Schul­auf­nah­me bei erschöpf­ter Kapa­zi­tät

Eine Auf­nah­me in die Ein­gangs­klas­sen eines Gym­na­si­ums fin­det in der Regel im Rah­men der bestehen­den Kapa­zi­tä­ten statt. Bei erschöpf­ter Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät ist daher eine (wei­te­re) Auf­nah­me nicht mög­lich.

Schul­auf­nah­me bei erschöpf­ter Kapa­zi­tät

Im hier vom Ham­bur­gi­schen Ober­ver­wal­tungs­ge­richt ent­schie­de­nen Fall ist die Kapa­zi­tät der am Hele­ne-Lan­ge Gym­na­si­um ein­ge­rich­te­ten Ein­gangs­klas­sen erschöpft. Es sind in jeder der vier Klas­sen 28 Schü­le­rin­nen und Schü­ler auf­ge­nom­men wor­den. Damit ist die Klas­sen­grö­ße erreicht, die gemäß § 87 Abs. 1 Satz 2 HmbSG an Gym­na­si­en nicht über­schrit­ten wer­den soll.

Die Klas­sen­grö­ße, deren Begren­zung aus päd­ago­gi­schen Grün­den für die schu­li­sche Ver­sor­gung von beson­de­rer Bedeu­tung ist [1], kann nach Satz 4 der Vor­schrift nur aus Grün­den der regio­na­len Ver­sor­gung aller Schü­le­rin­nen und im Ein­zel­fall über­schrit­ten wer­den. Die Antrags­geg­ne­rin ist mit­hin nur dann berech­tigt, die Höchst­zahl je Klas­se zu über­schrei­ten, wenn dies bei räum­lich iso­liert lie­gen­den Schu­len zur regio­na­len Ver­sor­gung und der Schwan­kung in der Grö­ße der Jahr­gän­ge im Ein­zel­fall erfor­der­lich ist [2]. Die Mög­lich­keit zur Über­schrei­tung der Höchst­zahl für die Klas­sen­grö­ße an Gym­na­si­en ist damit nicht schon dann eröff­net, wenn die regio­na­le Ver­sor­gung mit Bil­dungs­an­ge­bo­ten auf­grund spe­zi­el­ler Schul­pro­gram­me gemäß § 51 HmbSG nicht gewähr­leis­tet ist, son­dern erfor­dert, dass wegen der räum­li­chen Iso­la­ti­on der Schu­le ande­re Schu­len der­sel­ben Schul­form in ange­mes­se­ner Ent­fer­nung für die Schü­ler nicht erreich­bar sind. Dar­an fehlt es hin­sicht­lich des Hele­ne Lan­ge Gym­na­si­ums, das in einem Stadt­teil mit einem gro­ßen Ange­bot an Gym­na­si­en liegt.

Der Antrag­stel­le­rin steht kein Anspruch auf Ein­rich­tung einer wei­te­ren Ein­gangs­klas­se an dem Hele­ne Lan­ge Gym­na­si­um zu. Das Ham­bur­gi­sche Schul­ge­setz, HmbSG, vom 16. April 1997 [3] gewährt indi­vi­du­el­le Ansprü­che aus dem Recht auf schu­li­sche Bil­dung nur, soweit sie nach Vor­aus­set­zun­gen und Inhalt in dem Gesetz oder auf­grund des Geset­zes bestimmt sind (§ 1 Satz 4 HmbSG). Indi­vi­du­el­le Ansprü­che auf Ein­rich­tung bestimm­ter Klas­sen oder des Unter­richts in bestimm­ten Klas­sen bestehen nicht [4].

