Der zu krea­ti­ve Ver­mitt­lungs­aus­schuss

Im Jah­re 2004 vor­ge­nom­me­ne Ände­run­gen des Bier­steu­er­ge­set­zes und des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes sowie 1999 vor­ge­nom­me­ne Ände­run­gen des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes sind ver­fas­sungs­wid­rig. Grund sind in bei­den Fäl­len den Ver­mitt­lungs­aus­schuss betref­fen­de Män­gel im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren.

Der zu krea­ti­ve Ver­mitt­lungs­aus­schuss

Nach Auf­fas­sung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts hat der Ver­mitt­lungs­aus­schuss, auf des­sen Vor­schlag die betref­fen­den Ände­run­gen vor­ge­nom­men wur­den, sei­ne ihm durch das Grund­ge­setz ein­ge­räum­ten Kom­pe­ten­zen über­schrit­ten. Der Ver­mitt­lungs­aus­schuss darf eine Ände­rung, Ergän­zung oder Strei­chung der vom Bun­des­tag beschlos­se­nen Vor­schrif­ten nur vor­schla­gen, wenn und soweit die­ser Eini­gungs­vor­schlag im Rah­men des ihnen zugrun­de­lie­gen­den Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens ver­bleibt. Wird der Anru­fungs­auf­trag auf ein­zel­ne Vor­schrif­ten begrenzt, muss der Ver­mitt­lungs­aus­schuss zudem die übri­gen Rege­lun­gen des vom Bun­des­tag beschlos­se­nen Geset­zes als end­gül­tig hin­neh­men. In dem die Vor­la­gen 2 BvL 4/​11, 2 BvL 5/​11 und 2 BvL 4/​13 betref­fen­den Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren konn­te das soge­nann­te Koch/Stein­brück-Papier auf­grund der Art sei­ner Ein­füh­rung und sei­ner Behand­lung im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­rens­gang kei­ne Grund­la­ge für die vom Ver­mitt­lungs­aus­schuss vor­ge­schla­ge­nen Ände­run­gen des Bier­steu­er­ge­set­zes und des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes sein. Bei der Ände­rung des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes betref­fend umwand­lungs­steu­er­recht­li­che Über­nah­me­ge­win­ne 1 über­schritt der Ver­mitt­lungs­vor­schlag sowohl den Rah­men des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens als auch die Gren­zen des Anru­fungs­be­geh­rens, das nur die Besteue­rung von Erträ­gen aus Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen betraf.

Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004[↑]

Das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 beruht auf einem Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung, der vor allem wesent­li­che Ele­men­te des Haus­halts­sta­bi­li­sie­rungs­kon­zep­tes 2003 der Bun­des­re­gie­rung, unter ande­rem den Abbau von Sub­ven­tio­nen, umset­zen soll­te. Der Ent­wurf wur­de im ers­ten Durch­gang vom Bun­des­rat abge­lehnt. Zeit­gleich erar­bei­te­te eine Arbeits­grup­pe unter Lei­tung der Minis­ter­prä­si­den­ten der Län­der Hes­sen und Nord­rhein-West­fa­len, Roland Koch und Peer Stein­brück, das soge­nann­te Koch/Stein­brück-Papier, das einen umfas­sen­den Sub­ven­ti­ons­ab­bau vor­sah und am 30.09.2003 ver­öf­fent­licht wur­de. Das 61 Sei­ten sowie einen Anhang von wei­te­ren 52 Sei­ten umfas­sen­de Papier ent­hielt im Wesent­li­chen Lis­ten von – im Ein­zel­nen nach den gesetz­li­chen Vor­schrif­ten benann­ten – Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen und von Finanz­hil­fen, die grund­sätz­lich pau­schal um jeweils 12 % gekürzt wer­den soll­ten. Zu den Vor­schlä­gen zähl­te die Erhö­hung der ermä­ßig­ten Bier­steu­er­sät­ze für klei­ne­re Braue­rei­en in § 2 Abs. 2 Sät­ze 1 und 4 BierStG sowie die (wei­te­re) Begren­zung des Betriebs­kos­ten­ab­zugs von Bewir­tungs­auf­wen­dun­gen durch Her­ab­sen­kung der in § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 2 Satz 1 EStG gere­gel­ten Quo­te von 80 % der ange­mes­se­nen und nach­ge­wie­se­nen Auf­wen­dun­gen auf 70 %. In der ers­ten Bera­tung des Haus­halts­be­gleit­ge­set­zes 2004 im Deut­schen Bun­des­tag am 9.09.2003 wur­den die Vor­schlä­ge des Koch/Stein­brück-Papiers in abs­trak­ter Form ange­spro­chen, ohne dass das Bier­steu­er­ge­setz oder Ände­run­gen des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes betref­fend die Abzugs­fä­hig­keit von Bewir­tungs­auf­wen­dun­gen erwähnt wur­den. Die Geset­zes­vor­la­ge wur­de feder­füh­rend dem Haus­halts­aus­schuss und mit­be­ra­tend dem Finanz­aus­schuss des Deut­schen Bun­des­ta­ges zuge­wie­sen. In den Sit­zun­gen sowohl des Haus­halts­aus­schus­ses als auch des Finanz­aus­schus­ses am 15.10.2003 stell­ten Minis­ter der Län­der Nord­rhein-West­fa­len und Hes­sen die Vor­schlä­ge der Arbeits­grup­pe Koch/​Steinbrück teil­wei­se vor; sie baten dar­um, die­se in die Bera­tun­gen des Gesetz­ent­wurfs mit­ein­zu­be­zie­hen. Bei­de Aus­schüs­se spra­chen sich dafür aus, den Gesetz­ent­wurf in zum Teil geän­der­ter Fas­sung, jedoch ohne Berück­sich­ti­gung des Koch/Stein­brück-Papiers anzu­neh­men. In der zwei­ten und drit­ten Bera­tung des Deut­schen Bun­des­ta­ges zum Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 am 17.10.2003 wur­den die Vor­schlä­ge zum Sub­ven­ti­ons­ab­bau der Minis­ter­prä­si­den­ten von Hes­sen und Nord­rhein-West­fa­len zwar erwähnt, ein­zel­ne Punk­te des Papiers aber nicht erör­tert. Der Gesetz­ent­wurf wur­de in zwei­ter Bera­tung sowie in der Schluss­ab­stim­mung in der Aus­schuss­fas­sung ange­nom­men. Der Bun­des­rat ver­lang­te im zwei­ten Durch­gang die Ein­be­ru­fung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses mit dem Ziel, das Gesetz grund­le­gend zu über­ar­bei­ten und die Vor­schlä­ge der Minis­ter­prä­si­den­ten Koch und Stein­brück in den Gesetz­ent­wurf ein­zu­be­zie­hen. Der Ver­mitt­lungs­aus­schuss einig­te sich am 16.12 2003 unter ande­rem auf einen dem Koch/Stein­brück-Papier ent­spre­chen­den Vor­schlag zu Ände­run­gen der Bier­steu­er-sät­ze sowie der Abzugs­fä­hig­keit von Bewir­tungs­auf­wen­dun­gen; die Beschluss­emp­feh­lung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses wur­de in der Sit­zung des Deut­schen Bun­des­ta­ges am 19.12 2003 ange­nom­men. Der Bun­des­rat stimm­te dem Gesetz am 29.12 2003 zu. Das Gesetz wur­de am 31.12 2003 im Bun­des­ge­setz­blatt ver­kün­det und trat am 1.01.2004 in Kraft.

Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­setz 1999[↑]

Das Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­setz 1999 2 geht auf inhalts­glei­che Gesetz­ent­wür­fe der Koali­ti­ons­frak­tio­nen und der Bun­des­re­gie­rung zurück, die in ins­ge­samt 25 Arti­keln Ände­run­gen diver­ser steu­er­li­cher Vor­schrif­ten ent­hiel­ten. Der feder­füh­ren­de Finanz­aus­schuss des Bun­des­ta­ges emp­fahl, die Rege­lung des § 23 Abs. 2 Satz 5 Kör­per­schaft­steu­er­ge­setz (BVerfGtG) 1999 ein­zu­fü­gen. Dadurch soll­te ver­hin­dert wer­den, dass über die Umwand­lung einer Kapi­tal­ge­sell­schaft in eine Per­so­nen­ge­sell­schaft, an der Kapi­tal­ge­sell­schaf­ten als Gesell­schaf­ter betei­ligt sind, eine nicht gewoll­te Steu­er­ent­las­tung dadurch ein­tritt, dass die Mut­ter­ge­sell­schaft die mit dem Steu­er­satz von 45 % bereits von der Toch­ter­ge­sell­schaft ent­rich­te­te Kör­per­schaft­steu­er anrech­nen kann, obwohl sie den mit dem Form­wech­sel erziel­ten Gewinn nur mit dem nied­ri­ge­ren Steu­er­satz von 40 % ver­steu­ern muss (soge­nann­tes "Her­ab­schleu­sen" der Kör­per­schaft­steu­er­be­las­tung). Eine beson­de­re Rege­lung zum zeit­li­chen Anwen­dungs­be­reich der vor­ge­schla­ge­nen Ergän­zung emp­fahl der Finanz­aus­schuss nicht. Nach dem Gesetz­ent­wurf soll­te die Neu­fas­sung des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes erst­mals für den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2000 gel­ten. Damit ver­blieb eine zeit­li­che Lücke, da der Kör­per­schaft­steu­er­satz bereits zum 1.01.1999 von 45 % auf 40 % gesenkt wor­den war und damit die Mög­lich­keit des Her­ab­schleu­sens der Kör­per­schaft­steu­er­be­las­tung ab die­sem Zeit­punkt bestan­den hät­te, der von dem Finanz­aus­schuss vor­ge­schla­ge­ne § 23 Abs. 2 Satz 5 BVerfGtG 1999 aber erst ein Jahr spä­ter gel­ten soll­te. Der Bun­des­tag ver­ab­schie­de­te das Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­setz 1999 in der vom Finanz­aus­schuss emp­foh­le­nen Fas­sung, ohne dass die Ergän­zung von § 23 Abs. 2 BVerfGtG 1999 um einen neu­en Satz 5 in den umfang­rei­chen par­la­men­ta­ri­schen Debat­ten aus­drück­lich ange­spro­chen wur­de. Der Bun­des­rat behan­del­te das Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­setz 1999 im zwei­ten Durch­gang eben­falls ohne nähe­re Aus­ein­an­der­set­zung mit den vor­ge­se­he­nen Ände­run­gen des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes. Er ver­lang­te die Ein­be­ru­fung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses mit dem Ziel, in Art. 1 StBereinG 1999 die Nr. 6, 10, 15a und 30 Buch­sta­be f – hier­bei han­del­te es sich um Ände­run­gen des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes betref­fend die Besteue­rung der Erträ­ge von Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen – zu strei­chen.

