Gefahr – …und die Bun­des­wehr kommt sofort

Der wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt ist nicht auf Ein­sät­ze bewaff­ne­ter Streit­kräf­te inner­halb von Sys­te­men gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit beschränkt, son­dern gilt all­ge­mein für bewaff­ne­te Ein­sät­ze deut­scher Sol­da­ten im Aus­land und unab­hän­gig davon, ob die­se einen krie­ge­ri­schen oder kriegs­ähn­li­chen Cha­rak­ter haben.

Gefahr – …und die Bun­des­wehr kommt sofort

Bei Gefahr im Ver­zug ist die Bun­des­re­gie­rung aus­nahms­wei­se berech­tigt, den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te vor­läu­fig allein zu beschlie­ßen. In die­sem Fall muss sie das Par­la­ment umge­hend mit dem fort­dau­ern­den Ein­satz befas­sen und die Streit­kräf­te auf Ver­lan­gen des Bun­des­ta­ges zurück­ru­fen. Die Vor­aus­set­zun­gen die­ser Eil­ent­schei­dungs­be­fug­nis der Bun­des­re­gie­rung sind ver­fas­sungs­ge­richt­lich voll über­prüf­bar.

Ist ein von der Bun­des­re­gie­rung bei Gefahr im Ver­zug beschlos­se­ner Ein­satz zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt einer nach­träg­li­chen Par­la­ments­be­fas­sung bereits been­det und eine rechts­er­heb­li­che par­la­men­ta­ri­sche Ein­fluss­nah­me auf die kon­kre­te Ver­wen­dung der Streit­kräf­te des­halb nicht mehr mög­lich, ver­pflich­tet der wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt die Bun­des­re­gie­rung nicht, eine Ent­schei­dung des Deut­schen Bun­des­ta­ges über den Ein­satz her­bei­zu­füh­ren. Die Bun­des­re­gie­rung muss den Bun­des­tag jedoch unver­züg­lich und qua­li­fi­ziert über den Ein­satz unter­rich­ten.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat damit die ver­fas­sungs­recht­li­chen Maß­stä­be für das Mit­ent­schei­dungs­recht des Deut­schen Bun­des­ta­ges über den Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Sol­da­ten im Aus­land kon­kre­ti­siert: Der Par­la­ments­vor­be­halt gilt all­ge­mein für den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te; eine zusätz­li­che mili­tä­ri­sche Erheb­lich­keits­schwel­le muss im Ein­zel­fall nicht über­schrit­ten sein. Bei Gefahr im Ver­zug ist die Bun­des­re­gie­rung aus­nahms­wei­se berech­tigt, den Ein­satz vor­läu­fig allei­ne zu beschlie­ßen. Sie muss jedoch zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt eine Ent­schei­dung des Bun­des­ta­ges über die Fort­set­zung des Ein­sat­zes her­bei­füh­ren. Ist der Ein­satz zu die­sem Zeit­punkt bereits been­det, muss die Bun­des­re­gie­rung den Bun­des­tag unver­züg­lich und qua­li­fi­ziert über die Grund­la­gen ihrer Ent­schei­dung und den Ver­lauf des Ein­sat­zes unter­rich­ten; es besteht jedoch kei­ne Pflicht, nach­träg­lich eine Zustim­mung des Bun­des­ta­ges ein­zu­ho­len.

Anlass für die­se Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts war ein von der Frak­ti­on BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN gestell­ter Antrag im Organ­streit­ver­fah­ren, der jetzt im Ergeb­nis ohne Erfolg blieb. Bei der Eva­ku­ie­rung deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger aus Liby­en am 26.02.2011 han­del­te es sich um einen Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te, der den Par­la­ments­vor­be­halt aus­lös­te, jedoch zum Zeit­punkt frü­hest­mög­li­cher Par­la­ments­be­fas­sung bereits abge­schlos­sen war.

Der Aus­gangs­sach­ver­halt[↑]

Gegen­stand des Organ­streit­ver­fah­rens ist die Fra­ge, ob die Bun­des­re­gie­rung die Rech­te des Deut­schen Bun­des­ta­ges dadurch ver­letzt hat, dass sie nicht nach­träg­lich des­sen Zustim­mung für die Eva­ku­ie­rung deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger aus Liby­en am 26.02.2011 durch Sol­da­ten der Bun­des­wehr ein­ge­holt hat.

Unter dem Ein­fluss der sei­ner­zei­ti­gen Unru­hen in den Nach­bar­län­dern Tune­si­en und Ägyp­ten eska­lier­te ab Mit­te Febru­ar 2011 in Liby­en der innen­po­li­ti­sche Kon­flikt zwi­schen der Regie­rung und deren Geg­nern zu einem bewaff­ne­ten Auf­stand gegen das Régime von Muammar al-Gad­da­fi. Der Kri­sen­stab im Aus­wär­ti­gen Amt befass­te sich ab dem 20.02.2011 in täg­li­chen res­sort­über­grei­fen­den Sit­zun­gen mit den Ent­wick­lun­gen. Im Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung und im Ein­satz­füh­rungs­kom­man­do der Bun­des­wehr waren früh­zei­tig Vor­be­rei­tun­gen für mög­li­che diplo­ma­ti­sche und mili­tä­ri­sche Eva­ku­ie­run­gen deut­scher Staats­bür­ger per Luft oder über See ange­lau­fen. Im Rah­men einer soge­nann­ten unge­si­cher­ten Luft­ab­ho­lung, die hier nicht ver­fah­rens­ge­gen­ständ­lich ist, flo­gen Sol­da­ten der Bun­des­wehr am 22. und 23.02.2011 ins­ge­samt 103 deut­sche Staats­bür­ger aus Tri­po­lis aus. Unge­fähr zeit­gleich ver­lie­ßen zahl­rei­che Deut­sche und wei­te­re Aus­län­der die liby­sche Haupt­stadt mit zivi­len Maschi­nen einer deut­schen Flug­ge­sell­schaft. Par­al­lel zu die­sen Maß­nah­men wur­den Kräf­te aus Heer, Luft­waf­fe und Mari­ne zu einem Ein­satz­ver­band für mili­tä­ri­sche Eva­ku­ie­rungs­ope­ra­tio­nen zusam­men­ge­führt. Die an der Ope­ra­ti­on "Pega­sus" betei­lig­ten bis zu 1.000 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten soll­ten gege­be­nen­falls iso­lier­te oder bedroh­te deut­sche Staats­bür­ger aus Liby­en eva­ku­ie­ren und ret­ten.

Am 24.02.2011 fiel im Aus­wär­ti­gen Amt und im Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung die Ent­schei­dung, die Mit­ar­bei­ter deut­scher Fir­men umge­hend von der Bun­des­wehr aus dem – in der Nähe eines Ölfel­des gele­ge­nen – ost­li­by­schen Wüs­ten­ort Naf­u­rah aus­flie­gen zu las­sen. Nach Zustim­mung der Bun­des­kanz­le­rin unter­rich­te­te am Abend des 25.02.2011 der Bun­des­mi­nis­ter des Aus­wär­ti­gen die Vor­sit­zen­den der Frak­tio­nen des Deut­schen Bun­des­ta­ges tele­fo­nisch über den bevor­ste­hen­den Ein­satz. Bei der Eva­ku­ie­rung am Nach­mit­tag des 26.02.2011 befan­den sich erst­mals bewaff­ne­te Sol­da­ten an Bord der bei­den ein­ge­setz­ten Trans­all – C‑160 ESS. Die Luft­trans­port­flug­zeu­ge waren mit einer Zusatz­aus­stat­tung zum pas­si­ven Selbst­schutz gegen Radar­er­fas­sung und Flug­ab­wehr­ra­ke­ten aus­ge­rüs­tet. In Naf­u­rah wur­den 132 Per­so­nen – dar­un­ter 22 Deut­sche – an Bord genom­men und nach Chania/​Kreta aus­ge­flo­gen. Die Eva­ku­ie­rung ver­lief ohne Zwi­schen­fäl­le. Zu wei­te­ren Eva­ku­ie­rungs­ope­ra­tio­nen der Bun­des­wehr in Liby­en kam es nicht.

Der Ers­te Par­la­men­ta­ri­sche Geschäfts­füh­rer der Frak­ti­on BÜNDNIS 90/​DIE GRÜNEN for­der­te gegen­über dem Bun­des­mi­nis­ter des Aus­wär­ti­gen im März 2011 wie­der­holt, die Bun­des­re­gie­rung möge nach­träg­lich ein par­la­men­ta­ri­sches Man­dat für den Ein­satz ein­ho­len. Der Bun­des­mi­nis­ter teil­te mit, dass er den Ein­satz für einen huma­ni­tä­ren hal­te, der nicht der Zustim­mung des Deut­schen Bun­des­tags bedür­fe. Zu einem spä­te­ren Zeit­punkt führ­te er aus, dass es sich bei der Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah nicht um einen Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te im Sin­ne des Par­la­ments­be­tei­li­gungs­ge­set­zes gehan­delt habe, weil kei­ne Ein­be­zie­hung der deut­schen Sol­da­ten in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen zu erwar­ten gewe­sen sei. Die blo­ße Mög­lich­keit, dass es bei einem Ein­satz zu bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen kom­me, füh­re nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts nicht zur par­la­men­ta­ri­schen Zustim­mungs­be­dürf­tig­keit eines Aus­lands­ein­sat­zes.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat in sei­nem Urteil vom 12.07.1994 1 ent­schie­den, dass der Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te im Aus­land grund­sätz­lich der vor­he­ri­gen kon­sti­tu­ti­ven Zustim­mung des Bun­des­tags bedarf (soge­nann­ter wehr­ver­fas­sungs­recht­li­cher Par­la­ments­vor­be­halt); die Bun­des­re­gie­rung ist nur bei Gefahr im Ver­zug berech­tigt, vor­läu­fig den Ein­satz von Streit­kräf­ten zu beschlie­ßen. Ein Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te liegt nach einer wei­te­ren Ent­schei­dung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts vom 07.05.2008 2 vor, wenn deut­sche Sol­da­ten in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen ein­be­zo­gen sind. Im Par­la­ments­be­tei­li­gungs­ge­setz vom 18.03.2005 hat der Gesetz­ge­ber ins­be­son­de­re Form und Aus­maß der par­la­men­ta­ri­schen Mit­wir­kung bei einem Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te gere­gelt.

Der Organ­streit[↑]

Die Bun­des­tags­frak­ti­on BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN begehrt die Fest­stel­lung, dass der Deut­sche Bun­des­tag in sei­nem wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Betei­li­gungs­recht in Form des kon­sti­tu­ti­ven Par­la­ments­vor­be­halts ver­letzt ist, weil die Bun­des­re­gie­rung sei­ne Zustim­mung zu dem Ein­satz deut­scher Sol­da­ten am 26.02.2011 in Liby­en nicht ein­ge­holt hat. Es habe sich um einen eil­be­dürf­ti­gen Ein­satz gehan­delt, der der nach­träg­li­chen par­la­men­ta­ri­schen Zustim­mung bedurft habe. Die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" argu­men­tiert, dass eine mit Maschi­nen­ge­weh­ren bewaff­ne­te Eli­te­ein­heit der Bun­des­wehr die Eva­ku­ie­rung mit beson­ders aus­ge­stat­te­ten Trans­all-Flug­zeu­gen habe aus­füh­ren müs­sen, weil das Ein­drin­gen in den liby­schen Luft­raum und der Ein­satz in dem mili­tä­ri­schen Kri­sen­ge­biet mit einer ver­gleichs­wei­se hohen Gefahr eines kon­kre­ten Waf­fen­ein­sat­zes ver­bun­den gewe­sen sei. Wei­te­re 1.000 Sol­da­ten sei­en auf Kre­ta und im Mit­tel­meer bereit­ge­hal­ten wor­den. Bei dem Ein­satz sei es gera­de auf die Mög­lich­keit einer Anwen­dung mili­tä­ri­scher Gewalt ange­kom­men.

Die Bun­des­re­gie­rung bringt im Wesent­li­chen vor, auf­grund der zum Zeit­punkt der Ein­satz­ent­schei­dung bekann­ten Bedro­hungs­la­ge habe die kla­re Erwar­tung bestan­den, dass die deut­schen Sol­da­ten durch liby­sche Kräf­te nicht bedroht sei­en und ihre Waf­fen nicht wür­den ein­set­zen müs­sen. Liby­en habe aus Sicht der Bun­des­re­gie­rung einer Nut­zung sei­nes Luft­raums kon­klu­dent zuge­stimmt. Bei den getrof­fe­nen Sicher­heits­vor­keh­run­gen und der gewähl­ten Bewaff­nung habe es sich ledig­lich um flan­kie­ren­de Maß­nah­men der Gefah­ren­vor­sor­ge gehan­delt, die dem huma­ni­tä­ren Ein­satz kein mili­tä­ri­sches Geprä­ge ver­lie­hen hät­ten. Die für die Ope­ra­ti­on Pega­sus zusam­men­ge­führ­ten Kräf­te sei­en bei der Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah nicht zum Ein­satz gekom­men; zu die­sem Zeit­punkt sei­en sie noch gar nicht ein­satz­be­reit gewe­sen.

