Kon­ver­si­on zum Chris­ten­tum – und der sub­si­diä­re uni­ons­recht­li­che Abschie­bungs­schutz

Mit der Fra­ge der unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung im Sin­ne des § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 AsylVfG in der Isla­mi­schen Repu­blik Afgha­ni­stan infol­ge einer Kon­ver­si­on vom Islam zum Chris­ten­tum hat­te sich aktu­ell das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt in Lüne­burg zu befas­sen.

Kon­ver­si­on zum Chris­ten­tum – und der sub­si­diä­re uni­ons­recht­li­che Abschie­bungs­schutz

Das Nie­der­säch­si­sche Ober­ver­wal­tungs­ge­richt war dabei im ent­schie­de­nen Fall nicht davon über­zeugt, dass dem Asyl­be­wer­ber bei einer Rück­kehr in sein Hei­mat­dorf mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit eine unmensch­li­che oder ernied­ri­gen­de Behand­lung im Sin­ne des § 4 Abs. 1 Satz 2 Nr. 2 AsylVfG wegen der von ihm gel­tend gemach­ten Kon­ver­si­on vom Islam zum Chris­ten­tum droht.

Zwar hält es das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nach der aktu­el­len Erkennt­nis­mit­tel­la­ge durch­aus für mög­lich, dass afgha­ni­sche Staats­an­ge­hö­ri­ge, die vom Islam zum Chris­ten­tum kon­ver­tiert sind, in Afgha­ni­stan unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lun­gen im Sin­ne der Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs für Men­schen­rech­te aus­ge­setzt sein kön­nen, wenn sie dort ihren christ­li­chen Glau­ben offen prak­ti­zie­ren oder aus Angst vor Über­grif­fen ver­leug­nen oder ver­heim­li­chen und dadurch in erheb­li­che Gewis­sens­kon­flik­te gera­ten. Denn eine Kon­ver­si­on wird in Afgha­ni­stan nach der Scha­ria als Ver­bre­chen betrach­tet, auf das die Todes­stra­fe steht, wenn­gleich die Todes­stra­fe wegen Kon­ver­si­on nach Kennt­nis des Aus­wär­ti­gen Amtes bis­lang nie voll­streckt wor­den ist [1]. Zum Chris­ten­tum kon­ver­tier­te frü­he­re Mos­lems sind in Afgha­ni­stan zudem durch die Tali­ban gefähr­det, die jeden mit dem Tode bedro­hen, der sich zum Chris­ten­tum bekehrt [2]. Auch die Mehr­heit der afgha­ni­schen Bevöl­ke­rung ist afgha­ni­schen Kon­ver­ti­ten gegen­über offen feind­se­lig gestimmt [3]. Wer vom Islam zum Chris­ten­tum über­tritt, kann ins­be­son­de­re in Dorf­ge­mein­schaf­ten der Gefahr von Repres­sio­nen aus dem fami­liä­ren oder nach­bar­schaft­li­chen Umfeld aus­ge­setzt sein [4]; er muss mit mas­si­vem Druck und Dis­kri­mi­nie­rung bis hin zu gewalt­sa­men Über­grif­fen durch Fami­li­en­an­ge­hö­ri­ge, Freun­de oder der Dorf­ge­mein­schaft rech­nen [5].

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist jedoch nach der aus­führ­li­chen Anhö­rung des Asyl­be­wer­bers in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht davon über­zeugt, dass die­sem infol­ge der gel­tend gemach­ten Kon­ver­si­on zum Chris­ten­tum bei einer Rück­kehr nach Afgha­ni­stan Repres­sio­nen oder erheb­li­che Gewis­sens­kon­flik­te dro­hen. Denn das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat nicht die Über­zeu­gung zu gewin­nen ver­mocht, dass der Asyl­be­wer­ber einen sei­ne reli­giö­se Iden­ti­tät prä­gen­den Glau­bens­wech­sel voll­zo­gen hat, so dass weder zu erwar­ten ist, dass er in Afgha­ni­stan den christ­li­chen Glau­ben prak­ti­zie­ren wird noch dass er in inner­li­che Kon­flik­te gerie­te, wenn er dort von reli­giö­sen Betä­ti­gun­gen des christ­li­chen Glau­bens absä­he.