Die Beschluss­emp­feh­lung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses sah zum einen die Strei­chung der Vor­schrif­ten zur Besteue­rung von Erträ­gen aus Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen vor, wegen derer der Ver­mitt­lungs­aus­schuss ein­be­ru­fen wor­den war. Zum ande­ren fan­den sich dar­in zahl­rei­che wei­te­re Ände­run­gen und Ergän­zun­gen des Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­set­zes 1999, die unter­schied­li­che Rege­lungs­be­rei­che betra­fen und kei­nen sach­li­chen Bezug zur Besteue­rung von Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen auf­wie­sen. In den Erör­te­run­gen des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses waren sie als "tech­ni­sche Ände­run­gen" bezeich­net wor­den, auf die man sich in nicht pro­to­kol­lier­ten Gesprä­chen geei­nigt habe. Hier­zu zähl­te die Ein­fü­gung der Vor­schrift des § 54 Abs. 9 Satz 1 BVerfGtG 1999, nach des­sen Rege­lung § 23 Abs. 2 Satz 5 BVerfGtG 1999 bereits für den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 1999 anzu­wen­den war. Der Bun­des­tag nahm die Beschluss­emp­feh­lung des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses am 16.12 1999 an. Der Bun­des­rat stimm­te dem Gesetz in der geän­der­ten Fas­sung zu. Das Gesetz wur­de am 29.12 1999 im Bun­des­ge­setz­blatt ver­kün­det.

Die Rich­ter­vor­la­gen[↑]

Den Ver­fah­ren lie­gen Kla­gen von Steu­er­pflich­ti­gen zugrun­de, die durch das Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­setz 1999 bezie­hungs­wei­se das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 belas­te­tet wur­den. Eine Vor­la­ge des Bun­des­fi­nanz­hofs 3 betrifft die Fra­ge, ob die Vor­schrift des § 54 Abs. 9 Satz 1 BVerfGtG 1999 in der Fas­sung des StBereinG 1999 in for­mell ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Wei­se zustan­de gekom­men ist. Zwei wei­te­re Vor­la­gen des Bun­des­fi­nanz­hofs 4 haben die Erhö­hung der ermä­ßig­ten Bier­steu­er­sät­ze für klei­ne­re Braue­rei­en zum Gegen­stand. Die Vor­la­ge des Finanz­ge­richts Baden-Würt­tem­berg 5 betrifft die for­mel­le Ver­fas­sungs­mä­ßig­keit von § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 2 Satz 1 EStG in der Fas­sung des Haus­halts­be­gleit­ge­set­zes 2004, durch den der Betriebs­kos­ten­ab­zug von Bewir­tungs­auf­wen­dun­gen wei­ter begrenzt wur­de.

Die Kom­pen­ten­zen des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses[↑]

Die Kom­pe­ten­zen des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses (Art. 77 Abs. 2 GG) und ihre Gren­zen sind in der Ver­fas­sung nicht aus­drück­lich gere­gelt. Sie erge­ben sich aber aus sei­ner Funk­ti­on und Stel­lung in dem gemäß dem Grund­ge­dan­ken des Art.20 Abs. 2 GG durch Art. 38 Abs. 1 Satz 2, Art. 42 Abs. 1 Satz 1 und Art. 77 ff. GG aus­ge­stal­te­ten Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren und sind in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts geklärt.

Der Ver­mitt­lungs­aus­schuss hat kein eige­nes Geset­zes­in­itia­tiv­recht, son­dern ver­mit­telt zwi­schen den zuvor par­la­men­ta­risch bera­te­nen Rege­lungs­al­ter­na­ti­ven. Sei­ne Ein­rich­tung zielt auf die Aus­hand­lung von Kom­pro­mis­sen zwi­schen den gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten, indem die für ein kon­kre­tes Gesetz­ge­bungs­vor­ha­ben maß­geb­li­chen poli­ti­schen Mei­nun­gen zum Aus­gleich gebracht wer­den. Er ist dar­auf beschränkt, auf der Grund­la­ge des Geset­zes­be­schlus­ses und des vor­he­ri­gen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens Ände­rungs­vor­schlä­ge zu erar­bei­ten, die sich im Rah­men der par­la­men­ta­ri­schen Ziel­set­zung des Gesetz­ge­bungs­vor­ha­bens und zugleich inner­halb der durch das Anru­fungs­be­geh­ren gesteck­ten Gren­zen bewe­gen und die jeden­falls im Ansatz sicht­bar gewor­de­nen poli­ti­schen Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen Deut­schem Bun­des­tag und Bun­des­rat aus­glei­chen. Es geht dage­gen nicht um eine noch­ma­li­ge freie Bera­tung des Gesetz­ge­bungs­vor­schla­ges, zu dem die­se unter­schied­li­che Posi­tio­nen ein­ge­nom­men haben.

