Schul­auf­sicht­li­che Leis­tungs­über­prü­fun­gen bei Pri­vat­schu­len

Art. 7 Abs. 4 GG gewähr­leis­tet unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen unter Absa­ge an ein staat­li­ches Schul­mo­no­pol die Frei­heit, Pri­vat­schu­len zu errich­ten. Kenn­zeich­nend für die Pri­vat­schu­le ist ein Unter­richt eige­ner Prä­gung, ins­be­son­de­re im Hin­blick auf die Erzie­hungs­zie­le, die welt­an­schau­li­che Basis, die Lehr­me­tho­de und die Lehr­in­hal­te [1]. Das Recht zur Errich­tung von Pri­vat­schu­len als Ersatz für öffent­li­che Schu­len ist jedoch durch den Vor­be­halt staat­li­cher Geneh­mi­gung beschränkt. Die Geneh­mi­gung ist zu ertei­len, wenn die Pri­vat­schu­len in ihren Lehr­zie­len und Ein­rich­tun­gen sowie in der wis­sen­schaft­li­chen Aus­bil­dung ihrer Lehr­kräf­te nicht hin­ter den öffent­li­chen Schu­len zurück­ste­hen und eine Son­de­rung der Schü­ler nach den Besitz­ver­hält­nis­sen der Eltern nicht geför­dert wird. Die Geneh­mi­gung ist zu ver­sa­gen, wenn die wirt­schaft­li­che und recht­li­che Stel­lung der Lehr­kräf­te nicht genü­gend gesi­chert ist (Art. 7 Abs. 4 Satz 2 bis 4 GG). Art. 7 Abs. 4 Satz 1 GG schützt die Viel­falt der For­men und Inhal­te, in denen Schu­le sich dar­stel­len kann; das Geneh­mi­gungs­er­for­der­nis hat den Sinn, die All­ge­mein­heit vor unzu­rei­chen­den Bil­dungs­ein­rich­tun­gen zu schüt­zen [2]. Art. 7 Abs. 4 GG begrün­det unter den dort genann­ten Vor­aus­set­zun­gen einen Anspruch auf Geneh­mi­gung einer pri­va­ten Schu­le [3].

Schul­auf­sicht­li­che Leis­tungs­über­prü­fun­gen bei Pri­vat­schu­len

Lehr­zie­le im Sin­ne des Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG sind der gene­rel­le Bil­dungs­auf­trag der Schu­le und die jewei­li­gen Bil­dungs­zie­le der ein­zel­nen Schul­ar­ten und Schul­stu­fen, damit auch des Primar­be­reichs. Es kommt dar­auf an, ob im Kern glei­che Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten ver­mit­telt wer­den, unbe­scha­det eines von einer eige­nen welt­an­schau­li­chen Basis aus eigen­ver­ant­wort­lich gepräg­ten Unter­richts mit dar­auf abge­stell­ten Lehr­me­tho­den und Lehr­in­hal­ten. Inso­fern wird kei­ne Gleich­ar­tig­keit mit öffent­li­chen Schu­len ver­langt, son­dern eine Gleich­wer­tig­keit [4]. Ent­schei­dend ist mit­hin, ob am Ende des jewei­li­gen Bil­dungs­gangs das Niveau des Bil­dungs­pro­gramms der öffent­li­chen Schu­len im Ergeb­nis erreicht wird, wobei den Ersatz­schu­len hin­sicht­lich der hier­bei beschrit­te­nen Wege und ein­ge­setz­ten Mit­tel weit­ge­hen­de Frei­heit ein­ge­räumt wird. Dies kann zur Fol­ge haben, dass Ersatz­schu­len nach ihrer gan­zen Struk­tur so grund­sätz­lich ver­schie­den von öffent­li­chen Schu­len sein kön­nen, dass etwa für ihre Schü­ler vor Abschluss des Bil­dungs­gangs ein Wech­sel in das öffent­li­che Schul­sys­tem aus­schei­det [5].