Eben­so wenig eröff­net das Ham­bur­gi­sche Schul­ge­setz einen Anspruch auf eine bestimm­te schu­li­sche Bil­dung [5]. Das Ham­bur­gi­sche Schul­ge­setz gibt kei­ne indi­vi­du­el­len Ansprü­che auf ein bestimm­tes Lern- und Leis­tungs­ni­veau in der schu­li­schen Bil­dung; der Bil­dungs­an­spruch ist auf die Teil­nah­me an dem vor­han­de­nen Schul­we­sen beschränkt, das nach Maß­ga­be des Schul­ge­set­zes ein­zu­rich­ten und zu unter­hal­ten ist. Auch besteht nach dem Ham­bur­gi­schen Schul­ge­setz kein indi­vi­du­el­ler Anspruch auf opti­ma­le För­de­rung der indi­vi­du­el­len Bega­bun­gen oder unge­stör­tes Ler­nen. Bei den in §§ 2 und 3 HmbSG auf­ge­stell­ten Grund­sät­zen zum Bil­dungs- und Erzie­hungs­auf­trag der Schu­le und den Grund­sät­zen zu ihrer Ver­wirk­li­chung han­delt es sich um von der Schu­le anzu­stre­ben­de und zu beach­ten­de, z.T. mit­ein­an­der in Kon­flikt ste­hen­de gesetz­li­che Ziel­set­zun­gen, aus deren Pro­gramm­satz­cha­rak­ter indi­vi­du­el­le Rech­te der Schü­ler nicht her­ge­lei­tet und durch­ge­setzt wer­den kön­nen [6].

Die Antrag­stel­le­rin hat mit hoher Wahr­schein­lich­keit kei­nen Anspruch auf Auf­nah­me in die 5. Jahr­gangs­stu­fe des Hele­ne Lan­ge Gym­na­si­ums im kom­men­den Schul­jahr. Nach § 42 Abs. 7 des Ham­bur­gi­schen Schul­ge­set­zes vom 16. April 1997 [7] in der Fas­sung des Vier­zehn­ten Geset­zes zur Ände­rung des Ham­bur­gi­schen Schul­ge­set­zes vom 21. Sep­tem­ber 2010 [8] ergibt sich kein über das Recht auf Wahl der Schul­form nach § 42 Abs. 3 HmbSG hin­aus­ge­hen­der Anspruch der Antrag­stel­le­rin auf Auf­nah­me in die gewünsch­te Schu­le. Denn der Anspruch auf Auf­nah­me in die gewähl­te Schu­le fin­det sei­ne Gren­ze u.a. in der Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät der Schu­le [9]. Die­se Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät ist hier aus­ge­schöpft.

Die Aus­wahl­ent­schei­dung der Antrags­geg­ne­rin zulas­ten der Antrag­stel­le­rin ist nicht zu bean­stan­den. Zwar ver­pflich­ten das Rechts­staats- und das Demo­kra­tie­prin­zip (Art. 20 Abs. 3, 20 Abs. 2 Satz 1 GG) den Gesetz­ge­ber, die wesent­li­chen Ent­schei­dun­gen im Schul­we­sen selbst zu tref­fen und nicht der Schul­ver­wal­tung zu über­las­sen. Ob und inwie­weit eine Rege­lung des Gesetz­ge­bers erfor­der­lich ist, rich­tet sich all­ge­mein nach der Inten­si­tät, mit der die Grund­rech­te des Rege­lungs­adres­sa­ten durch die schu­li­sche Maß­nah­me betrof­fen sind. Ins­be­son­de­re müs­sen die orga­ni­sa­to­ri­sche Glie­de­rung der Schu­le, die Fest­le­gung der zen­tra­len Bil­dungs- und Erzie­hungs­zie­le, sowie die Bil­dungs­gän­ge und die den Lebens- und Bil­dungs­weg des Kin­des prä­gen­den Schul­ent­schei­dun­gen durch den par­la­men­ta­ri­schen Gesetz­ge­ber vor­ge­nom­men wer­den. Ande­re, für die Ver­wirk­li­chung der Grund­rech­te wenig oder nicht so bedeut­sa­me Ent­schei­dun­gen bedür­fen dem­ge­gen­über kei­ner gesetz­li­chen Rege­lung [10].