Die Kom­pe­tenz­ver­tei­lung im Ver­hält­nis zwi­schen den Gesetz­ge­bungs­or­ga­nen weist dem Deut­schen Bun­des­tag die ent­schei­den­de Funk­ti­on im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren zu: Die Bun­des­ge­set­ze wer­den nach Art. 77 Abs. 1 Satz 1 GG vom Bun­des­tag beschlos­sen. Der Bun­des­rat ist dem­ge­gen­über auf die Mit­wir­kung bei der Gesetz­ge­bung des Bun­des beschränkt (Art. 50 GG); er kann durch einen Ein­spruch oder die Ver­wei­ge­rung einer erfor­der­li­chen Zustim­mung Ein­fluss auf die Gesetz­ge­bung neh­men. Der Ver­mitt­lungs­vor­schlag ist des­halb inhalt­lich und for­mal an den durch den Deut­schen Bun­des­tag vor­ge­ge­be­nen Rah­men gebun­den. Der Vor­schlag muss dem Bun­des­tag auf­grund der dort geführ­ten Debat­te zure­chen­bar sein; die­ser muss den Vor­schlag auf der Grund­la­ge sei­ner Debat­te über ihm vor­lie­gen­de Anträ­ge und Stel­lung­nah­men als ein ihm zuzu­rech­nen­des und von ihm zu ver­ant­wor­ten­des Ergeb­nis sei­nes par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­rens erken­nen und aner­ken­nen kön­nen. Es sind nur die­je­ni­gen Umstän­de zu berück­sich­ti­gen, die im maß­geb­li­chen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren selbst lie­gen. Die Reich­wei­te eines Ver­mitt­lungs­vor­schlags ist des­halb durch die­je­ni­gen Rege­lungs­ge­gen­stän­de begrenzt, die bis zur letz­ten Lesung im Bun­des­tag in das jewei­li­ge Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­ge­führt waren. Auch wenn die­se Ein­füh­rung in das Ver­fah­ren nicht in Form eines aus­for­mu­lier­ten Gesetz­ent­wurfs erfolgt sein muss, so muss der Rege­lungs­ge­gen­stand, der zur Grund­la­ge eines Vor­schlags im Ver­mitt­lungs­aus­schuss wer­den kann, doch in so bestimm­ter Form vor­ge­le­gen haben, dass sei­ne sach­li­che Trag­wei­te dem Grun­de nach erkenn­bar war.

Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Rech­te der Abge­ord­ne­ten, die aus ihrem in Art. 38 Abs. 1 Satz 2 GG ver­an­ker­ten Sta­tus fol­gen, umfas­sen nicht nur das Recht, im Deut­schen Bun­des­tag abzu­stim­men, son­dern auch das Recht zu bera­ten. Grund­la­ge einer sinn­vol­len Bera­tung muss dabei eine hin­rei­chen­de Infor­ma­ti­on des Abge­ord­ne­ten über den Bera­tungs­ge­gen­stand sein. Vor­aus­set­zung für das Auf­grei­fen eines Rege­lungs­ge­gen­stan­des durch den Ver­mitt­lungs­aus­schuss ist daher, dass die betref­fen­den Anträ­ge und Stel­lung­nah­men im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren vor dem Geset­zes­be­schluss bekannt gege­ben wor­den sind und grund­sätz­lich alle Abge­ord­ne­ten die Mög­lich­keit hat­ten, die­se zu erör­tern, Mei­nun­gen zu ver­tre­ten, Rege­lungs­al­ter­na­ti­ven vor­zu­stel­len und hier­für eine Mehr­heit im Par­la­ment zu suchen. Die­se Mög­lich­keit wird ver­schlos­sen, wenn Rege­lungs­ge­gen­stän­de erst nach der letz­ten Lesung des Bun­des­ta­ges in das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­ge­führt wer­den.

Der Grund­satz der Par­la­ments­öf­fent­lich­keit nach Art. 42 Abs. 1 Satz 1 GG ist ein wesent­li­ches Ele­ment des demo­kra­ti­schen Par­la­men­ta­ris­mus. Öffent­li­ches Ver­han­deln von Argu­ment und Gegen­ar­gu­ment, öffent­li­che Debat­te und öffent­li­che Dis­kus­si­on sind wesent­li­che Ele­men­te des demo­kra­ti­schen Par­la­men­ta­ris­mus. Das im par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren gewähr­leis­te­te Maß an Öffent­lich­keit der Aus­ein­an­der­set­zung und Ent­schei­dungs­su­che eröff­net Mög­lich­kei­ten eines Aus­gleichs wider­strei­ten­der Inter­es­sen und schafft die Vor­aus­set­zun­gen der Kon­trol­le durch die Bür­ger. Ent­schei­dun­gen von erheb­li­cher Trag­wei­te muss des­halb grund­sätz­lich ein Ver­fah­ren vor­aus­ge­hen, das der Öffent­lich­keit Gele­gen­heit bie­tet, ihre Auf­fas­sun­gen aus­zu­bil­den und zu ver­tre­ten, und das die Volks­ver­tre­tung dazu anhält, Not­wen­dig­keit und Umfang der zu beschlie­ßen­den Maß­nah­men in öffent­li­cher Debat­te zu klä­ren. Könn­te sich der Ver­mitt­lungs­aus­schuss von der Grund­la­ge des Geset­zes­be­schlus­ses und des vor­he­ri­gen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens lösen, so wür­de der von Ver­fas­sungs wegen gebo­te­ne Zusam­men­hang zwi­schen der öffent­li­chen Debat­te im Par­la­ment und der spä­te­ren Schlich­tung zwi­schen den an der Gesetz­ge­bung betei­lig­ten Ver­fas­sungs­or­ga­nen zulas­ten der öffent­li­chen Beob­ach­tung des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens auf­ge­löst. Denn der Ver­mitt­lungs­aus­schuss tagt im Inter­es­se der Effi­zi­enz sei­ner Arbeit unter Aus­schluss der Öffent­lich­keit und muss sei­ne Emp­feh­lun­gen nicht unmit­tel­bar vor der Öffent­lich­keit ver­ant­wor­ten.

