der Über­nah­me geschmug­gel­ten aus­län­di­schen Tabaks in Grie­chen­land und des­sen Ein­fuhr nach und Besitz in Ita­li­en, wobei von Anfang an der Plan bestand, den Tabak nach Ver­brin­gung in den ers­ten Ver­trags­staat zu sei­nem end­gül­ti­gen Bestim­mungs­ort zu trans­por­tie­ren 15. Eine ein­heit­li­che Tat kommt auch in Betracht bei der Ver­mark­tung einer Ware (Oli­ven­öl) in einem Ver­trags­staat nach deren ursprüng­li­cher Ein­fuhr in einen ande­ren Ver­trags­staat 16.

Soweit es in die­sen Ent­schei­dun­gen um den Trans­port von Rausch­gift durch meh­re­re Ver­trags­staa­ten ging, war die­ser ins­ge­samt und durch­gän­gig Teil eines ein­heit­li­chen, auf die Ver­wer­tung des Rausch­gifts und damit einen ein­heit­li­chen über­ge­ord­ne­ten objek­ti­ven Zweck gerich­te­ten Gesamt­vor­gangs, des­sen Auf­spal­tung in von­ein­an­der zu tren­nen­de Pha­sen dem engen Zusam­men­hang des Gesamt­ge­sche­hens nicht ent­spro­chen hät­te. Ent­spre­chen­des gilt in den Fäl­len des geschmug­gel­ten Tabaks sowie der Ein­fuhr und anschlie­ßen­den Ver­wer­tung des Oli­ven­öls. Bei dem Ver­brin­gen der Betäu­bungs­mit­tel nach Nor­we­gen waren zudem maß­ge­bend die kon­kre­ten Ein­zel­fall­um­stän­de und dabei ins­be­son­de­re, dass kei­ne wesent­li­che Unter­bre­chung des Trans­ports oder ein län­ge­res Zwi­schen­la­gern der Ware vor­lag und der genaue Ablauf des Trans­ports bereits vor des­sen Beginn geplant war 17. Im Gegen­satz hier­zu ist im vor­lie­gen­den Fall das Gesche­hen in Deutsch­land wesent­lich durch die Begrün­dung und Auf­recht­erhal­tung der Bemäch­ti­gungs­la­ge sowie die mas­si­ven Dro­hun­gen des Ange­klag­ten geprägt, wäh­rend bei dem in Kroa­ti­en abge­ur­teil­ten Gesche­hen allein der Besitz der Waf­fen maß­ge­bend ist. Des­halb ist, obwohl der Ange­klag­te den Groß­teil der Waf­fen bis nach Kroa­ti­en mit sich führ­te, ein den "Trans­port­fäl­len" ent­spre­chen­der über­ge­ord­ne­ter, die ein­zel­nen Kom­ple­xe glei­cher­ma­ßen prä­gen­der objek­ti­ver und durch­gän­gig ein­heit­li­cher Zweck nicht gege­ben. Dies zeigt sich schließ­lich auch dar­in, dass der Ange­klag­te sei­ne Fahrt auch nach Abga­be der Schuss­waf­fe und Hand­gra­na­ten in Kroa­ti­en unbe­waff­net bis zu sei­nem Ziel in Bos­ni­en-Her­ze­go­wi­na fort­setz­te.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 12. Dezem­ber 2013 – 3 StR 531/​12

  1. zum Ver­hält­nis von Art. 54 SDÜ zu Art. 50 GrCh vgl. BGH, Beschluss vom 25.10.2010 – 1 StR 57/​10, BGHSt 56, 11, 14 f.[]
  2. Rad­tke, NStZ 2008, 162, 163[]
  3. EuGH, Urteil vom 09.03.2006 – C436/​04 – Van Esbro­eck , NJW 2006, 1781[][]
  4. BGH, Beschlüs­se vom 25.10.2010 – 1 StR 57/​10, BGHSt 56, 11; vom 09.06.2008 – 5 StR 342/​04, NJW 2008, 2931, 2932; Schomburg/​Lagodny/​Gleß/​Hackner, Inter­na­tio­na­le Rechts­hil­fe in Straf­sa­chen, 5. Aufl., Art. 54 SDÜ Rn. 18[]
  5. Mey­er-Goß­ner, StPO, 56. Aufl., Einl. Rn. 150; vgl. auch zu Art. 50 GrCh: BGH, aaO, BGHSt 56, 11[]
  6. vgl. EuGH, Beschluss vom 22.12 2008 – C491/​07 – Turan­sky , NStZ-RR 2009, 109, 110[]
  7. vgl. im Ein­zel­nen BGH, Beschluss vom 05.03.2009 – 3 StR 566/​08, BGHR StPO § 264 Abs. 1 Tati­den­ti­tät 47[]
  8. vgl. BGH, Urteil vom 11.06.1980 – 3 StR 9/​80, BGHSt 29, 288, 292 ff.; Beschluss vom 04.09.2009 – StB 44/​09, NStZ 2010, 287, 288[]
  9. BGH, Beschluss vom 30.03.2001 – StB 4 und 5/​01, BGHR StGB § 129a Straf­kla­ge­ver­brauch 1[]
  10. EuGH, Urtei­le vom 11.02.2003 – C187/​01 – Gözü­tok und Brüg­ge ; vom 09.03.2006 – C436/​04 – Van Esbro­eck , NJW 2006, 1781; vom 28.09.2006 – C467/​04 – Gas­pa­ri­ni ; vom 28.09.2006 – C150/​05 – Van Straa­ten ; vom 18.07.2007 – C288/​05 – Kret­zin­ger , NJW 2007, 3412; vom 18.07.2007 – C367/​05 – Kraai­jen­brink , NStZ 2008, 164; vom 22.12 2008 – C491/​07 – Turan­sky , NStZ-RR 2009, 109; vom 16.11.2010 – C261/​09 Man­tel­lo , NJW 2011, 983[]
  11. BGH, Beschluss vom 09.06.2008 – 5 StR 342/​04, NJW 2008, 2931, 2932 f.[]
  12. vgl. EuGH, jeweils aaO[]
  13. EuGH, Urtei­le vom 09.03.2006 – C436/​04 – Van Esbro­eck , NJW 2006, 1781; vom 28.09.2006 – C467/​04 – Gas­pa­ri­ni[]
  14. zum nach deut­schem Recht aller­dings ein­ge­schränk­ten Straf­kla­ge­ver­brauch bei einer Ver­ur­tei­lung wegen Besit­zes und/​oder Füh­rens von Waf­fen vgl. BGH, Urtei­le vom 16.03.1989 – 4 StR 60/​89, BGHSt 36, 151; vom 15.04.1998 – 2 StR 670/​97, NStZ-RR 1999, 8[]
  15. EuGH, Urteil vom 18.07.2007 – C288/​05 – Kret­zin­ger , NJW 2007, 3412; BGH, aaO, NJW 2008, 2931[]
  16. EuGH, Urteil vom 28.09.2006 – C467/​04 – Gas­pa­ri­ni[]
  17. BGH, aaO, NJW 2008, 2931, 2933[]