Zuläs­sig­keit des Organ­streit­an­trags[↑]

Der Antrag ist zuläs­sig.

Die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" ist als Frak­ti­on des Deut­schen Bun­des­ta­ges im Organ­streit­ver­fah­ren gemäß § 13 Nr. 5, §§ 63 ff. BVerfGG par­tei­fä­hig und berech­tigt, im eige­nen Namen Rech­te gel­tend zu machen, die dem Deut­schen Bun­des­tag gegen­über der Bun­des­re­gie­rung zuste­hen 3. Die Bun­des­re­gie­rung ist nach § 63 BVerfGG mög­li­che Bun­des­re­gie­rung. Die gerüg­te Unter­las­sung der Bun­des­re­gie­rung, für die Eva­ku­ie­rung deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger aus Liby­en durch Sol­da­ten der Bun­des­wehr die nach­träg­li­che Zustim­mung des Deut­schen Bun­des­ta­ges ein­zu­ho­len, ist nach § 64 Abs. 1 BVerfGG taug­li­cher Gegen­stand eines Organ­streit­ver­fah­rens 4.

Die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" ist antrags­be­fugt.

Die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" hat in sub­stan­ti­ier­ter Wei­se die Mög­lich­keit vor­ge­tra­gen, dass der Deut­sche Bun­des­tag in sei­nen Rech­ten ver­letzt wur­de, weil die Bun­des­re­gie­rung es ablehn­te, für die Eva­ku­ie­rung deut­scher und ande­rer Staats­bür­ger aus Liby­en durch Sol­da­ten der Bun­des­wehr am 26.02.2011 nach­träg­lich sei­ne Zustim­mung ein­zu­ho­len (§ 64 Abs. 1 BVerfGG). In sei­nem Urteil vom 12.07.1994 hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt fest­ge­stellt, dass "Ein­sät­ze bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" im Aus­land von Ver­fas­sungs wegen der grund­sätz­lich vor­he­ri­gen kon­sti­tu­ti­ven Zustim­mung des Deut­schen Bun­des­ta­ges unter­lie­gen und der Bun­des­tag umge­hend nach­träg­lich mit einem bewaff­ne­ten Außen­ein­satz zu befas­sen ist, wenn ihn die Bun­des­re­gie­rung bei Gefahr im Ver­zug aus­nahms­wei­se allein beschlos­sen hat 5. Den ver­fas­sungs­recht­li­chen Begriff "Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" und damit die Reich­wei­te der par­la­men­ta­ri­schen Zustim­mungs­be­dürf­tig­keit hat das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt in einem wei­te­ren Urteil vom 07.05.2008 kon­kre­ti­siert 6. Bei­de Ent­schei­dun­gen befas­sen sich mit Aus­lands­ein­sät­zen der Bun­des­wehr im Rah­men von Sys­te­men gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit. Es ist bis­lang nicht aus­drück­lich geklärt, ob und inwie­weit die bis­he­ri­ge Recht­spre­chung auf von der Exe­ku­ti­ve ange­ord­ne­te, vor einer mög­li­chen Par­la­ments­be­fas­sung bereits abge­schlos­se­ne uni­la­te­ra­le Eva­ku­ie­rungs­ein­sät­ze der Bun­des­wehr anzu­wen­den ist. Des­halb ist es nicht von vorn­her­ein aus­ge­schlos­sen, dass es auf­grund des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts einer nach­träg­li­chen Befas­sung des Deut­schen Bun­des­ta­ges mit dem Ein­satz deut­scher Sol­da­ten in Liby­en bedurf­te.

Der Deut­sche Bun­des­tag hat mit der Ableh­nung des von der Frak­ti­on DIE LINKE initi­ier­ten Antrags zur nach­träg­li­chen Man­da­tie­rung des Eva­ku­ie­rungs­ein­sat­zes in Liby­en am 24.03.2011 nicht auf die Aus­übung sei­ner Rech­te ver­zich­tet. Es ist gera­de Sinn und Zweck der in § 64 BVerfGG gere­gel­ten Pro­zess­stand­schaft, der Par­la­ments­min­der­heit die Befug­nis zur Gel­tend­ma­chung der Rech­te des Bun­des­ta­ges auch dann zu erhal­ten, wenn die Mehr­heit sei­ner Mit­glie­der sie, ins­be­son­de­re im Ver­hält­nis zu der von ihr getra­ge­nen Bun­des­re­gie­rung, nicht wahr­neh­men will. Dies ist sowohl Aus­druck der Kon­troll­funk­ti­on des Par­la­ments als auch Instru­ment des Min­der­hei­ten­schut­zes 7.

Für die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" besteht ein Rechts­schutz­be­dürf­nis.

Zwi­schen den Betei­lig­ten sind Umfang und Gren­zen des sich unmit­tel­bar aus dem Grund­ge­setz erge­ben­den wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts 8 umstrit­ten. Es herrscht Unklar­heit dar­über, unter wel­chen Vor­aus­set­zun­gen das Recht auf Betei­li­gung und die Pflicht zur Betei­li­gung des Deut­schen Bun­des­ta­ges aus­ge­löst wer­den.

Für das Rechts­schutz­be­dürf­nis der Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" ist es ohne Bedeu­tung, ob die Bun­des­re­gie­rung dem von ihr ver­lang­ten Han­deln über eine län­ge­re Zeit hin­weg nicht nach­ge­kom­men ist (fort­dau­ern­des Unter­las­sen) oder ob die behaup­te­te Ver­pflich­tung zu einem bestimm­ten Zeit­punkt zu erfül­len war. Denn das Rechts­schutz­be­dürf­nis im Organ­streit ent­fällt grund­sätz­lich nicht des­halb, weil eine bean­stan­de­te Rechts­ver­let­zung abge­schlos­sen ist 9. Ob beson­de­re Umstän­de im Sin­ne eines "Fort­set­zungs­fest­stel­lungs­in­ter­es­ses" erfor­der­lich sind, damit über eine in der Ver­gan­gen­heit lie­gen­de und abge­schlos­se­ne Rechts­ver­let­zung ent­schie­den wer­den kann, bedarf kei­ner Ent­schei­dung; sol­che Umstän­de sind hier in Form eines objek­ti­ven Inter­es­ses an der wei­te­ren Klä­rung der Reich­wei­te des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts und in Form einer Wie­der­ho­lungs­ge­fahr 10 gege­ben. Die Bun­des­re­gie­rung hat ihre von der Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" gerüg­te Rechts­auf­fas­sung bereits vor­pro­zes­su­al ver­tre­ten und im Ver­fah­ren wie­der­holt, so dass ein gleich­ge­rich­te­tes Vor­ge­hen in zukünf­ti­gen ver­gleich­ba­ren Situa­tio­nen erwar­tet wer­den kann.

Die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" hat, indem sie im Deut­schen Bun­des­tag am 24.03.2011 den Antrag der Frak­ti­on DIE LINKE unter­stütz­te, der auf die nach­träg­li­che Ein­ho­lung der Zustim­mung des Bun­des­ta­ges für den Eva­ku­ie­rungs­ein­satz in Liby­en gerich­tet war, über die sie im Organ­streit tref­fen­den Oblie­gen­hei­ten hin­aus 11 Schrit­te unter­nom­men, den Bun­des­tag dazu zu ver­an­las­sen, sei­ne Rech­te gel­tend zu machen 12.

Die Antrags­frist nach § 64 Abs. 3 BVerfGG ist gewahrt. Da der Eva­ku­ie­rungs­ein­satz in Naf­u­rah am 26.02.2011 statt­fand und die unter­las­se­ne Maß­nah­me in Form einer Betei­li­gung des Deut­schen Bun­des­ta­ges gege­be­nen­falls nach­träg­lich hät­te erfol­gen müs­sen, war die sechs­mo­na­ti­ge Frist am 11.08.2011, als der Antrag beim Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt ein­ging, noch nicht abge­lau­fen.

Wehr­ver­fas­sungs­recht­li­ches Betei­li­gungs­recht des Deut­schen Bun­des­ta­ges[↑]

Der Antrag ist unbe­grün­det. Die Bun­des­re­gie­rung hat das wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Betei­li­gungs­recht des Deut­schen Bun­des­ta­ges in Form des kon­sti­tu­ti­ven Par­la­ments­vor­be­halts für den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te nicht dadurch ver­letzt, dass sie es unter­ließ, für die Eva­ku­ie­rung deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger aus Naf­u­rah durch Sol­da­ten der Bun­des­wehr am 26.02.2011 nach­träg­lich die Zustim­mung des Bun­des­ta­ges ein­zu­ho­len.

Der kon­sti­tu­ti­ve wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt ist nicht auf Ein­sät­ze bewaff­ne­ter Streit­kräf­te inner­halb von Sys­te­men gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit beschränkt, son­dern gilt dar­über hin­aus all­ge­mein für bewaff­ne­te Ein­sät­ze deut­scher Sol­da­ten im Aus­land. Ein Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te liegt nicht erst dann vor, wenn eine Unter­neh­mung im Aus­land unter Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten einen krie­ge­ri­schen oder kriegs­ähn­li­chen Cha­rak­ter auf­weist. Bei Gefahr im Ver­zug ist die Bun­des­re­gie­rung aus­nahms­wei­se berech­tigt, den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te vor­läu­fig allein zu beschlie­ßen. Sie muss das Par­la­ment in einem sol­chen Fall umge­hend mit dem so beschlos­se­nen Ein­satz befas­sen und die Streit­kräf­te auf Ver­lan­gen des Bun­des­ta­ges zurück­ru­fen. Die Fra­gen, ob eine Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen vor­lag und ob Gefahr im Ver­zug gege­ben war, sind ver­fas­sungs­ge­richt­lich voll über­prüf­bar. Ist ein von der Bun­des­re­gie­rung wegen Gefahr im Ver­zug beschlos­se­ner Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt nach­träg­li­cher Par­la­ments­be­fas­sung bereits abge­schlos­sen und eine par­la­men­ta­ri­sche Ein­fluss­nah­me auf die kon­kre­te Ver­wen­dung der Streit­kräf­te des­halb nicht mehr mög­lich, muss die Bun­des­re­gie­rung den Deut­schen Bun­des­tag unver­züg­lich und qua­li­fi­ziert über die Grund­la­gen ihrer Ein­satz­ent­schei­dung und den Ver­lauf des Ein­sat­zes unter­rich­ten.

Bewaf­ne­te Ein­sät­ze im Aus­land[↑]

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat aus dem Gesamt­zu­sam­men­hang wehr­ver­fas­sungs­recht­li­cher Vor­schrif­ten und vor dem Hin­ter­grund der deut­schen Ver­fas­sungs­tra­di­ti­on seit 1918 dem Grund­ge­setz ein all­ge­mei­nes Prin­zip ent­nom­men, nach dem jeder Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te der kon­sti­tu­ti­ven, grund­sätz­lich vor­he­ri­gen Zustim­mung des Deut­schen Bun­des­ta­ges bedarf 13. Die auf die Streit­kräf­te bezo­ge­nen Rege­lun­gen des Grund­ge­set­zes sind dar­auf ange­legt, die Bun­des­wehr nicht als Macht­po­ten­ti­al allein der Exe­ku­ti­ve zu über­las­sen, son­dern sie als "Par­la­ments­heer" in die demo­kra­tisch rechts­staat­li­che Ver­fas­sungs­ord­nung ein­zu­fü­gen 14. Der wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt gilt all­ge­mein für den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te (a) und ist par­la­ments­freund­lich aus­zu­le­gen 15.

Der unmit­tel­bar kraft Ver­fas­sung gel­ten­de wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt 16 begrün­det ein wirk­sa­mes Mit­ent­schei­dungs­recht des Deut­schen Bun­des­ta­ges in Ange­le­gen­hei­ten der aus­wär­ti­gen Gewalt. Die par­la­men­ta­ri­sche Zustim­mung ist grund­sätz­lich vor Beginn eines Ein­sat­zes ein­zu­ho­len. Der Bun­des­tag kann nicht ohne die Bun­des­re­gie­rung einen Streit­kräf­te­ein­satz ver­fü­gen, weil der Par­la­ments­vor­be­halt ein Zustim­mungs­vor­be­halt ist, der kei­ne Initia­tiv­be­fug­nis ver­leiht 17.

