Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung und Adhä­si­ons­ver­fah­ren

Die Bestel­lung zum Pflicht­ver­tei­di­ger umfasst nach einer Ent­schei­dung des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts Ham­burg nicht die Ver­tre­tung des Ange­klag­ten im Adhä­si­ons­ver­fah­ren.

Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung und Adhä­si­ons­ver­fah­ren

In dem vom OLG Ham­burg ent­schie­de­nen Fall war eine aus­drück­li­che oder kon­klu­den­te Bei­ord­nung der Ver­tei­di­ge­rin gemäß § 404 Abs. 5 StPO für das Adhä­si­ons­ver­fah­ren nicht erfolgt. Zwar hat die Ver­tei­di­ge­rin einen ent­spre­chen­den Antrag gestellt. Die­sem wur­de aber nicht ent­spro­chen. Soweit die Ver­tei­di­ge­rin vor­trägt, der Vor­sit­zen­de des Tat­ge­richts habe erklärt, eine geson­der­te Bei­ord­nung sei nicht erfor­der­lich, da nach Auf­fas­sung des Han­sea­ti­schen Ober­lan­des­ge­richts die Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung auch für das Adhä­si­ons­ver­fah­ren gel­te, han­delt es sich um kei­ne kon­klu­den­te Bei­ord­nung, son­dern ledig­lich um die Äuße­rung einer Rechts­auf­fas­sung. Die von der Ver­tei­di­ge­rin wie­der­ge­ge­be­ne Äuße­rung des Vor­sit­zen­den deu­tet viel­mehr dar­auf hin, dass die­ser kei­nen Raum für eine eige­ne Ent­schei­dung sah, son­dern von einer gesetz­li­chen Fol­ge auf­grund der Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung aus­ging. Für die­se Aus­le­gung spricht auch, dass die ansons­ten gemäß § 405 Abs. 5 S. 1 StPO i.V.m. § 114 S. 1 ZPO erfor­der­li­che Prü­fung der Bedürf­tig­keit des Ange­klag­ten und der Erfolgs­aus­sich­ten sei­ner Rechts­ver­fol­gung unter­blieb.

Damit kommt es vor­lie­gend für einen Zah­lungs­an­spruch gegen die Lan­des­kas­se auf die Fra­ge an, ob die Pflicht­ver­tei­di­ger­be­stel­lung regel­mä­ßig auch die Ver­tre­tung im Adhä­si­ons­ver­fah­ren umfasst. Der Bun­des­ge­richts­hof hat die­se Fra­ge bis­her aus­drück­lich offen gelas­sen 1. Ein Teil der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung bejaht die­se Fra­ge 2. Der über­wie­gen­de Teil der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung for­dert für einen Anspruch gegen­über der Lan­des­kas­se eine geson­der­te Bei­ord­nung für das Adhä­si­ons­ver­fah­ren 3.

Das OLG Ham­burg schließt sich der letzt­ge­nann­ten Auf­fas­sung und deren Argu­men­ta­ti­on an. Von aus­schlag­ge­ben­der Bedeu­tung ist der ein­deu­ti­ge Wort­laut des § 405 Abs. 5 StPO. In Satz 1 die­ses Absat­zes wird aus­drück­lich eine geson­der­te Bei­ord­nung gefor­dert, die sich an den Vor­aus­set­zun­gen der Vor­schrif­ten für bür­ger­li­che Recht­strei­tig­kei­ten zu ori­en­tie­ren hat. Soweit von der Gegen­auf­fas­sung vor­ge­bracht wird, die­se Ein­schrän­kung bezie­he sich nur auf Ange­schul­dig­te, bei denen die Vor­aus­set­zun­gen für eine Pflicht­ver­tei­di­gung nicht vor­lä­gen 4, ergibt sich die­se Ein­schrän­kung nicht aus dem Gesetz und wider­spricht zudem dem Rege­lungs­zweck des § 404 Abs. 5 S. 2 StPO, der auch für Ange­schul­dig­te, die bereits einen Ver­tei­di­ger haben, aus­drück­lich das Bedürf­nis für eine geson­der­te Bei­ord­nung vor­aus­setzt.

Nach allem hat die Ver­tei­di­ge­rin für einen Gebüh­ren­an­spruchs gem. Ziff. 4143 VV man­gels ent­spre­chen­der Bei­ord­nung kei­nen Anspruch gegen die Lan­des­kas­se.

Han­sea­ti­sches Ober­lan­des­ge­richt Ham­burg, Beschluss vom 14. Juni 2010 – 3 Ws 73/​10

  1. BGH, NJW 2001, 2486, 2487[]
  2. OLG Schles­wig, NStZ 1998, 101 f.; OLG Hamm, Stra­Fo 2001, 361 f.; OLG Köln, Stra­Fo 2005, 394 f.; Hans. OLG Ham­burg, NStZ-RR 2006, 347, 349; OLG Dres­den, Beschluss vom 13.06.07, 1 Ws 155/​06[]
  3. OLG Saar­brü­cken, StV 2000, 433 f.; OLG Mün­chen, StV 2004, 38; OLG Zwei­brü­cken, Jur­Bü­ro 2006, 643 f.; OLG Cel­le, NStZ-RR 2008, 190 ff.; Thü­rin­ger OLG, Rpfle­ger, 2008, 529 ff; Bran­den­bur­gi­sches OLG, Beschlüs­se vom 29.04.08, 2 Ws 59/​08 und vom 30.09.08, 1 Ws 142/​08; OLG Bam­berg, Beschluss vom 22.10.08, 1 Ws 576/​08; OLG Stutt­gart, Jus­tiz 2009, 201 f.; OLG Olden­burg, Beschluss vom 22.04.10, 1 Ws 178/​10[]
  4. OLG Hamm a.a.O.[]