Ein ernst­haf­ter und nach­hal­ti­ger Glau­bens­wech­sel des Asyl­be­wer­bers ist nicht bereits erwie­sen durch sei­ne Tau­fur­kun­de und die von ihm vor­ge­leg­te Beschei­ni­gung des Pas­tors D., in der aus­ge­führt wird, der Asyl­be­wer­ber sei aus Über­zeu­gung Christ gewor­den, sei in der per­sisch-christ­li­chen Gemein­de der St. E. -Kir­che in F. geist­lich hei­misch gewor­den, habe nach und nach die christ­li­che Bot­schaft durch­drun­gen und ver­stan­den, stu­die­re viel in der Bibel, habe mit dem per­si­schen Pre­di­ger inten­si­ve Glau­bens­ge­sprä­che geführt, habe sich aus vol­ler Über­zeu­gung tau­fen las­sen, sei ein akti­ver Besu­cher der christ­li­chen Kir­che und füh­re nun selbst vie­le Glau­bens­ge­sprä­che. Denn in der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass die Ver­wal­tungs­ge­rich­te sich bei der Prü­fung der inne­ren Tat­sa­che, ob eine Per­son eine aus­ge­üb­te oder unter­drück­te reli­giö­se Betä­ti­gung ihres Glau­bens für sich selbst als ver­pflich­tend zur Wah­rung ihrer reli­giö­sen Iden­ti­tät emp­fin­det, nicht auf eine Plau­si­bi­li­täts­prü­fung hin­rei­chend sub­stan­ti­ier­ter Dar­le­gung beschrän­ken dür­fen, son­dern inso­weit das Regel­be­weis­maß der vol­len Über­zeu­gung des Gerichts (§ 108 Abs. 1 Satz 1 VwGO) zugrun­de zu legen haben [6]. Die reli­giö­se Iden­ti­tät als inne­re Tat­sa­che lässt sich nur aus dem eige­nen Vor­brin­gen des Asyl­be­wer­bers sowie durch Rück­schlüs­se von äuße­ren Anhalts­punk­ten auf die inne­re Ein­stel­lung des Betrof­fe­nen fest­stel­len [7].

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ist nach der aus­führ­li­chen Befra­gung des Asyl­be­wer­bers in der münd­li­chen Ver­hand­lung nicht davon über­zeugt, dass die­ser reli­giö­se Betä­ti­gun­gen des christ­li­chen Glau­bens als zur Wah­rung sei­ner reli­giö­sen Iden­ti­tät ver­pflich­tend emp­fin­det:

Der Asyl­be­wer­ber hat aus­ge­führt, dass er eigent­lich nicht habe Christ wer­den wol­len, aber – nach­dem er zwei Jah­re lang nur in sei­nem Zim­mer in der Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft geses­sen habe – in F. ein Kon­takt zu Kon­ver­ti­ten ent­stan­den sei, mit denen er sich nun regel­mä­ßig an Sams­ta­gen nach­mit­tags in der evan­ge­li­schen St. E. ‑Kir­che in F. tref­fe. Der Kreis bestehe aus 30 bis 35 Per­so­nen und wer­de von einem ira­ni­schen Pas­tor gelei­tet; fer­ner näh­men dar­an ein ira­ni­scher und ein afgha­ni­scher Pas­tor aus Ham­burg teil. Es wür­den Gedich­te gele­sen, gesun­gen und gebe­tet. Jeder äuße­re sei­ne Gedan­ken. Auch wer­de über die per­sön­li­che Ver­gan­gen­heit gere­det. Die Teil­neh­mer bräch­ten Spei­sen mit, die gemein­sam im Anschluss ver­zehrt wür­den. Immer wenn er zu die­sem Kreis gegan­gen sei und gebe­tet habe, hät­ten sich sei­ne Pro­ble­me bis zum nächs­ten Tref­fen auf­ge­löst. An wei­te­ren reli­giö­sen Ver­an­stal­tun­gen neh­me er – abge­se­hen von Rasen­mä­hen, Fens­ter­put­zen und Stüh­le­ein­sam­meln – nicht teil.

Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat auf­grund die­ser Beschrei­bun­gen zwar durch­aus den Ein­druck gewon­nen, dass sich der Asyl­be­wer­ber in dem genann­ten Kreis wohl­fühlt, weil er dort der Ein­sam­keit der Asyl­be­wer­ber­un­ter­kunft ent­zo­gen ist und sich in ange­neh­mer Atmo­sphä­re mit Per­so­nen aus­tau­schen kann, die sich in einer ähn­li­chen Situa­ti­on befin­den wie er selbst. Er ist aber nicht davon über­zeugt, dass sich der Asyl­be­wer­ber dem christ­li­chen Glau­ben tat­säch­lich in einer von ihm inner­lich als ver­pflich­tend emp­fun­de­nen Wei­se zuge­wen­det hat. Das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt hat nicht den Ein­druck gewon­nen, dass die Tau­fe für den Asyl­be­wer­ber per­sön­lich von prä­gen­der Bedeu­tung gewe­sen ist. Zwar hat er einen all­ge­mei­nen Bezug der Tau­fe zur Rei­ni­gung von reli­gi­ös defi­nier­ter Schuld (Sün­de) her­zu­stel­len ver­mocht. Auf die Fra­ge, was die Tau­fe für ihn per­sön­lich bedeu­te, hat sich sei­ne Ant­wort jedoch dar­in erschöpft, dass ein Blin­der und ein Kran­ker geheilt wür­den. Der Asyl­be­wer­ber ist auch nicht in der Lage gewe­sen, den Tauf­spruch zu sei­ner nur etwa ein Drei­vier­tel­jahr zurück­lie­gen­den Tau­fe wie­der­zu­ge­ben. Als ihm die­ser aus sei­ner Tau­fur­kun­de vor­ge­le­sen wur­de, hat er ange­ge­ben, den Spruch nicht zu ken­nen; sein Tauf­spruch müs­se ein ande­rer sein. Die Befra­gung des Asyl­be­wer­bers hat dar­über hin­aus erge­ben, dass er die wesent­li­chen christ­li­chen Fei­er­lich­kei­ten weder begeht noch mit ihrer Bedeu­tung ver­traut ist. So hat er auf Nach­fra­ge erklärt, die Bedeu­tung des Oster­fes­tes müs­se er noch ler­nen. Weih­nach­ten sei für ihn Neu­jahr. Auf die Fra­ge, wie er Weih­nach­ten nach sei­ner Tau­fe am 15.11.2014 gefei­ert habe, hat er erwi­dert, Neu­jahr habe er „mit Knal­len und Bal­lern“ gefei­ert. Zu dem in der Beschei­ni­gung des Pas­tors D. vom 01.08.2015 ange­spro­che­nen Bibel­stu­di­um befragt, hat er ange­ge­ben, das Alte Tes­ta­ment bereits gele­sen zu haben und das Neue Tes­ta­ment erst in der kom­men­den Woche zu erhal­ten. Ange­spro­chen auf „Moses“ – eine der Zen­tral­fi­gu­ren im Alten Tes­ta­ment – hat er aller­dings ein­räu­men müs­sen, die­sen nicht zu ken­nen. Auch die christ­li­chen Kern­ge­be­te sind dem Asyl­be­wer­ber gänz­lich unbe­kannt. Er hat kei­nes zu nen­nen ver­mocht und hat auf kon­kre­te Nach­fra­ge erklärt, weder das „Vater unser“ noch das Glau­bens­be­kennt­nis zu ken­nen. Die zehn Gebo­te sind für ihn eben­falls kein Begriff gewe­sen. Schließ­lich hat der Asyl­be­wer­ber nicht ein­mal mit hin­rei­chen­der Sicher­heit die Fra­ge des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts beant­wor­ten kön­nen, ob es sich bei den sams­täg­li­chen Tref­fen um Got­tes­diens­te han­de­le; er hat hier­zu ange­ge­ben, es wer­de dort gebe­tet, die Fra­gen des Ober­ver­wal­tungs­ge­richts kön­ne er nach 10 bis 15 Jah­ren genau beant­wor­ten. Die­se Äuße­run­gen rei­chen in ihrer Gesamt­schau nicht aus, um eine ernst­haf­te und nach­hal­ti­ge inne­re Hin­wen­dung des Asyl­be­wer­bers zum Chris­ten­tum anzu­neh­men.

