Voll­zugs­lo­cke­run­gen – und ihre ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen

Vor dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt blieb jetzt eine Ver­fas­sungs­be­schwer­de bezüg­lich den ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen an die Gewäh­rung von Locke­run­gen im Straf­voll­zug erfolg­los:

Voll­zugs­lo­cke­run­gen – und ihre ver­fas­sungs­recht­li­chen Anfor­de­run­gen

Die Ver­fas­sungs­be­schwer­de wur­de gemäß § 93a Abs. 2 BVerfGG nicht zur Ent­schei­dung ange­nom­men, weil sie unzu­läs­sig war. Sie genüg­te nicht den aus § 23 Abs. 1 Satz 2, § 92 BVerfGG fol­gen­den Begrün­dungs­an­for­de­run­gen.

Wen­det sich die Ver­fas­sungs­be­schwer­de gegen gericht­li­che Ent­schei­dun­gen, so bedarf es in der Regel einer ins Ein­zel­ne gehen­den argu­men­ta­ti­ven Aus­ein­an­der­set­zung mit der kon­kre­ten Ent­schei­dung und deren kon­kre­ter Begrün­dung dahin­ge­hend 1, dass und wes­halb bei dem sub­stan­ti­iert und schlüs­sig dar­zu­stel­len­den Sach­ver­halt unter Anknüp­fung an die bezie­hungs­wei­se Aus­ein­an­der­set­zung mit der hier­zu bereits ergan­ge­nen Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts 2 ein Ver­stoß der ange­grif­fe­nen Ent­schei­dung gegen das mit der Beschwer­de kon­kret gel­tend gemach­te ver­fas­sungs­be­schwer­de­fä­hi­ge Recht mög­lich erscheint 3.

Nach die­sen Maß­stä­ben hat der Beschwer­de­füh­rer einen Ver­stoß gegen den allein gerüg­ten Art.19 Abs. 4 GG nicht sub­stan­ti­iert dar­ge­legt. Denn soweit er eine unzu­rei­chen­de Auf­klä­rung des Sach­ver­halts durch die Fach­ge­rich­te rügt, hat er nicht aus­ge­führt, mit wel­chen Mit­teln das Land­ge­richt die von der Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt ange­nom­me­ne Gefahr eines Miss­brauchs von Locke­run­gen wei­ter hät­te auf­klä­ren sol­len. Dies­be­züg­lich ist auch nichts ersicht­lich. Die Jus­tiz­voll­zugs­an­stalt hat ihrer Ent­schei­dung, kei­ne Locke­run­gen zu gewäh­ren, das foren­sisch-psych­ia­tri­sche Sach­ver­stän­di­gen­gut­ach­ten vom 27.10.2014 zugrun­de gelegt, wel­ches noch aus­rei­chend aktu­ell war. Sie hat sich nicht nur auf die durch die weit zurück­lie­gen­de Tat zuta­ge getre­te­ne Gefähr­lich­keit gestützt, son­dern in der Abwä­gung ins­be­son­de­re dar­auf abge­stellt, dass bis­her noch kei­ne aus­rei­chen­de the­ra­peu­ti­sche Tat­auf­ar­bei­tung vor­lie­ge. Anhalts­punk­te für eine will­kür­li­che, weil nicht nach­voll­zieh­ba­re Abwä­gung lie­gen aus ver­fas­sungs­recht­li­cher Sicht nicht vor.

Eine Ver­let­zung sei­ner Rech­te aus Art. 2 Abs. 1 in Ver­bin­dung mit Art. 1 Abs. 1 GG hat der – anwalt­lich ver­tre­te­ne – Beschwer­de­füh­rer dage­gen nicht gerügt. Eine sol­che Rüge lässt sich auch den Aus­füh­run­gen zur ver­meint­lich unzu­rei­chen­den Sach­ver­halts­auf­klä­rung nicht ent­neh­men.

Die Kam­mer weist aber dar­auf hin, dass gegen die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen dies­be­züg­lich ver­fas­sungs­recht­li­che Beden­ken bestehen. Das Land­ge­richt hat es unbe­an­stan­det gelas­sen, dass der Voll­zugs­plan der­zeit jeg­li­che Voll­zugs­lo­cke­rung ablehnt, ohne sich mit der Fra­ge zu befas­sen, ob im Hin­blick auf Aus­füh­run­gen die ange­nom­me­ne Flucht- und Miss­brauchs­ge­fahr durch die bei die­ser Locke­rungs­form defi­ni­ti­ons­ge­mäß vor­han­de­ne Auf­sicht durch Voll­zugs­be­diens­te­te hin­rei­chend aus­ge­räumt ist 4, und ohne auf die Fra­ge ein­zu­ge­hen, ob dem Beschwer­de­füh­rer nach mehr als 15jähriger Haft Locke­run­gen, unab­hän­gig von ihrer ent­las­sungs­vor­be­rei­ten­den und auf Ent­schei­dun­gen über eine künf­ti­ge Ent­las­sung ein­wir­ken­den Funk­ti­on, schon zur Erhal­tung sei­ner Lebens­tüch­tig­keit gewährt wer­den muss­ten 5. Das Ober­lan­des­ge­richt hat die gegen die Ent­schei­dung des Land­ge­richts gerich­te­te Rechts­be­schwer­de ver­wor­fen.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Novem­ber 2017 – 2 BvR 49/​17

  1. vgl. BVerfGE 88, 40, 45; 101, 331, 345; 105, 252, 264; BVerfGK 19, 388, 395[]
  2. vgl. BVerfGE 77, 170, 214 f.; 79, 292, 301; 99, 84, 87; BVerfGK 1, 227, 228; 3, 213, 216; 13, 128, 132; 13, 544, 546[]
  3. vgl. BVerfGE 28, 17, 19 f.; 65, 227, 232 f.; 67, 90, 94; 89, 155, 171; BVerfGK 9, 174, 184 f.[]
  4. vgl. BVerfGK 19, 306, 316 f.[]
  5. vgl. BVerfGK 19, 306, 315 f.; 20, 307, 312 f.; BVerfG, Beschluss vom 04.05.2015 – 2 BvR 1753/​14[]