Pla­nungs­recht­liche Be­schrän­kun­gen von Einzelhandelsstand­or­ten

Pla­nungs­recht­lich be­wirk­te Be­schrän­kun­gen der Stand­or­te von Ein­zel­han­dels­be­trie­ben aus Grün­den der Stadt­ent­wick­lung und des Ver­brau­cher­schut­zes sind grund­sätz­lich zu­läs­sig und ste­hen nicht im Wi­der­spruch zu Uni­ons­recht.

Pla­nungs­recht­liche Be­schrän­kun­gen von Einzelhandelsstand­or­ten

In der Recht­spre­chung des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts ist geklärt, dass ein völ­li­ger Aus­schluss von Ein­zel­han­dels­be­trie­ben durch Fest­set­zun­gen eines Bebau­ungs­plans grund­sätz­lich mög­lich und zuläs­sig ist. Im Rah­men ihres pla­ne­ri­schen Ermes­sens darf die Gemein­de steu­ern, ob und in wel­chem Umfang sie Tei­le des Gemein­de­ge­biets zur Unter­brin­gung von Ein­zel­han­dels­be­trie­ben zur Ver­fü­gung stellt. Vor­aus­set­zung ist, dass städ­te­bau­li­che Grün­de gemäß § 1 Abs. 3 Bau­GB vor­lie­gen, die sich aus der jewei­li­gen kon­kre­ten Pla­nungs­si­tua­ti­on erge­ben und die Abwei­chung von der typi­sier­ten Bau­ge­biets­zu­sam­men­set­zung nach der Bau­nut­zungs­ver­ord­nung recht­fer­ti­gen [1]. Geklärt ist des Wei­te­ren, dass die Frei­hal­tung eines Gewer­be­ge­bie­tes für pro­du­zie­ren­de und dienst­leis­tungs­ori­en­tier­te Gewer­be­be­trie­be wie auch die Siche­rung der ver­brau­cher­na­hen Ver­sor­gung in den angren­zen­den Wohn­ge­bie­ten legi­ti­me städ­te­bau­li­che Zie­le sind, die je nach Pla­nungs­si­tua­ti­on einen Ein­zel­han­dels­aus­schluss recht­fer­ti­gen kön­nen. Ein sol­cher Ein­zel­han­dels­aus­schluss dient der Steue­rung der Stadt­ent­wick­lung und Boden­nut­zung und damit dem Schutz der städ­ti­schen Umwelt.

Aus Sicht des Uni­ons­rechts stel­len pla­ne­ri­sche Maß­nah­men, die dem Schutz der städ­ti­schen Umwelt die­nen, zwin­gen­de Grün­de des All­ge­mein­in­ter­es­ses dar, die Beschrän­kun­gen im Sin­ne des Beschrän­kungs­ver­bots recht­fer­ti­gen kön­nen. Dass der Schutz der städ­ti­schen Umwelt mit den Mit­teln der Stadt- und Raum­pla­nung zu den aner­kann­ten zwin­gen­den Grün­den des All­ge­mein­in­ter­es­ses gehört, lässt sich der im Urteil des Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richts vom 16. Dezem­ber 2010 [2] ange­führ­ten Recht­spre­chung des Euro­päi­schen Gerichts­hofs ent­neh­men. Unab­hän­gig davon, ob die Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie 2006/​123/​EG [3] über­haupt (unmit­tel­bar) anwend­bar ist, wird auch dort aus­drück­lich sowohl in den Erwä­gungs­grün­den 40, 56 und 66 als auch in Art. 4 Nr. 8 DL-RL als Bei­spiel für "zwin­gen­de Grün­de des All­ge­mein­in­ter­es­ses", die eine Beschrän­kung recht­fer­ti­gen kön­nen, der "Schutz der städ­ti­schen Umwelt" – nach Erwä­gungs­grund 40 – "ein­schließ­lich der Stadt- und Raum­pla­nung" ange­führt. Auf die­ser Linie liegt auch das Urteil des Senats vom 16.12.2010: Danach ist eine raum­ord­nungs­recht­li­che Ansied­lungs­steue­rung für Ein­zel­han­dels­groß­be­trie­be uni­ons­recht­lich durch zwin­gen­de Grün­de des All­ge­mein­in­ter­es­ses gerecht­fer­tigt, wenn Ziel der Maß­nah­me eine effek­ti­ve Nut­zung und Bün­de­lung der öffent­li­chen Infra­struk­tur sowie die Ver­mei­dung eines unnö­ti­gen Flä­chen- und Res­sour­cen­ver­brauchs durch Zer­sie­de­lung und den damit ein­her­ge­hen­den Ver­kehr ist [4].

