Vor­sätz­li­che Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung

Es kann davon aus­ge­gan­gen wer­den, dass ord­nungs­ge­mäß auf­ge­stell­te Vor­schrifts­zei­chen von Ver­kehrs­teil­neh­mern in aller Regel wahr­ge­nom­men wer­den. Daher braucht die Mög­lich­keit, dass der Betrof­fe­ne das Vor­schrifts­zei­chen über­se­hen hat, nur in Rech­nung gestellt zu wer­den, wenn sich hier­für Anhalts­punk­te erge­ben. (im Anschluss an BGHSt 43, 241).

Vor­sätz­li­che Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung

Bei erheb­li­chen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen kann in der Regel von vor­sätz­li­cher Bege­hungs­wei­se aus­ge­gan­gen wer­den, wobei dies nach der Recht­spre­chung ab Über­schrei­tun­gen von ca. 40 % ange­nom­men wird. Bei nied­ri­ge­ren Über­schrei­tun­gen müs­sen wei­te­re Indi­zi­en her­an­ge­zo­gen wer­den, wie etwa das Vor­lie­gen von meh­re­ren Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen in engem zeit­li­chen und räum­li­chen Zusam­men­hang.

Zwar ist die Fra­ge des Vor­lie­gens einer vor­sätz­li­chen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung in der Regel als eine sol­che des Ein­zel­falls anzu­se­hen 1. Der erst­in­stanz­li­che Buß­geld­rich­ter hat im hier vom Ober­lan­des­ge­richt Cel­le ent­schie­de­nen Fall bei der Beur­tei­lung der Fra­ge, ob eine vor­sätz­li­che Bege­hens­wei­se vor­liegt, jedoch gera­de nicht anhand der Umstän­de des Ein­zel­falls ent­schie­den, son­dern einen all­ge­mei­nen Rechts­satz auf­ge­stellt, wonach dar­aus, dass der Betrof­fe­ne mit einer Geschwin­dig­keit von mehr als 24 % über der zuläs­si­gen Höchst­ge­schwin­dig­keit gefah­ren ist, auf eine bedingt vor­sätz­li­che Bege­hungs­wei­se geschlos­sen wer­den kön­ne. Dies ent­spricht nicht der stän­di­gen ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung.

Die Ver­ur­tei­lung wegen Vor­sat­zes bei einer Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung auf der Auto­bahn setzt zum einen Kennt­nis von der bestehen­den Geschwin­dig­keits­be­schrän­kung und zum ande­ren Kennt­nis von ihrer Über­schrei­tung vor­aus 2. Das Amts­ge­richt hat hier die Kennt­nis des Betrof­fe­nen von der bestehen­den Geschwin­dig­keits­be­schrän­kung dar­aus abge­lei­tet, dass der Betrof­fe­ne drei Schil­der­paa­re mit der Geschwin­dig­keits­be­gren­zung pas­siert hat­te. Die­se Schluss­fol­ge­rung ent­spricht der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung, wonach davon aus­ge­gan­gen wer­den kann, dass ord­nungs­ge­mäß auf­ge­stell­te Vor­schrifts­zei­chen von Ver­kehrs­teil­neh­mern in aller Regel wahr­ge­nom­men wer­den, auch wenn es dazu kei­ne ge-nau­en, durch wis­sen­schaft­li­che Erhe­bun­gen gesi­cher­ten Erkennt­nis­se geben mag 3. Die Mög­lich­keit, dass der Betrof­fe­ne das Vor­schrifts­zei­chen über­se­hen hat, brau­chen die Gerich­te nur in Rech­nung zu stel­len, wenn sich hier­für Anhalts­punk­te erge­ben oder der Betrof­fe­ne dies im Ver­fah­ren ein­wen­det 4. Genau dies war hier nicht der Fall. Der Betrof­fe­ne hat sich nicht dar­auf beru­fen, die Begren­zung über­se­hen zu haben, son­dern die Ord­nungs­mä­ßig­keit der Mes­sung ange­zwei­felt.

