Zwangsmedikation im Maßregelvollzug

Vor dem Bundesverfassungsgericht blieb aktuelle ein Antrag auf Erlass einer einstweiligen Anordnung betreffend die Untersagung der Fortsetzung der Zwangsmedikation im Maßregelvollzug ohne Erfolg:

Zwangsmedikation im Maßregelvollzug

Gemäß § 32 Abs. 1 BVerfGG kann das Bundesverfassungsgericht im Streitfall einen Zustand durch einstweilige Anordnung vorläufig regeln, wenn dies zur Abwehr schwerer Nachteile, zur Verhinderung drohender Gewalt oder aus einem anderen wichtigen Grund zum gemeinen Wohl dringend geboten ist. Dabei haben die Gründe, die für die Verfassungswidrigkeit des angegriffenen Hoheitsakts vorgetragen werden, grundsätzlich außer Betracht zu bleiben, es sei denn, die Verfassungsbeschwerde erwiese sich als von vornherein unzulässig oder offensichtlich unbegründet. Muss der Ausgang des Verfassungsbeschwerdeverfahrens als offen angesehen werden, sind die Folgen, die eintreten würden, wenn die einstweilige Anordnung nicht erginge, die Verfassungsbeschwerde später aber Erfolg hätte, gegen die Nachteile abzuwägen, die entstünden, wenn die begehrte einstweilige Anordnung erlassen würde, der Verfassungsbeschwerde der Erfolg aber zu versagen wäre1. Eine einstweilige Anordnung kann nur ergehen, wenn diese Abwägung ein deutliches Überwiegen der Gründe ergibt, die für den Erlass der Anordnung sprechen2.

Danach kann eine einstweilige Anordnung hier nicht erlassen werden. Zwar ist die Verfassungsbeschwerde weder von vornherein unzulässig noch offensichtlich unbegründet3. Insbesondere kann die Frage, wie sich eine Patientenverfügung, die eine Behandlung mit Neuroleptika untersagt, auf die Rechtmäßigkeit einer Zwangsbehandlung im Maßregelvollzug auswirkt, erst im Hauptsacheverfahren geklärt werden. Die gebotene Folgenabwägung führt jedoch zu dem Ergebnis, dass die begehrte einstweilige Anordnung nicht ergehen kann, weil die für den Erlass einer einstweiligen Anordnung sprechenden Belange nicht in der erforderlichen Weise deutlich überwiegen.

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Ergeht die einstweilige Anordnung nicht, erweist sich die Verfassungsbeschwerde aber später als begründet, muss der Beschwerdeführer einen schwerwiegenden Grundrechtseingriff bis auf weiteres hinnehmen. Zum einen erfolgt die Zwangsmedikation des Beschwerdeführers entgegen einer – der Annahme des Fachgerichts zufolge – wirksamen Patientenverfügung, mit der der Beschwerdeführer eine Zwangsbehandlung mit Neuroleptika untersagte. Darüber hinaus liegt bereits in der zwangsweisen Verabreichung als solcher, unabhängig von etwaigen nachteiligen Wirkungen des Medikaments, ein schwerer Eingriff. Nach den Annahmen, von denen im vorliegenden Verfahren die Klinik und das sachverständig beratene Landgericht sowie das Oberlandesgericht ausgegangen sind und die beim gegenwärtigen Verfahrensstand nach den hier maßgeblichen Abwägungsgrundsätzen hypothetisch als zutreffend zu unterstellen sind4, besteht eine konkrete Gefahr, dass Belange von erheblichem Gewicht aber auch dann beeinträchtigt werden, wenn die begehrte einstweilige Anordnung ergeht, die Verfassungsbeschwerde sich aber später als unbegründet erweist. Die angeordnete Zwangsbehandlung erfolgte nach den Angaben der Klinik und den Feststellungen des sachverständig beratenen Landgerichts vor allem, um den Beschwerdeführer vor irreversiblen hirnorganischen Gesundheitsschäden zu bewahren, die bei weiterer Verzögerung des Behandlungseintritts mit hoher Wahrscheinlichkeit eingetreten wären, sowie zur Abwendung einer Chronifizierung der bei dem Beschwerdeführer bestehenden Psychose. Eine mögliche Folge des Abbruchs der zwischenzeitlich erfolgten Behandlung, die zu einer gewissen Besserung geführt hat, wäre, dass der 37-jährige Beschwerdeführer sein Leben lang freiheitsentziehenden Maßnahmen ausgesetzt wäre. Denn in unbehandeltem Zustand ist laut Sachverständigengutachten vom 31.05.2017 weiterhin mit der dauernden Gefahr unkalkulierbarer selbst- und fremdaggressiver Handlungen des Beschwerdeführers zu rechnen. Unter diesen Umständen kann das erforderliche deutliche Überwiegen der für den Erlass einer einstweiligen Anordnung sprechenden Gründe nicht festgestellt werden.

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Bundesverfassungsgericht, Beschluss vom 7. September 2017 – 2 BvR 1866/17

  1. vgl. BVerfGE 91, 70, 74 f.; 105, 365, 370 f.; stRspr[]
  2. vgl. BVerfG, Beschluss vom 15.11.2006 – 2 BvQ 63/06 3; Beschluss vom 03.02.2011 – 2 BvR 132/11 2; Beschluss vom 12.04.2013 – 2 BvR 759/13 2[]
  3. vgl. BVerfGE 128, 282, 304 ff.; 129, 269, 281 f.; 133, 112, 134 ff. Rn. 59 ff.[]
  4. vgl. BVerfG, Beschluss vom 18.08.2014 – 2 BvR 1513/14 6[]