Das Erfor­der­nis par­la­men­ta­ri­scher Mit­wir­kung gilt sowohl für bewaff­ne­te Außen­ein­sät­ze deut­scher Sol­da­ten inner­halb von Sys­te­men gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit im Sin­ne von Art. 24 Abs. 2 GG, wie sie Gegen­stand bis­he­ri­ger Ent­schei­dun­gen des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts waren 18, als auch all­ge­mein für den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te 19, unab­hän­gig von des­sen mate­ri­ell-recht­li­cher Grund­la­ge (vgl. § 2 Abs. 1 und § 5 Abs. 1 Satz 2 ParlBG). Auch jeder uni­la­te­ra­le Aus­lands­ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te bedarf somit der grund­sätz­lich vor­he­ri­gen par­la­men­ta­ri­schen Zustim­mung. Die Bun­des­wehr wäre kein Par­la­ments­heer, wenn aus dem Anwen­dungs­be­reich des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts gera­de die allein natio­nal ver­ant­wor­te­ten Streit­kräf­te­ein­sät­ze im Aus­land aus­ge­klam­mert wären, denen kein Pro­zess kon­sen­sua­ler Wil­lens­bil­dung inner­halb eines Bünd­nis­sys­tems vor­aus­geht, in wel­ches sich Deutsch­land bereits mit Zustim­mung des Gesetz­ge­bers 20 ein­ge­ord­net hat. Das gilt unab­hän­gig von der in die­sem Organ­streit nicht zu klä­ren­den Fra­ge nach der Ermäch­ti­gungs­grund­la­ge sol­cher Ein­sät­ze.

Der wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt ist ange­sichts sei­ner Funk­ti­on und Bedeu­tung par­la­ments­freund­lich aus­zu­le­gen. Ins­be­son­de­re kann das Ein­grei­fen des Par­la­ments­vor­be­halts nicht unter Beru­fung auf Gestal­tungs­spiel­räu­me der Exe­ku­ti­ve maß­geb­lich von den poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Bewer­tun­gen und Pro­gno­sen der Bun­des­re­gie­rung abhän­gig gemacht wer­den 21. Dabei kommt es nicht dar­auf an, ob der Streit­kräf­te­ein­satz inner­halb eines Sys­tems gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit erfolgt oder natio­nal ver­ant­wor­tet wird. Denn der Ent­schei­dungs­ver­bund von Par­la­ment und Regie­rung stellt hier wie dort kei­ne Durch­bre­chung der allei­ni­gen Ver­ant­wort­lich­keit der Exe­ku­ti­ve im aus­wär­ti­gen Bereich dar; er ist viel­mehr ein prä­gen­der Teil der grund­ge­setz­li­chen Gewal­ten­tei­lung. Soweit dem Grund­ge­setz eine Zustän­dig­keit des Deut­schen Bun­des­ta­ges in Form eines wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Mit­ent­schei­dungs­rechts ent­nom­men wer­den kann, besteht kein eigen­ver­ant­wort­li­cher Ent­schei­dungs­raum der Bun­des­re­gie­rung 22. In die­sem Zusam­men­hang ist es ohne Bedeu­tung, ob das Par­la­ment sein Mit­ent­schei­dungs­recht – wie grund­sätz­lich gebo­ten – vor dem Ein­satz wahr­nimmt oder aus­nahms­wei­se erst nach des­sen Beginn, weil die Bun­des­re­gie­rung wegen Gefahr im Ver­zug die Ein­satz­ent­schei­dung einst­wei­len allein getrof­fen hat 23. Die Eil­kom­pe­tenz ver­schafft der Bun­des­re­gie­rung nur das Recht zur Anord­nung eines Ein­sat­zes bewaff­ne­ter Streit­kräf­te, nicht aber die von der Bun­des­re­gie­rung ange­nom­me­nen Aus­le­gungs­spiel­räu­me hin­sicht­lich der Fra­ge, ob ein sol­cher Ein­satz gege­ben ist und damit ein Mit­wir­kungs­recht des Bun­des­ta­ges besteht 24. Ande­ren­falls droh­te aus der Aus­nah­me­be­fug­nis 25 der Exe­ku­ti­ve zur vor­läu­fi­gen Allein­ent­schei­dung in Gefah­ren­si­tua­tio­nen sys­tem­wid­rig eine regel­haf­te Befug­nis zur end­gül­ti­gen Allein­ent­schei­dung zu wer­den.

Ein­satz ohne kriegs­ähn­li­chen Cha­rak­ter[↑]

Gegen­stand der Par­la­ments­be­tei­li­gung ist nach der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richts der "Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" 26. Es han­delt sich dabei um einen ver­fas­sungs­recht­li­chen Begriff, des­sen Kon­kre­ti­sie­rung von der völ­ker­recht­li­chen 27 oder ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­la­ge des kon­kre­ten Ein­sat­zes nicht unmit­tel­bar abhängt und der auch nicht von einem im Rang unter der Ver­fas­sung ste­hen­den Gesetz (vgl. § 2 ParlBG) ver­bind­lich kon­kre­ti­siert wer­den kann, wenn auch die gesetz­li­che Aus­ge­stal­tung des Insti­tuts im Ein­zel­fall Hin­wei­se für sei­ne ver­fas­sungs­un­mit­tel­ba­re Reich­wei­te zu geben ver­mag 28. Mit dem Begriff "Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" ist eine ein­heit­li­che recht­li­che Schwel­le par­la­men­ta­ri­scher Zustim­mungs­be­dürf­tig­keit defi­niert. Für eine zusätz­li­che mili­tä­ri­sche Erheb­lich­keits­schwel­le im Ein­zel­fall ist inso­weit kein Raum (b).

Ein Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te in die­sem Sin­ne liegt vor, wenn deut­sche Sol­da­ten in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen ein­be­zo­gen sind 22. Dafür kommt es nicht dar­auf an, ob bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen sich bereits im Sin­ne eines Kampf­ge­sche­hens ver­wirk­licht haben, son­dern ob die Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen qua­li­fi­ziert zu erwar­ten ist 29. Das Füh­ren von Waf­fen im Aus­land und die Ermäch­ti­gung zu ihrem Gebrauch kön­nen Anhalts­punk­te für eine dro­hen­de Ein­be­zie­hung in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen sein (bb).

Die qua­li­fi­zier­te Erwar­tung der Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen unter­schei­det sich in zwei­fa­cher Hin­sicht von der blo­ßen Mög­lich­keit, dass es zu bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen kom­men könn­te:

Zum einen bedarf es hin­rei­chen­der greif­ba­rer tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te dafür, dass ein Ein­satz nach sei­nem Zweck, den kon­kre­ten poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Umstän­den sowie den Ein­satz­be­fug­nis­sen in die Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt mün­den kann. Hier­für muss aus den Umstän­den des Fal­les und der poli­ti­schen Gesamt­la­ge her­aus eine kon­kre­te mili­tä­ri­sche Gefah­ren­la­ge bestehen, die eine hin­rei­chen­de sach­li­che Nähe zur Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt und damit zur Ver­wick­lung deut­scher Streit­kräf­te in eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung auf­weist 30.

Zum ande­ren ist eine beson­de­re Nähe der Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt erfor­der­lich; die Ein­be­zie­hung von Bun­des­wehr­sol­da­ten in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen muss unmit­tel­bar zu erwar­ten sein. Steht die Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt zeit­lich nahe bevor, begrün­det dies bereits für sich genom­men die qua­li­fi­zier­te Erwar­tung der Ein­be­zie­hung in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen; sie wird jedoch regel­mä­ßig mit der Ver­dich­tung tat­säch­li­cher Umstän­de ein­her­ge­hen, die auf kom­men­de mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zun­gen hin­deu­ten. Aber auch eine Betrach­tung der Ein­satz­pla­nung und der Ein­satz­be­fug­nis­se kann erge­ben, dass eine gleich­sam auto­ma­tisch ablau­fen­de Betei­li­gung deut­scher Sol­da­ten an der Anwen­dung bewaff­ne­ter Gewalt von der Gesamt­si­tua­ti­on her wahr­schein­lich ist und prak­tisch nur noch von Zufäl­lig­kei­ten im tat­säch­li­chen Gesche­hens­ab­lauf abhängt 31.

Anhalts­punk­te für die dro­hen­de Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen bestehen, wenn sie im Aus­land Waf­fen mit sich füh­ren und ermäch­tigt sind, von ihnen Gebrauch zu machen. Denn es kann dadurch je nach dem Ver­lauf des tat­säch­li­chen Gesche­hens dazu kom­men, dass die Bewaff­nung in die Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt mün­det. Solan­ge es sich aller­dings recht­lich nur um eine Ermäch­ti­gung zur Selbst­ver­tei­di­gung han­delt und der Ein­satz selbst einen nicht-mili­tä­ri­schen Cha­rak­ter hat, ist die Schwel­le zur Zustim­mungs­be­dürf­tig­keit nicht schon durch die­se Ermäch­ti­gung erreicht 32.

Der Begriff "Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" als Aus­druck qua­li­fi­zier­ter Erwar­tung einer Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen legt für alle Ein­sät­ze der Bun­des­wehr im Aus­land, sei­en sie kon­sen­su­al in einem Sys­tem gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit oder natio­nal ver­ant­wor­tet, eine ein­heit­li­che Schwel­le par­la­men­ta­ri­scher Zustim­mungs­be­dürf­tig­keit fest. Eine zusätz­li­che mili­tä­ri­sche Erheb­lich­keits­schwel­le ist im kon­kre­ten Ein­zel­fall nicht zu über­win­den (aa). Auch Ein­sät­ze, die erkenn­bar von gerin­ger Inten­si­tät und Trag­wei­te oder poli­tisch von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung sind, kön­nen dem wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halt unter­fal­len 33.

Grund­sätz­lich unter­liegt jeder Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te der kon­sti­tu­ti­ven par­la­men­ta­ri­schen Mit­wir­kung. Der kon­sti­tu­ti­ve Par­la­ments­vor­be­halt ist in der Begrün­dung zwar auf das his­to­ri­sche Bild eines Kriegs­ein­tritts zuge­schnit­ten 34, in sei­ner Funk­ti­on aber nicht auf eine par­la­men­ta­ri­sche Mit­ent­schei­dung bei krie­ge­ri­schen oder kriegs­ähn­lich aus­ge­rich­te­ten Außen­ein­sät­zen beschränkt. Ein recht­lich erheb­li­cher Ein­fluss des Bun­des­ta­ges auf die Ver­wen­dung der Streit­kräf­te muss nach den ver­fas­sungs­recht­li­chen Grund­ent­schei­dun­gen zur Organ­kom­pe­tenz­ver­tei­lung im Bereich der aus­wär­ti­gen Gewalt auch unter­halb die­ser Schwel­le gewähr­leis­tet sein, die sich über­dies einer prä­zi­sen Bestim­mung ent­zieht.

Unter den heu­ti­gen poli­ti­schen Bedin­gun­gen, in denen Krie­ge in der Regel nicht mehr förm­lich erklärt wer­den, steht eine suk­zes­si­ve Ver­stri­ckung in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen dem offi­zi­el­len Kriegs­ein­tritt gleich 35. Jeder Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te kann von der begrenz­ten Ein­zel­ak­ti­on in eine grö­ße­re und län­ger wäh­ren­de mili­tä­ri­sche Aus­ein­an­der­set­zung mün­den, bis hin­ein in einen umfäng­li­chen Krieg 36. Gera­de in poli­tisch und mili­tä­risch insta­bi­len Regio­nen bedarf es zudem häu­fig nur eines gerin­gen Anlas­ses, um eine eska­lie­ren­de Kon­flikt­dy­na­mik in Gang zu set­zen. All dies trifft glei­cher­ma­ßen auf natio­nal ver­ant­wor­te­te bewaff­ne­te Außen­ein­sät­ze der Bun­des­wehr zu, wie auf Ein­sät­ze inner­halb von Sys­te­men gegen­sei­ti­ger kol­lek­ti­ver Sicher­heit, anhand derer das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt die Tat­be­stands­vor­aus­set­zun­gen eines "Ein­sat­zes bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" defi­niert hat 37.