Gemes­sen dar­an hat der ham­bur­gi­sche Gesetz­ge­ber die Aus­wahl­kri­te­ri­en bei erschöpf­ter Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät einer gewähl­ten Schu­le in ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­li­cher Wei­se selbst hin­rei­chend kon­kret gere­gelt. So darf die Zulas­sung schul­pflich­ti­ger Schü­le­rin­nen und Schü­ler zum Besuch all­ge­mein­bil­den­der Schu­len nicht beschränkt wer­den (§ 43 Abs. 1 HmbSG). Die Aus­wahl der Schul­form durch die Sor­ge­be­rech­tig­ten für den wei­te­ren Bil­dungs­weg eines Kin­des nach der 4. Klas­sen­stu­fe der Grund­schu­le ist gemäß § 42 Abs. 4 Satz 3 HmbSG für die Antrags­geg­ne­rin bin­dend. Eben­so genießt der Wunsch der Sor­ge­be­rech­tig­ten nach wei­te­rer Beschu­lung an einer kon­kret benann­ten Schu­le ers­te Prio­ri­tät (§ 42 Abs. 7 Satz 1, Satz 3 HmbSG). Damit wird dem Span­nungs­ver­hält­nis von Art. 6 Abs. 2 und Art. 7 Abs. 1 GG in einer dem Eltern­recht genü­gen­den Wei­se ent­spro­chen.

Art. 6 Abs. 2 GG ver­pflich­tet den Gesetz­ge­ber nicht, allen Schü­lern ein Recht zur Teil­ha­be an allen Bil­dungs­an­ge­bo­ten unab­hän­gig von den dafür erfor­der­li­che Res­sour­cen und der Schul­or­ga­ni­sa­ti­on ein­zu­räu­men. Daher ist es ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, wenn sowohl den Eltern als auch den Schü­le­rin­nen und Schü­lern aus dem in § 1 HmbSG sta­tu­ier­ten Recht auf schu­li­sche Bil­dung indi­vi­du­el­le Ansprü­che nur erwach­sen, soweit sie nach Vor­aus­set­zun­gen und Inhalt im Ham­bur­gi­schen Schul­ge­setz oder auf­grund des Ham­bur­gi­schen Schul­ge­set­zes bestimmt sind. Eben­so ist es ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich, wenn der Gesetz­ge­ber bei geäu­ßer­tem Eltern­wil­len nicht nach der hin­ter der Schul­wahl ste­hen­den Moti­va­ti­on dif­fe­ren­ziert. Art. 6 Abs. 2 Satz 1 GG garan­tiert den Eltern das Recht auf Pfle­ge und Erzie­hung ihrer Kin­der. Die Erzie­hung des Kin­des ist damit pri­mär in die Ver­ant­wor­tung der Eltern gelegt, wobei die­ses „natür­li­che Recht“ den Eltern nicht vom Staa­te ver­lie­hen wor­den ist, son­dern von die­sem als vor­ge­ge­be­nes Recht aner­kannt wird. Die Eltern kön­nen grund­sätz­lich frei von staat­li­chen Ein­grif­fen nach eige­nen Vor­stel­lun­gen dar­über ent­schei­den, wie sie die Pfle­ge und Erzie­hung ihrer Kin­der gestal­ten und damit ihrer Eltern­ver­ant­wor­tung gerecht wer­den wol­len. Die­se pri­mä­re Ent­schei­dungs­zu­stän­dig­keit der Eltern beruht auf der Erwä­gung, dass die Inter­es­sen des Kin­des am bes­ten von den Eltern wahr­ge­nom­men wer­den. Dabei wird sogar die Mög­lich­keit in Kauf genom­men, dass das Kind durch einen Ent­schluss der Eltern Nach­tei­le erlei­det, die im Rah­men einer nach objek­ti­ven Maß­stä­ben getrof­fe­nen Erzie­hungs­ent­schei­dung viel­leicht ver­mie­den wer­den könn­ten [11].

Ob die For­schung nach den Moti­ven für eine elter­li­che Ent­schei­dung und deren Qua­li­fi­zie­rung durch die Antrags­geg­ne­rin als beson­ders gewich­tig ange­sichts des­sen über­haupt zuläs­sig wäre, kann hier dahin­ste­hen. Denn jeden­falls gebie­tet es Art. 6 Abs. 2 GG nicht, dass der Gesetz­ge­ber für den Fall kon­kur­rie­ren­der elter­li­cher Ent­schei­dun­gen bei der Schul­aus­wahl eine Motiv­for­schung und Bewer­tung der Moti­ve durch die Antrags­geg­ne­rin vor­schreibt oder eine sol­che Bewer­tung selbst vor­nimmt und dar­aus für die Aus­wahl bei erschöpf­ter Kapa­zi­tät einer Schu­le Kon­se­quen­zen zieht.