Durch das Anru­fungs­be­geh­ren kann der Ver­mitt­lungs­auf­trag inner­halb des Rah­mens des bis­he­ri­gen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens wei­ter ein­ge­schränkt wer­den. Das Grund­ge­setz ver­hält sich nicht zum zuläs­si­gen Inhalt eines Anru­fungs­be­geh­rens; es lässt auch wei­te Anru­fungs­be­geh­ren zu, die ein hete­ro­ge­nes Arti­kel­ge­setz ins­ge­samt in Bezug neh­men. Wird der Anru­fungs­auf­trag indes prä­zi­se gefasst und auf ein­zel­ne Vor­schrif­ten begrenzt, muss der Ver­mitt­lungs­aus­schuss die übri­gen Rege­lun­gen des vom Bun­des­tag beschlos­se­nen Geset­zes als end­gül­tig hin­neh­men. Dem Ver­mitt­lungs­aus­schuss ist der eigen­stän­di­ge Zugriff auf Geset­zes­tei­le, auf die sich das Anru­fungs­be­geh­ren nicht erstreckt, ver­wehrt. Er wird nicht kraft einer auto­no­men Stel­lung im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren tätig, son­dern emp­fängt sei­nen Auf­trag im Rah­men des Legi­ti­ma­ti­ons­grun­des und der Gren­zen des Anru­fungs­be­geh­rens.

Die auf­ge­zeig­ten Schran­ken schlie­ßen die Kor­rek­tur von im Geset­zes­be­schluss ent­hal­te­nen offen­sicht­li­chen Unrich­tig­kei­ten jen­seits der dem Ver­mitt­lungs­aus­schuss dadurch gesteck­ten Gren­zen nicht aus. Aller­dings ist eine sol­che Kor­rek­tur wegen des den gesetz­ge­ben­den Kör­per­schaf­ten zukom­men­den Anspruchs auf Ach­tung und Wah­rung der allein ihnen zuste­hen­den Kom­pe­tenz, den Inhalt von Geset­zen zu bestim­men, nur in sehr engen Gren­zen zuläs­sig. Sie beschränkt sich auf offen­sicht­li­che Unrich­tig­kei­ten. Dabei kann sich eine offen­sicht­li­che Unrich­tig­keit nicht allein aus dem Norm­text, son­dern ins­be­son­de­re auch unter Berück­sich­ti­gung des Sinn­zu­sam­men­hangs und der Mate­ria­li­en des Geset­zes erge­ben. Maß­ge­bend ist, dass mit der Berich­ti­gung nicht der recht­lich erheb­li­che Gehalt der Norm und mit ihm sei­ne Iden­ti­tät ange­tas­tet wird.

Die Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts[↑]

Nach die­sen Maß­stä­ben sind die durch das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 vor­ge­nom­me­nen Ände­run­gen von § 2 Abs. 2 Sät­ze 1 und 4 BierStG sowie § 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 2 Satz 1 EStG nicht in for­mell ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Wei­se zustan­de gekom­men.

