Bei­trags­be­schei­de des Ver­sor­gungs­werks

Auf Bei­trags­be­schei­de des Ver­sor­gungs­werks der Rechts­an­wäl­te in Baden-Würt­tem­berg sind gemäß § 45 KAG die in § 3 Abs. 1 Ziff. 4c KAG genann­ten Vor­schrif­ten der Abga­ben­ord­nung für Steu­er­be­schei­de sinn­ge­mäß anzu­wen­den. Sie unter­lie­gen des­halb einer beson­de­ren Bestands­kraft [1].

Bei­trags­be­schei­de des Ver­sor­gungs­werks

Der Bei­trag zum Ver­sor­gungs­werk der Rechts­an­wäl­te in Baden-Würt­tem­berg ist eine „sons­ti­ge öffent­li­che Abga­be“ im Sin­ne von § 45 KAG [2]. Auf ihn sind daher die in § 3 KAG genann­ten Bestim­mun­gen der Abga­ben­ord­nung sinn­ge­mäß anzu­wen­den, soweit nicht eine beson­de­re gesetz­li­che Rege­lung besteht.

Damit bestimmt sich die gel­tend gemach­te Nich­tig­keit der Beschei­de des beklag­ten Ver­sor­gungs­werks nach § 125 AO i.V.m. § 3 Abs. 1 Zif­fer 3b KAG. Die Regel­bei­spie­le des § 125 Abs. 2 AO lie­gen im hier ent­schie­de­nen Fall ersicht­lich nicht vor. Mit­hin kommt nur eine Nich­tig­keit nach § 125 Abs. 1 AO in Betracht. Danach ist ein Ver­wal­tungs­akt nich­tig, soweit er an einem beson­ders schwer­wie­gen­den Feh­ler lei­det und dies bei ver­stän­di­ger Wür­di­gung aller in Betracht kom­men­den Umstän­de offen­kun­dig ist.

Nach der spe­zi­el­len Sat­zungs­re­ge­lung des § 11 Abs. 4 Satz 2 RAVwS kann die Fest­set­zung des Bei­trags auf­grund einer Ein­kom­mens­schät­zung geän­dert wer­den, wenn das Mit­glied inner­halb einer Frist von 3 Mona­ten nach Zustel­lung des Bei­trags­be­scheids glaub­haft macht, dass die Schät­zung dem tat­säch­li­chen Ein­kom­men nicht ent­sprach. Der Umstand, dass der Klä­ger im hier ent­schie­de­nen Ver­fah­ren nach Kennt­nis­nah­me von der Voll­stre­ckungs­an­dro­hung – wäh­rend (noch) lau­fen­der Drei­mo­nats­frist – in kei­ner Wei­se reagiert hat, ist ihm als Ver­schul­den zuzu­rech­nen und schließt eine erst mehr als zwei Mona­te spä­ter begehr­te Wie­der­ein­set­zung in die inzwi­schen um zwei Wochen ver­säum­te Frist des § 11 Abs. 4 Satz 2 RAVwS ersicht­lich aus.

