Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die Erfolgs­aus­sich­ten

Eine hin­rei­chend kon­kre­te Erfolgs­aus­sicht der Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt (§ 64 Satz 2 StGB) besteht nicht, wenn die vor­aus­sicht­lich not­wen­di­ge Dau­er der Behand­lung die Höchst­frist des § 67d Abs. 1 Satz 1 StGB über­schrei­tet.

Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt – und die Erfolgs­aus­sich­ten

Gemäß § 67d Abs. 1 Satz 1 StGB darf die Unter­brin­gung nach § 64 StGB nicht län­ger als zwei Jah­re dau­ern. Der inso­weit ein­deu­ti­ge Wort­laut grün­det auf der Über­zeu­gung des Gesetz­ge­bers, die Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt sei nur inner­halb einer bestimm­ten Frist, kon­kret inner­halb eines Zeit­raums von bis zu zwei Jah­ren, sinn­voll und erfolg­ver­spre­chend 1.

Aus der Sys­te­ma­tik der Bestim­mun­gen zu den frei­heits­ent­zie­hen­den Maß­re­geln ergibt sich nichts ande­res. Ins­be­son­de­re lässt sich § 67d Abs. 1 Satz 3 StGB nicht ent­neh­men, der Gesetz­ge­ber hal­te Unter­brin­gun­gen über zwei Jah­re hin­aus in Ein­zel­fäl­len für the­ra­peu­tisch sinn­voll. § 67d Abs. 1 Satz 3 StGB knüpft die Höchst­frist­ver­län­ge­rung nicht an die tatrich­ter­li­che Pro­gno­se, eine die Zwei­jah­res­frist des § 67d Abs. 1 Satz 1 StGB über­schrei­ten­de The­ra­pie wer­de aus­nahms­wei­se erfolg­reich sein, son­dern will aus­schließ­lich Sys­tem­brü­che kor­ri­gie­ren, die sich aus der Voll­stre­ckungs­rei­hen­fol­ge erge­ben kön­nen 2.

Die Auf­fas­sung des Gesetz­ge­bers, eine auf län­ger als zwei Jah­re pro­gnos­ti­zier­te Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt bie­te kei­ne hin­rei­chend kon­kre­te Aus­sicht auf Erfolg und habe des­halb von vorn­her­ein zu unter­blei­ben, fin­det ihre Bekräf­ti­gung in § 67 Abs. 2 StGB in der Fas­sung des Geset­zes zur Siche­rung der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus und in einer Ent­zie­hungs­an­stalt vom 16. Juli 2007 3. Nach des­sen Satz 2 soll das Gericht bei der Anord­nung der Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt neben einer zei­ti­gen Frei­heits­stra­fe von über drei Jah­ren bestim­men, dass ein Teil der Stra­fe vor der Maß­re­gel zu voll­zie­hen ist. Nach Satz 3 ist die­ser Teil der Stra­fe so zu bemes­sen, dass nach sei­ner Voll­zie­hung und einer anschlie­ßen­den, auf die Stra­fe ange­rech­ne­ten Unter­brin­gung die Voll­stre­ckung der ver­blei­ben­den Hälf­te der Stra­fe zur Bewäh­rung aus­ge­setzt wer­den kann. Dem liegt die Vor­stel­lung zugrun­de, erfolg­ver­spre­chen­de Behand­lun­gen dau­er­ten "nach den Erfah­run­gen der Pra­xis gegen­wär­tig im Durch­schnitt" ein Jahr, eine "sinn­vol­le Ent­zie­hungs­the­ra­pie" sei "spä­tes­tens nach zwei Jah­ren been­det" 4.

Ob ein rechts­po­li­ti­sches Bedürf­nis besteht, Ver­ur­teil­ten, die auf­grund einer mit der Such­ter­kran­kung kom­bi­nier­ten Per­sön­lich­keits­stö­rung nicht von einer auf höchs­tens zwei Jah­re befris­te­ten Unter­brin­gung nach § 64 StGB pro­fi­tie­ren kön­nen, im Rah­men einer Maß­re­gel ande­ren Zuschnitts Hei­lungs­chan­cen zu eröff­nen, hat nicht der Bun­des­ge­richts­hof, son­dern der Gesetz­ge­ber zu ent­schei­den. Dem Bun­des­ge­richts­hof ist es ver­wehrt, einem ver­schie­dent­lich arti­ku­lier­ten Bedürf­nis nach einer Ein­glie­de­rung sol­cher Ver­ur­teil­ter in das Maß­re­gel­sys­tem des Straf­ge­setz­buchs 5 mit­tels einer den Wort­laut, die Sys­te­ma­tik und den Sinn und Zweck der Vor­schrif­ten ver­feh­len­den Inter­pre­ta­ti­on der § 67d Abs. 1, § 67 Abs. 2 StGB Rech­nung zu tra­gen und das Insti­tut der Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt auf Fäl­le aus­zu­wei­ten, auf die es nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers kei­ne Anwen­dung fin­den soll.