Es besteht auch kein Anhalt für die Annah­me, dass der Asyl­be­wer­ber bei einer Rück­kehr in sein Hei­mat­dorf allein auf­grund des Umstands sei­ner for­mal voll­zo­ge­nen Tau­fe mit beacht­li­cher Wahr­schein­lich­keit einer unmensch­li­chen oder ernied­ri­gen­den Behand­lung aus­ge­setzt sein wird. Denn es ist weder dar­ge­tan noch ersicht­lich, dass der blo­ße Umstand sei­ner Tau­fe Per­so­nen mit Aus­nah­me sei­ner Mut­ter über­haupt bekannt ist. So hat der Asyl­be­wer­ber ange­ge­ben, sei­ne Fami­lie – womit er sei­ne Mut­ter mei­ne – habe „kei­ne Pro­ble­me mehr damit“. Die Befürch­tung des Asyl­be­wer­bers, natür­lich wür­den im Fall sei­ner Rück­kehr auch die übri­gen Leu­te in Afgha­ni­stan erfah­ren, dass er Christ sei, denn wenn man „einen Stift hoch­he­be“, wüss­ten alle, was man damit schrei­ben wol­le, teilt das Ober­ver­wal­tungs­ge­richt nicht. Denn man­gels eines ernst­haf­ten inne­ren Glau­bens­wech­sels besteht für den Asyl­be­wer­ber kei­ner­lei Ver­an­las­sung, Per­so­nen außer­halb sei­ner Fami­lie über sei­ne Tau­fe zu infor­mie­ren und /​oder eine christ­li­che Lebens­wei­se zu prak­ti­zie­ren. Ange­sichts der beschrie­be­nen Erkennt­nis­mit­tel­la­ge ist auch nicht damit zu rech­nen, dass der Umstand sei­ner Tau­fe sei­tens sei­ner Mut­ter ver­brei­tet wird.

Nie­der­säch­si­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Urteil vom 7. Sep­tem­ber 2015 – 9 LB 98/​13

  1. Lage­be­richt vom 02.03.2015, S. 12[]
  2. UNHCR, Richt­li­ni­en zur Fest­stel­lung des inter­na­tio­na­len Schutz­be­darfs afgha­ni­scher Asyl­su­chen­der vom 06.08.2013, S. 52[]
  3. USDOS, Afgha­ni­stan 2013 Inter­na­tio­nal Reli­gious Free­dom Report, S. 1, 3 f., 6 ff.; UNHCR-Richt­li­ni­en vom 06.08.2013, S. 50; Schwei­ze­ri­sche Flücht­lings­hil­fe, Update von Okt.2014, S. 17[]
  4. vgl. Lage­be­richt des Aus­wär­ti­gen Amtes vom 02.03.2015, S. 12[]
  5. Schwei­ze­ri­sche Flücht­lings­hil­fe, Update von Okt.2014, S. 17[]
  6. vgl. BVerwG, Beschluss vom 25.08.2015 – 1 B 40.15 9 und 13[]
  7. BVerwG, Urteil vom 20.02.2013 – 10 C 23.12 31; Beschluss vom 25.08.2015, a.a.O., Rn. 14[]