Die ver­fas­sungs­recht­lich gebo­te­ne Wahr­neh­mung kon­sti­tu­ti­ver par­la­men­ta­ri­scher Ver­ant­wor­tung für jed­we­den bewaff­ne­ten Aus­lands­ein­satz der Bun­des­wehr beginnt daher ent­ge­gen der von der Bun­des­re­gie­rung ver­tre­te­nen Auf­fas­sung nicht erst dann, wenn ein von der Bun­des­re­gie­rung geplan­ter Ein­satz von vorn­her­ein dem Leit­bild eines Kriegs­ein­tritts ent­spricht. Ein Streit­kräf­te­ein­satz muss – jen­seits der qua­li­fi­zier­ten Erwar­tung einer Ein­be­zie­hung in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen – im Ein­zel­fall daher kei­ne bestimm­te mili­tä­ri­sche Erheb­lich­keits­schwel­le über­schrei­ten oder einen auf offen­si­ve Gewalt­an­wen­dung ange­leg­ten Cha­rak­ter auf­wei­sen, um den Par­la­ments­vor­be­halt aus­zu­lö­sen; huma­ni­tä­re Ziel­set­zun­gen als sol­che sus­pen­die­ren das Erfor­der­nis par­la­men­ta­ri­scher Zustim­mung nicht.

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat bereits in sei­nem Urteil vom 12.07.1994 fest­ge­stellt, dass bei Ein­sät­zen bewaff­ne­ter Streit­kräf­te im Rah­men von Reso­lu­tio­nen des Sicher­heits­ra­tes die vor­he­ri­ge Zustim­mung des Bun­des­ta­ges unab­hän­gig davon erfor­der­lich ist, ob den Streit­kräf­ten Zwangs­be­fug­nis­se nach Kapi­tel VII der Char­ta der Ver­ein­ten Natio­nen 38 ein­ge­räumt sind, weil die Gren­zen zwi­schen den tra­di­tio­nel­len Blau­helm­ein­sät­zen und sol­chen mit der Befug­nis zu bewaff­ne­ten Siche­rungs­maß­nah­men in der Rea­li­tät flie­ßend gewor­den sind und der Begriff der Selbst­ver­tei­di­gung, die schlich­ten Frie­dens­trup­pen erlaubt ist, bereits in einem akti­ven Sin­ne dahin defi­niert wird, dass sie auch den Wider­stand gegen gewalt­sa­me Ver­su­che ein­schließt, die Trup­pen an der Durch­füh­rung ihres Auf­trags zu hin­dern 39. Auch die Ver­wen­dung von Per­so­nal der Bun­des­wehr für blo­ße Hilfs­diens­te und Hil­fe­leis­tun­gen im Aus­land kann der par­la­men­ta­ri­schen Zustim­mung bedür­fen, sofern die Sol­da­ten dabei in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen ein­be­zo­gen sind 40. Gene­rell kön­nen auch Ein­sät­ze, die erkenn­bar von gerin­ger Inten­si­tät und Trag­wei­te oder poli­tisch von unter­ge­ord­ne­ter Bedeu­tung sind, dem wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halt unter­fal­len 41.

Bei dem kon­sti­tu­ti­ven Par­la­ments­vor­be­halt geht es um die grund­ge­setz­lich vor­ge­ge­be­ne Kom­pe­tenz­ver­tei­lung zwi­schen Par­la­ment und Regie­rung bei der Ent­schei­dung über die Ver­wen­dung der Streit­kräf­te als Macht­po­ten­ti­al, die dem Deut­schen Bun­des­tag unab­hän­gig von der Bedeu­tung des Ein­sat­zes einen inso­weit rechts­er­heb­li­chen Ein­fluss sichern soll 42. Dem ein­heit­lich zu defi­nie­ren­den ver­fas­sungs­recht­li­chen Begriff eines zustim­mungs­be­dürf­ti­gen "Ein­sat­zes bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" kön­nen des­halb qua­li­ta­tiv unter­schied­li­che Arten der Ver­wen­dung der Bun­des­wehr unter­fal­len. Es ist Sache des Gesetz­ge­bers, Form und Aus­maß par­la­men­ta­ri­scher Mit­wir­kung je nach Anlass und Rah­men­be­din­gun­gen des Ein­sat­zes näher aus­zu­ge­stal­ten 43.

Ein­satz bei Gefahr im Ver­zug[↑]

Ohne vor­he­ri­ge par­la­men­ta­ri­sche Zustim­mung ist ein Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te unter dem Grund­ge­setz grund­sätz­lich nicht zuläs­sig. Die im Ent­schei­dungs­ver­bund mit der Bun­des­re­gie­rung dem Ein­satz vor­aus­ge­hen­de Betei­li­gung des Deut­schen Bun­des­ta­ges schont die Kom­pe­ten­zen bei­der Ver­fas­sungs­or­ga­ne. Bei Gefahr im Ver­zug ist die Bun­des­re­gie­rung aus­nahms­wei­se berech­tigt, vor­läu­fig allein den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te zu beschlie­ßen, etwa damit die Wehr- und Bünd­nis­fä­hig­keit der Bun­des­re­pu­blik durch den Par­la­ments­vor­be­halt nicht in Fra­ge gestellt wird. Sie muss jedoch in einem sol­chen Fall den Deut­schen Bun­des­tag umge­hend mit dem so beschlos­se­nen Ein­satz befas­sen und die Streit­kräf­te auf Ver­lan­gen des Bun­des­ta­ges zurück­ru­fen.

Besteht die aus den kon­kre­ten Umstän­den hin­rei­chend beleg­ba­re Erwar­tung einer unmit­tel­ba­ren Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen, ist die vor­he­ri­ge Betei­li­gung des Deut­schen Bun­des­ta­ges schon des­halb erfor­der­lich, weil nur so ver­mie­den wer­den kann, dass das Par­la­ment in eine Art Rati­fi­ka­ti­ons­la­ge gerät, die eine eigen­ver­ant­wort­li­che Ent­schei­dung erschwert. Die vor­he­ri­ge Betei­li­gung ist gegen­über einem spä­te­ren par­la­men­ta­ri­schen Rück­ruf deut­scher Sol­da­ten 44 auch zugleich die für die außen­po­li­ti­sche Hand­lungs- und Bünd­nis­fä­hig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land scho­nen­de­re Alter­na­ti­ve 45.

Bun­des­re­gie­rung und Bun­des­tag trifft daher eine Ver­pflich­tung, sicher­zu­stel­len, dass die Zustim­mung des Par­la­ments in der Regel zu einem Zeit­punkt erfolgt, zu dem die mate­ri­el­le Ent­schei­dung über eine Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt noch nicht getrof­fen ist und auch nicht vor dem Abschluss des Zustim­mungs­ver­fah­rens getrof­fen wird 46.

Nur aus­nahms­wei­se ist die Bun­des­re­gie­rung – bei Gefahr im Ver­zug – berech­tigt, den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te vor­läu­fig allein zu beschlie­ßen. Der Beschluss der Bun­des­re­gie­rung bedarf kei­ner Geneh­mi­gung durch den Deut­schen Bun­des­tag, son­dern der Bun­des­tag muss dem Ein­satz umge­hend zustim­men, damit die­ser fort­ge­setzt wer­den darf 23.

Im Fall von Gefahr im Ver­zug ist der Bun­des­re­gie­rung eine auf den Ein­zel­fall bezo­ge­ne Eil­zu­stän­dig­keit zur Anord­nung eines Ein­sat­zes bewaff­ne­ter Streit­kräf­te eröff­net. Obwohl die Wahr­neh­mung der exe­ku­ti­ven Eil­kom­pe­tenz stets eine Beein­träch­ti­gung des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts dar­stellt, bedarf die­se Anord­nung kei­ner rück­wir­ken­den rechts­ge­stal­ten­den Legi­ti­mie­rung durch den Bun­des­tag. Die gebo­te­ne unver­züg­li­che par­la­men­ta­ri­sche Befas­sung nach Beginn des Ein­sat­zes 23 hat nicht die Wir­kung einer Geneh­mi­gung mit der Fol­ge, dass im Fal­le einer Ver­sa­gung der par­la­men­ta­ri­schen Zustim­mung der Ein­satz von Anfang an rechts­wid­rig wäre 47. Die Eil­ent­schei­dung der Bun­des­re­gie­rung ent­fal­tet viel­mehr die glei­che Rechts­wir­kung wie die unter regu­lä­ren Umstän­den im Ver­bund mit dem Bun­des­tag getrof­fe­ne Ein­satz­ent­schei­dung. Für eine kon­sti­tu­ti­ve par­la­men­ta­ri­sche Zustim­mung ist bei einem von der Exe­ku­ti­ve im Eil­fall beschlos­se­nen und bereits begon­ne­nen Ein­satz daher nur ex nunc Raum. Durch die Ver­wei­ge­rung der Zustim­mung wird die Bun­des­re­gie­rung ver­pflich­tet, den Ein­satz zu been­den und die Streit­kräf­te zurück­zu­ru­fen. Die mili­tä­ri­sche Wehr­fä­hig­keit und die Bünd­nis­fä­hig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land wer­den auf die­se Wei­se gesi­chert, und zugleich wird dem Inter­es­se der ein­ge­setz­ten deut­schen Sol­da­ten Rech­nung getra­gen, nur auf­grund einer recht­lich ver­läss­li­chen und nicht etwa schwe­bend unwirk­sa­men Anord­nung in einen bewaff­ne­ten Aus­lands­ein­satz ent­sandt zu wer­den.

Durch die als Aus­nah­me­be­fug­nis im Not­fall kon­zi­pier­te Eil­kom­pe­tenz der Bun­des­re­gie­rung für die Ein­satz­ent­schei­dung 23 wer­den das wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Recht und die Pflicht zur par­la­men­ta­ri­schen Ver­ant­wor­tungs­über­nah­me nicht auf­ge­ge­ben. Wie sich in der Ver­pflich­tung der Bun­des­re­gie­rung zur umge­hen­den nach­träg­li­chen Befas­sung des Bun­des­ta­ges mit dem Ein­satz 23 zeigt, soll die exe­ku­ti­ve Eil­kom­pe­tenz ledig­lich in einer kurz­fris­ti­gen Aus­nah­me­si­tua­ti­on die mili­tär­po­li­ti­sche Hand­lungs­fä­hig­keit der Bun­des­re­pu­blik Deutsch­land sichern. Das Recht der Exe­ku­ti­ve zur vor­läu­fi­gen Allein­ent­schei­dung bei Gefahr im Ver­zug steht daher nicht gleich­ran­gig neben dem wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halt. Als Durch­bre­chung des ori­gi­nä­ren par­la­men­ta­ri­schen Mit­ent­schei­dungs­rechts ist es viel­mehr eine die­sem gegen­über sub­si­diä­re Kom­pe­tenz der stets hand­lungs­fä­hi­gen Bun­des­re­gie­rung, deren Sinn es nicht etwa ist, der Exe­ku­ti­ve inso­weit eige­ne ver­tei­di­gungs­po­li­ti­sche Gestal­tungs­spiel­räu­me zu eröff­nen. Der nach­träg­li­chen Par­la­ments­be­fas­sung muss des­halb eine vor dem Streit­kräf­te­ein­satz begin­nen­de und die­sen beglei­ten­de Unter­rich­tung des Bun­des­ta­ges durch die Bun­des­re­gie­rung vor­aus­ge­hen (vgl. § 5 Abs. 2 ParlBG).

Ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Über­prüf­bar­keit[↑]

Die Kon­zep­ti­on der Eil­kom­pe­tenz hat zur Fol­ge, dass die Bun­des­re­gie­rung selbst über die Vor­aus­set­zun­gen ihrer (vor­läu­fi­gen) Allein­zu­stän­dig­keit zu ent­schei­den hat. Im Streit­fall unter­lie­gen jedoch nicht nur die Fest­stel­lung einer Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen der vol­len ver­fas­sungs­ge­richt­li­chen Kon­trol­le, son­dern auch die Vor­aus­set­zun­gen des Tat­be­stands­merk­mals "Gefahr im Ver­zug".

Die – der Fra­ge nach der Eil­kom­pe­tenz vor­aus­ge­hen­de – Fra­ge, ob bei einem Aus­lands­ein­satz eine Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen besteht, ist gericht­lich voll über­prüf­bar. Ein vom Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt nicht oder nur ein­ge­schränkt nach­prüf­ba­rer Ein­schät­zungs- oder Pro­gno­se­spiel­raum ist der Bun­des­re­gie­rung nicht eröff­net 24.

Bei der Aus­le­gung und Anwen­dung des Tat­be­stands­merk­mals "Gefahr im Ver­zug" kommt der Bun­des­re­gie­rung ein sol­cher Ein­schät­zungs- oder Pro­gno­se­spiel­raum eben­falls nicht zu. Aller­dings ver­bleibt ihr ein Ein­schät­zungs­spiel­raum im Eil­fall 22 hin­sicht­lich der poli­ti­schen und mili­tä­ri­schen Zweck­mä­ßig­keit des bewaff­ne­ten Streit­kräf­te­ein­sat­zes.