Da die Fest­set­zung von Mit­glieds­bei­trä­gen zum Ver­sor­gungs­werk nach den Vor­schrif­ten des Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­set­zes und der Abga­ben­ord­nung erfolgt, fin­den die Vor­schrif­ten des Lan­des­ver­wal­tungs­ver­fah­rens­ge­set­zes – hier ins­be­son­de­re die Bestim­mung des § 51 LVwVfG – kei­ne Anwen­dung (vgl. § 2 Abs. 2 Zif­fer 1 LVwVfG). Die Abga­ben­ord­nung unter­schei­det zwi­schen Steu­er­be­schei­den und sons­ti­gen Ver­wal­tungs­ak­ten. Steu­er­be­schei­de sind Ver­wal­tungs­ak­te, durch die ver­bind­lich fest­ge­setzt wird, wie hoch die nach Art, Zeit­raum und Zeit­punkt näher bestimm­te Steu­er ist. Wäh­rend die übri­gen Ver­wal­tungs­ak­te grund­sätz­lich frei abän­der­bar oder auf­heb­bar sind, sofern nicht die Ein­schrän­kun­gen der §§ 130 Abs. 2 und 3, 131 Abs. 2 AO ein­grei­fen, gel­ten für Steu­er­be­schei­de in Gestalt der §§ 172 ff. AO beson­de­re Rege­lun­gen. Steu­er­be­schei­de unter­lie­gen danach einer beson­de­ren Bestands­kraft [3]. Die genann­ten Vor­schrif­ten sind gemäß § 45, § 3 Abs. 1 Ziff. 4c KAG auf die hier streit­ge­gen­ständ­li­chen Bei­trags­be­schei­de mit bestimm­ten Maß­ga­ben sinn­ge­mäß anzu­wen­den. Die­se besit­zen somit eben­falls eine gegen­über sons­ti­gen Ver­wal­tungs­ak­ten erhöh­te Bestands­kraft.

Eine Auf­he­bung oder Ände­rung wegen neu­er Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel ist zu Guns­ten des Rechts­an­walts des­halb hier nur unter den Vor­aus­set­zun­gen des § 173 Abs. 1 Zif­fer 2 AO zuläs­sig. Danach ist ein Steu­er­be­scheid auf­zu­he­ben oder zu ändern, soweit Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel nach­träg­lich bekannt wer­den, die zu einer nied­ri­ge­ren Steu­er füh­ren und den Steu­er­pflich­ti­gen kein gro­bes Ver­schul­den dar­an trifft, dass die Tat­sa­chen oder Beweis­mit­tel erst nach­träg­lich bekannt wer­den.

Am Vor­lie­gen die­ser Vor­aus­set­zun­gen fehlt es im vor­lie­gen­den Fall ersicht­lich, denn an der ver­spä­te­ten Vor­la­ge der Ein­kom­men­steu­er­be­schei­de trifft den Rechts­an­walt ein gro­bes Ver­schul­den. Dies gilt nicht nur für die Zeit ab Zustel­lung der Bei­trags­be­schei­de, son­dern ins­be­son­de­re auch für die Zeit davor. Der Klä­ger konn­te kei­ne nach­voll­zieh­ba­ren Grün­de dafür ange­ge­ben, wes­halb er trotz zahl­rei­cher Auf­for­de­rungs­schrei­ben des Ver­sor­gungs­werks in der Zeit von Janu­ar 2006 bis Juli 2008 sei­ne Ein­kom­mens­nach­wei­se für die Jah­re 2004 – 2006 erst Ende Okto­ber 2008 vor­ge­legt hat, obwohl ihm zu die­sem Zeit­punkt selbst der letz­te hier­für erfor­der­li­che Ein­kom­mens­steu­er­be­scheid für das Jahr 2006 vom 08.06.2007 schon seit mehr als 16 Mona­ten vor­lag. Sei­ne Ein­las­sung, er habe irr­tüm­lich die jewei­li­gen Mit­tei­lun­gen des Ver­sor­gungs­werks am Jah­res­en­de zur Höhe des Min­dest­bei­trags für das Fol­ge­jahr schon für end­gül­ti­ge Bei­trags­be­schei­de gehal­ten, ist schon im Tat­säch­li­chen nicht nach­voll­zieh­bar. Denn es ent­sprach stän­di­ger Ver­wal­tungs­pra­xis des Ver­sor­gungs­werks, dass stets nicht nur die­se Mit­tei­lun­gen ver­schickt wur­den, son­dern nach Vor­la­ge der Ein­kom­mens­nach­wei­se noch förm­li­che Bei­trags­fest­set­zun­gen, ggf. exakt auf den Min­dest­bei­trag, erfolg­ten. Dies geschah in den Vor­jah­ren im Fal­le des Klä­gers auch bei einem von ihm nach­ge­wie­se­nen gerin­gen Ein­kom­men, wie exem­pla­risch anhand des Bei­trags­be­scheids für das Jahr 1999 vom 11.11.1999 in der Behör­den­ak­te belegt wird. Des­halb muss­te auch dem Rechts­an­walt bekannt sein, dass es sich bei den jeweils zum Jah­res­en­de ver­schick­ten Mit­tei­lun­gen des Ver­sor­gungs­werks noch nicht ein­mal um vor­läu­fi­ge Bei­trags­be­schei­de han­del­te, die ledig­lich im Rah­men ihres Vor­be­halts abän­der­bar gewe­sen wären. Unab­hän­gig davon wäre ein ent­spre­chen­der Rechts­irr­tum mit Blick auf die zahl­rei­chen Mah­nun­gen des Ver­sor­gungs­werks und die den Rechts­an­walt tref­fen­den beson­de­ren Mit­wir­kungs­pflich­ten aus § 39 Abs. 1 RAVwS nicht geeig­net, ein gro­bes Ver­schul­den – zumal bei einem Voll­ju­ris­ten – aus­zu­schlie­ßen.