Die Fest­stel­lun­gen des Amts­ge­richts zur Kennt­nis des Betrof­fe­nen von der Über­schrei­tung die­ser Geschwin­dig­keits­be­gren­zung kön­nen jedoch kei­nen Bestand haben. Das Amts­ge­richt stützt die­se Fest­stel­lun­gen, also dass der Betrof­fe­ne eine Über­schrei­tung der bestehen­den Geschwin­dig­keits­be­schrän­kung für mög­lich hielt, auf den Erfah­rungs­satz, dass der Betrof­fe­ne bei einer Geschwin­dig­keits­über­schrei­tung von 25 % über der zuläs­si­gen Höchst­ge­schwin­dig­keit anhand der Fahr­ge­räu­sche und anhand der Schnel­lig­keit, mit der sich die Umge­bung ver­än­dert, sei­ne Geschwin­dig­keit ohne Wei­te­res zuver­läs­sig schät­zen und erken­nen kön­ne, dass er die erlaub­te Geschwin­dig­keit wesent­lich über­schrei­te. Dies lässt sich mit der bestehen­den ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung zur Annah­me von vor­sätz­li­chen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen nicht ver­ein­ba­ren.

In der ober­ge­richt­li­chen Recht­spre­chung ist aner­kannt, dass bei erheb­li­chen Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen in der Regel von vor­sätz­li­cher Bege­hungs­wei­se aus­ge­gan­gen wer­den kann, wenn anhand der Moto­ren­ge­räu­sche, der sons­ti­gen Fahr­ge­räu­sche, der Fahr­zeug­vi­bra­ti­on und anhand der Schnel­lig­keit, mit der sich die Umge­bung ändert, der Fah­rer zuver­läs­sig ein­schät­zen kann und dadurch erkennt, dass er die erlaub­te Höchst­ge­schwin­dig­keit wesent­lich über­schrei­tet 5. Bei "erheb­li­chen" Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen im Sin­ne die­ser Recht­spre­chung han­delt es sich um Wer­te von

  • 38,75 % 6,
  • 40 % 7,
  • 45 % 8 und
  • 50 % 9.

Dem­ge­gen­über kann bei nied­ri­ge­ren Geschwin­dig­keits­über­schrei­tun­gen, etwa

  • 32 % 10, bzw.
  • 23,75 % 11

eine Ver­ur­tei­lung wegen vor­sätz­li­cher Über­schrei­tung der Geschwin­dig­keit nicht allein aus der Höhe der Über­schrei­tung abge­lei­tet wer­den, son­dern es müs­sen wei­te­re Indi­zi­en her­an­ge­zo­gen wer­den, wie etwa das Vor­lie­gen von meh­re­ren Geschwin­dig­keits­ver­stö­ßen in engem zeit­li­chen und räum­li­chen Zusam­men­hang. Sol­che wei­te­ren Indi­zi­en für eine vor­sätz­li­che Bege­hungs­wei­se hat das Amts­ge­richt hier nicht fest­ge­stellt und sie sind auch nicht sonst aus den Urteils­grün­den erkenn­bar. Die Fest­stel­lun­gen im ange­foch­te­nen Urteil tra­gen mit­hin nur eine Ver­ur­tei­lung wegen fahr­läs­si­ger Bege­hungs­wei­se. Das ange­foch­te­ne Urteil war daher zum sub­jek­ti­ven Tat­be­stand mit den Fest­stel­lun­gen sowie zum Rechts­fol­gen­aus­spruch auf­zu­he­ben.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Beschluss vom 28. Okto­ber 2013 – 322 SsRs 280/​13

  1. KG, Beschluss vom 29.09.2000 – 2 Ss 218/​00[]
  2. vgl. dazu etwa KG, VRS 122, 232; OLG Zwei­brü­cken DAR 2011, 274[]
  3. vgl. BGHSt 43, 241, 250; OLG Jena, DAR 2008, 35; OLG Cel­le, NZV 2011, 618[]
  4. BGH, a.a.O.[]
  5. vgl. dazu OLG Koblenz, DAR 1999, 227; KG, Beschluss vom 29.09.2000, 2 Ss 218/​00; OLG Cel­le, NZV 2011, 618; OLG Karls­ru­he, NStZ-RR 2006, 249; OLG Düs­sel­dorf, NZV 1995, 161; Hentschel/​König/​Dau­er, Stra­ßen­ver­kehrs­recht, 41. Aufl., § 3 StVO, Rdnr. 56[]
  6. KG, Beschluss vom 16.06.1999 – 2 Ss 130/​99[]
  7. KG, Beschluss vom 29.09.2000 – 2 Ss 218/​00; OLG Koblenz, DAR 1999, 227[]
  8. OLG Cel­le, NZV 2011, 618[]
  9. OLG Karls­ru­he, NStZ-RR 2006, 249[]
  10. OLG Bran­den­burg, DAR 2008, 532[]
  11. OLG Jena, DAR 2008, 35[]