Die Anzah­lung von 40% des Rei­se­prei­ses

Eine Klau­sel eines Rei­se­ver­an­stal­ters ist unwirk­sam, wenn sie den Rei­sen­den zu einer Anzah­lung ver­pflich­tet, die ein Drit­tel des Gesamt­rei­se­prei­ses über­steigt.

Die Anzah­lung von 40% des Rei­se­prei­ses

Die Rege­lung einer Vor­leis­tungs­pflicht unter­liegt der Inhalts­kon­trol­le des § 307 BGB 1. Der Vor­schrift des § 320 BGB kommt eine Leit­bild­funk­ti­on zu 2. Da die Ver­ein­ba­rung einer 40 %-igen Anzah­lung von dem gesetz­li­chen Leit­bild der Rege­lung des § 320 BGB, nach des­sen Inhalt Ver­trags­pflich­ten in der Regel nur Zug um Zug zu erbrin­gen sind, abweicht, muss bei der Prü­fung, ob die Rege­lung eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung ent­hält, eine umfas­sen­de Abwä­gung der bei­der­sei­ti­gen Inter­es­sen durch­ge­führt wer­den 3. Auch wenn bei Rei­se­ver­trags­leis­tun­gen durch die Ein­füh­rung des Siche­rungs­scheins (§ 651 k BGB) ein wesent­li­ches Risi­ko, näm­lich das Aus­fall­ri­si­ko bei der Insol­venz des Ver­trags­part­ners, ver­rin­gert wur­de, ist an dem Grund­satz fest­zu­hal­ten, dass im Rah­men der Inhalts­kon­trol­le des § 307 BGB der Grund­ge­dan­ke der Zug um Zug zu gewäh­ren­den Leis­tun­gen im Rah­men der umfas­sen­den Risi­ko­ab­wä­gung wei­ter­hin zu berück­sich­ti­gen ist. Zu dem Grund­ge­dan­ken der Rege­lung des § 320 BGB gehört nicht nur die Absi­che­rung der Rück­erstat­tung des Rei­se­prei­ses und wei­te­rer Auf­wen­dun­gen, son­dern der Gesetz­ge­ber woll­te mit dem Leis­tungs­ver­wei­ge­rungs­recht des § 320 BGB dem Ver­trags­part­ner ein Druck­mit­tel in die Hand geben, den ande­ren Teil zur ord­nungs­ge­mä­ßen Erfül­lung sei­ner Leis­tun­gen zu ver­an­las­sen 3. Die­ses "Druck­mit­tel-Argu­ment" wur­de durch die Ein­füh­rung des Siche­rungs­scheins nicht hin­fäl­lig. Dass der Rei­se­ver­an­stal­ter dem Rei­sen­den einen kos­ten­frei­en Rück­tritt bei Rei­se­aus­fall anbie­tet, sodass die­ser den gezahl­ten Rei­se­preis unver­züg­lich zurück­for­dern kann, führt eben­falls nicht dazu, dass ein Druck­mit­tel zur Durch­set­zung der Pri­mär­pflich­ten ent­behr­lich ist.

Bei der vor­zu­neh­men­den Inter­es­sen­ab­wä­gung ist wei­ter zu berück­sich­ti­gen, dass der Rei­sen­de trotz des auch bei Leis­tung einer Anzah­lung zu über­ge­ben­den Siche­rungs­scheins wei­ter­hin das Risi­ko trägt, dass der Rei­se­ver­an­stal­ter zum ver­ein­bar­ten Rei­se­ter­min – unab­hän­gig von sei­ner Zah­lungs­fä­hig­keit – nicht fähig oder nicht bereit ist, die geschul­de­te Rei­se­leis­tung zu erbrin­gen 4. Die Begrün­dung einer Vor­leis­tungs­pflicht, die über eine beim Ver­trags­schluss zu ent­rich­ten­de, ver­hält­nis­mä­ßig gerin­ge Anzah­lung hin­aus­geht, ist grund­sätz­lich nur bei Hin­ga­be hin­rei­chen­der Sicher­hei­ten ver­tret­bar 5.

Die­ser Auf­fas­sung steht auch nicht die Ent­schei­dung des Bun­des­ge­richts­hofs vom 04.03.2010 6 ent­ge­gen. Gegen­stand des dor­ti­gen "Inter­net-Sys­tem-Ver­tra­ges" war das Ein­rich­ten und Unter­hal­ten einer Web­site für einen drei­jäh­ri­gen Zeit­raum 7. In jenem Fall war ein wesent­li­cher Teil der Leis­tung, näm­lich das Ein­rich­ten der Web­site, bereits am Anfang zu erbrin­gen. Die­se Beson­der­heit liegt beim Rei­se­ver­trag, in dem der Rei­sen­de zum Zeit­punkt des Ver­trags­schlus­ses selbst kei­ner­lei Leis­tung erhält, nicht vor. Dass auch für den Gesetz­ge­ber der Zeit­punkt des Wert­zu­wach­ses bei dem Ver­trags­part­ner eine ent­schei­den­de Rol­le spielt, zeigt die Rege­lung des § 632 a Abs. 1 Satz 1 BGB, die dem Unter­neh­mer einen Anspruch auf eine Abschlags­zah­lung im Werk­ver­trags­recht nur in der Höhe gewährt, in der der Bestel­ler durch die Leis­tung einen ent­spre­chen­den Wert­zu­wachs erlangt hat 8.