Die [5], die sich in den Grund­aus­sa­gen mit den vom Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt im Urteil vom 16.12.2010 in Bezug genom­me­nen Schluss­an­trä­gen der Gene­ral­an­wäl­tin Sharpston vom 07.10.2010 deckt [6], bestä­tigt den Befund, dass pla­nungs­recht­lich bewirk­te Beschrän­kun­gen der Stand­or­te von Ein­zel­han­dels­be­trie­ben aus Grün­den der Stadt­ent­wick­lung und des Ver­brau­cher­schut­zes grund­sätz­lich zuläs­sig sind. Die­se Ent­schei­dung ist zwar eben­so wie das Urteil des Senats vom 16.12.2010 zu Maß­nah­men der raum­ord­nungs­recht­li­chen Ansied­lungs­steue­rung ergan­gen. Für die Recht­fer­ti­gung einer Steue­rung der Stand­or­te des Ein­zel­han­dels mit den Mit­teln des Städ­te­bau­rechts gel­ten aber die­sel­ben Grund­sät­ze. Zielt eine Rege­lung – wie hier – auf den Schutz der städ­ti­schen Umwelt, kommt es nicht dar­auf an, auf wel­cher pla­nungs­recht­li­chen Ebe­ne sie ansetzt. Unzu­läs­sig sind rein wirt­schaft­lich moti­vier­te Maß­nah­men. Sowohl der Schutz der ver­brau­cher­na­hen Ver­sor­gung, der ange­sichts der demo­gra­phi­schen Ent­wick­lung des beson­de­ren Schut­zes bedarf [7], als auch die Steue­rung der Ansied­lung des pro­du­zie­ren­den Gewer­bes in einem bestimm­ten Gebiet sind aber nicht durch wirt­schaft­li­che Grün­de moti­viert. Der Ein­zel­han­dels­aus­schluss dient viel­mehr dem Ziel, die Stadt­ent­wick­lung und Boden­nut­zung zu steu­ern.

Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 30. Mai 2013 – 4 B 3.13

  1. BVerwG, Urteil vom 26.03.2009 – 4 C 21.07, BVerw­GE 133, 310 Rn. 12; Beschlüs­se vom 04.10.2007 – 4 BN 39.07 – BRS 71 Nr. 21; vom 10.11.2004 – 4 BN 33.04, Buch­holz 406.12 § 1 BauN­VO Nr. 30; vom 11.05.1999 – 4 BN 15.99 – BRS 62 Nr.19; vom 03.05.1993 – 4 NB 13.93, Buch­holz 406.12 § 1 BauN­VO Nr. 16; und vom 18.12.1989 – 4 NB 26.89, Buch­holz 406.12 § 1 BauN­VO Nr. 7[]
  2. BVerwG, Urteil vom 16.12.2010 – 4 C 8.10, BVerw­GE 138, 301[]
  3. Richt­li­nie 2006/​123/​EG des Euro­päi­schen Par­la­ments und des Rates vom 12.12.2006 über Dienst­leis­tun­gen im Bin­nen­markt – Dienst­leis­tungs-Richt­li­nie (DL-RL) -, ABl EG Nr. L 376 S. 36[]
  4. BVerwG, Urteil vom 16.12.2010 a.a.O. Rn. 23[]
  5. EuGH, Urteil vom 24.03.2011 – C‑400/​08 [Kommission/​Spanien], Slg. 2011, I‑1915[]
  6. BVerwG, Beschluss vom 21.05.2013 – 4 B 59.12 -[]
  7. vgl. auch BVerwG, Urteil vom 17.12.2009 – 4 C 2.08, Buch­holz 406.11 § 34 Bau­GB Nr. 210 Rn. 8[]