Steu­er­hin­ter­zie­hung – und die Anfor­de­run­gen an einen Frei­spruch

Die Kogni­ti­ons­pflicht des Gerichts bezieht sich auf die Tat im pro­zes­sua­len Sinn (§ 264 StPO). Zur Tat als Pro­zess­ge­gen­stand gehört das gesam­te Ver­hal­ten des Ange­klag­ten, soweit es mit dem durch die Ankla­ge bezeich­ne­ten geschicht­li­chen Vor­komm­nis nach der Auf­fas­sung des Lebens einen ein­heit­li­chen Vor­gang bil­det. Dies kann nicht unab­hän­gig von der ver­letz­ten Straf­be­stim­mung beur­teilt wer­den.

Steu­er­hin­ter­zie­hung – und die Anfor­de­run­gen an einen Frei­spruch

Im Steu­er­straf­recht wer­den der Umfang und die Reich­wei­te der pro­zes­sua­len Tat neben der ein­schlä­gi­gen Blan­kett­vor­schrift maß­geb­lich durch die sie aus­fül­len­den Nor­men des Steu­er­straf­rechts bestimmt1. Hier­bei ist in den Blick zu neh­men, dass es sich bei der Steu­er­hin­ter­zie­hung gemäß § 370 Abs. 1 AO um ein Erklä­rungs- und zugleich um ein Erfolgs­de­likt han­delt2. Des­halb ist beim Tat­vor­wurf der Steu­er­hin­ter­zie­hung auch bei einem frei­spre­chen­den Urteil fest­zu­stel­len und in den Urteils­grün­den dar­zu­le­gen, wann der Ange­klag­te wel­che Steu­er­erklä­run­gen mit wel­chem Inhalt abge­ge­ben hat3.

Die Urteils­grün­de müs­sen zudem in einer für das Revi­si­ons­ge­richt nach­prüf­ba­ren Wei­se erken­nen las­sen, ob die in den ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Steu­er­erklä­run­gen ent­hal­te­nen Anga­ben unrich­tig oder unvoll­stän­dig waren und ob sie gege­be­nen­falls zu einer Steu­er­ver­kür­zung oder einem nicht gerecht­fer­tig­ten Steu­er­vor­teil geführt haben. Dies beinhal­tet, dass das Tat­ge­richt nicht nur die in der Ankla­ge­schrift als Beleg für feh­ler­haf­te Anga­ben ange­führ­ten Umstän­de in den Blick zu neh­men hat. Viel­mehr muss es sich dann, wenn nach dem Gang der Haupt­ver­hand­lung hin­rei­chen­de tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für ande­re Gescheh­nis­se bestehen, aus denen sich die Unrich­tig­keit der ver­fah­rens­ge­gen­ständ­li­chen Steu­er­erklä­run­gen erge­ben kann, auch mit die­sen Umstän­den aus­ein­an­der­set­zen. Gege­be­nen­falls hat das Tat­ge­richt ent­spre­chend § 265 StPO auf die­se Ver­än­de­rung hin­zu­wei­sen. Denn der Straf­kla­ge­ver­brauch eines Frei­spruchs wür­de einer neu­en, auf sol­che Umstän­de gestütz­ten Straf­ver­fol­gung ent­ge­gen­ste­hen.

Ein Frei­spruch kommt schließ­lich auch dann nicht in Betracht, wenn das vom Tat­ge­richt fest­ge­stell­te Ver­hal­ten eines Ange­klag­ten den Ord­nungs­wid­rig­kei­ten­tat­be­stand der leicht­fer­ti­gen Steu­er­ver­kür­zung (§ 378 AO) erfüllt4.

Bun­des­ge­richts­hof, Urteil vom 11. Novem­ber 2015 – 1 StR 235/​15

  1. vgl. BGH, Beschluss vom 27.05.2009 – 1 StR 665/​08, wis­tra 2009, 465 mwN
  2. vgl. BGH, Urteil vom 12.05.2009 – 1 StR 718/​08, BGHR StPO § 267 Abs. 1 StPO Steu­er­hin­ter­zie­hung 1
  3. vgl. BGH, Urteil vom 12.05.2009 – 1 StR 718/​08, BGHR StPO § 267 Abs. 1 Steu­er­hin­ter­zie­hung 1 mwN
  4. vgl. BGH, Urteil vom 08.09.2011 – 1 StR 38/​11, wis­tra 2011, 465 mwN