Die Art und Wei­se der Ein­brin­gung des Koch/Stein­brück-Papiers in das par­la­men­ta­ri­sche Ver­fah­ren des Deut­schen Bun­des­ta­ges und sei­ne Behand­lung in des­sen Aus­schüs­sen sowie im Ple­num eröff­ne­ten dem Ver­mitt­lungs­aus­schuss nicht die Kom­pe­tenz, die in Rede ste­hen­den Ände­run­gen in den Ver­mitt­lungs­vor­schlag auf­zu­neh­men. Der Vor­schlag des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses, die Ermä­ßi­gung der Bier­steu­er für klei­ne­re Braue­rei­en zu kür­zen (§ 2 Abs. 2 Sät­ze 1 und 4 BierStG 1993) und die Quo­te der steu­er­li­chen Abzieh­bar­keit von Bewir­tungs­auf­wen­dun­gen zu redu­zie­ren (§ 4 Abs. 5 Satz 1 Nr. 2 Satz 1 EStG), kann dem Bun­des­tag nicht auf­grund einer dort geführ­ten Debat­te zuge­rech­net wer­den. Die Ände­rung der Bier­steu­er­sät­ze und die Absen­kung der Abzugs­fä­hig­keit von Bewir­tungs­auf­wen­dun­gen sind im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren vor dem Geset­zes­be­schluss des Bun­des­ta­ges nicht in einer Wei­se bekannt gege­ben wor­den, die den Abge­ord­ne­ten in Wahr­neh­mung ihrer ihnen auf­grund ihres frei­en Man­dats oblie­gen­den Ver­ant­wor­tung die Mög­lich­keit gege­ben hät­te, die­se zu erör­tern, Mei­nun­gen zu ver­tre­ten, Rege­lungs­al­ter­na­ti­ven vor­zu­stel­len und hier­für in dem öffent­li­chen par­la­men­ta­ri­schen Ver­fah­ren eine Mehr­heit zu suchen. Das Koch/Stein­brück-Papier war – nicht nur in Bezug auf die vor­ge­schla­ge­ne Kür­zung von Finanz­hil­fen 6, son­dern auch in Bezug auf die hier zu beur­tei­len­den Vor­schlä­ge zum Abbau von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen – nach der Art sei­ner Ein­brin­gung und Behand­lung im Bun­des­tag nicht auf par­la­men­ta­ri­sche Bera­tung ange­legt, son­dern hat­te das Ziel, ohne die Öffent­lich­keit einer par­la­men­ta­ri­schen Debat­te und eine hin­rei­chen­de Infor­ma­ti­on der Mit­glie­der des Deut­schen Bun­des­ta­ges den als not­wen­dig erkann­ten poli­ti­schen Kom­pro­miss erst im Ver­mitt­lungs­aus­schuss her­bei­zu­füh­ren. Ein für die ein­zel­nen Abge­ord­ne­ten und für die Öffent­lich­keit erkenn­ba­rer, hin­rei­chend kon­kre­ter Hin­weis dar­auf, dass unmit­tel­bar durch das Haus­halts­be­gleit­ge­setz 2004 der vor­ge­schla­ge­ne Abbau von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen vor­ge­nom­men, also auch die Ermä­ßi­gung der Bier­steu­er für klei­ne­re Braue­rei­en gekürzt und die Quo­te der steu­er­li­chen Absetz­bar­keit von Bewir­tungs­auf­wen­dun­gen redu­ziert wer­den soll­te, ergab sich weder aus dem Gesetz­ent­wurf der Bun­des­re­gie­rung noch aus der Behand­lung des Koch/Stein­brück-Papiers in den Aus­schüs­sen oder im Ple­num des Bun­des­ta­ges. Die gleich­zei­ti­ge Pres­se­be­richt­erstat­tung über das Koch/Stein­brück-Papier sowie des­sen Ver­füg­bar­keit im Inter­net sind dafür ohne Belang.

Das Koch/Stein­brück-Papier wur­de auch nicht förm­lich als Bun­des­rats­in­itia­ti­ve (Art. 76 Abs. 1 GG) in das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ein­ge­bracht.

Die Ein­be­zie­hung des Inhalts des Koch/Stein­brück-Papiers in den Beschluss­vor­schlag des Ver­mitt­lungs­aus­schus­ses lässt sich nicht allein damit recht­fer­ti­gen, dass der Bun­des­rat in sei­nem Anru­fungs­be­geh­ren ver­lang­te, das Gesetz grund­le­gend zu über­ar­bei­ten und die Vor­schlä­ge der Minis­ter­prä­si­den­ten Koch und Stein­brück zum Abbau von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen und Finanz­hil­fen ein­zu­be­zie­hen. Hiel­te man den Ver­mitt­lungs­aus­schuss allein auf­grund des weit gefass­ten Anru­fungs­be­geh­rens für berech­tigt, die im Koch/Stein­brück-Papier vor­ge­schla­ge­nen Kür­zun­gen von Steu­er­ver­güns­ti­gun­gen in sei­nen Beschluss­vor­schlag ein­zu­be­zie­hen, so wür­de das vom Grund­ge­setz vor­ge­ge­be­ne Rol­len­ver­hält­nis des Bun­des­ta­ges und des Bun­des­ra­tes im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren in sein Gegen­teil ver­kehrt: Die Anru­fung käme dann einer Geset­zes­in­itia­ti­ve des Bun­des­ra­tes gleich, die nur auf dem ver­fas­sungs­recht­lich vor­ge­schrie­be­nen Weg zuläs­sig ist. Dem Bun­des­tag wür­de auf die­se Wei­se eine Veto-Posi­ti­on zuge­ord­net, die gera­de ein kenn­zeich­nen­des Merk­mal der Stel­lung des Bun­des­ra­tes im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren ist.

Der Man­gel im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren berührt die Gül­tig­keit der zur Prü­fung vor­ge­leg­ten Nor­men. Dabei kann die Fra­ge, ob und in wel­chen Fäl­len die Evi­denz eines Feh­lers Vor­aus­set­zung sei­ner Rechts­fol­gen­er­heb­lich­keit ist, auf sich beru­hen. Dar­an, dass die Art und Wei­se der Ein­brin­gung des Koch/Stein­brück-Papiers in das par­la­men­ta­ri­sche Ver­fah­ren des Deut­schen Bun­des­ta­ges und sei­ne Behand­lung in des­sen Aus­schüs­sen sowie im Ple­num dem Ver­mitt­lungs­aus­schuss nicht die Kom­pe­tenz eröff­ne­ten, die in Rede ste­hen­den Ände­run­gen in den Ver­mitt­lungs­vor­schlag auf­zu­neh­men, konn­te kein ver­nünf­ti­ger Zwei­fel bestehen. Für die an der Gesetz­ge­bung betei­lig­ten Orga­ne war im Jahr 2003 bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung erkenn­bar, dass das Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren nicht den Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes ent­sprach. Die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be waren durch das BVerfG, Urteil vom 07.12 1999 7 geklärt.

