Weni­ger Abwas­ser­ge­büh­ren bei Gar­ten­be­wäs­se­rung

Kann ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer mit­hil­fe eines Was­ser­zäh­lers nach­wei­sen, dass ein Teil des bezo­ge­nen Was­sers für die Gar­ten­be­wäs­se­rung ver­wen­det wur­de und nicht in die Kana­li­sa­ti­on gelangt ist, darf die Gemein­de ihn – wenn sie die Abwas­ser­ge­büh­ren auf­grund ihrer Sat­zung nach dem Frisch­was­ser­maß­stab bemisst – für die­se Was­ser­men­ge nicht zu Abwas­ser­ge­büh­ren her­an­zie­hen. Eine Abwas­ser­sat­zung, die sol­che Was­ser­men­gen erst ab einem Umfang von 20 m³ gebüh­ren­frei stellt, ver­stößt dies nach einem aktu­el­len Urteil des Ver­wal­tungs­ge­richts­hofs Baden-Würt­tem­berg gegen den Gleich­heits­grund­satz.

Weni­ger Abwas­ser­ge­büh­ren bei Gar­ten­be­wäs­se­rung

In dem jetzt vom VGH in Mann­hein ent­schie­de­nen Fall hat­te die Stadt Neckar­ge­münd in ihrer Sat­zung gere­gelt, dass sich die Abwas­ser­ge­bühr grund­sätz­lich nach dem Frisch­was­ser­maß­stab bemisst, d.h. als gebüh­ren­pflich­ti­ge Abwas­ser­men­ge gilt regel­mä­ßig die Was­ser­men­ge, die aus der öffent­li­chen Was­ser­ver­sor­gung zuge­führt wird. Was­ser­men­gen, die nach­weis­lich nicht in die Kana­li­sa­ti­on gelan­gen, blei­ben auf Antrag gebüh­ren­frei. Das gilt jedoch erst ab einer Was­ser­men­ge von 20 m³ (sog. Baga­tell­gren­ze). Der Nach­weis ist durch einen geeich­ten Neben­zäh­ler zu füh­ren, den der Gebüh­ren­pflich­ti­ge auf eige­ne Kos­ten zu beschaf­fen und zu unter­hal­ten hat. Der Klä­ger, Eigen­tü­mer eines im Stadt­ge­biet gele­ge­nen Grund­stücks, hat von dem zwi­schen Dezem­ber 2005 bis Dezem­ber 2006 bezo­ge­nen Frisch­was­ser 63 m³ zur Bewäs­se­rung sei­nes gro­ßen Gar­tens ver­wen­det, die er über zwei geson­der­te und mit geeich­ten Neben­zäh­lern aus­ge­rüs­te­te Was­ser­lei­tun­gen ent­nom­men hat. Auf­grund der in der Sat­zung vor­ge­se­he­nen Baga­tell­gren­ze setz­te die Stadt ledig­lich 43 m³ Frisch­was­ser ab und zog ihn für den Rest im Janu­ar 2007 zu Abwas­ser­ge­büh­ren her­an. Der Klä­ger, der sich gegen den Gebüh­ren­be­scheid wehr­te, hat­te sowohl erst­in­stanz­lich vor dem Ver­wal­tungs­ge­richt Karls­ru­he als auch jetzt vor dem Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg Erfolg.

Der VGH hat ent­schie­den, dass die Stadt die zur Bewäs­se­rung des Gar­tens ver­wen­de­te Frisch­was­ser­men­ge in vol­ler Höhe, d.h. im Umfang von 63 m³ abzu­set­zen und den Gebüh­ren­be­scheid ent­spre­chend zu redu­zie­ren habe. Die in der Sat­zung ent­hal­te­ne Baga­tell­gren­ze von 20 m³ ver­sto­ße gegen den all­ge­mei­nen Gleich­heits­satz des Art. 3 Abs. 1 GG und sei des­halb nich­tig. Der Grenz­wert von 20 m³ füh­re dazu, dass die­je­ni­gen, die bis zu 20 m³ des bezo­ge­nen Frisch­was­sers zur Gar­ten­be­wäs­se­rung, zum Befül­len von Tei­chen oder ähn­li­chem ver­wen­de­ten und nicht in den Abwas­ser­ka­nal ein­lei­te­ten, schlech­ter gestellt wür­den als sol­che Per­so­nen, bei denen fast das gesam­te Frisch­was­ser als Abwas­ser in den Kanal gelan­ge. So habe ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer, der 60 m³ Frisch­was­ser bezie­he, davon aber nur 40 m³ dem Kanal zufüh­re und die rest­li­chen 20 m³ zur Gar­ten­be­wäs­se­rung ver­wen­de, eben­so­viel zu zah­len wie ein Grund­stücks­ei­gen­tü­mer, der die 60 m³ kom­plett als Abwas­ser in den Kanal ein­lei­te. Die­se Ungleich­be­hand­lung sei nicht durch sach­li­che Grün­de gerecht­fer­tigt. Grö­ße­rer Ver­wal­tungs­auf­wand sei auch ohne Baga­tell­gren­ze nicht zu befürch­ten. Denn die Kos­ten für die Beschaf­fung und Unter­hal­tung der Zäh­ler habe nach der Sat­zung der Grund­stücks­ei­gen­tü­mer zu tra­gen. Der Neben­zäh­ler kön­ne gemein­sam mit dem Haupt­zäh­ler abge­le­sen und die abzugs­fä­hi­ge Was­ser­men­ge gleich bei der Gebüh­ren­fest­set­zung berück­sich­tigt wer­den. Noch ein­fa­cher sei dies bei der von der Stadt prak­ti­zier­ten elek­tro­ni­schen Erfas­sung der Zäh­ler­stän­de. Wegen der Kos­ten für die Instal­la­ti­on und die Nach­ei­chung eines Neben­zäh­lers sei es nicht zu erwar­ten, dass klei­ne­re Abset­zungs­men­gen gel­tend gemacht wür­den. Auch mit Miss­brauch sei auf­grund der Rege­lun­gen über die Zäh­ler und deren Anfor­de­run­gen nicht in grö­ße­rem Umfang zu rech­nen.

Der Frisch­was­ser­maß­stab sei zwar ein Wahr­schein­lich­keits­maß­stab, der Unge­nau­ig­kei­ten mit sich brin­ge. Die­se Unge­nau­ig­kei­ten sei­en hin­zu­neh­men, soweit es um die Was­ser­men­ge gehe, die im Haus­halt zum Kochen, Trin­ken oder ähn­li­chem benutzt und nicht in die Kana­li­sa­ti­on ein­ge­lei­tet wer­de. Denn die­ser – nur gerin­ge – „Ver­lust“ sei nicht mess­bar. Bei den für die Gar­ten­be­wäs­se­rung ver­wen­de­ten Was­ser­men­gen, für die ein Neben­zäh­ler instal­liert sei, gel­te dies aber gera­de nicht.

Gleich­heits­wid­rig sei es über­dies, dass die Baga­tell­gren­ze auf land­wirt­schaft­li­che Betrie­be kei­ne Anwen­dung fin­de. Dass land­wirt­schaft­li­che Betrie­be einen Bei­trag zur Bewirt­schaf­tung des Natur­raums leis­te­ten, recht­fer­ti­ge die Ungleich­be­hand­lung nicht, da die Baga­tell­gren­ze erkenn­bar nicht im Zusam­men­hang mit Belan­gen des Natur- und Land­schafts­schut­zes ste­he.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 19. März 2009 – 2 S 2650/​08