Das Tat­be­stands­merk­mal "Gefahr im Ver­zug" legt die Vor­aus­set­zun­gen einer Eil­zu­stän­dig­keit der Bun­des­re­gie­rung für den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te fest. Es han­delt sich um einen unbe­stimm­ten Rechts­be­griff ohne Beur­tei­lungs­spiel­raum. Die pro­gnos­ti­schen Ele­men­te des Gefahr­be­griffs geben inso­weit für eine ande­re Sicht­wei­se nichts her. Sie sind nichts wei­ter als Ele­men­te der Unbe­stimmt­heit von Rechts­be­grif­fen und recht­fer­ti­gen – wie auch in ande­ren der Gefah­ren­ab­wehr die­nen­den Befug­nis­nor­men – nicht schon von sich aus eine Kon­troll­be­schrän­kung der Gerich­te 48.

Der Gesetz­ge­ber kann zwar inner­halb der von der Ver­fas­sung gezo­ge­nen Gren­zen Durch­bre­chun­gen des Grund­sat­zes voll­stän­di­ger gericht­li­cher Nach­prü­fung von Ent­schei­dun­gen der Exe­ku­ti­ve vor­se­hen 49. Der unmit­tel­bar im Grund­ge­setz ver­an­ker­te wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt räumt ihm jedoch einen der­ar­ti­gen Gestal­tungs­frei­raum bei der Rege­lung der Eil­kom­pe­tenz der Bun­des­re­gie­rung nicht ein. Der Par­la­ments­vor­be­halt garan­tiert dem Deut­schen Bun­des­tag grund­sätz­lich ein wirk­sa­mes Mit­ent­schei­dungs­recht über den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te, bevor das mili­tä­ri­sche Unter­neh­men beginnt und dann maß­geb­lich zu einer Fra­ge mili­tä­ri­scher Zweck­mä­ßig­keit wird 50. Jeder einer rich­ter­li­chen Kon­trol­le ent­zo­ge­ne exe­ku­ti­ve Spiel­raum bei der Fest­stel­lung von Gefahr im Ver­zug wür­de dem­ge­gen­über die Mög­lich­kei­ten einer Inan­spruch­nah­me der Eil­kom­pe­tenz erwei­tern und damit den kon­sti­tu­ti­ven par­la­men­ta­ri­schen Zustim­mungs­vor­be­halt über das uner­läss­li­che Maß hin­aus schwä­chen 51. Inner­halb eines wesent­li­chen Ein­satz­spek­trums hät­te allein und abschlie­ßend die Bun­des­re­gie­rung dar­über zu befin­den, ob der Deut­sche Bun­des­tag einem Streit­kräf­te­ein­satz in rechts­er­heb­li­cher Wei­se vor des­sen Beginn zustim­men muss oder erst danach, wenn bereits geschaf­fe­ne oder doch vor­ent­schie­de­ne Fak­ten den Ent­schei­dungs­raum zu einem Par­la­ments­nach­voll­zug ver­en­gen. Die durch den wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halt vor­ge­ge­be­ne Kom­pe­tenz­ver­tei­lung im Bereich der aus­wär­ti­gen Gewalt lässt eine der­ar­ti­ge Ermäch­ti­gung der Exe­ku­ti­ve zur mate­ri­el­len Ent­wer­tung der par­la­men­ta­ri­schen Mit­ent­schei­dungs­kom­pe­tenz nicht zu 46. Die Rech­te, die das Grund­ge­setz den ein­zel­nen Ver­fas­sungs­or­ga­nen ver­leiht, ste­hen weder zu ihrer eige­nen Dis­po­si­ti­on noch zur Dis­po­si­ti­on des Gesetz­ge­bers 52. Die­ser ist hier viel­mehr dar­auf beschränkt, die Vor­aus­set­zun­gen eines Gefahr im Ver­zug begrün­den­den Not­falls und das dabei zu beob­ach­ten­de Ver­fah­ren näher zu regeln 53. Dem ent­spre­chen Wort­laut und Begrün­dung von § 5 ParlBG 54, der die Eil­kom­pe­tenz der Bun­des­re­gie­rung und das Ver­fah­ren nach­träg­li­cher par­la­men­ta­ri­scher Mit­wir­kung bei Gefahr im Ver­zug regelt.

Eine ver­fas­sungs­ge­richt­li­che Kon­trol­le des Merk­mals "Gefahr im Ver­zug" stößt hier auch nicht an die Funk­ti­ons­gren­zen der Recht­spre­chung 55. Der­ar­ti­ge Funk­ti­ons­gren­zen sind nament­lich für das poli­ti­sche Ermes­sen im Bereich der aus­wär­ti­gen Gewalt 56 sowie in ver­tei­di­gungs­po­li­ti­schen Fra­gen 57 aner­kannt 58. Die tat­säch­li­che und recht­li­che Wer­tung der Bun­des­re­gie­rung bei der Annah­me von Gefahr im Ver­zug ist jedoch kei­ne poli­ti­sche Ent­schei­dung, son­dern eine anhand objek­ti­ver Kri­te­ri­en über­prüf­ba­re Sub­sum­ti­on eines Sach­ver­halts unter die tat­be­stand­li­che Vor­aus­set­zung einer Eil­kom­pe­tenz 59, die der Bun­des­re­gie­rung erst den Raum für eine einst­wei­len allei­ni­ge (poli­ti­sche) Ent­schei­dung über den bewaff­ne­ten Außen­ein­satz der Bun­des­wehr erschließt. Für die Recht­mä­ßig­keit der Ent­schei­dung kommt es dabei auf die Sach­la­ge an, wie sie sich der Bun­des­re­gie­rung zum Zeit­punkt ihrer Ent­schei­dung dar­stellt.

Blo­ße Unter­rich­tung bei bereits abge­schlos­se­nen Ein­sät­zen[↑]

Ist ein von der Bun­des­re­gie­rung wegen Gefahr im Ver­zug beschlos­se­ner Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt einer nach­träg­li­chen Par­la­ments­be­fas­sung bereits abge­schlos­sen, kann der Deut­sche Bun­des­tag einen kon­sti­tu­ti­ven, rechts­er­heb­li­chen Ein­fluss auf die kon­kre­te Ver­wen­dung der Streit­kräf­te 60 nicht mehr aus­üben (a). In die­sem Fall muss die Bun­des­re­gie­rung den Deut­schen Bun­des­tag unver­züg­lich und qua­li­fi­ziert über den Ein­satz unter­rich­ten (b).

Das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt hat­te in sei­nen bis­he­ri­gen Ent­schei­dun­gen zum wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halt die Fra­ge, ob ein von der Bun­des­re­gie­rung zu Recht wegen Gefahr im Ver­zug ange­ord­ne­ter und zum frü­hest­mög­li­chen Zeit­punkt einer Par­la­ments­be­fas­sung bereits abge­schlos­se­ner Ein­satz einer nach­träg­li­chen Betei­li­gung des Deut­schen Bun­des­ta­ges bedarf, nicht zu beant­wor­ten. Die Bun­des­re­gie­rung muss zwar in jedem Fall das Par­la­ment umge­hend mit einem von ihr wegen Gefahr im Ver­zug beschlos­se­nen Ein­satz befas­sen und die Streit­kräf­te zurück­ru­fen, wenn es der Bun­des­tag ver­langt 23. Ob indes eine nach­träg­li­che Par­la­ments­be­fas­sung auch erfor­der­lich ist, wenn die Mög­lich­keit zur par­la­men­ta­ri­schen Rück­ho­lung der Streit­kräf­te nicht mehr besteht, war bis­her nicht Gegen­stand ver­fas­sungs­ge­richt­li­cher Ver­fah­ren.

Die Auf­fas­sung des Gesetz­ge­bers zu die­ser Fra­ge lässt sich aus dem Par­la­ments­be­tei­li­gungs­ge­setz nicht ein­deu­tig ent­neh­men. In § 5 ParlBG ist bestimmt, dass nach exe­ku­ti­ver Anord­nung eines Ein­sat­zes bewaff­ne­ter Streit­kräf­te wegen Gefahr im Ver­zug der Antrag auf Zustim­mung zum Ein­satz unver­züg­lich nach­zu­ho­len und der Ein­satz zu been­den ist, wenn der Bun­des­tag den Antrag ablehnt (Abs. 3). Die Geset­zes­be­grün­dung spricht inso­weit von einer "zwingende[n] Nach­ho­lung der Betei­li­gung des Par­la­ments" 61, ohne dar­auf ein­zu­ge­hen, ob dies auch gel­ten soll, wenn der Ein­satz zum Zeit­punkt unver­züg­li­cher Par­la­ments­be­fas­sung bereits been­det ist.

Das wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Schrift­tum misst zwar über­wie­gend einem nach­träg­li­chen Par­la­ments­be­schluss bei abge­schlos­se­nen Streit­kräf­te­ein­sät­zen kei­ne rechts­er­heb­li­che Wir­kung bei, hält aber eine Befas­sung des Deut­schen Bun­des­ta­ges auf­grund des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts gleich­wohl für gebo­ten 62.

Die kom­pe­ten­zi­el­le Funk­ti­on des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts, auf­grund derer dem Deut­schen Bun­des­tag eine grund­le­gen­de, kon­sti­tu­ti­ve Mit­ent­schei­dung über den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te vor­be­hal­ten und damit ein rechts­er­heb­li­cher Ein­fluss auf die kon­kre­te Ver­wen­dung der Streit­kräf­te garan­tiert ist 60, kann bei einem abge­schlos­se­nen Ein­satz jedoch nicht mehr zum Tra­gen kom­men. Ist ein Ein­satz been­det, ist für eine kon­sti­tu­ti­ve Zustim­mung des Bun­des­ta­ges, für eine Mit­ver­ant­wor­tung und ‑ent­schei­dung kein Raum mehr. Hat die Bun­des­re­gie­rung einen zeit­lich eng begrenz­ten und vor einer mög­li­chen Par­la­ments­be­fas­sung abge­schlos­se­nen Ein­satz ange­ord­net, bedarf die­se Ent­schei­dung trotz der Sub­si­dia­ri­tät der exe­ku­ti­ven Eil­kom­pe­tenz zu ihrer Wirk­sam­keit oder Recht­mä­ßig­keit kei­ner nach­träg­li­chen Geneh­mi­gung durch den Bun­des­tag. Das Par­la­ment kann bei einem abge­schlos­se­nen Ein­satz zudem weder die Fort­dau­er des Streit­kräf­te­ein­sat­zes noch des­sen Been­di­gung und die Rück­ho­lung der ein­ge­setz­ten Sol­da­ten beschlie­ßen. Der Bun­des­tag ist auch nicht dazu beru­fen, über die Recht­mä­ßig­keit des exe­ku­ti­ven Han­delns ver­bind­lich zu urtei­len; dies ist – auf Antrag – dem Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt vor­be­hal­ten. Es ist des­halb davon aus­zu­ge­hen, dass einem nach­träg­li­chen par­la­men­ta­ri­schen Beschluss kei­ne Rechts­er­heb­lich­keit mehr zukom­men kann 63.

Dem­ge­mäß ver­pflich­tet der wehr­ver­fas­sungs­recht­li­che Par­la­ments­vor­be­halt die Bun­des­re­gie­rung in einem der­ar­ti­gen Fall nicht, eine Ent­schei­dung des Bun­des­ta­ges über den been­de­ten Ein­satz her­bei­zu­füh­ren 64. Die Ent­schei­dungs­kom­pe­tenz der Bun­des­re­gie­rung modi­fi­ziert inso­weit das der Wehr­ver­fas­sung zugrun­de lie­gen­de Prin­zip der kon­sti­tu­ti­ven par­la­men­ta­ri­schen Mit­ent­schei­dung. Der kon­sti­tu­ti­ve par­la­men­ta­ri­sche Zustim­mungs­vor­be­halt ist als prä­gen­der Teil der grund­ge­setz­li­chen Gewal­ten­tei­lung 22 durch sei­ne kom­pe­tenz­be­grün­den­de Funk­ti­on deter­mi­niert und ver­än­dert sich nicht, wenn der Bun­des­tag aus tat­säch­li­chen Grün­den sei­ne Kom­pe­tenz nicht aus­üben kann.