Mate­ri­ell sind die zur Prü­fung vor­ge­leg­ten Vor­schrif­ten aller­dings mit der Ver­fas­sung ver­ein­bar.

Unter dem Gesichts­punkt der Ver­läss­lich­keit der Finanz- und Haus­halts­pla­nung für weit­ge­hend schon abge­schlos­se­ne Zeit­räu­me hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ledig­lich die Unver­ein­bar­keit der ange­grif­fe­nen Nor­men mit dem Grund­ge­setz fest­ge­stellt. Sie blei­ben für den Zeit­raum bis zu ihrer – bereits erfolg­ten – Bestä­ti­gung bezie­hungs­wei­se Neu­re­ge­lung anwend­bar.

Nach den oben dar­ge­leg­ten Maß­stä­ben ist auch § 54 Abs. 9 Satz 1 BVerfGtG 1999 in der Fas­sung des Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­set­zes 1999 nicht in for­mell ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Wei­se zustan­de gekom­men.

Der Ver­mitt­lungs­aus­schuss hat eine Bestim­mung in sei­nen Eini­gungs­vor­schlag auf­ge­nom­men, die den Rah­men des bis­he­ri­gen Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens über­schrei­tet. Die zeit­li­che Anwen­dungs­re­gel des § 54 Abs. 9 Satz 1 BVerfGtG 1999 in der Fas­sung des Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­set­zes 1999 war bis zu dem Geset­zes­be­schluss des Bun­des­tags nicht Gegen­stand des Gesetz­ge­bungs­ver­fah­rens. Ihr Norm­ge­halt ist dem Bun­des­tag nicht auf­grund der dort geführ­ten Debat­te zure­chen­bar. Der Gesetz­ent­wurf wur­de zwar im Bun­des­tag auf Vor­schlag des Finanz­aus­schus­ses um die Rege­lung von § 23 Abs. 2 Satz 5 BVerfGtG 1999 ergänzt, durch den bestimm­te Über­nah­me­ge­win­ne einem Steu­er­satz von 45 % unter­wor­fen wer­den soll­ten. Damit soll­te eine Her­ab­schleu­sung der Steu­er­be­las­tung inner­halb eines Kon­zerns auf den all­ge­mei­nen Steu­er­satz von 40 % für Gewin­ne einer Kör­per­schaft nicht nur – wie bereits seit dem 1.01.1999 – durch Gewinn­aus­schüt­tung, son­dern auch durch Umwand­lung ver­hin­dert wer­den. Der Gesetz­ge­ber woll­te auf die­se Wei­se eine Lücke schlie­ßen, die durch das Steu­er­ent­las­tungs­ge­setz 1999/​2000/​2002 ent­stan­den war. Jedoch sah der Vor­schlag des Finanz­aus­schus­ses eine Lücken­schlie­ßung erst ab dem Ver­an­la­gungs­jahr 2000 vor, weil die Ände­run­gen des Kör­per­schaft­steu­er­ge­set­zes nach der in dem Gesetz­ent­wurf des Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­set­zes 1999 vor­ge­se­he­nen Fas­sung von § 54 Abs. 1 BVerfGtG 1999 erst­mals für den Ver­an­la­gungs­zeit­raum 2000 gel­ten soll­ten. Das Vor­zie­hen der Anwen­dung von § 23 Abs. 2 Satz 5 BVerfGtG 1999 auf den 1.01.1999 ist erst vom Ver­mitt­lungs­aus­schuss emp­foh­len wor­den. Die erst­ma­li­ge Anwen­dung von § 23 Abs. 2 Satz 5 BVerfGtG 1999 bereits ab dem Ver­an­la­gungs­zeit­raum 1999 war dem Vor­schlag des Finanz­aus­schus­ses auch nicht inhä­rent. Die gesetz­ge­be­ri­schen Erwä­gun­gen dazu, dass über­haupt eine Lücken­schlie­ßung erfol­gen soll, tra­gen nicht ohne wei­te­res auch eine rück­wir­ken­de Schlie­ßung.

Unab­hän­gig davon ist die zur Prü­fung vor­ge­leg­te Vor­schrift auch des­halb nicht in for­mell ver­fas­sungs­mä­ßi­ger Wei­se zustan­de gekom­men, weil der Ver­mitt­lungs­aus­schuss den ihm durch das Anru­fungs­be­geh­ren ein­ge­räum­ten Spiel­raum über­schrit­ten hat. Der Bun­des­rat hat den Ver­mitt­lungs­aus­schuss ledig­lich zu Art. 1 Nr. 6, 10, 15a und 30 Buch­sta­be f StBereinG 1999 ange­ru­fen. Die­se Bestim­mun­gen regeln ver­schie­de­ne Ände­run­gen des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes, die sich aus­nahms­los zur Besteue­rung der Erträ­ge aus Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen ver­hal­ten. Auch aus der Begrün­dung des Anru­fungs­be­geh­rens ergibt sich eine Mei­nungs­ver­schie­den­heit zwi­schen dem Bun­des­tag und dem Bun­des­rat nur im Hin­blick auf die Fra­ge, ob die Erträ­ge von Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen besteu­ert wer­den sol­len. Durch das auf ein­zel­ne Bestim­mun­gen beschränk­te und auf eine kon­kre­te Fra­ge­stel­lung gerich­te­te Anru­fungs­be­geh­ren war der Ver­mitt­lungs­aus­schuss beauf­tragt, in der Fra­ge der Ein­füh­rung einer Besteue­rung von Erträ­gen aus Kapi­tal­le­bens­ver­si­che­run­gen zwi­schen dem Bun­des­tag und dem Bun­des­rat zu ver­mit­teln. Für die Rege­lung des zeit­li­chen Anwen­dungs­be­reichs der Besteue­rung bestimm­ter Über­nah­me­ge­win­ne im Kör­per­schaft­steu­er­ge­setz fehl­te ihm dage­gen die Kom­pe­tenz. Die­se lag außer­halb der bestehen­den Mei­nungs­ver­schie­den­hei­ten zwi­schen dem Bun­des­tag und dem Bun­des­rat, zu deren Aus­gleich der Ver­mitt­lungs­aus­schuss beru­fen ist.