Die­sen Grund­sät­zen ent­spricht es, wenn das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt den Zweck des Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG nicht dar­in sieht, die inhalt­li­che Ein­heit des Schul­we­sens zu sichern, son­dern Schü­ler von Ersatz­schu­len vor einem ungleich­wer­ti­gen Schul­erfolg zu schüt­zen [6]. Es unter­schei­det dabei hin­sicht­lich der Lehr­zie­le im Sin­ne des Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG zutref­fend zwi­schen „Erzie­hungs­zie­len“ einer­seits und der „Qua­li­fi­ka­ti­on“ ande­rer­seits. In Bezug auf Letz­te­re kommt es danach für die Fest­stel­lung der Gleich­wer­tig­keit dar­auf an, ob die von der Ersatz­schu­le ver­mit­tel­ten fach­li­chen Kennt­nis­se und die All­ge­mein­bil­dung dem nach gel­ten­dem Recht vor­ge­schrie­be­nen Stan­dard öffent­li­cher Schu­len ent­spre­chen [7]. Inso­fern stellt das Bun­des­ver­wal­tungs­ge­richt auf die im jewei­li­gen Lan­des­schul­recht für die betref­fen­de Schul­art getrof­fe­nen Aus­sa­gen über die zu ver­mit­teln­de Qua­li­fi­ka­ti­on ab, die aber erst bei Abschluss des schu­li­schen Bil­dungs­gangs im Sin­ne eines Gesamt­ergeb­nis­ses erreicht sein muss. Denn wegen der durch Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG gewähr­leis­te­ten und sich auf Lehr­me­tho­de und Lehr­in­hal­te erstre­cken­den Gestal­tungs­frei­heit der Ersatz­schu­le, die gera­de nicht die jeder­zei­ti­ge Durch­läs­sig­keit in das staat­li­che Schul­sys­tem sicher­zu­stel­len hat, muss die­se nach eige­nem päd­ago­gi­schen Ermes­sen ent­schei­den dür­fen, auf wel­chem Weg und mit wel­chen Mit­teln sie die­ses Gesamt­ergeb­nis errei­chen will [8].

Bei Zugrun­de­le­gung die­ser Maß­stä­be ist es ver­fas­sungs­recht­lich nicht zu bean­stan­den, dass die schul­auf­sicht­li­chen Leis­tungs­über­prü­fun­gen im vor­lie­gen­den Fall bei Schü­lern der 4. Jahr­gangs­stu­fe vor­ge­nom­men wor­den sind.

Der Ver­wal­tungs­ge­richts­hof hat das baye­ri­sche Schul­recht dahin aus­ge­legt, dass die Ver­bin­dung der Schul­ar­ten Grund- und Haupt­schu­le zur „Volks­schu­le“ bloß nomi­nel­ler Natur ist und kei­nen ein­heit­li­chen Bil­dungs­gang ent­ste­hen lässt. Er hat dies vor allem damit begrün­det, dass sich die gesetz­lich vor­ge­ge­be­nen Bil­dungs­zie­le bei­der Schul­ar­ten deut­lich unter­schei­den. Die alle schul­pflich­ti­gen Kin­der erfas­sen­de Grund­schu­le sol­le nach Art. 7 Abs. 4 Satz 1 Bay­EUG die Vor­aus­set­zun­gen für „jede wei­te­re schu­li­sche Bil­dung“ an den jewei­li­gen wei­ter­füh­ren­den Schu­len, also auch an Real­schu­len und Gym­na­si­en schaf­fen. Mit die­ser umfas­sen­den Bil­dungs­per­spek­ti­ve unter­schei­de sie sich wesent­lich von der Haupt­schu­le, deren Bil­dungs­zie­le in einem engen Zusam­men­hang mit der spä­te­ren Berufs­wahl und einer berufs­qua­li­fi­zie­ren­den Aus­bil­dung stün­den und die nach dem Wil­len des Gesetz­ge­bers nur einen begrenz­ten Kreis von Schü­le­rin­nen und Schü­lern anspre­chen sol­le (Art. 7 Abs. 6 Satz 1 und 2 Bay­EUG). Das lan­des­recht­lich vor­ge­se­he­ne Bil­dungs­ziel der Grund­schu­le ver­lan­ge dem­nach nicht allein, dass bei deren Abschluss den Schü­lern ledig­lich der wei­te­re Besuch der mit ihr ver­bun­de­nen „Volks­schu­le“ und damit auf län­ge­re Sicht die Erlan­gung des Haupt­schul­ab­schlus­ses ermög­licht wer­de, son­dern dass ein Wech­sel zu allen übri­gen wei­ter­füh­ren­den Schu­len eröff­net sei.

Die­se Aus­le­gung des ein­fa­chen Rechts, mit der der Beschwer­de­füh­rer sich nicht näher aus­ein­an­der­setzt, ist von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den, zumal auch das Ver­fas­sungs­recht mit dem in Art. 7 Abs. 5 GG ver­wen­de­ten Begriff der Volks­schu­le zumin­dest auch die der Vor­be­rei­tung auf den Besuch wei­ter­füh­ren­der Schu­len die­nen­de Grund­schu­le meint und die­se jeden­falls als eigen­stän­di­ge Schul­art begreift [9].