Auf­grund der Anwend­bar­keit der Vor­schrif­ten für Steu­er­be­schei­de i.S.d. Abga­ben­ord­nung und deren beson­de­rer Bestands­kraft fehlt es an einer Rechts­grund­la­ge für ein Wie­der­auf­grei­fen im Ermes­sens­we­ge.

Die ergän­zend gel­tend gemach­ten Här­te­grün­de sind nicht im Rah­men des vor­lie­gen­den Ver­fah­rens zu prü­fen. Die Berück­sich­ti­gung von Bil­lig­keits­er­wä­gun­gen erfolgt in Erhe­bungs­ver­fah­ren nach dem Kom­mu­nal­ab­ga­ben­ge­setz in einem geson­der­ten Erlass­ver­fah­ren nach § 227 AO i.V.m. § 3 Abs. 1 Zif­fer 5a KAG. Dies ist vom Rechts­an­walt nicht durch­ge­führt wor­den und auch nicht Streit­ge­gen­stand.

Auch aus der Här­te­fall­re­ge­lung des § 15 Abs. 4 RAVwS ver­mag der Rechts­an­walt für sein Begeh­ren nichts her­zu­lei­ten. Denn die­se Vor­schrift betrifft – eben­so wie die Bestim­mung des § 163 AO, der sie nach­ge­bil­det ist [4] – Bil­lig­keits­maß­nah­men, die bei der Bei­trags­fest­set­zung selbst getrof­fen wer­den [5]. Da das Fest­set­zungs­ver­fah­ren durch die bestands­kräf­ti­gen Beschei­de abge­schlos­sen ist, fin­det § 15 Abs. 4 RAVwS kei­ne Anwen­dung.

Ver­wal­tungs­ge­richts­hof Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 27. Juli 2012 – 9 S 569/​11

  1. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 15.09.2011 – 2 S 654/​11, VBlBW 2012, 193[]
  2. vgl. zur wort­glei­chen Vor­gän­ger­vor­schrift des § 12 KAG a.F.: VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschlüs­se vom 02.04.1992 – 9 S 99/​92, VBlBW 1992, 480; und vom 27.11.1996 – 9 S 1155/​93, NJW-RR 1997, 958 und vom 22.03.2012 – 9 S 2744/​09[]
  3. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Urteil vom 15.09.2011 – 2 S 654/​11, VBlBW 2012, 193 m.w.N.[]
  4. vgl. VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 29.06.1992 – 9 S 1346/​92, AnwBl. 1993, 306[]
  5. vgl. Klein, Abga­ben­ord­nung, 9. Auf­la­ge 2006, Rn 1 zu § 163; und VGH Baden-Würt­tem­berg, Beschluss vom 25.02.1997 – 9 S 2396/​95[]