Mit dem Vor­schlag, in § 54 Abs. 9 Satz 1 BVerfGtG 1999 die rück­wir­ken­de Anwen­dung von § 23 Abs. 2 Satz 5 BVerfGtG 1999 ab dem Ver­an­la­gungs­jahr 1999 vor­zu­se­hen, hat der Ver­mitt­lungs­aus­schuss nicht ledig­lich eine offen­sicht­li­che Unrich­tig­keit kor­ri­giert. Auch unter Berück­sich­ti­gung des Sinn­zu­sam­men­hangs und der Mate­ria­li­en des Geset­zes ist nicht ein­deu­tig erkenn­bar, dass der Bun­des­tag eine rück­wir­ken­de Lücken­schlie­ßung beab­sich­tig­te. Mit der Bestim­mung der rück­wir­ken­den Anwen­dung von § 23 Abs. 2 Satz 5 BVerfGtG 1999 wird der recht­lich erheb­li­che Gehalt der Norm ver­än­dert. Des­halb han­delt es sich nicht um eine Unrich­tig­keit, die der Ver­mitt­lungs­aus­schuss hät­te kor­ri­gie­ren dür­fen. Dies gilt selbst dann, wenn der Bun­des­tag die Rege­lungs­be­dürf­tig­keit des rück­wir­ken­den Inkraft­tre­tens zur voll­stän­di­gen Lücken­schlie­ßung über­se­hen haben soll­te.

Der Man­gel im Gesetz­ge­bungs­ver­fah­ren berührt die Gül­tig­keit der zur Prü­fung vor­ge­leg­ten Norm. Dabei kann die Fra­ge, ob und in wel­chen Fäl­len die Evi­denz eines Feh­lers Vor­aus­set­zung sei­ner Rechts­fol­gen­er­heb­lich­keit ist, auch in die­sem Fall auf sich beru­hen. Für die an der Gesetz­ge­bung betei­lig­ten Orga­ne war bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung erkenn­bar, dass das Ver­fah­ren der Ein­fü­gung des § 54 Abs. 9 Satz 1 BVerfGtG 1999 durch das Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­setz 1999 nicht den Vor­ga­ben des Grund­ge­set­zes ent­sprach. Im Hin­blick auf die Bedeu­tung der Reich­wei­te des Anru­fungs­be­geh­rens war die Ver­fas­sungs­rechts­la­ge bereits vor dem Urteil des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.12 1999 7 geklärt. Im Übri­gen hät­te der Ver­mitt­lungs­aus­schuss eben­so wie Bun­des­tag und Bun­des­rat auch die Maß­ga­ben die­ses Urteils bei ihren erst nach der Ver­kün­dung des Urteils gefass­ten Beschlüs­sen berück­sich­ti­gen kön­nen und müs­sen.

Der Ver­stoß gegen Art.20 Abs. 2, Art. 38 Abs. 1 Satz 2, Art. 42 Abs. 1 Satz 1 und Art. 76 Abs. 1 GG führt zur Nich­tig­keit von § 54 Abs. 9 Satz 1 BVerfGtG 1999 in der Fas­sung des Steu­er­be­rei­ni­gungs­ge­set­zes 1999. Es bestehen kei­ne zwin­gen­den oder auch nur über­wie­gen­den Grün­de dafür; vom gesetz­li­chen Regel­fall des § 78 Satz 1 BVerfGG abzu­wei­chen und von einer Nich­tig­erklä­rung abzu­se­hen. Dass im Inter­es­se ver­läss­li­cher Finanz- und Haus­halts­pla­nung oder eines gleich­mä­ßi­gen Ver­wal­tungs­voll­zugs für Zeit­räu­me einer weit­ge­hend abge­schlos­se­nen Ver­an­la­gung von einer Nich­tig­erklä­rung abge­se­hen wer­den müss­te, ist ange­sichts des kur­zen Zeit­raums, für den sich die Nich­tig­erklä­rung aus­wirkt, nicht ersicht­lich.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschlüs­se vom 11. Dezem­ber 2018 – und vom 15. Janu­ar 2019 – 2 BvL 4/​112 BvL 4/​132 BvL 5/​11 2 BvL 1/​09

  1. 2 BvL 1/​09[]
  2. StBereinG 1999[]
  3. BVerfG – 2 BvL 1/​09[]
  4. BVerfG – 2 BvL 4/​11 und 2 BvL 5/​11[]
  5. BVerfG – 2 BvL 4/​13[]
  6. ver­glei­che dazu BVerfGE 125, 104, 124[]
  7. BVerfGE 101, 297[][]