Pla­nungs­feh­ler beim Elb­tun­nel

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt in Leip­zig hat den Plan­fest­stel­lungs­be­schluss des Lan­des­be­trie­bes Stra­ßen­bau und Ver­kehr Schles­wig-Hol­stein für den Neu­bau der Bun­des­au­to­bahn A 20 – Nord-West-Umfah­rung Ham­burg, Abschnitt von der Lan­des­gren­ze Nie­der­sach­sen/Schles­wig-Hol­stein bis B 431 – vom 30. Dezem­ber 2014 für rechts­wid­rig und nicht voll­zieh­bar erklärt.

Pla­nungs­feh­ler beim Elb­tun­nel

Der plan­fest­ge­stell­te Abschnitt gehört zur „Nord-West-Umfah­rung Ham­burg“, die bei Lübeck an die von Stet­tin kom­men­de Ost­see­au­to­bahn anknüpft und in ihrem hier umstrit­te­nen Teil die Elbe bei Glück­stadt mit­tels eines etwa 5,7 km lan­gen Tun­nels quert. Für die Plan­fest­stel­lung wur­de der Stre­cken­ab­schnitt an der Lan­des­gren­ze zwi­schen Schles­wig-Hol­stein und Nie­der­sach­sen in der Mit­te der Elbe in zwei selbst­stän­di­ge Ver­fah­ren unter­teilt.

Das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt hat­te über die Kla­gen drei­er Umwelt­ver­bän­de (BUND, NABU und Lan­des­na­tur­schutz­ver­band Schles­wig-Hol­stein), der Gemein­de Koll­mar, des Krei­ses Stein­burg, des Unter­neh­mens Elb­fäh­re Glück­stadt-Wisch­ha­fen und 22 pri­va­ter Klä­ger zu ent­schei­den. Es hat auf die Kla­gen der Natur­schutz­ver­bän­de einen ein­zel­nen Feh­ler fest­ge­stellt, zahl­rei­che wei­te­re Rügen jedoch zurück­ge­wie­sen. Die Kla­gen der übri­gen Klä­ger hat das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt abge­wie­sen.

Die gesetz­li­che Bedarfs­fest­stel­lung für das im gel­ten­den Fern­stra­ßen­be­darfs­plan als vor­dring­li­cher Bedarf aus­ge­wie­se­ne Tun­nel­pro­jekt ist für das Gericht ver­bind­lich. Auch unter dem Gesichts­punkt der Finan­zier­bar­keit sind unüber­wind­li­che Schran­ken nicht erkenn­bar gewor­den. Für den Fall, dass eine Pri­vat­fi­nan­zie­rung schei­tern soll­te, hat der Bund erklärt, dass eine Finan­zie­rung aus Haus­halts­mit­teln erfolgt.

Das zwi­schen Schles­wig-Hol­stein und Nie­der­sach­sen abge­stimm­te Kon­zept für die Sicher­heit des dop­pel­röh­ri­gen Stra­ßen­tun­nels hält der recht­li­chen Über­prü­fung stand. Nach der nicht zu bean­stan­den­den Pro­gno­se der Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de gewähr­leis­ten die vor­ge­se­he­nen Sicher­heits­maß­nah­men ein aus­rei­chen­des Sicher­heits­ni­veau, das dem­je­ni­gen der frei­en Stre­cke ent­spricht. Wesent­li­che Ele­men­te die­ses Sicher­heits­kon­zepts sind eine per­ma­nen­te Über­wa­chung der Höchst­ge­schwin­dig­keit von maxi­mal 80 km/​h, ein Detek­ti­ons­sys­tem, das Brän­de schon nach 15 Sekun­den erkennt und auto­ma­tisch der Betriebs­zen­tra­le mel­det, ein hoch­wirk­sa­mes Lüf­tungs­sys­tem, das im Brand­fall die Rauch­aus­brei­tung wesent­lich ver­min­dert, sowie 20 Not­aus­gän­ge in Form von Quer­ver­bin­dun­gen zwi­schen den bei­den Tun­nel­röh­ren. Der Senat hat berück­sich­tigt, dass das Sicher­heits­kon­zept noch in der münd­li­chen Ver­hand­lung in zwei­fa­cher Hin­sicht ver­bes­sert wor­den ist: So wer­den zum einen fünf statt bis­her zwei Quer­schlä­ge zwi­schen den Tun­nel­röh­ren so aus­ge­stal­tet, dass sie von den Ein­satz­fahr­zeu­gen der Ret­tungs­diens­te befah­ren wer­den kön­nen. Zum ande­ren hat sich der Beklag­te dar­auf fest­ge­legt, dass auf schles­wig-hol­stei­ni­scher Sei­te haupt­amt­li­che Wach­ab­tei­lun­gen der Feu­er­wehr für den Tun­nel geschaf­fen wer­den.

Mit den Anfor­de­run­gen des Natur­schut­zes ist das Vor­ha­ben ver­ein­bar. Die Schutz­zie­le des FFH-Gebie­tes „Wet­tern­sys­tem in der Koll­ma­rer Marsch" und des Vogel­schutz­ge­bie­tes „Unter­el­be bis Wedel“ wer­den eben­so wenig erheb­lich beein­träch­tigt wie Belan­ge des Arten­schut­zes.

Ein recht­li­cher Feh­ler ist der Plan­fest­stel­lungs­be­hör­de aber hin­sicht­lich des Gewäs­ser­schut­zes unter­lau­fen. Der Euro­päi­sche Gerichts­hof hat – aller­dings erst nach Erlass des hier umstrit­te­nen Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses – ent­schie­den, dass die Geneh­mi­gung eines Vor­ha­bens regel­mä­ßig ver­sagt wer­den muss, wenn es geeig­net ist, nach Maß­ga­be bestimm­ter Kri­te­ri­en den Zustand der frag­li­chen Was­ser­kör­per zu ver­schlech­tern oder die Errei­chung eines guten Zustan­des zu gefähr­den. Um die­sen Anfor­de­run­gen im Nach­hin­ein zu genü­gen, hat die Behör­de zwar einen was­ser­recht­li­chen Fach­bei­trag nach­träg­lich erstel­len las­sen. Da die­ser in Gegen­stand, Sys­te­ma­tik und Ermitt­lungs­tie­fe wesent­lich über die bis­he­ri­gen Unter­su­chun­gen hin­aus­ging und über­dies zu einer Ände­rung des Plan­fest­stel­lungs­be­schlus­ses führ­te, hät­te aber eine Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung durch­ge­führt wer­den müs­sen, was unter­blie­ben ist.

Der fest­ge­stell­te Feh­ler wirkt sich nur auf die Kla­gen der drei Umwelt­ver­bän­de aus; im Ver­hält­nis zu den ande­ren Klä­gern lie­gen kei­ne durch­grei­fen­den Feh­ler vor. Der Senat hat daher auf die Umwelt­ver­bands­kla­gen hin den ange­foch­te­nen Plan­fest­stel­lungs­be­schluss für rechts­wid­rig und nicht voll­zieh­bar erklärt. Die beklag­te Behör­de kann den Feh­ler hei­len, indem sie ein ergän­zen­des Ver­fah­ren mit Öffent­lich­keits­be­tei­li­gung durch­führt. Soweit das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt kei­ne Feh­ler fest­ge­stellt hat, ist der Plan­fest­stel­lungs­be­schluss bestands­kräf­tig und damit wei­te­rem Streit ent­zo­gen.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Urtei­le vom 28. April 2016 – 9 A 7.15, 9 A 8.15, 9 A 9.15, 9 A 10.15, 9 A 11.15 und 9 A 14.15