Stellt sich damit die gesetz­ge­be­ri­sche Ent­schei­dung, bei der Aus­wahl zwi­schen Schü­le­rin­nen und Schü­lern, deren Eltern für sie eine Schu­le aus­ge­wählt haben, deren Auf­nah­me Kapa­zi­tät erschöpft ist, pri­mär und undif­fe­ren­ziert auf den geäu­ßer­ten Eltern­wil­len abzu­stel­len als ver­fas­sungs­recht­lich unbe­denk­lich dar, ist es nicht zu bean­stan­den, wenn auf der Sekun­dä­re­be­ne bei Erschöp­fung der Auf­nah­me­ka­pa­zi­tät die wei­te­re Aus­wahl nach den Kri­te­ri­en Här­te­fäl­le, Geschwis­ter­kin­der und Schul­weg erfolgt. Es ist nicht zu bean­stan­den, dass die Antrags­geg­ne­rin bei der Aus­wahl­ent­schei­dung wegen Kapa­zi­täts­er­schöp­fung gemäß § 42 Abs. 7 Satz 3 SchulG unter den ange­mel­de­ten Kin­dern den­je­ni­gen Kin­dern gegen­über der Antrag­stel­le­rin den Vor­rang ein­ge­räumt hat, deren Geschwis­ter die Schu­le bereits besu­chen. Die Berück­sich­ti­gung der gemein­sa­men schu­li­schen Betreu­ung von Geschwis­tern ent­spricht dem Gesetz.

Es sind kei­ne Anhalts­punk­te dafür ersicht­lich, dass die Antrags­geg­ne­rin hin­sicht­lich der Berück­sich­ti­gung von Geschwis­ter­kin­dern von fal­schen Tat­sa­chen aus­ge­gan­gen ist. Die Aus­wahl­kri­te­ri­en „ange­mes­se­ne Schul­we­ge“ und „gemein­sa­me schu­li­sche Betreu­ung von Geschwis­ter­kin­dern“ des § 42 Abs. 7 SchulG ste­hen in kei­nem Rang­ver­hält­nis zuein­an­der. Ein sol­ches ergibt sich weder aus dem Wort­laut noch aus der Ent­ste­hungs­ge­schich­te die­ser Vor­schrift [12]. Mit der Auf­nah­me von Geschwis­ter­kin­dern in die Vor­schrift soll­te die fami­li­en­po­li­tisch gewünsch­te Pri­vi­le­gie­rung der Geschwis­ter gesi­chert wer­den. Die Aus­ge­stal­tung des Aus­wahl­ver­fah­rens und damit auch die Rei­hen­fol­ge der Aus­wahl ist danach aus­drück­lich Ver­wal­tungs­vor­schrif­ten zur gleich­mä­ßi­gen Aus­übung des Ermes­sens über­las­sen wor­den [13].

Ham­bur­gi­sches Ober­ver­wal­tungs­ge­richt, Beschluss vom 8. August 2011 – 1 Bs 137/​11

  1. vgl. die Geset­zes­be­grün­dung BüD­rs. 19/​3195 S. 20[]
  2. vgl. BüD­rs. 19/​3195 S. 20[]
  3. HmbGVBl. S. 97 m. spät. Änd[]
  4. vgl. OVG Ham­burg, Beschl. v. 27.07.2004 – 1 Bs 306/​04[]
  5. OVG Ham­burg, Beschl. v. 27.07.2005 – 1 Bs. 205/​05[]
  6. OVG Ham­burg, Beschl. v. 27.07.2004 – 1 Bs 306/​04[]
  7. HmbGVBl S. 97 ff.[]
  8. HmbGBl. S. 551[]
  9. vgl. OVG Ham­burg, Beschl. v. 29.08.2005 – NVwZ-RR 2006, 401[]
  10. OVG Ham­burg, Beschl. v. 27.07.2005 – 1 Bs 205/​05 m.w.N.[]
  11. BVerfG, Beschl. v. 29.01.2010, FamRZ 2010, 713 m.w.N.[]
  12. vgl. BüD­rs. 19/​3195 S. 18[]
  13. vgl. OVG Ham­burg, Beschl. v. 07.07.2010 – 1 Bs 115/​10[]