Steu­er­hin­ter­zie­hung – und der ver­schlei­er­te Zufluss der Ein­nah­men

Ein­nah­men (§ 8 Abs. 1 EStG) sind dem Steu­er­pflich­ti­gen im Sin­ne von § 11 Abs. 1 EStG zuge­flos­sen, sobald er über sie wirt­schaft­lich ver­fü­gen kann.

Steu­er­hin­ter­zie­hung – und der ver­schlei­er­te Zufluss der Ein­nah­men

Geld­be­trä­ge flie­ßen dem Steu­er­pflich­ti­gen in der Regel dadurch zu, dass sie bar aus­ge­zahlt oder einem Kon­to des Emp­fän­gers bei einem Kre­dit­in­sti­tut gut­ge­schrie­ben wer­den. Auch die Hin­ga­be eines (gedeck­ten) Schecks führt zum Zufluss des ent­spre­chen­den Geld­be­tra­ges 1.

Eben­so kann eine Gut­schrift in den Büchern des Ver­pflich­te­ten einen Zufluss bewir­ken, wenn in der Gut­schrift nicht nur das buch­mä­ßi­ge Fest­hal­ten einer Schuld­ver­pflich­tung zu sehen ist, son­dern dar­über hin­aus zum Aus­druck gebracht wird, dass der Betrag dem Berech­tig­ten von nun an zur Ver­wen­dung zur Ver­fü­gung steht. Aller­dings muss der Gläu­bi­ger in der Lage sein, den Leis­tungs­er­folg ohne wei­te­res Zutun des im Übri­gen leis­tungs­be­rei­ten und leis­tungs­fä­hi­gen Schuld­ners her­bei­zu­füh­ren 2.

Ein Zufluss kann zudem durch eine geson­der­te Ver­ein­ba­rung zwi­schen Schuld­ner und Gläu­bi­ger bewirkt wer­den, dass der Betrag fort­an aus einem ande­ren Rechts­grund (Nova­ti­on) geschul­det sein soll 3.

Von einem Zufluss des auf­grund der Alt­for­de­rung geschul­de­ten Betrags im Sin­ne von § 11 Abs. 1 EStG kann in der­ar­ti­gen Fäl­len der Schuld­um­schaf­fung nach der Recht­spre­chung des Bun­des­fi­nanz­hofs aller­dings nur dann aus­ge­gan­gen wer­den, wenn sich eine sol­che Nova­ti­on als Fol­ge der Aus­übung der wirt­schaft­li­chen Ver­fü­gungs­macht des Gläu­bi­gers (Steu­er­pflich­ti­gen) über den Gegen­stand der Alt­for­de­rung dar­stellt, also auf einem frei­en Ent­schluss des Gläu­bi­gers beruht 4.

Bei wirt­schaft­li­cher Betrach­tung wäre die im Inter­es­se des Arbeit­neh­mers erfol­gen­de Ein­spei­sung des Arbeits­lohns in eine Kapi­tal­an­la­ge durch den Arbeit­ge­ber oder eine durch den Arbeit­neh­mer beauf­trag­te Per­son hin­sicht­lich der Fra­ge des Zuflus­ses im Sin­ne von § 11 Abs. 1 EStG indes­sen ent­spre­chend zu bewer­ten. Denn für die Aus­übung der tat­säch­li­chen Ver­fü­gungs­macht über die dem Arbeit­neh­mer zuste­hen­de Buch­po­si­ti­on ist ohne Belang, ob sein Gläu­bi­ger durch oder nach Ver­än­de­rung des Schuld­grunds wech­selt oder gleich bleibt. An der Ver­fü­gung über den Geld­wert durch die im Inter­es­se des Arbeit­neh­mers lie­gen­de Ein­brin­gung in ein neu­es Schuld­ver­hält­nis unter ver­kürz­tem Leis­tungs­weg ändert sich nichts.

Nach Maß­ga­be des­sen hät­te die ver­ein­ba­rungs­ge­mä­ße Anla­ge des Arbeits­loh­nes bei dem liech­ten­stei­ni­schen Trust jeweils im Zeit­punkt der Abhe­bung der Gel­der durch den Treu­hän­der zum Zufluss beim Arbeit­neh­mer im Sin­ne von § 11 Abs. 1 Satz 1 EStG geführt. Vor­lie­gend stand dem jedoch stets das Feh­len der Leis­tungs­wil­lig­keit des Treu­hän­ders ent­ge­gen. Dabei kann dahin­ste­hen, ob die­ser schon die Ver­pflich­tung zur Anla­ge der Gel­der im Trust ver­letzt hat oder als Geschäfts­füh­rer des Trust zweck­wid­rig über sie ver­fügt hat. Maß­geb­lich ist allein, dass er, sei es als Ver­ant­wort­li­cher der Arbeit­ge­be­rin oder des Trust, die jeweils über­nom­me­ne Ver­mö­gens­für­sor­ge­pflicht ver­letzt hat. Damit war er nicht leis­tungs­be­reit. Dies ist aber die objek­ti­ve Vor­aus­set­zung, weil nur der leis­tungs­wil­li­ge und leis­tungs­be­rei­te Schuld­ner den Zufluss beim Steu­er­pflich­ti­gen ver­mit­teln kann 5. Da der Treu­hän­der den Arbeits­lohn nicht ent­spre­chend sei­ner Ver­trags­pflicht anleg­te, son­dern die Beträ­ge für sich behal­ten und ver­brau­chen woll­te, hat er dem Arbeit­neh­mer kei­ne wirt­schaft­li­che Ver­fü­gungs­macht über den Geld­wert ver­mit­telt. Eine den Zufluss begrün­den­de (tat­säch­li­che) Ver­fü­gung über sei­nen Arbeits­lohn konn­te der Arbeit­neh­mer unter die­sen Umstän­den – ent­ge­gen sei­ner Vor­stel­lung – nicht tref­fen.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 28. Okto­ber 2015 – 1 StR 465/​14

  1. vgl. z.B. BFH, Urteil vom 28.10.2008 – – VIII R 36/​04, BFHE 223, 166; Urteil vom 22.07.1997 – – VIII R 13/​96 in BFHE 184, 46 unter II. 2.a der Grün­de[]
  2. vgl. BFH, Urteil vom 14.02.1984 – – VIII R 221/​80, BFHE 140, 542 unter 2.a der Grün­de; Urteil vom 22.07.1997 – – VIII R 57/​95, BFHE 184, 21 unter II. 2.a aa der Grün­de[]
  3. BFH, Urteil vom 19.06.2007 – – VIII R 63/​03, BFH/​NV 2008, 194 unter II. 2.c der Grün­de; Urteil vom 30.11.2011 – – VIII R 40/​08, BFH/​NV 2011, 592 ff. unter II. 3.a cc[]
  4. vgl. BFH, Urteil vom 17.07.1984 – – VIII R 69/​84, BFHE 142 unter 2.d der Grün­de; Urteil vom 22.07.1997 – – VIII R 57/​95, BFHE 184, 21 unter II. 2.a bb der Grün­de[]
  5. vgl. BFH/​NV 2008, 194 Rn.20; Schmidt/​Krüger, EStG, 34. Aufl., § 11 Rn. 50 [Schnee­ball­sys­te­me][]