Das Lan­des­recht bestimmt, wel­che öffent­li­chen Schu­len es gibt, denen eine Ersatz­schu­le ent­spre­chen kann [10]. Ange­sichts des­sen kommt es hier nicht dar­auf an, dass der Beschwer­de­füh­rer auch eine Haupt­schu­le betrei­ben möch­te, für deren Errich­tung er jedoch der­zeit noch kei­ne Geneh­mi­gung erhal­ten hat. Zwar bezieht sich die Akzess­orie­tät der Ersatz­schu­len zu den öffent­li­chen Schu­len nicht not­wen­di­ger­wei­se auf eine for­ma­le Ent­spre­chung zu den jeweils im Lan­des­recht typi­sier­ten Schul­ar­ten und ‑for­men, son­dern auf eine Ent­spre­chung in deren Gesamt­zweck [11]. Aber selbst wenn der Beschwer­de­füh­rer eine Haupt­schu­le gemein­sam mit der Grund­schu­le als ein­heit­li­che „Volks­schu­le“ füh­ren könn­te, blie­be es doch dabei, dass deren Jahr­gangs­stu­fen 1 bis 4 in Ori­en­tie­rung an der Rege­lung des Art. 7 Abs. 5 Satz 1 Bay­EUG ihrem Gesamt­zweck nach der öffent­li­chen Grund­schu­le ent­spre­chen müss­ten, so dass auch dann die­se der Bezugs­punkt für die Fest­stel­lung im Kern glei­cher Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten blie­be. Des­halb ist es von Ver­fas­sungs wegen nicht zu bean­stan­den, wenn am Ende eines 4. Schul­jah­res geprüft wird, ob die im baye­ri­schen Lan­des­schul­recht für die Grund­schu­le getrof­fe­nen Aus­sa­gen über die zu ver­mit­teln­de Qua­li­fi­ka­ti­on von einer als Ersatz für eine sol­che öffent­li­che Schu­le geneh­mig­ten Pri­vat­schu­le im Sin­ne eines Gesamt­ergeb­nis­ses tat­säch­lich erreicht wor­den sind oder nicht.

Eben­so wenig begeg­net es ver­fas­sungs­recht­li­chen Beden­ken, dass die ange­grif­fe­nen Ent­schei­dun­gen allein die Leis­tungs­über­prü­fun­gen in den Fächern Deutsch und Rech­nen zur Grund­la­ge der Fest­stel­lung eines Nicht­er­rei­chens der Bil­dungs­zie­le durch die vom Beschwer­de­füh­rer getra­ge­ne Ersatz­schu­le genom­men haben.

Art. 7 Abs. 4 Satz 3 GG ver­langt, dass eine Ersatz­schu­le hin­ter der Gesamt­heit der Lehr­zie­le einer öffent­li­chen Schu­le nicht zurück­steht. Ver­fehlt eine als Ersatz für eine Grund­schu­le geneh­mig­te pri­va­te Schu­le die für die­se Schul­art lan­des­recht­lich maß­geb­li­chen zen­tra­len Bil­dungs­stan­dards in den bei­den Kern­fä­chern Deutsch und Rech­nen, dann steht fest, dass sie nicht im Kern glei­che Kennt­nis­se und Fer­tig­kei­ten ver­mit­telt wie eine öffent­li­che Grund­schu­le.

Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt, Beschluss vom 8. Juni 2011 – 1 BvR 759/​08 und 1 BvR 733/​09

  1. vgl. BVerfGE 27, 195, 200 f.; 75, 40, 61 f.[]
  2. vgl. BVerfGE 27, 195, 201, 203[]
  3. vgl. BVerfGE 27, 195, 200[]
  4. vgl. BVerfGE 90, 107, 122[]
  5. vgl. BVerfGE 27, 195, 205; 90, 107, 125[]
  6. vgl. BVerw­GE 112, 263, 268[]
  7. vgl. BVerw­GE 90, 1, 9; 112, 263, 267 f.[]
  8. vgl. BVerw­GE 112, 263, 268 f.[]
  9. vgl. BVerfGE 88, 40, 45 f.[]
  10. vgl. BVerfGE 90, 128, 139[]
  11. vgl. BVerfGE 27, 195, 201; 90, 128, 139 f.[]