Der Bun­des­ge­richts­hof ist an einer Ver­wer­fung der Revi­si­on auf­grund der tra­gen­den Erwä­gung 6, die Anord­nung der Unter­brin­gung nach § 64 StGB kom­me bei einer pro­gnos­ti­zier­ten Behand­lungs­dau­er von mehr als zwei Jah­ren nach gel­ten­dem Recht nicht in Betracht, nicht durch den Beschluss des 5. Straf­se­nats des Bun­des­ge­richts­hofs vom 6. Febru­ar 1996 7 gehin­dert. Zwar beruh­te die­ser Beschluss sei­ner­seits tra­gend auf der Gegen­auf­fas­sung, in die Frist, inner­halb derer der Erfolg der Maß­re­gel erwart­bar sein müs­se, sei auch eine gemäß § 67d Abs. 1 Satz 3 StGB ein­tre­ten­de Ver­län­ge­rung der Unter­brin­gungs­dau­er ein­zu­be­zie­hen. Mit der Ein­füh­rung des § 67 Abs. 2 StGB im Zuge der grund­le­gen­den Reform des Rechts der Unter­brin­gung in einer Ent­zie­hungs­an­stalt im Jahr 2007 ist die­ser Aus­le­gung indes­sen end­gül­tig die Basis ent­zo­gen; Anlass für ein Ver­fah­ren nach § 132 GVG besteht damit nicht 8.

Bun­des­ge­richts­hof, Beschluss vom 17. April 2012 – 3 StR 65/​12

  1. vgl. Pro­to­kol­le des Son­der­aus­schus­ses "Straf­recht", 4. Wahl­pe­ri­ode, S. 803 ff., 819, 936 f., und 5. Wahl­pe­ri­ode, S. 427; außer­dem BT-Drucks. 5/​4095, S. 33; bekräf­tigt BT-Drucks. 16/​1110, S. 14; vgl. auch LK/​Schöch, StGB, 12. Aufl., § 64 Rn. 167; SK/​Sinn, StGB, Stand: Juli 2009, § 67d Rn. 2; Münch­Komm-StG­B/­Veh, § 67d Rn. 5; Satzger/​Schmitt/​Widmaier/​Jehle, StGB, § 67d Rn. 9; Volckart/​Grünebaum, Maß­re­gel­voll­zug, 7. Aufl., S. 283 Rn. 486[]
  2. vgl. BGH, Urteil vom 11.03.2010 – 3 StR 538/​09, BGHR StGB § 64 Abs. 1 Erfolgs­aus­sicht 10 mwN; zu § 89 Abs. 5 StGB E 1962 vgl. BT-Drucks. 4/​650, S. 219; zur Vor­bild­funk­ti­on des § 89 Abs. 5 StGB E 1962 für den spä­te­ren § 67d Abs. 1 Satz 3 StGB vgl. BT-Drucks. 5/​4095, S. 34[]
  3. BGBl. I S. 1327[]
  4. BT-Drucks. 16/​1110, S. 14; zur durch­schnitt­li­chen Behand­lungs­dau­er bereits die Gesetz­ent­wür­fe des Bun­des­ra­tes zur Ver­bes­se­rung der Voll­stre­ckung frei­heits­ent­zie­hen­der Maß­re­geln der Bes­se­rung und Siche­rung, BT-Drucks. 14/​8200, S. 10, und zur Reform des Rechts der Unter­brin­gung in einem psych­ia­tri­schen Kran­ken­haus und in einer Ent­zie­hungs­an­stalt, BT-Drucks. 15/​3652, S. 13 f.[]
  5. vgl. Trenck­mann, JR 2010, 501, 502 f.[]
  6. bis­her nur obiter Beschlüs­se: BGH, Beschlüs­se vom 11.03.2010 – 3 StR 538/​09, BGHR StGB § 64 Abs. 1 Erfolgs­aus­sicht 10; und vom 05.08.2010 – 3 StR 195/​10, BGHR StGB § 64 Abs. 1 Erfolgs­aus­sicht 11[]
  7. BGH, Beschluss vom 06.02.1996 – 5 StR 16/​96[]
  8. vgl. Kissel/​Mayer, GVG, 6. Aufl., § 132 Rn. 21[]