Viel­mehr ist es Auf­ga­be des Deut­schen Bun­des­ta­ges selbst und sei­ner Unter­glie­de­run­gen, im Fal­le eines von der Exe­ku­ti­ve wegen Gefahr im Ver­zug beschlos­se­nen und vor einer mög­li­chen Par­la­ments­be­fas­sung been­de­ten Ein­sat­zes bewaff­ne­ter Streit­kräf­te, sei­ne par­la­men­ta­ri­schen Kon­troll­be­fug­nis­se wahr­zu­neh­men. Das par­la­men­ta­ri­sche Regie­rungs­sys­tem stellt ihm auch für die­sen Fall geeig­ne­te Instru­men­te zur poli­ti­schen Kon­trol­le der Bun­des­re­gie­rung zur Ver­fü­gung. Er kann sein Fra­ge, Antrags, Debat­ten- und Ent­schlie­ßungs­recht aus­üben und dadurch auf zukünf­ti­ge Ent­schei­dun­gen der Regie­rung ein­wir­ken oder durch die Wahl eines neu­en Bun­des­kanz­lers die Regie­rung stür­zen, Art. 67 Abs. 1 Satz 1 GG 65.

Um dem Deut­schen Bun­des­tag eine unein­ge­schränk­te Kon­trol­le des Ein­sat­zes der Streit­kräf­te zu ermög­li­chen, ist die Bun­des­re­gie­rung aller­dings, als Aus­fluss des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts, ver­pflich­tet, ihn unver­züg­lich und qua­li­fi­ziert über den abge­schlos­se­nen Streit­kräf­te­ein­satz zu unter­rich­ten.

Gegen­stand der Pflicht zu förm­li­cher Unter­rich­tung der Bun­des­re­gie­rung sind die maß­geb­li­chen tat­säch­li­chen und recht­li­chen Grund­la­gen der Ein­satz­ent­schei­dung sowie Ver­lauf und Ergeb­nis des Ein­sat­zes bewaff­ne­ter Streit­kräf­te. Nur in Kennt­nis der genann­ten, allein der Bun­des­re­gie­rung vor­lie­gen­den Infor­ma­tio­nen zu einem abge­schlos­se­nen Aus­lands­ein­satz der Bun­des­wehr ist der Bun­des­tag in der Lage, die­sen poli­tisch zu bewer­ten und par­la­men­ta­ri­sche Kon­trol­le, auch mit Blick auf die im hier gege­be­nen Zusam­men­hang stets zu beant­wor­ten­den Kom­pe­tenz­fra­gen, effek­tiv aus­zu­üben.

Die Unter­rich­tung des Bun­des­ta­ges muss in sach­li­cher Hin­sicht umfas­send sein und sich in ihrer Inten­si­tät an der mili­tä­ri­schen und poli­ti­schen Bedeu­tung des Streit­kräf­te­ein­sat­zes ori­en­tie­ren. In zeit­li­cher Hin­sicht ist der par­la­men­ta­ri­sche Infor­ma­ti­ons­an­spruch unver­züg­lich zu erfül­len, denn eine Kon­trol­le ist umso wir­kungs­vol­ler, je gerin­ger der zeit­li­che Abstand zu dem zu kon­trol­lie­ren­den Han­deln ist. Die Bun­des­re­gie­rung muss das Par­la­ment dar­über hin­aus in einer zweck­ge­rech­ten Wei­se unter­rich­ten. Adres­sat der Unter­rich­tung ist grund­sätz­lich der Bun­des­tag als Gan­zer, damit sämt­li­che Abge­ord­ne­te glei­cher­ma­ßen und unter­schieds­los auf die über­mit­tel­ten Infor­ma­tio­nen zugrei­fen kön­nen. Die Unter­rich­tung hat grund­sätz­lich schrift­lich zu erfol­gen. Dadurch wird sicher­ge­stellt, dass die Infor­ma­tio­nen über den Streit­kräf­te­ein­satz den Abge­ord­ne­ten in kla­rer, voll­stän­di­ger und repro­du­zier­ba­rer Form zur Ver­fü­gung ste­hen 66.

Der Ret­tungs­ein­satz in Naf­u­rah (Lybi­en)[↑]

ach die­sen Maß­stä­ben war die am 26.02.2011 von Sol­da­ten der Bun­des­wehr durch­ge­führ­te Eva­ku­ie­rung deut­scher Staats­an­ge­hö­ri­ger aus Naf­u­rah in Liby­en ein Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te im Sin­ne des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts. Die Bun­des­re­gie­rung war jedoch nicht ver­pflich­tet, den Bun­des­tag nach­träg­lich um eine recht­lich unver­bind­li­che poli­ti­sche Bil­li­gung des abge­schlos­se­nen Ein­sat­zes zu ersu­chen. Die Fra­ge einer Ver­let­zung des par­la­men­ta­ri­schen Anspruchs auf unver­züg­li­che qua­li­fi­zier­te Unter­rich­tung über den abge­schlos­se­nen Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te ist nicht Gegen­stand des hier zu ent­schei­den­den Organ­streits.

Die in natio­na­ler Allein­ver­ant­wor­tung von Sol­da­ten der Bun­des­wehr durch­ge­führ­te Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah ist taug­li­cher Gegen­stand des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts. Dies gilt unab­hän­gig davon, ob Eva­ku­ie­rungs- und Ret­tungs­ak­tio­nen der Streit­kräf­te, wie im Schrift­tum dis­ku­tiert wird 67, mate­ri­ell-funk­tio­nal als poli­zei­li­che Unter­neh­men mit huma­ni­tä­rer Ziel­set­zung oder als im enge­ren Sin­ne "mili­tä­risch" zu cha­rak­te­ri­sie­ren sind. Der­ar­ti­ge Dif­fe­ren­zie­run­gen hin­dern weder eine Sub­sum­ti­on unter den ver­fas­sungs­recht­li­chen Begriff "Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te" noch die sich dar­aus not­wen­dig erge­ben­de Anwen­dung des wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halts 68.

Ein grund­sätz­lich nur auf der Grund­la­ge einer kon­sti­tu­ti­ven Zustim­mung des Deut­schen Bun­des­ta­ges zuläs­si­ger Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te lag vor, weil unge­ach­tet des tat­säch­li­chen Aus­blei­bens von Kampf­hand­lun­gen die qua­li­fi­zier­te Erwar­tung bestand, dass deut­sche Sol­da­ten mit der Teil­nah­me an der Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen ein­be­zo­gen wer­den könn­ten.

Zum Zeit­punkt der Ein­satz­ent­schei­dung bestan­den hin­rei­chen­de greif­ba­re tat­säch­li­che Anhalts­punk­te für eine dro­hen­de Ver­stri­ckung der ein­ge­setz­ten deut­schen Sol­da­ten in eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung.

Die Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah am 26.02.2011 war in zeit­lich-ört­li­cher Hin­sicht in einen krie­ge­ri­schen Gesamt­kon­text ein­ge­bun­den, der bei der Beant­wor­tung der Fra­ge, ob eine Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in bewaff­ne­te Unter­neh­mun­gen zu erwar­ten war, nicht außer Betracht blei­ben kann.

In den Tagen vor der Eva­ku­ie­rung hat­ten sich die innen­po­li­ti­schen bewaff­ne­ten Aus­ein­an­der­set­zun­gen in Liby­en zu einem Bür­ger­krieg aus­ge­wei­tet, der mit dem Zer­fall der staat­li­chen Ord­nung ein­her­ging. Die sich inner­halb kur­zer Zeit rapi­de ver­schlech­tern­de Sicher­heits­la­ge hat­te auf deut­scher Sei­te Anlass zu Vor­be­rei­tun­gen für die groß­an­ge­leg­te mili­tä­ri­sche Ope­ra­ti­on "Pega­sus" zur Eva­ku­ie­rung, Ret­tung und gege­be­nen­falls gewalt­sa­men Befrei­ung deut­scher Staats­bür­ger aus ganz Liby­en gege­ben, wel­che am 26.02.2011 aller­dings noch nicht abge­schlos­sen waren. Die von Kampf­hand­lun­gen beson­ders betrof­fe­nen ost­li­by­schen Lan­des­tei­le waren an die­sem Tag über­wie­gend bereits in der Hand der Regime­geg­ner, dar­un­ter zahl­rei­che über­ge­lau­fe­ne Streit- und Siche­rungs­kräf­te. Sie ver­füg­ten über schwe­re Waf­fen und Gefechts­fahr­zeu­ge und kon­trol­lier­ten mit hoher Wahr­schein­lich­keit auch die im Raum Ben­ga­si sta­tio­nier­ten ein­satz­be­rei­ten Luft­ab­wehr­sys­te­me mit einer Reich­wei­te von 300 Kilo­me­tern. Auf ihrem Weg von Chania/​Kreta nach Naf­u­rah und zurück muss­ten die bei­den für die Eva­ku­ie­rung ein­ge­setz­ten deut­schen Trans­port­ma­schi­nen – als Teil einer frem­den Staats­macht – jeweils die­sen Flug­ab­wehr­gür­tel durch­flie­gen. Eine etwai­ge kon­klu­den­te Ein­wil­li­gung regime­treu­er staat­li­cher liby­scher Stel­len in die Eva­ku­ie­rungs­maß­nah­me und damit in die Nut­zung des liby­schen Luft­raums hät­te dabei kei­ner­lei Sicher­heit gewähr­leis­tet, denn sie wäre von den oppo­si­tio­nel­len Kräf­ten nicht als ver­bind­lich erach­tet wor­den. Die Bun­des­re­gie­rung konn­te über­dies trotz ihrer Kon­tak­te zu liby­schen Regie­rungs­ver­tre­tern nicht von einer sol­chen Ein­wil­li­gung aus­ge­hen. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung wie auch das Ein­satz­füh­rungs­kom­man­do der Bun­des­wehr waren im Vor­feld der Eva­ku­ie­rung in ihren jewei­li­gen Bedro­hungs­ana­ly­sen zu dem Ergeb­nis gekom­men, dass die staat­li­chen Struk­tu­ren in Liby­en voll­kom­men zusam­men­ge­bro­chen waren. Es gab somit kei­nen funk­ti­ons­fä­hi­gen liby­schen Staat mehr, dem etwai­ge Wil­lens­er­klä­run­gen staat­li­cher Ver­ant­wor­tungs­trä­ger hät­ten zuge­rech­net wer­den und der Garant für deren Ein­hal­tung hät­te gewe­sen sein kön­nen. Ein Angriff mit­tels Boden-Luft-Rake­ten auf die deut­schen Mili­tär­ma­schi­nen und damit eine zunächst pas­si­ve Ein­be­zie­hung in bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zun­gen muss­te in einem Umfeld eska­lie­ren­der Gewalt­tä­tig­kei­ten auf­grund die­ser kon­kre­ten Umstän­de ernst­haft für mög­lich erach­tet wer­den, auch wenn bis zum Beginn der Eva­ku­ie­rungs­ope­ra­ti­on kein aus­län­di­sches Flug­zeug im liby­schen Luft­raum bedroht wor­den war. Das Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung war daher von einer mitt­le­ren bis erheb­li­chen Bedro­hung an Land und in der Luft bei Ope­ra­tio­nen von deut­schen Streit­kräf­ten in Liby­en aus­ge­gan­gen. Das Ein­satz­füh­rungs­kom­man­do der Bun­des­wehr hat­te – anders als bei den vor­aus­ge­gan­ge­nen unge­si­cher­ten Luft­ab­ho­lun­gen aus Tri­po­lis – wegen der Bedro­hung durch Flug­ab­wehr­sys­te­me den Ein­satz pas­siv geschütz­ter Trans­all – C‑160 ESS für unab­ding­bar gehal­ten, was dazu führ­te, dass die als beson­ders eil­be­dürf­tig qua­li­fi­zier­te, ursprüng­lich bereits für den 25.02.2011 vor­ge­se­he­ne Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah auf den Fol­ge­tag ver­scho­ben wur­de, um sie mit den geschütz­ten Luft­trans­port­mit­teln durch­füh­ren zu kön­nen. Die dar­in zum Aus­druck kom­men­de Gefah­ren­vor­sor­ge spricht für eine nicht nur theo­re­ti­sche, son­dern tat­säch­li­che Gefahr eines mili­tä­ri­schen Angriffs auf die betei­lig­ten Luft­fahr­zeu­ge.