Es mag zutref­fen, dass bei ein­zel­nen Rei­se­leis­tun­gen sämt­li­che Vor­aus­zah­lun­gen durch den Rei­se­ver­an­stal­ter an die Leis­tungs­er­brin­ger früh­zei­tig zu leis­ten sind. Aber auch sol­che Vor­aus­zah­lun­gen recht­fer­ti­gen es – unab­hän­gig von deren Höhe im Ein­zel­nen – nicht, eine Anzah­lung eines wesent­li­chen Teils des Rei­se­prei­ses zu ver­lan­gen. Der Rei­sen­de erhält einen eige­nen Anspruch gegen den Leis­tungs­er­brin­ger erst mit der Aus­hän­di­gung der Rei­se­un­ter­la­gen und noch nicht zum Zeit­punkt der Ent­ste­hung der Kos­ten beim Rei­se­ver­an­stal­ter. Dar­über hin­aus ist für den Rei­sen­den zum Zeit­punkt der ver­lang­ten Anzah­lung nicht erkenn­bar, ob und inwie­weit der Rei­se­ver­an­stal­ter die Leis­tun­gen ihrer­seits bereits tat­säch­lich ein­ge­kauft und auch bezahlt hat. Es ist des­we­gen mit dem Gebot von Treu und Glau­ben nicht zu ver­ein­ba­ren und stellt eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung des Rei­sen­den dar, wenn Vor­aus­zah­lun­gen auf den Rei­se­preis in einer Höhe aus­be­dun­gen wer­den, durch die der Rei­sen­de ver­pflich­tet wird, wesent­li­che Tei­le des Rei­se­prei­ses erheb­li­che Zeit vor Rei­se­be­ginn zu leis­ten 9. Eine Anzah­lung, zumin­dest wenn sie ein Drit­tel des Rei­se­prei­ses über­steigt und damit erst recht, wenn sie wie im vor­lie­gen­den Fall 40 % des Gesamt­prei­ses aus­macht, stellt danach eine unan­ge­mes­se­ne Benach­tei­li­gung des Rei­sen­den dar 10.

Letzt­lich kann sich der Rei­se­ver­an­stal­ter auch nicht mit Erfolg dar­auf beru­fen, dass durch die Anzah­lung von 40 % des Gesamt­rei­se­prei­ses ledig­lich die bis 31 Tage vor Abflug fäl­lig wer­den­de Stor­no­ge­bühr abge­deckt wer­de. Es ist bereits frag­lich, ob eine Stor­no­ge­bühr in die­ser Höhe dem Recht der All­ge­mei­nen Geschäfts­be­din­gun­gen ent­spricht 11. Ein berech­tig­tes Inter­es­se, die­se Gebühr voll­stän­dig abzu­si­chern, ohne dass der Rei­sen­de eine Gegen­leis­tung erhält, ist jeden­falls nicht erkenn­bar.

Selbst soweit der Rei­se­ver­an­stal­ter sehr kurz­fris­tig Rei­sen anbie­tet, ist eine for­mu­lar­mä­ßi­ge Ver­pflich­tung zur Anzah­lung von mehr als einem Drit­tel des Gesamt­rei­se­prei­ses vor dem Zeit­punkt der Über­las­sung der Rei­se­un­ter­la­gen unan­ge­mes­sen. Es liegt an dem Rei­se­ver­an­stal­ter, in der­ar­ti­gen Fäl­len durch eine als­bal­di­ge Aus­hän­di­gung der Rei­se­un­ter­la­gen die Vor­aus­set­zun­gen zu schaf­fen, auf­grund derer er den Gesamt­rei­se­preis von dem Rei­sen­den ver­lan­gen kann.

Ober­lan­des­ge­richt Cel­le, Urteil vom 28. Novem­ber 2013 – 11 U 279/​12

  1. BGH, NJW 2006, 3134, m. w. N.[]
  2. vgl. BGH NJW 2013, 1431, m. w. N.[]
  3. vgl. BGH, NJW 2006, 3134[][]
  4. vgl. BGH, Urteil vom 20.06.2006 – X ZR 59/​05[]
  5. vgl. BGH NJW 1987, 1931, 1934; LG Köln RRa 2012, 244[]
  6. BGH NJW 2010, 1449[]
  7. vgl. BGH, a. a. O., Tz. 26[]
  8. vgl. hier­zu auch OLG Dres­den, Urteil vom 21.06.2012 – 8 U 1900/​11[]
  9. BGH, Urteil vom 20.06.2006, a. a. O.[]
  10. vgl. OLG Dres­den, NJW-RR 2012, 1134; KG, Urteil vom 19.08.2013, 23 U 14/​13[]
  11. vgl. hier­zu ver­nei­nend LG Köln, RRa 2011, 150[]