Der Ein­satz einer ins­ge­samt zwan­zig Sol­da­ten umfas­sen­den, bewaff­ne­ten Siche­rungs­grup­pe neben den Besat­zun­gen der Trans­port­ma­schi­nen spie­gelt die Gefah­ren­la­ge am Boden wider, auf­grund derer die Anwen­dung mili­tä­ri­scher Gewalt hät­te erfor­der­lich wer­den kön­nen. Die Lage in Naf­u­rah war am 26.02.2011 zwar ruhig, umlie­gen­de Camps waren aber bereits von mili­tä­risch bewaff­ne­ten Ban­den ange­grif­fen und aus­ge­plün­dert wor­den. Auf der Grund­la­ge von Ver­ein­ba­run­gen mit den in Naf­u­rah ansäs­si­gen deut­schen Unter­neh­men hat­ten bewaff­ne­te Mit­glie­der ört­li­cher Stäm­me des­halb den Schutz des dor­ti­gen Camps und der Lan­de­bahn über­neh­men müs­sen. Auf dem Flug­feld aus­ge­brach­te Pipe­line­roh­re soll­ten die Lan­dung von Flug­zeu­gen der Bür­ger­kriegs­par­tei­en ver­hin­dern, von deren wirt­schaft­li­chem Inter­es­se an den Ölfel­dern in der Regi­on aus­zu­ge­hen war und deren Aggres­si­on sich durch­aus auch gegen mili­tä­ri­sche Eva­ku­ie­rungs­maß­nah­men ande­rer Staa­ten zu rich­ten droh­te, wie die Gefan­gen­nah­me nie­der­län­di­scher Sol­da­ten durch regime­treue Trup­pen in Sir­te nur einen Tag spä­ter, am 27.02.2011, bestä­tig­te. Nach der Räu­mung der Pipe­line­roh­re hät­ten die Besat­zun­gen der zur Eva­ku­ie­rung in Naf­u­rah ein­ge­setz­ten Mili­tär­ma­schi­nen durch auf der Lan­de­bahn abge­stell­te Kraft­fahr­zeu­ge gewarnt wer­den sol­len, falls sich die Lage in Naf­u­rah kurz­fris­tig ver­schlech­tert hät­te.

Nicht allein Grün­de der all­ge­mei­nen Vor­sicht und Vor­sor­ge, son­dern die Ver­hält­nis­se am Boden, die situa­tiv jeder­zeit in Rich­tung eines Angriffs oder Über­falls auf das Camp hät­ten wech­seln kön­nen, gaben daher kon­kre­ten Anlass, zum Zwe­cke der Eva­ku­ie­rung nicht nur – wie am 22. und 23.02.in Tri­po­lis – die Orga­ni­sa­ti­ons­struk­tur der Bun­des­wehr in Anspruch zu neh­men, son­dern auch deren spe­zi­fi­sches Droh- und Gewalt­po­ten­ti­al. Mit ins­ge­samt 12 Fall­schirm­jä­gern stell­ten die Mit­glie­der einer auf Ret­tungs, Eva­ku­ie­rungs- und Schutz­ope­ra­tio­nen sowie Ein­sät­ze gegen irre­gu­lä­re Kräf­te spe­zia­li­sier­ten Kampf­trup­pe der Bun­des­wehr den Haupt­teil der zusätz­lich zu den nur mit Pis­to­len aus­ge­rüs­te­ten Besat­zun­gen der Trans­all – C‑160 ESS ein­ge­setz­ten Siche­rungs­grup­pe, die mit ihren Geweh­ren G3 und G36 sowie zwei Maschi­nen­ge­weh­ren MG3 über Kriegs­waf­fen ver­füg­te. Die Sol­da­ten kamen vor­zei­tig zum Ein­satz, denn die Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah erschien der­art dring­lich, dass eine noch­ma­li­ge Ver­schie­bung auf den Fol­ge­tag, bis zur Ein­satz­be­reit­schaft des Ein­satz­ver­ban­des "Pega­sus" am 27.02.2011, nicht in Betracht gezo­gen wur­de.

Die Ein­satz­be­fug­nis­se der Fall­schirm­jä­ger waren kor­re­spon­die­rend damit bereits auf eine mög­li­che Ver­wick­lung in eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung aus­ge­rich­tet. Es war deren Auf­ga­be, sowohl die Luft­trans­port­mit­tel nach der Lan­dung oder einer even­tu­el­len Not­lan­dung wie auch die zu Eva­ku­ie­ren­den beim Anbord­ge­hen zu sichern. Die Waf­fen wur­den gera­de auch dazu mit­ge­führt, den Ope­ra­ti­ons­zweck abzu­si­chern. Nach Auf­trag und Bewaff­nung waren die Sol­da­ten nicht auf eine Selbst­ver­tei­di­gung im enge­ren, nur die eige­ne Ver­tei­di­gung betref­fen­den Sinn beschränkt. Sie hat­ten viel­mehr die Befug­nis und die Pflicht, Leib und Leben gefähr­den­de Angrif­fe gegen die zu Eva­ku­ie­ren­den sowie Angrif­fe gegen die Trans­port­ma­schi­nen mit mili­tä­ri­scher Gewalt abzu­weh­ren. Auch wenn der Eva­ku­ie­rungs­ein­satz mit dem Ziel ange­ord­net wur­de, eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung zu ver­mei­den, war die Ver­pflich­tung zu einer solch erwei­ter­ten Selbst­ver­tei­di­gung ange­sichts der nicht nur abs­trak­ten mili­tä­ri­schen Gefah­ren­la­ge vom Recht auf Über­win­dung gewalt­sa­men Wider­stands gegen die Eva­ku­ie­rung mit mili­tä­ri­schen Mit­teln nicht schlüs­sig zu tren­nen. Bei­des war zudem durch die für die Sol­da­ten gel­ten­de Ver­hal­tens­an­wei­sung für die Anwen­dung mili­tä­ri­scher Gewalt gedeckt, die Maß­nah­men mili­tä­ri­scher Gewalt bis hin zur Durch­set­zung einer Eva­ku­ie­rung gestat­te­te.

Der­ar­ti­ge auf­grund der Gesamt­la­ge kon­kret dro­hen­de gewalt­sa­me Maß­nah­men der ein­ge­setz­ten deut­schen Sol­da­ten gegen mili­tä­risch bewaff­ne­te Angrei­fer wäh­rend der von liby­schen Stel­len nicht sicher geneh­mig­ten Eva­ku­ie­rungs­ope­ra­ti­on hät­ten ange­sichts ihres unge­wis­sen Aus­gangs und der unüber­schau­ba­ren grup­pen­spe­zi­fi­schen Loya­li­tä­ten in dem durch Bür­ger­krieg desta­bi­li­sier­ten Land ein nicht uner­heb­li­ches mili­tä­ri­sches Eska­la­ti­ons- oder doch Ver­stri­ckungs­po­ten­ti­al gebor­gen, auch im Hin­blick auf den ab dem 27.02.2011 vor der Küs­te Liby­ens und auf Kre­ta ein­satz­be­rei­ten Ein­satz­ver­band "Pega­sus" mit sei­nem Kräf­te­auf­ge­bot von rund 1000 Sol­da­tin­nen und Sol­da­ten.

Dar­über hin­aus war zum Zeit­punkt der Ein­satz­ent­schei­dung der Exe­ku­ti­ve von einer beson­de­ren Nähe zur Anwen­dung von Waf­fen­ge­walt aus­zu­ge­hen.

Mit die­ser Ent­schei­dung waren die Wei­chen hin­sicht­lich der auf­grund greif­ba­rer tat­säch­li­cher Anhalts­punk­te für mög­lich erach­te­ten Anwen­dung bewaff­ne­ter Gewalt gegen und durch deut­sche Sol­da­ten bereits gestellt. Zwar bestand Unsi­cher­heit dar­über, ob tat­säch­lich mit einem Angriff auf die Trans­port­ma­schi­nen im liby­schen Luft­raum zu rech­nen war und ob mili­tä­ri­sche Reak­tio­nen der ein­ge­setz­ten Sol­da­ten am Boden erfor­der­lich wer­den wür­den. Auch wäre ein Abbruch der Eva­ku­ie­rungs­ope­ra­ti­on vor Ein­flug in den liby­schen Luft­raum im Fal­le auf­fäl­li­ger Radar­ak­ti­vi­tä­ten der dor­ti­gen, in ihrer kon­kre­ten Dis­lo­zie­rung im Raum nicht bekann­ten Flug­ab­wehr­stel­lun­gen mög­lich gewe­sen und hät­ten die Trans­all – C‑160 ESS vor der Lan­dung in Naf­u­rah abdre­hen kön­nen, falls zur War­nung der Flug­zeug­be­sat­zung Kraft­fahr­zeu­ge auf der Lan­de­bahn abge­stellt wor­den wären. Nach dem Ein­drin­gen in den liby­schen Luft­raum und auf liby­sches Ter­ri­to­ri­um hing jedoch die Ein­be­zie­hung deut­scher Sol­da­ten in eine bewaff­ne­te Aus­ein­an­der­set­zung im Wesent­li­chen nur noch davon ab, ob und wann mili­tä­risch bewaff­ne­te liby­sche Akteu­re in dem bür­ger­kriegs­be­fan­ge­nen Land die zu Eva­ku­ie­ren­den oder die deut­schen Luft­trans­port­mit­tel angrei­fen wür­den. Ein sol­cher Angriff hät­te, ent­spre­chend den Ein­satz­be­fug­nis­sen der Siche­rungs­grup­pe, unmit­tel­ba­re Abwehr­maß­nah­men aus­ge­löst, ohne dass die Bun­des­re­gie­rung hier­auf noch hät­te Ein­fluss neh­men kön­nen.

Zwi­schen den Betei­lig­ten ist nicht im Streit, dass die Bun­des­re­gie­rung auf­grund von Gefahr im Ver­zug berech­tigt war, den Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te zur Eva­ku­ie­rung deut­scher Staats­bür­ger aus Naf­u­rah am 26.02.2011 ohne vor­he­ri­ge Zustim­mung des Deut­schen Bun­des­ta­ges zu beschlie­ßen.

Wenn ein rechts­er­heb­li­cher par­la­men­ta­ri­scher Ein­fluss auf den kon­kre­ten Ein­satz der Streit­kräf­te aus tat­säch­li­chen Grün­den nicht mehr mög­lich ist, ergibt sich aus dem wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halt kei­ne Pflicht der Bun­des­re­gie­rung, eine Beschluss­fas­sung des Bun­des­ta­ges her­bei­zu­füh­ren. Zu einer nach­träg­li­chen Befas­sung des Deut­schen Bun­des­ta­ges mit dem noch am 26.02.2011 abge­schlos­se­nen Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te war die Bun­des­re­gie­rung des­halb nicht ver­pflich­tet.

Eine Ver­let­zung des aus dem wehr­ver­fas­sungs­recht­li­chen Par­la­ments­vor­be­halt abzu­lei­ten­den par­la­men­ta­ri­schen Anspruchs, von der Bun­des­re­gie­rung über von ihr wegen Gefahr im Ver­zug ange­ord­ne­te und bereits abge­schlos­se­ne Ein­sät­ze bewaff­ne­ter Streit­kräf­te unver­züg­lich und qua­li­fi­ziert unter­rich­tet zu wer­den, hat die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" nicht zum Gegen­stand des Organ­streits gemacht.

Zwar kann grund­sätz­lich ein Antrag auf Fest­stel­lung einer Kom­pe­tenz­ver­let­zung zugleich den weni­ger weit­ge­hen­den Antrag auf Fest­stel­lung der Ver­let­zung eines damit in Zusam­men­hang ste­hen­den Anspruchs auf Unter­rich­tung ent­hal­ten 69. Die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" hat jedoch weder in ihrem ver­fah­rens­ein­lei­ten­den Antrag noch in des­sen Begrün­dung einen Ver­stoß der Bun­des­re­gie­rung gegen die Unter­rich­tungs­pflicht aus­drück­lich gel­tend gemacht. Auch der im Wege der Aus­le­gung zu ermit­teln­de eigent­li­che Sinn des mit dem Antrag ver­folg­ten pro­zes­sua­len Begeh­rens 70 gibt kei­nen Anlass, von einem ent­spre­chen­den sub­si­diä­ren Rechts­schutz­ziel der Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" aus­zu­ge­hen.

Dabei ist zu berück­sich­ti­gen, dass der Bun­des­mi­nis­ter des Aus­wär­ti­gen die Vor­sit­zen­den der im Deut­schen Bun­des­tag ver­tre­te­nen Frak­tio­nen im Auf­trag der Bun­des­re­gie­rung nach der Been­di­gung der Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah noch am Abend des 26.02.2011 über deren Ver­lauf und Abschluss tele­fo­nisch infor­miert hat­te. Die Vor­sit­zen­den, stell­ver­tre­ten­den Vor­sit­zen­den und Obleu­te des Aus­wär­ti­gen und des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses des Deut­schen Bun­des­ta­ges waren – jeweils schrift­lich – mit Datum vom 26.02.2011 vom Ein­satz­füh­rungs­kom­man­do der Bun­des­wehr und mit Datum vom 04.03.2011 vom Staats­se­kre­tär im Aus­wär­ti­gen Amt über den Ein­satz unter­rich­tet wor­den. Die Obleu­te der Frak­tio­nen im Aus­wär­ti­gen Aus­schuss des Bun­des­ta­ges, des­sen Vor­sit­zen­den und sei­nen Stell­ver­tre­ter hat­te der Staats­se­kre­tär am 27.02.2011 auch tele­fo­nisch infor­miert. Er und der Staats­se­kre­tär im Bun­des­mi­nis­te­ri­um der Ver­tei­di­gung hat­ten dar­über hin­aus in der Sit­zung des Ver­tei­di­gungs­aus­schus­ses des Bun­des­ta­ges am 16.03.2011 für die Bun­des­re­gie­rung Bericht zu dem Eva­ku­ie­rungs­ein­satz erstat­tet.

Am 4.04.2011 war die Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge zum "Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te in Liby­en" von Abge­ord­ne­ten der Frak­ti­on DIE LINKE und der Frak­ti­on selbst als Bun­des­tags­druck­sa­che an die Mit­glie­der des Deut­schen Bun­des­ta­ges ver­teilt wor­den 71. Dar­in äußer­te sich die Bun­des­re­gie­rung ins­be­son­de­re zu den tat­säch­li­chen und recht­li­chen Hin­ter­grün­den und dem Ver­lauf der Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah.

Die Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die am 10.06.2011 gestell­te Klei­ne Anfra­ge von Abge­ord­ne­ten der Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" und der Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" selbst zum "Eva­ku­ie­rungs­ein­satz , Pega­sus‘ der Bun­des­wehr in Liby­en" erhiel­ten die Mit­glie­der des Deut­schen Bun­des­ta­ges am 11.07.2011 72. Wei­te­re Ein­zel­hei­ten zur Wahl der mili­tä­ri­schen Mit­tel, zur Bewaff­nung der ein­ge­setz­ten Sol­da­ten sowie zu den mili­tä­ri­schen Pla­nun­gen und Abläu­fen bil­de­ten den Schwer­punkt der von der Bun­des­re­gie­rung erteil­ten Aus­künf­te.

Die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" hat die­se zwar umfäng­li­che, aber suk­zes­si­ve, zunächst auf Funk­ti­ons­trä­ger und Mit­glie­der bestimm­ter Aus­schüs­se beschränk­te, zum Teil erst auf Befra­gung erfolg­te Unter­rich­tung des Deut­schen Bun­des­ta­ges über die Eva­ku­ie­rung aus Naf­u­rah vor­pro­zes­su­al nicht gerügt. Eine – im Sin­ne der hier ent­wi­ckel­ten Anfor­de­run­gen – wei­ter­ge­hen­de Unter­rich­tungs­pflicht hat sie gegen­über der Bun­des­re­gie­rung bis zum Schluss der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht gel­tend gemacht und die­ser damit kei­ne Ver­an­las­sung gege­ben, der­ar­ti­ge Rech­te des Par­la­ments zu prü­fen und ihnen gege­be­nen­falls zu ent­spre­chen 73. Viel­mehr hat die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN", auch dies erst eini­ge Mona­te nach dem Eva­ku­ie­rungs­ein­satz, mit der Klei­nen Anfra­ge vom 10.06.2011 eine ihr zur Ver­fü­gung ste­hen­de poli­tisch-par­la­men­ta­ri­sche Hand­lungs­mög­lich­keit ergrif­fen und kon­kre­te zusätz­li­che Infor­ma­tio­nen von der Bun­des­re­gie­rung erbe­ten. Es ist weder vor­ge­tra­gen noch ersicht­lich, dass sie mit der Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung vom 11.07.2011 und der vor­her­ge­hen­den Ant­wort der Bun­des­re­gie­rung auf die Klei­ne Anfra­ge zum "Ein­satz bewaff­ne­ter deut­scher Streit­kräf­te in Liby­en" vom 04.04.2011 71 den Anspruch des Bun­des­ta­ges auf Unter­rich­tung nicht als hin­rei­chend erfüllt ansah. Der ver­fah­rens­ein­lei­ten­de Antrag ist ange­sichts des­sen kei­ner Aus­le­gung dahin­ge­hend zugäng­lich, die Bun­des­tags­frak­ti­on "BÜNDNIS 90 /​DIE GRÜNEN" bean­stan­de auch die Ver­let­zung des par­la­men­ta­ri­schen Rechts auf unver­züg­li­che und qua­li­fi­zier­te Unter­rich­tung über einen abge­schlos­se­nen Ein­satz bewaff­ne­ter Streit­kräf­te.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Urteil vom 23. Sep­tem­ber 2015 – 2 BvE 6/​11

  1. BVerfGE 90, 286[]
  2. BVerfGE 121, 135[]
  3. vgl. BVerfGE 1, 351, 359; 2, 143, 165; 104, 151, 193; 118, 244, 254 f.; 121, 135, 150; 131, 152, 190; stRspr[]
  4. vgl. BVerfGE 121, 135, 150[]
  5. vgl. BVerfGE 90, 286, 383 ff.[]
  6. vgl. BVerfGE 121, 135, 163 ff.[]
  7. vgl. BVerfGE 45, 1, 29 f.; 60, 319, 325 f.; 68, 1, 77 f.; 121, 135, 151[]
  8. vgl. BVerfGE 90, 286, 390; 108, 34, 42; 121, 135, 152[]
  9. BVerfGE 1, 372, 379; 41, 291, 303; 121, 135, 152; 131, 152, 193[]
  10. vgl. BVerfGE 131, 152, 193 f.[]
  11. vgl. BVerfGE 90, 286, 338 f.; 104, 151, 198; 129, 356, 374 f.[]
  12. vgl. BVerfGE 121, 135, 153[]
  13. vgl. BVerfGE 90, 286, 381 ff.; 100, 266, 269; 104, 151, 208; 108, 34, 43; 121, 135, 154; 126, 55, 69 f.; stRspr[]
  14. vgl. BVerfGE 90, 286, 381 f.; 108, 34, 44; 121, 135, 154; 123, 267, 422; 126, 55, 70[]
  15. vgl. BVerfGE 121, 135, 162; b[]
  16. BVerfGE 90, 286, 390; 121, 135, 156[]
  17. vgl. BVerfGE 90, 286, 388 f.; 121, 135, 154[]
  18. vgl. BVerfGE 90, 286, 351 ff.; 121, 135, 156 f.[]
  19. vgl. BVerfGE 90, 286, 381; 121, 135, 153[]
  20. vgl. BVerfGE 90, 286, 351; 104, 151, 194; 118, 244, 258[]
  21. vgl. BVerfGE 121, 135, 162 f.[]
  22. vgl. BVerfGE 121, 135, 163[][][][]
  23. vgl. BVerfGE 90, 286, 388; 121, 135, 154[][][][][][]
  24. vgl. BVerfGE 121, 135, 168 f.[][]
  25. vgl. BVerfGE 121, 135, 154[]
  26. BVerfGE 90, 286, 387 f.; 121, 135, 154[]
  27. vgl. BVerfGE 90, 286, 387[]
  28. vgl. BVerfGE 121, 135, 156; a[]
  29. vgl. BVerfGE 121, 135, 164 f.; aa[]
  30. BVerfGE 121, 135, 165[]
  31. vgl. BVerfGE 121, 135, 166[]
  32. vgl. BVerfGE 121, 135, 167 f.[]
  33. vgl. BVerfGE 90, 286, 389; 121, 135, 166; bb[]
  34. vgl. BVerfGE 108, 34, 42 f. unter Ver­weis auf BVerfGE 90, 286, 383[]
  35. vgl. BVerfGE 108, 34, 43[]
  36. BVerfGE 121, 135, 161[]
  37. vgl. BVerfGE 121, 135, 161 ff.[]
  38. BGBl 1973 II S. 430[]
  39. vgl. BVerfGE 90, 286, 387 f.[]
  40. vgl. BVerfGE 90, 286, 388; 121, 135, 155[]
  41. vgl. BVerfGE 90, 286, 389; 121, 135, 166[]
  42. vgl. BVerfGE 90, 286, 381 f.; 108, 34, 42; 121, 135, 161, 164[]
  43. vgl. BVerfGE 90, 286, 389; vgl. auch § 4 ParlBG[]
  44. vgl. BVerfGE 90, 286, 388[]
  45. vgl. BVerfGE 90, 286, 363 f., 388; 108, 34, 44 f.; 121, 135, 167[]
  46. vgl. BVerfGE 121, 135, 167[][]
  47. vgl. Bal­dus, Schrift­li­che Stel­lung­nah­me [S. 37 f.], Sten. Prot. der 25. Sit­zung des Aus­schus­ses für Wahl­prü­fung, Immu­ni­tät und Geschäfts­ord­nung des Deut­schen Bun­des­ta­ges am 17.06.2004, S. 77 f.[]
  48. vgl. in Bezug auf Art. 13 Abs. 2 GG: BVerfGE 103, 142, 157 m.w.N.[]
  49. vgl. BVerfGE 129, 1, 21 ff.[]
  50. vgl. BVerfGE 121, 135, 161[]
  51. vgl. BVerfGE 103, 142, 158[]
  52. vgl. E. Klein, in: Benda/​Klein, Ver­fas­sungs­pro­zess­recht, 3. Aufl.2012, § 28 Rn. 990[]
  53. vgl. BVerfGE 90, 286, 388 ff.[]
  54. BT-Drs. 15/​2742, S. 5 f.[]
  55. vgl. BVerfGE 84, 34, 50; 129, 1, 23[]
  56. vgl. BVerfGE 40, 141, 178; 55, 349, 364 f.[]
  57. vgl. BVerfGE 68, 1, 97[]
  58. vgl. BVerfG, Beschluss vom 13.08.2013 – 2 BvR 2660/​06, 2 BvR 487/​07, EuGRZ 2013, S. 563, 568[]
  59. vgl. BVerfGE 45, 1, 39[]
  60. vgl. BVerfGE 89, 38, 46 f.; 90, 286, 382; 108, 34, 42; 121, 135, 161, 164[][]
  61. vgl. BT-Drs. 15/​2742, S. 6[]
  62. vgl. Dau, NZWehrr 1998, S. 89, 99; Hans H. Klein, in: Fest­schrift für Wal­ter Schmitt Gla­e­ser, 2003, S. 245, 263; Lut­ze, DÖV 2003, S. 972, 978; Bal­dus, a.a.O., S. 78, Fn. 115; F. Schrö­der, Das par­la­men­ta­ri­sche Zustim­mungs­ver­fah­ren zum Aus­lands­ein­satz der Bun­des­wehr in der Pra­xis, 2005, S. 280 f.; Sig­loch, Aus­lands­ein­sät­ze der Bun­des­wehr, 2006, S. 308; Tobi­as M. Wag­ner, Par­la­ments­vor­be­halt und Par­la­ments­be­tei­li­gungs­ge­setz, 2010, S. 149 f.; Payan­deh, DVBl 2011, S. 1325, 1329 f.[]
  63. a.A. Wie­fel­spütz, Der Aus­lands­ein­satz der Bun­des­wehr und das Par­la­ments­be­tei­li­gungs­ge­setz, 2. Aufl.2012, S. 498[]
  64. vgl. Kreß, in ZaöRV 57 [1997], S. 329, 355; Schae­fer, Ver­fas­sungs­recht­li­che Gren­zen des Par­la­ments­be­tei­li­gungs­ge­set­zes, 2005, S. 287 ff.; Scher­rer, Das Par­la­ment und sein Heer, 2010, S. 288 ff.[]
  65. vgl. BVerfGE 131, 152, 196[]
  66. vgl. BVerfGE 131, 152, 202 ff.[]
  67. vgl. Wie­fel­spütz, a.a.O., S. 448 f.; Röben, ZaöRV 63 [2003], S. 585, 586, Fn. 4[]
  68. vgl. Epping, in: Beck­OK GG, Edi­ti­on 25, Art. 87a Rn. 32.4; Bal­dus, in: v. Mangoldt/​Klein/​Starck, GG, Bd. 3, 6. Aufl.2010, Art. 87a Rn. 82[]
  69. vgl. BVerfGE 1, 14, 39; 7, 99, 105 f.; 68, 1, 68[]
  70. vgl. BVerfGE 68, 1, 68[]
  71. BT-Drs. 17/​5359[][]
  72. BT-Drs. 17/​6564[]
  73. vgl. BVerfGE 129, 356, 374 f.[]